Was hat uns Chiara hinterlassen?

Die Fokolar-Bewegung „ein Jahr danach“

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Von Renata Simon*

ROM, 16. März 2009 (ZENIT.org).- Wo stehen wir ein Jahr nach Chiara Lubichs Tod? Ging es uns manchmal wie den Aposteln, die nach Jesu Tod zu ihren Netzen zurückgekehrt sind, weil der Traum aus war?

Man sagt, wenn der Gründer, die Gründerin eines Werkes stirbt, käme eine Prüfung über ein Werk, manchmal sogar eine Nacht. Niemand kann die Zukunft vorhersehen, ich kann nur sagen, dass dies für die Fokolar-Bewegung in diesem Jahr nicht eingetreten ist. Ich wage sogar zu behaupten, dass Chiara stellvertretend für uns in den letzten Jahren ihres Lebens diese Nacht durchlebt hat.

Die größte Hürde, die vor uns lag, war zunächst die Entscheidung, wer nach Chiara in die Leitung der Bewegung nachrücken sollte. Während der Generalversammlung im vergangenen Juli erlebten wir nach zwei Tagen banger Ungewissheit – ähnlich wie die Emmausjünger – einen pfingstlichen Durchbruch mit einem Generationenwechsel.

Wenn mich jemand fragt: „Empfindet ihr Wehmut, weil Chiara nicht mehr unter euch ist?“ Dann kann ich aus ganzem Herzen antworten: „Nein, Chiara ist bei uns, sie hat uns nicht verlassen. Das spürt unsere Präsidentin, das spüren unzählige Menschen, die den Eindruck haben, jetzt einen direkten Zugang zu Chiara zu haben. Täglich erleben wir diese lebendige Beziehung zwischen Himmel und Erde.“

Das, was Chiara uns in all den Jahren gesagt hat, scheint jetzt sogar einen noch tieferen Widerhall zu haben. Es ist wie eine Einladung an uns, es mit noch größerer und stets neuer Entschiedenheit zu leben.

Was hat uns Chiara hinterlassen? Drei Punkte sind mir wichtig: ein Charisma, ein Werk und ein Lebensbeispiel.

Ein Charisma – Die größte Herausforderung, in der wir jetzt stehen, ist gewiss die Treue zum Charisma von Chiara, dem Charisma der Einheit. Einheit nach dem Herzen Gottes, Einheit, die erfahrbar ist, wenn der Auferstandene unter uns lebt. Er, der verheißen hat: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Das ist das größte Vermächtnis, das uns anvertraut ist. „Das Charisma, das Gott mir gegeben hat“ – so Chiara – „ist das der Gegenwart Jesu, und den Schlüssel dazu: den verlassenen Jesus. Was bleibt deshalb nach meinem Tod? Jesus in unserer Mitte. Es genügt, Ihn unter uns zu haben. Er ist es ja, der uns führt, der das Werk leitet, das bin nicht ich.“

Wir spüren die Verantwortung, vor allem anderen die gegenseitige Liebe lebendig zu halten – mit jenem Maß, das das Evangelium vorgibt. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass Gott unter uns wohnen kann, dass seine Fülle des Lebens erfahrbar wird, auf die die Menschheit heute wartet.

Ein Werk – Chiara hat uns ein Werk mit einem Statut hinterlassen, das die Inspiration, die Zielsetzung und die innere Ordnung des Werkes enthält. Wie viele Werke gab es in den Kirchen im Lauf der Geschichte, bei denen dies nicht der Fall war, wo erst nachfolgende Generationen diese mühsame Arbeit in Angriff nehmen mussten. Ein Statut zu haben, war für uns bei der Generalversammlung eine große Hilfe, denn wir hatten damit einen Leitfaden zur Hand für viele Fragen, die sich auftaten.

