Was ist die "Sünde der Welt"?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 364 klicks

Es ist für mich schrecklich zuzuhören, wenn über die Sünde gesprochen wird. Wozu eine derartige Übertreibung und Angstmacherei? Ist Gott nicht gut? Verzeiht er nicht, wenn wir bereuen? Ist nach der Beichte nicht wieder alles in Ordnung?

Neulich habe ich einem Prediger zugehört. Er prangerte schlechte Beispiele und schlechte Gesellschaft an, und er sagte, dass wir einander verderben, und dass wir alle für eine gewisse „Sünde der Welt“ verantwortlich sind. Das kommt mir ganz neu vor.

Višeslav

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Es ist nicht angenehm, zuzuhören, wenn über die Sünde gesprochen wird, dem stimme ich zu. Ebenfalls stimme ich zu, dass machmal übertrieben und den Menschen Angst gemacht wird. Es stimmt, dass Gott gut ist und dass er vergibt und dass nach einer guten Beichte alles in Ordnung ist, d.h. dass die Schuld vergeben ist. Aber ich möchte deinen Blick auf etwas Bestimmtes lenken. Eine Sünde zu begehen bedeutet nicht das gleiche, wie wenn man einen Tisch verschmutzt, das Schwammtuch nimmt und es säubert, und danach ist wieder alles in Ordnung. Die Sünde ist eine viel tiefere und geheimnisvollere Wirklichkeit. Auch nach der Beichte verbleiben nicht selten sichtbare Folgen der Sünde, manchmal schwere und nicht wiedergutmachbare.

Nennen wir einige Beispiele! Ein Verzweifelter hat in seiner Verzweifelung die Adern durchgeschnitten. Auch nach der Reue sind die Adern durchgeschnitten geblieben. Er verstirbt. Die Ehefrau hat den Ehemenn und die Kinder den Vater und Ernährer verloren. Vor dem Tod hat er seine böse Entscheidung zurückgenommen, aber er kann nie mehr das zurücknehmen, was diese Entscheidung in der Welt verursacht hat. Das bleibt, und wer weiss, wie viele Jahre vergehen werden, bis dieses Leid vergehen wird, und nur deshalb, weil der Vater sich einmal die Adern durchgeschnitten hatte. Inwieweit diese böse Entscheidung des Vaters, sich das Leben zu nehmen, die Entscheidungen, die Freiheit und das Leben der Ehefrau und der Kinder mitbeeinflusst hat, die weiterhin auf dieser Welt geblieben sind und ohne den Vater zu leiden hatten, das wissen nur sie selbst.

Eine vierzigjährige Frau, die im Krankenhaus im Sterben liegt, besuchen ihre zwei Söhne. Sie ist stolz auf sie. In Geistesverwirrung flüstert sie: „Es war noch ein dritter da.“ Aber aus Rücksicht den Nachbarn gegenüber hat sie ihn nicht zur Welt gebracht. Er musste sterben und durfte das Licht dieser Welt nicht erblicken. Dieses Ereignis hatte sie völlig verändert. Sie war verdorben und stiftete auch andere an, dasselbe zu tun. Doch, einmal bereute sie das und beichtete. Aber das Kind war nicht mehr da. Das schlechte Beispiel, das sie anderen gegeben hatte, wirkt auf eine geheimnisvolle Weise weiter. In ihr selbst bleibt eine schmerzliche Wunde weiter bestehen. Jetzt in der Todesstunde tut sie sehr weh.

 „Ich war sehr grob mit meiner Mutter in ihrer Todesstunde. Ich fand kein gutes Wort für sie. Vor den anderen betonte ich ständig ihre schwachen Seiten. Nun ist die Mutter schon lange tot. Und die Sünde der Missachtung und Verleumdung meiner eigenen Mutter quält mich sehr. Helfen Sie mir! Was kann ich tun?“

Das sind, Višeslav, typische sichtbare Folgen der Sünde, die verbleiben und in der Welt die „Sündhaftigkeit“ oder den „sündigen Zustand“ schaffen. Hier befinden wir uns langsam an der Schwelle dessen, was mann als „Sünde der Welt“ bezeichnet. Der Mensch kann seine innere Haltung ändern. Gott ist gut. Er vergibt dem Menschen. Aber das, was der Mensch verursacht hat, kann nie mehr zurückgenommen werden. Dieses seine „sündige Material“ integriert sich in die „allgemeine Schuld der Welt“ und wirkt weiterhin ohne seinen Willen. Die Freiheit eines Menschen beeinflusst die Freiheit des anderen Menschen, das Leben des einen dringt in das Leben des anderen hinein, und es passiert, dass wir sehr durch die Freiheit und das Leben des anderen mitbestimmt werden. Und so sind wir alle dauerhaft für die Fehler unserer Brüder mitverantwortlich. Vom ersten bis zum letzten sind wir täglich schuldig, obwohl wir dafür nicht bestraft werden. Aber wir sind deswegen schuldig, weil wir den „Apfel gegessen haben“, würde Dostojewski sagen, und die Folgen unserer Eßsucht sind geblieben.

