Was euer ist, möge euch Christus lehren

Am 4. Oktober feiert die Kirche das Fest des Heiligen von Assisi: Seit 800 Jahren inspiriert die Franziskus-Ordensregel Christen auf der ganzen Welt

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Von Br. Andreas Murk OFM Conv.

WÜRZBURG, 2. Oktober 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Einige Zeit vor seinem Tod stellt Franz von Assisi der Legendensammlung Fioretti zufolge seinem Herrn die Frage nach der Zukunft des Ordens: „Herr, mein Gott, was wird nach meinem Tode aus deiner armen kleinen Familie werden, die du in deiner Güte mir Sünder anvertraut hast?“ Ein Engel verkündet ihm daraufhin, dass die Profess in seinem Orden „nie aufhören wird“ – Minderbrüder werde es immer geben.

Gewissermaßen eine sichtbare Bestätigung dieser Verheißung war das „Internationale Mattenkapitel“ vom Mitte April dieses Jahres in Assisi. Etwa zweitausend Mitglieder der verschiedenen franziskanischen Männerorden waren aus allen Kontinenten nach Assisi gekommen, um gemeinsam das 800-jährige Jubiläum der Franziskus-Regel zu feiern.

Der Traum des Papstes

Erhalten ist diese sogenannte Urregel leider nicht mehr. Sie bestand aus einer Zusammenstellung von Zitaten der Heiligen Schrift, die dem damaligen Papst Innozenz III. von Franz und seinen ersten Gefährten vorgelegt und von ihm mündlich bestätigt wurde. Der Franziskus-Biograf Thomas von Celano bettet in diese Begebenheit einen Traum des Papstes ein: Er sieht die Lateranbasilika, omnium urbis et orbis ecclesiarum mater et caput, dem Einsturz nahe, wie sie aber vor dem Zusammenfall von einem einfachen Ordensmann bewahrt wird. In diesem erkennt der mächtige Papst den Poverello, den kleinen Armen aus Assisi, und ruft aus: „Wahrhaftig, das ist jener Mann, der durch Tat und Lehre die Kirche Christi stützen wird.“ Franziskus und seine Gefährten ziehen gestärkt mit dem päpstlichen Segen von dannen und ihre Bewegung zieht Kreise und immer gleichgesinnte Männer an.

In den nächsten zehn Jahren macht man sich daran, die Regel zu entfalten. Konkrete alltägliche Erfahrungen machen Ergänzungen nötig, die schließlich auf dem Pfingstkapitel von 1221 beschlossen werden. Auch diese Regel, sie wird heute als nicht-bullierte Regel bezeichnet, wird dem Papst vorgelegt und von ihm wiederum mündlich bestätigt. Schnell zeigen jedoch die Brüder und ebenso die päpstliche Kurialverwaltung ihre Unzufriedenheit: auch die neue Regel besteht immer noch zu einem Drittel aus Schriftzitaten und ist insgesamt mehr spirituell denn rechtlich verfasst. Außerdem wird sie den pluriformen Lebenswirklichkeiten der Brüder, die mittlerweile nicht mehr nur in Italien, sondern in vielen anderen Teilen Europas leben, nicht gerecht. Eine weitere Überarbeitung scheint also dringend geboten.

Franziskus nimmt sich dieser Aufgabe an und diktiert in der Einsiedelei Fonte Colombo seinem Bruder Leo die überarbeitete Regel. Aber sie bleibt nicht allein sein Werk: kundige Brüder diskutieren mit dem charismatischen Ordensgründer den Text und bringen ihre Vorschläge ein. Nachdem die Brüder mit dem neuen Entwurf einverstanden sind, wird er dem Papst vorgelegt. Am 29. November 1223 schließlich bestätigt Honorius III. die vorgelegte Regel mit der Bulle „Solet annuere“ – damit ist faktisch auch offiziell ein neuer Orden geschaffen.

