Was ist mit unzüchtigen Träumen?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 290 klicks

Ich weiss es nicht, wie es anderen geht, aber meine Träume sind oft sehr schmutzig. Manchmal passiert es so, dass ich übertriebene Symbole von Organen überall sehe, beschreiben will ich nicht, wie es nicht für die Öffentlichkeit ist. Es genügt zu sagen, dass es schrecklich ist, übervoll von Phantasie vermischt mit der wirklichen Welt und mit  Gespenstern, die Angst machen, und die ich weder im Film gesehen nocht etwas Derartiges gehört habe.

Einmal machte ich mit einer Gruppe von Studenten Exerzitien. Ich glaubte danach, ein besseres spirituelles Leben anzufangen. Aber es passiert, dass ich im Traum unzüchtige Handlungen ausführe. Einige stehen im Zusammenhang mit meinen früheren Sünden. Manchmal bedeuten sie eine starke Versuchung, und ich fürchte sie. Aber die Sehnsucht nach diesem Genuss ist dermaßen stark, dass ich im Traum dem Zauber dieser Genüsse unterlege. Ich bin in meinem Herzen der Sünde bewusst, aber ich will sie. Und wie soll ich mich ausdrücken? Beim Aufwachen ertappe ich mich oft bei einer physischen  unzüchtigen Handlung. In diesem Moment habe ich keinen Mut, auf den Genuss zu verzichten.

Manchmal weiss ich nicht, ob ich schlafe oder wach bin. Das Böse geschieht in diesem eigenartigen Zustand. Und so bin ich ganz schmutzig, sündig und jämmerlich. Kein Mensch ahnt, wie sehr mich das quält. Niemand kennt meine innere Quall. Man glaubt ich sei ein guter junger Mann. Und ich möchte es sein. Aber wie soll ich mich aus diesem Zustand befreien?

Student M. S.

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Du hast ausschließlich die dunkle Seite deiner Träume beschrieben. Es existieren bestimmt helle und graue Momente, wie bei jedem anderen. Du bist jung. Die Jugendzeit ist den Frühlingsstürmen, den Sommerhurrikanen, den Wolkenausbrüchen und schweren Gewittern ausgesetzt, was eine Verwüstung hinterlässt: zerstörte Häuser, umgekippte Bäume und vernichtete Frühlingsernte. Das Leben im bewussten Zustand und das Leben im Traum stehen nicht selten im Gegensatz zueinander: das Leben des Guten und des Bösen, des Lichtes und der Finsternis, des Anstandes und der Unehrlichkeit, der Reinheit und der Unzucht, der Disziplin und der Zügellosigkeit, des reinen und des befleckten Herzens. Ich würde sagen, dass wir uns innerhalb der Schwarz-weisstechnik befinden. Aber das Leben ist nicht nur hell und dunkel, sondern es ereignet sich irgendwo in der Mitte, und die Extreme sind seltener.

Wir müssen den Kampf aufnehmen, sogar im Traum, mit der Absicht, im Licht zu bleiben, d.h. in Gott: „Mein Herz grübelt bei Nacht, ich sinne nach, es forscht mein Geist“ (Ps 77, 7).

„Ich bin erschöpft vom Seufzen, jede Nacht benetzen Ströme von Tränen mein Bett“ (Ps 6, 7). Der Mensch ruft zu Gott auch im Traum: „Prüfst du mein Herz, suchst du mich heim in der Nacht und erprobst mich, dann findest du an mir kein Unrecht“ (Ps 17, 3). „Denn deine Hand lag schwer auf mir bei Tag und bei Nacht“ (Ps 32, 4).

Wie soll man sein unreines Herz reinigen? Kann man das?

