Was ist "Die Bank der Stammzellen"?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 549 klicks

In den letzten Wochen sind die italienischen Zeitungen voll von heftigen Auseinandersetzungen über so genannte „Stammzellen“. Es wird behauptet, dass sie zur Therapie von verschiedenen Erkrankungen dienen. Sie werden durch verschiedene Verfahren gewonnen. Die besten Quellen zur Gewinnung dieser Zellen sind menschliche Embryonen, übrig geblieben von der künstlichen Befruchtung der Frauen (FIVET), und dann eingefrorene Embryonen, von denen es in Italien mehr als Zehntausende in 117 Laboratorien gibt, wobei man auch die toten Fötusse, die durch Abtreibungen gewonnen werden, nicht vergessen darf.

Darüber diskutieren wir vom bioethischen Standpunkt her. Die Wissenschaftler sind sich nicht einig. Die einen betrachten es als berechtigt, die Stammzellen aus den menschlichen Embryonen zu gewinnen, weil sie mit ihrer Hilfe menschliche Leben verlängern und retten können. Andere, nun, verwerfen diese Verfahren als unsittlich. Es wird über die gleichen „autologhen Stammzellen“ gesprochen, die aus dem Gewebe des erwachsenen Menschen und auch aus der „Nabelschnur“ des Neugeborenen gewonnen werden. In diesem Zusammenhang wird über die „Banken der Stammzellen“ gesprochen, wovon es schon ziemlich viele in der Welt gibt. Die Politiker sind ebenfalls geteilter Meinung. Englische Gesetzgebung erlaubt Gewinnung von embryonalen Stammzellen, während Franzosen, Deutsche und Italiener ebenfalls diesen Weg einschlagen möchten. Und es wird geschrieben, dass die Kirche das eine verurteilt, und das andere erlaubt.

Wo liegt die Wahrheit? Worum geht es?

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Dieses Problem führt zur Verwirrung. Es ist erforderlich, vorher etwas über die Wissenschaft der Biologie und der Bioethik zu wissen, um mit Verständnis diesen Auseinandersetzungen folgen zu können. Die Einstellung „du denkst so“, und „ich denke so“ bringt uns nicht weiter. Es handelt sich um fundamentale ethische Fragen: Was steht in dieser ganzen Angelegenheit im Einklang mit der Würde der menschlichen Person, verstanden als Person, nicht nur philosophisch (mit Hilfe vom gesunden Menschenverstand), sondern auch theologisch (mit dem Licht des Glaubens, auf dem Wort Gottes begründet)?

Die Fragen sind schwerwiegend und sehr aktuell. Die Entdeckung der autologhen Stammzellen hat in der Medizin Bedeutung einer Revolution, ähnlich der Entdeckung der Antibiotika. Ich selbst war sehr überrascht von der Heftigkeit der Auseinandersetzung, die in dieser Sache in allen italienischen Zeitungen, im Fernsehen, im Internet und im Radio geführt wurden und immer noch geführt wird. Auf meinem Schreibtisch liegt eine Menge von Artikeln und Fotokopien aus der Presse und aus dem Internet. Die einen bemühen sich, Klarheit zu schaffen, die anderen wollen alles vernebeln. Unter die Wissenschaftler haben sich Politiker, Ökonomisten, Journalisten, Kirchenvertreter und, schließlich, auch die Päpstliche Akademie für das Leben eingemischt. Diese hat am 5. Januar 2001 das Dokument über autologhe Stammzellen und Übertragung des Zellkerns  herausgegeben.

Gehen wir schrittweise vor, nach Möglichkeit mit klaren Antworten. Es gibt fünf Fragen:

1)  Was sind „Stammzellen“, „autologhe“ genannt? 2)  Ist es moralisch erlaubt, sie aus dem Gewebe des erwachsenen Menschen zu Therapiezwecken zu gewinnen? 3)  Ist es moralisch erlaubt, sie aus der Nabelschnur des neugeborenen Kindes zu gewinnen? 4)  Ist es moralisch erlaubt, sie aus dem menschlichen Embryo zu gewinnen? 5)  Gibt es ein moralisch tadelloses „neues italienisches Verfahren“?