Der Prozess der Regel-Entwicklung und ihrer Bestätigung ist wohl der offenkundigste Punkt der Begegnung von „Inspiration“ und „Institution“ innerhalb der franziskanischen Geschichte. Der 1182 als reicher Kaufmannssohn geborene Franziskus hatte ganz gewiss nicht vor, einen Orden zu gründen, als er – nach einem gescheiterten Versuch, sich und der Familie als Ritter Ehre zu erwerben – mit dem Vater brach, öffentlich auf sein Erbe verzichtete und begann, zerfallene Kirchen wieder aufzubauen und Aussätzige zu pflegen. In seinem Testament schreibt er später: „Der Herr hat mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen. ... Und der Herr selbst hat mich unter sie (die Aussätzigen) geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen.“ – Wir haben es mit einem einfachen Büßer zu tun, einem, der anpackt und antwortet auf die konkreten Nöte seiner Zeit. „Erst als der Herr ihm Brüder gegeben hatte“, so schreibt Leonhard Lehmann OFM Cap. (Professor am Antonianum, Rom, und Mitglied des Historischen Instituts der Kapuziner), „suchte er weiter im Gebet und im Hören auf Gottes Wort und fand zusammen mit ihnen wieder den uralten Weg, wie die Apostel den Fußspuren Christi nachzugehen und seiner Armut und Demut zu folgen“.

Somit greifen Franziskus und seine entstehende Bewegung ein Anliegen der von Papst Gregor VII. (ca. 1020–1085) initiierten Reformen auf, nämlich die Wiederherstelllung des geistlichen Lebens in der Form der vita apostolica, der Lebensweise der Apostel. Zahlreiche Gemeinschaften und Bewegungen entstehen oder reformieren sich in dieser Zeit. Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Bewegung des Franziskus nicht allzu sehr von Sekten wie den Waldensern, Humiliaten oder Katharern. Auch diese wollen ein Leben in Armut nach dem Evangelium führen und die Wanderpredigt ist ein wesentliches Kennzeichen ihrer apostolischen Tätigkeit. Doch im Gegensatz zu Franziskus wollen sie sich nicht in die Kirche integrieren beziehungsweise scheitert die Integration an der häretischen Glaubenslehre, die diese Gruppen vertreten.

Auch der Gang des Franziskus zum Papst mit der Bitte um die Bestätigung der Regel ist keine Selbstverständlichkeit. Papst Benedikt XVI. formulierte dies während der Audienz der zum Mattenkapitel im April 2009 versammelten Brüder so: Man kann sagen, dass „Franziskus ja auch die Möglichkeit gehabt hätte, nicht zum Papst zu gehen. Viele religiöse Gruppen und Bewegungen entstanden in jener Zeit, und einige von ihnen stellten sich in Gegensatz zur Kirche als Institution oder versuchten zumindest nicht, von ihr anerkannt zu werden. Sicher hätte eine polemische Haltung gegenüber der Hierarchie Franziskus nicht wenige Anhänger gebracht. Er jedoch dachte sofort daran, seinen Weg und den seiner Gefährten in die Hände des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, zu legen. ... Das kleine ,Wir‘, das er mit seinen ersten Brüdern begonnen hatte, stellte er von Anfang an in das große ,Wir‘ der einen und universalen Kirche“.

Auch die Bestätigung seitens der Kirche stellt keinen Automatismus dar. Benedikt XVI. weiter: „Auch der Papst seinerseits hätte nämlich die Möglichkeit gehabt, die Lebensregel des Franziskus nicht zu approbieren. Ja, es ist sogar sehr gut vorstellbar, dass der eine oder andere seiner Mitarbeiter ihm dazu riet, vielleicht gerade in der Furcht, dass diese Gruppe von Brüdern ähnlich war wie andere, häretische Gruppierungen der Zeit, die das Armutsideal verkündigten. Der Papst jedoch, der durch den Bischof von Assisi und den Kardinal Giovanni di San Paolo gut informiert war, erkannte das Werk des Heiligen Geistes und nahm die gerade entstehende Gemeinschaft der ,Minderbrüder‘ an, segnete sie und ermutigte sie.“