Man muss den folgenden Weg einschlagen: die wahre Diagnose stellen und die Verworrenheit der inneren „Sprache“ deiner Träume entflechten, und sie dann deinem konkreten spirituellen Leben gegenüber stellen. Auf welcher Stufe befindest du dich? Auf der „ersten“, d.h. in der Anstrengung, dich von deinen willentlichen schweren Verfehlungen zu befreien. Auf der „zweiten“, d.h. nachdem du dich von schweren Sünden befreit hast, befindest du dich in der Phase der ernsthaften Einübung der menschlichen und christlichen Tugenden? Schließlich handelt es sich auch um einen „Zwischenzustand“, der weder Traum noch Wirklichkeit ist, sondern ein Übergangszustand, wie eine Brücke zum Traum hin oder eine Straße, auf der der Traum verlassen wird. Gehen wir der Reihe nach vor!

Was die Richtigkeit der Diagnose und die Verworrenheit der Sprache deiner Träume betrifft, muss man zunächst die Kriterien der Beurteilung festlegen. Es behaupten nicht nur Psychoanalytiker (Freud, Jung, Hall), sondern scharfsinnige Geister seit ältesten Zeiten, dass die Träume ein „Teil von uns selbst“ sind. Deshalb haben sie großes Gewicht für die persönliche spirituelle Reife. Sie nicht zu berücksichtigen und außer Acht zu lassen, würde bedeuten, vor sich selbst die Augen zu verschließen und einen wichtigen, manchmal entscheidenden, Aspekt unserer eigenen Erziehung zu vernachlässigen. Die Alten haben in den Träumen ein besonderes Zeichen der Güte Gottes gesehen, weil in ihnen Gott ziemlich deutlich spricht, wie einer ist, wie er nicht sein soll und wie er sein soll. Den Menschen, der sieben Nächte lang nichts geträumt hat, betrachteten die Juden als böse. Und der Grund dafür: ein solcher Mensch wurde von Gott verlassen.

Außerdem, muss man die Sprache der Träume entziffern. Der Traum und die Wirklichkeit sind zwei Zustände, in denen sich unser Leben ereignet. Sie sind nicht gegensätzlich, sondern bilden eine Einheit. Und die symbolische Sprache der Träume ist origineller: der Geist, der Wille und das Gedächtnis sind befreit, sie sind nicht belastet wie im wachen Zustand. Diese Sprache muss man entziffern, sonst bleibt sie toter Buchstabe. Und die Sprache der Träume ist weder ganz objektiv noch ganz subjektiv. Sie bezieht sich auf die Wirklichkeit, die, obwohl sie persönlich ist, die Person übersteigt, und wird außerhalb von Zeit und Raum erfahren; sie verbindet das Vergangene mit dem Gegenwärtigen und Zukünftigen. Die Sprache der Träume muss immer innerhalb der eigenen Biographie und nicht außerhalb von ihr gelesen werden, weil es sich um Botschaften handelt, an denen du Anteil hast, oder sie beziehen sich unmittelbar auf dich.

Die indische Philosophie unterscheidet drei Mächte, die im Trum wirken. Wenn die „dunkle Macht“ am Werk ist, sind die Träume schmutzig und furchterregend. Sie sind Frucht der Unruhe, des Zweifels, der Angst, der Beklommenheit, der Verzweifelung, der Unzucht, des Neids, der Hochmut usw. Wenn die „Leidenschaften“ wirken, ist die Sprache rätselhaft und verworren. Sie ist die Frucht eines zerstreuten Wesens, in dem das äußere und das innere „ich“ und „es“nicht in Einklang stehen. Wenn in den Träumen das „Gute“ überwiegt, sind sie unmittelbar verständlich, und sie sind die Frucht des klugen und reinen Geistes, der in das Unterbewusstsein und in die zwischenmenschlichen Beziehungen eindringt. Die gleichen Mächte, die im Traum wirken, wirken auch im wachen Zustand, und so beeinflusst das konkrete Leben die Träume und die Träume das konkrete Leben.