1.  Was sind „autologhe Stammzellen“?

„Stammzellen“ (englisch: stem cells) sind Zellen, die einerseits die Fähigkeit besitzen, sich selbst beliebig oft durch Zellteilung zu reproduzieren und die sich andererseits zu Zellen unterschiedlicher Spezialisierung entwickeln können. Im Gegensatz zu totipotenten Zellen (sehr frühes Embryostadium), aus denen sich ein eigenständiger Organismus bilden kann (etwa bei der Zwillingsbildung), sind Stammzellen pluripotent, d. h. sie können sich ohne technische Eingriffe nur zu verschiedenen Zelltypen (etwa Muskelzellen, Nervenzellen, Blutzellen) ausdifferenzieren („Spezialisierung der Zellen“). Je nach Herkunftsort der Stammzellen unterscheidet man embryonale (aus dem Embryo), fetale (aus dem Fötus) und adulte (von Säuglingen, Kindern, Erwachsenen) Stammzellen. Stammzellen werden vielfältig zu therapeutischen Zwecken verwendet. Zum Beispiel: sie werden in das, vom Infarkt geschädigtes, Herz eingesetzt, und erzielen Effekte der Heilung, oder um das, durch eine Chemotherapie geschädigtes, Gewebe, bei Krebserkrankungen, zu heilen, oder, verschiedene chronische Erkrankungen und Erbkrankheiten zu heilen, Leukämie, Thrombose zu heilen, oder, Regenerierung vom Gewebe verschiedener Organe zu erzielen, zur Therapie von Genen usw. Diese Zellen besitzen, also, die vielfältige Fähigkeit, krankes Gewebe und kranke Zellen zu heilen, was ihnen den Namen „totipotente“ oder „pluripotente“ Zellen verliehen hat. Sie werden aus fünf Quellen gewonnen: aus frischen und eingefrorenen Embryonen; aus abgetriebenen Fötussen; aus dem Muskelgewebe der erwachsenen Menschen; aus der Nabelschnur des neugeborenen Kindes; aus dem Rückenmark.

„Autologh“ (griechisch: „autologhe“), das heißt, sie müssen sich immunologisch mit den Zellen des Patienten vertragen, damit sie vom Organismus des Empfängers nicht abgestoßen werden (wie es z. B. bei der Organverpflanzung manchmal der Fall sein kann).

2.  Ist es moralisch vertretbar, aus dem Gewebe der Erwachsenen autologhe Stammzellen zu Heilungszwecken zu gewinnen? Dieser Prozess geht in „drei Verfahren“ vor sich her: zunächst wird aus dem Organismus des Patienten, aus seinem Blut oder Mark, kleine Menge von gesunden Stammzellen entnommen; danach werden sie in einer eigens dafür vorbereiteten Kultur vervielfacht; so vervielfältigt, wie auch „neu programmiert“, werden sie in den Organismus des Patienten in das geschädigte Gewebe eingepflanzt. Es wird behauptet, dass sie vielfältige Fähigkeit besitzen („pluripotent“), sich in das Organ oder in den Körperteil einzunisten, wo der Arzt-Spezialist das haben will, mit außerordentlich guten klinischen Ergebnissen, viel besser, als ursprünglich gedacht wurde, z. B. bei kranken Nerven, Muskeln, Blutadern usw. Das Verfahren ist technisch richtig, wissenschaftlich genau, ethisch-moralisch annehmbar, unter der Voraussetzung, dass es keine Verbindung und keine Unterstützung zu abortalen Eingriffen hat.