Der Dieb würde vielleicht nicht stehlen, wenn das Herz des Reichen weicher wäre und wenn es „mehr Gerechtigkeit in der Welt“ geben würde. Vielleicht würde der Mörder nicht morden, wenn man mit ihm vorher nicht so schlimm umgegangen wäre, wenn man ihn nicht so brutal verletzt hätte, dass er nicht auf diese Weise in Verzweifelung geraten wäre. Vielleicht hätte der Alkocholiker nicht zu viel getrunken, wenn ihn seine Frau verstanden hätte, wenn ihn seine Kinder geliebt hätten. Vielleicht hätte der Flucher nicht geflucht, wenn seine Kollegen ihm nicht ein Minderwertigkeitsgefühl aufgeladen hätten, und wenn er nicht das Opfer der Unverschämtheit der anderen geworden wäre. Die Ehebrecherin wäre vielleicht nicht untreu geworden, wenn sie nicht versucht worden wäre, und wenn es ihr Ehemann besser verstanden hätte, ihre Liebe zu gewinnen. Jenes Mädchen wäre unschuldig geblieben, wenn der junge Mann fähig gewessen wäre, seine Leidenschaften zu kontrollieren.

Es ist wirklich so, dass unsere Schuld und Sünde nicht nur unsere eigene Person zerstören, sondern auch auf andere übergreifen und sich dort mit denjenigen geheimnisvollen Neigungen zum Bösen verbinden, die zwar noch keine Sünde sind, aber zur Sünde verführen. Jahvist stellt sie in der Bibel als ein Tier dar, das an der Türe steht und lauert (Gen 4, 6). Das „Herz“ ist der Sitz der bösen Neigung. Prophet Jeremias sagt: „Arglistig ohnegleichen ist das Herz und unverbesserlich. Wer kann es ergründen?“ (Jer 17, 9). „Ändert wohl der Neger seine Hautfarbe oder ein Leopard seine Hautflecken. Dann könntet auch ihr euch noch bessern, die ihr ans Böse gewöhnt seid?“ (Jer 13, 23).

Du sagst, dass du „neulich einem Prediger zugehört hast“, der „schlechte Beispiele  und schlechte Gesellschaft anprangerte, die einander verderben, und dass wir alle für eine gewisse ‚Sünde der Welt’ vedrantwortlich sind“. Und in diesem Zusammenhang fragst du, was die „Sünde der Welt“ sei. Darf ich dir einige Gegenfragen stellen, die noch besser deine Frage deutlich machen?

Sagst du mir, ob die heutige Gesellschaft so ist, dass sie dem Bösen erlaubt, laut zu reden und zu schreien? Was einmal im Geheimen geschah, wird heut öffentlich auf den Bildschirmen ausgeführt. Das Böse und gerade solche Formen des Bösen werden etwas „Natürliches“. Dieses „Natürliche“ beeinflusst die Schwachen, erobert die Kinder, die Jugend und viele unreife Menschen. In diesem Sinne muss man das Wort Christi, unseres Herrn, von „Ärgernis“ und vom schlechten Beispiel verstehen: „Wer einen von diesen Kleinsten skandalisiert, wäre für ihn besser, wenn man ihm um den Hals einen Mühlstein hängen würde…“ Übersteigt die heutige Nachgiebigkeit nicht alle Grenzen? Sag mir, verdirbt sie nicht so viele?! Wird nicht eine Mentalität geschaffen, die einfach viele versklavt?

Führt uns nicht dieses Verlassen von allem Ethischen zu einer Erscheinung des „Menschen der Masse“, der nicht mehr nachdenkt und sich nicht mehr eigenständig verhält? Er wird von der Gesellschaft der Masse tyrannisiert. Denke nur an die Tyrannei des Wortes! Wieviele Worte überfallen den Menschen wie ein Strom von allen Seiten, und in einem solchen Ambiente verliert er das Recht, eigenständig nachzudenken, zu entscheiden, in Freiheit zu planen. Ist das nicht eine Art der modernen „Entfremdung“ des Menschen? Von diesem „sündigen Ambiente“ sprechen heutzutage seriöse Autoren.

Ich bin frei, dich zu fragen, was du über die Ernidriegung der Liebe denkst? Ist der Sex nicht ein „Produkt zum Verbrauch“ geworden? Neulich hat einer unserer Journalisten geschrieben: „Als hätte der Verlust von Gott alle geistigen Werte zerstört und alle seine Attribute auf den vergänglichen Leib übertragen… Die Religion des Leibes ist zweifellos heutzutage der mächtigste Glaube, der seine Helden und Opfer, Heilige und Priester, Tempel und Friedhöfe, natürlich, hervorgebracht hat. Die Zivilisation des Bildes (Film, Fernsehen, Zeitschriften) hat diesen vergöttlichten Leib demokratisiert und ihn auf dem ganzen Globus aufgeklebt als ein Zeichen des Einzigen, was sich dort ereignet.“

Sigmund Freud hat im Menschen zwei Hauptbewegungsmächte entdeckt: „Eros“ und „Thanatos“, d.h. Leidenschaft und Tod. Wenn unsere Gesellschaft die Leidenschaft degradiert hat, ist sie unfähig geworden, den Tod auf den richtigen Weg zu richten. Und gerade der Tod lauert auf uns in dieser heutigen Zeit von allen Seiten, nicht nur durch den atomaren Kreig und vielfältige Bestrahlungen, sondern auch durch die vielfältigen Krankheiten unserer Zivilisation, durch den Terrorismus usw.

Ahnst du, was die „Sünde der Welt“ bedeutet? In welchem Maße hast du dich daran beteiligt?

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 351-353)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.