Mit diesem Werk wollte Gott dem Charisma der Einheit eine sichtbare Gestalt verleihen. Damit er in unserer Mitte die Menschen einladen kann: „Kommt und seht.“

Dieses Charisma befähigt zum Dialog, es hat auch eine kulturprägende Kraft in sich. Es kann jeden Bereich des menschlichen Denkens vom Evangelium her befruchten. Chiaras letzter Traum von der Gründung einer Universität, die sich dieser Aufgabe widmen sollte, ist kurz nach ihrem Tod in Erfüllung gegangen. An uns ist es nun, dieses Potential zur Entfaltung zu bringen.

Im Augenblick durchlebt die Welt eine tiefe Krise. Die Fokolar-Bewegung kann dazu beitragen, Beziehungen aufzubauen, in denen das „Sein“ im Mittelpunkt steht und nicht das „Haben“, ein Sein, das auf dem freiwilligen Geben und Teilen gründet, statt die anderen für die eigenen Interessen auszunutzen. Sie kann dazu beitragen, dass eine Kultur der Gegenseitigkeit in allen Beziehungen entsteht.

Ein Lebensbeispiel – Chiara hat uns mit ihrem Leben ein Beispiel hinterlassen. Brauchen wir das?

Der Apostel Paulus empfiehlt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme“ (1 Kor 11,1). Ein eigenartiges Wort – warum will der Apostel, dass man ihn als Vorbild nimmt? Wozu der „Umweg“, wenn man gleich Christus als Vorbild nehmen kann? Offensichtlich beruft Gott Menschen, in denen er aufs Neue sein Evangelium gebündelt, gleichsam wie in einem Laserstrahl zum Leuchten bringen will, Menschen, die in besonderer Weise durchlässig sind für Gott und seine Botschaft.

Chiara ist für mich wie für sehr viele Menschen ein Kanal Gottes gewesen. Je näher ich ihr kam, desto intensiver begegnete ich Gott. Treffend charakterisierte Kardinal Bertone Chiara in seiner Ansprache beim Requiem in St. Paul vor den Mauern: „Die Gründerin der Fokolar-Bewegung schafft keine sozialen Werke oder Einrichtungen, sondern widmet sich der Aufgabe, in den Herzen der Menschen die Liebe Gottes zu entfachen.“

Chiara gelang es, die innerste Mitte des Menschen zu treffen, ob er gläubig war oder nicht. Sie hatte die Gabe, das Beste, Edelste, Schönste, das in einem Menschen steckte, zum Leben zu erwecken. Es war Jesus in ihr, der das tat. Aus einer Begegnung mit ihr ging man verändert, aufgewertet, aufgebaut heraus. Sie stellte einen vor Gott. Das war nicht immer bequem. Das Licht der Wahrheit war bei ihr allerdings stets gepaart mit barmherziger Liebe.

Sie verstand es, Menschen zusammenzuführen, Gleichgültigkeit zu überwinden, unversöhnte Positionen zu verbinden. Sie litt an der Uneinheit jeglicher Machart. Sie wusste sich von Jesus dem Verlassenen gerufen, gerade an die Bruchstellen des Menschen, der Kirchen, Religionen und Kulturen zu gehen, um mit Jesus vereint dort ein Werkzeug der Einheit zu sein. Dabei folgte sie nicht einem selbst ausgedachten Plan, sondern ließ sich von Gott leiten und bewies damit die Geduld eines Gründers. „Wir sollen Gott nicht vorauseilen, sondern ihm nachfolgen“ war eine ihrer Maximen, die sich mir gut eingeprägt haben.

Und Gott führte sie hinaus ins Weite: zu Christen aller Kirchen, um miteinander ein Zeugnis zu geben, damit die Welt glauben kann; zu Menschen anderer Religionen, um in ihnen die Saatkörner an Wahrheit zum Keimen und sie mit ihrer christlichen Glaubenserfahrung in Berührung zu bringen; zu Menschen, die auf der Sinnsuche sind, um mit ihnen auf der Grundlage gemeinsamer Werte für eine Kultur des Friedens, der gerechten Güterverteilung, der Wertschätzung der Kulturen und vielem mehr … einzutreten.