3. Ist es moralisch vertretbar, autologhe Stammzellen aus der Nabelschnur des neugeborenen Kindes zu gewinnen? Kurz gesagt: es ist moralisch vertretbar, sogar empfehlenswert. Früher wurde die Nabelschnur in de Abfall entsorgt. Die heutige Wissenschaft weiß, dass das plazentare Blut, das sich drin befindet, zur Therapie von Krankheiten dienen kann. Durch besonderes klinisches Verfahren wird dieses Blut in den „Banken der Stammzellen“ aufbewahrt. Verschiedene Universitäten haben angefangen mit solchen Banken zu arbeiten. Auch die katholische Universität des Herzens Jesu in Rom besitzt seit dem 1. Januar 2001 eine solche Bank. Auf diese Weise verfügt  das Kind ab dem ersten Tag seines Lebens über eigenes  „Depositen“, und es kann später darüber disponieren zum eigenen oder fremden Nutzen.

4.  Ist es moralisch vertretbar, menschliche Embryonen zur Gewinnung von autologhen Stammzellen zu benützen? Das ist das so genannte „therapeutische Klonen“, das in fünf Phasen vor sich geht: eine Eizelle, die genetisches Material enthält (im Kern), wird entkernt; jetzt wird die Eizelle mit dem genetischen Material (dem Zellkern) einer somatischen Zelle des Spenders, gefüllt; auf diese Weise erhält die Eizelle neues genetisches Material, d.h. DNA des Spenders: sobald innerhalb der Eizelle die DNA des Spenders vollständig ist, beginnt neues Leben; schließlich, der neue Embryo, der genetisches Material des Spenders erhalten hat, produziert neue Stammzellen. Dieser lebendige Embryo, entstanden durch Klonen, fünf Tage nach dem Beginn seines Lebens („Blastozyste“) muss getötet werden, um aus seiner inneren Zellmasse („Embryoblasto“) Zellen zu entnehmen, um aus ihnen Kulturen der autologhen Stammzellen zu gewinnen, die dann für einen Patienten verwendet werden können. Sie sind in der Lage, in jedem Typ vom Gewebe, sich weiter zu entwickeln. Deswegen werden sie genutzt, um gesundes Gewebe, Zellen und Organe zu produzieren, um mit ihrer Hilfe, Krankheiten zu bekämpfen, wie Parkinson, Alzheimer und ähnliches.

Dieses embryonale Klonen ist ethisch nicht erlaubt. Ein solcher Embryo ist vom ersten Augenblick an Mensch, mit seiner ewigen Bestimmung, er verdient die ganze Achtung einer Person, und er kann und darf niemals als Verbrauchsmaterial, als Mittel oder Objekt einer anderen Person angesehen und behandelt werden. Infolgedessen, sittlich ist absolut unannehmbar das Verfahren der Gewinnung der embryonalen Stammzellen, unabhängig davon wie auch gesundheitliche Gebote seien. Dieses Verfahren ist der menschlichen Person nicht würdig, und keine gute Absicht und keine spezifischen Umstände können das moralische Übel einer solchen Handlung mildern oder beseitigen.

Das gleiche gilt für Embryonen, die in den Instituten für künstliche Befruchtung, FIVET, „übrig geblieben“ sind, seien sie noch frisch im Glas, seien sie eingefroren und zu diesem Zweck abgetaut. Die Qualifikation ist gleich negativ auch für Stammzellen, die aus Fetussen gewonnen werden, die absichtlich abgetrieben werden. Die Verwendung der abgetriebenen Fetusse zu genehmigen, würde bedeuten, der „Kultur des Todes“ zuzustimmen, oder sogar, sie zu unterstützen.

5.  „Das neue italienische Verfahren“ der Vervielfältigung der Gruppe der Stammzellen   „während der ersten fünf Tage“  in besonderer Kultur bis zum Augenblick der Entstehung des Embryos, ist eine reine Hypothese. Also, Vervielfältigung der Stammzellen, ohne dass sie Embryo sind, ist bis jetzt reine Wunschvorstellung, die von manchen als Wirklichkeit verbreitet worden ist. Sollte das einmal Wirklichkeit werden, werden wir über ihre sittliche Qualifikation sprechen.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins: Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 252 - 254)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Penitenziaria.