Christliche geistliche Autoren meinen, dass sich auf die Träume insbesondere auswirken: Eßgier (wir können hinzufügen: Alkochol und Drogen), Unzucht in jeder Form und die Härte des Herzens. Deshalb kannst du dich am besten von unreinen Träumen befreien, nachdem sie dir bewusst geworden sind, indem du sie als finsteres, vermummtes, entstelltes, nicht zulässiges Antlitz deiner Seele betrachtest. Und der Schluss ist: du musst deinen Geist reinigen, dein Herz und besonders deinen Leib, den Gott in voller Harmonie geschaffen hat, aber durch den Fall des Menschen in die Sünde ist es aller möglichen Unordnung ausgesetzt.

Nun, die Träume muss man mit Hilfe der Träume selbst heilen, indem man sein Gedächtnis (das in den Träumen die größte Rolle spielt!) mit positiven, reinen, hellen und erhabenen Inhalten füllt. Man muss sich selbst mit den Inhalten des Friedens, der Vergebung, der reinen Freude, der Großherzigkeit, der erhabenen Schönheit beschäftigen; man muss lernen, in der Gegenwart Jesu zu leben – des größten Freundes – und seine Art nachfolgen; man muss den eigenen Leib als den Tempel des Heiligen Geiste betrachten. Und dann sich bemühen, in der Familienwärme mit Maria zu leben, mit den Heiligen, mit dem Schutzengel, besonders unmittelbar vor dem Schlafengehen: sich zwingen, sich mit ihnen zu unterhalten.

Auf diese Weise vertiefst du den Dialog zwischen dem Bewussten und Unbewussten in sich. Die Träume bieten dir die Möglichkeit, dich selbst, deine inneren Entscheidungen, Sehnsüchte, Handlungen besser zu begreifen, indem sie dir den unbewussten Hintergrund von allem entdecken. Dadurch bewegt dich das unbewusste Negative und öffnet dich für das Bessere, das Erhabenere. So werden die Träume für dich zur Offenbarung Gottes: wie du mit dir selbst umgehen sollst, auch auf dem gesellschaftlichen Plan, bei der Suche nach deiner wahren Berufung.

Wir haben gesagt: die Träume stellen dich deinem konkreten geistlichen Leben gegenüber. Gute Träume spornen dich dazu an, ein neues Leben anzufangen, es zu verwandeln, im Lichte der nächtlichen Offenbarungen zu unterscheiden, was du am Tag tun sollst, und man soll sich mit der Gnade Gottes bemühen, das zu „verwirklichen“ auch in der Nacht. Böse Träume, und du sagst, dass sie bei dir überwiegen, obwohl sie dich psychisch schwer belasten, können in deinem Gewissen keine Sünde bedeuten, weil sie sich nicht im wachen Zustand ereignen: weder die „Sehnsucht nach diesen Genüssen“, noch „unsittliche Handlungen“, noch die Sünde, die du „im Traum akzeptierst“. Bei dir ist der Spalt zwischen dem Traum  und der Wirklichkeit ziemlich deutlich, zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten, zwischen deinem guten positiven Willen im wachen Zustand und dem verdeckten bösen Willen, zwischen dem Instinkt und der Disziplin. Dämonische Träume verursacht der böse Geist, der Versucher. Und wenn im Traum den Versuchungen nachgegeben wird, zeigen die Träume jenes Übel, das in Wirklichkeit noch nicht besiegt ist. Wenn nun im Traum die Versuchung besiegt wird, bringt der Sieg den inneren Frieden, Freude und Verwandlung mit sich.

Zum Schluss sagen wir ein Wort darüber, was sich im Zustand zwischen dem Truam und der Wirklichkeit ereignet. In diesem Zustand kommen die Leiblichkeit und das Materielle mehr zum Ausdruck, und sie möchten dominieren, und das Bewusstsein ist noch nicht genügend ausgeprägt, wie auch der freie Wille sich noch nicht (Zustimmung) im Besitz seiner Mächte befindet. Es ist trotzdem klug, auch in dieser Hinsicht ganz offen und ehrlich dem Beichtvater und dem geistlichen Führer gegenüber zu sein.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 358-360)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.