Im „Schoß der Mutter Kirche“ haben sich die franziskanischen Ordenszweige nun über 800 Jahre entfaltet – oder, wie es die Herausgeber Marianne Jungbluth, Thomas Dienberg und Niklaus Kuster der aufwendig gestalteten Jubiläumsschrift „Inspirierte Freiheit“ formulieren: „Inspiration und Institution wirken durch acht Jahrhunderte zusammen. ... Kein Orden der Kirche kennt eine vergleichbare Dynamik und Vielfalt, keiner so viele Aufspaltungen, keiner eine so spannende und spannungsvolle Entfaltung.“

Auch wenn die geschichtliche Entfaltung der verschiedenen franziskanischen Gemeinschaften nun hier nicht weiter aufgezeichnet wird, lässt ein bloßer Blick auf die heutige „franziskanische Landkarte“ in Deutschland erahnen, welche Auseinandersetzungen immer auch hinter dieser Entwicklung gestanden haben mögen. Zum sogenannten Ersten Orden gehören die Franziskaner-Minoriten (OFM Conv.), die Franziskaner (OFM) und die Kapuziner (OFM Cap.). Der Zweite Orden geht auf Klara von Assisi zurück, einer Freundin des heiligen Franziskus, der sich ab 1211 Gefährtinnen anschließen. Zu diesem Zweig gehören beispielweise die kontemplativ lebenden Klarissen-Schwestern. Zum Dritten Orden, im Entstehen ab 1221, gehören heute neben zahlreichen Schwesternkongregationen auch einige Männergemeinschaften, sowie die „Franziskanische Gemeinschaft“, in der Frauen und Männer, ohne in einem klösterlichen Umfeld zu leben, ein Leben in der Form des heiligen Franziskus zu führen versuchen.

Wider einseitige Vereinnahmung

Ebenso vielfältig wie die Gemeinschaften selbst, sind auch ihre Aufgaben. Neben den „klassischen Aufgaben“ in der Wallfahrts- und Pfarreiseelsorge, der Krankenhausseelsorge, der Einzelbegleitung, der Jugendarbeit, der Erwachsenenbildung, dem Schulunterricht, der Alten- und Krankenpflege kommen immer wieder Neuaufbrüche hinzu. Mit Projekten wie „City-Pastoral“, Straßenambulanzen und Obdachlosenarbeit, Meditationsklöstern oder der Mitarbeit bei der UNO im Rahmen von „Franciscans International“ haben die franziskanischen Frauen- und Männergemeinschaften immer wieder neue Impulse für Kirche und Welt gegeben.

Von Franziskus können sich franziskanische Schwestern und Brüder immer wieder zum Neuanfang anspornen lassen. Selbst auf dem Krankenbett, dem Tod nahe, sagt er noch: „Nun wollen wir anfangen, Gott dem Herrn zu dienen; denn bis jetzt haben wir kaum, sogar wenig – nein, gar keinen Fortschritt gemacht.“ Doch auf der Suche nach der Übersetzung des Franziskus-Weges ins Heute warnt Josef Imbach OFM Conv. vor einer einseitigen Vereinnahmung des heiligen Franz. Mögliche Einseitigkeiten sind: Franziskus als brandroter Prediger des Klassenkampfes, als Kämpfer gegen die kirchlichen Strukturen seiner Zeit, als Tierfreund und Naturschwärmer. Es wäre zu einfach und obendrein falsch, Franziskus auf eines dieser Bilder festzulegen und daraus Handlungsanweisungen für franziskanisches Leben heute abzuleiten. Franziskus selbst hat dem einen Riegel vorgeschoben. Kurz vor dem Tod sagt er den Brüdern: „Ich habe das meine getan, was euer ist, möge euch Christus lehren!“ Ein Auftrag zur Christusnachfolge nicht nur für Franziskanerinnen und Franziskaner.

[Von Br. Andreas Murk OFM Conv. © Die Tagespost vom 1. Oktober 2009]