Unser Auftrag – Chiara hat uns mit diesem Charisma nicht nur eine prophetische Vision hinterlassen, sie hat nicht nur ein Werk gegründet, das diesem Charisma Gestalt verleiht, sondern sie hat auch durch ihr Leben gezeigt, wie dies alles Wirklichkeit werden kann. In einem bekannten Text aus dem Jahr 1949 schreibt sie: „Ich habe nur einen Bräutigam auf Erden: Jesus den Verlassenen. In ihm ist der ganze Himmel mit der Dreifaltigkeit und die ganze Erde mit der Menschheit“ (Chiara Lubich, Alle sollen eins sein, Verlag Neue Stadt München 1999, 27). Von der Dreifaltigkeit bis zur Menschheit: das war der ungeheure Spannungsbogen, in dem sich Chiaras Leben bewegte. Sie hat uns ein Beispiel gegeben, wie wir mit diesem Talent, dem Charisma der Einheit wuchern können. Viele Menschen haben uns nach Chiaras Tod besorgt gefragt, ob denn das alles weitergehen wird. Es scheint zu überwältigend, fast überfordernd zu sein. Chiara hat es uns gesagt: „Es wird weitergehen, wenn Jesus in eurer Mitte sein wird. Er in eurer Mitte wird sogar noch Größeres vollbringen.“ Es gilt allerdings auch das Gegenteil, es soll uns als Mahnung dienen: Nichts wird Bestand haben, wenn wir uns von Jesus in unserer Mitte entfernen, wenn die Temperatur der gegenseitigen Liebe den Gefrierpunkt erreicht, wenn wir der Versuchung der Zersplitterung erliegen, wenn wir uns als Bewegung selbst genügen und dieses Talent der Einheit nur im eigenen Binnenraum konsumieren wollen. „Liebe Fokolare, Chiara gehört nicht nur Euch, sie gehört der ganzen Kirche!“, so Erzbischof Marx beim Requiem für Chiara in München im vergangenen Jahr.

Der kostbarste Schatz dieses Charismas ist die Gegenwart des Auferstandenen in unserer Mitte. Dazu reichen zwei oder drei Menschen, die ihm einen Daseinsraum zur Verfügung stellen. Wir wissen, er verlangt keinen Palast von uns, ihm genügt eine Herberge, um auf die Welt zu kommen. Wir müssen dazu keine Giganten sein. Im Gegenteil: Unsere menschliche Gebrochenheit, unsere Schwäche, unsere Kurzsichtigkeit kann ein bevorzugtes Brennmaterial für das Feuer seiner Gegenwart unter uns sein. Der Kirchenvater Tertullian schrieb: „Wo zwei oder drei im Namen Jesu beisammen sind, da ist Kirche.“ Chiara war von der Leidenschaft bewegt, Jesus eine Unzahl von sogenannten „mobilen Kirchen“ zu errichten – in Schulen, Parlamenten, Fabriken, im Wohnblock – wo zwei oder drei … Diese „mobilen Kirchen“ können dem seelisch oft obdachlosen Menschen unserer Tage Beheimatung geben. Wie viel ungestillter Sehnsucht nach Beziehung, nach Familie, nach Annahme, nach Einfachheit begegnen wir tagtäglich! Viele wissen nicht, dass es letztlich die Sehnsucht nach Gott ist, den sie so gar nicht benennen können. Geben wir Gott unserer Welt und unserer Zeit zurück! Ich bin gewiss, Chiaras Charisma der Einheit hat seine Sendung in der Menschheit noch nicht erfüllt: Wir sind erst am Anfang.

Der Auferstandene unter uns lädt uns ein, weit hinauszufahren und unsere Netze zu einem neuen Fischfang auszuwerfen. Mit freudiger Überraschung stellen wir fest, dass immer mehr an diesem Netz knüpfen, und dass es sich mit diesem Netz des „Miteinanders“ noch viel ertragreicher für das Reich Gottes fischen lässt.

* Die Autorin dieses Vortrags zum 14. März, dem ersten Todestag von Chiara Lubich, ist Sprecherin der Fokolar-Bewegung für Deutschland und Mitglied des Koordinationsteams Miteinander für Europa, Neuer Weg 11, 86316 Ottmaring