Was ist Rio+20?

Interview mit Erzbischof Chullikatt über die Konferenz der Vereinten Nationen über Nachhaltige Entwicklung

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ROM, 9. Juli 2012 (ZENIT.org). - Francis Assisi Chullikatt, indischer Erzbischof und vatikanischer Diplomat, wurde am 17. Juli 2010 von Papst Benedikt XVI. zum Apostolischen Nuntius (Ständiger Beobachter) bei den Vereinten Nationen in New York ernannt. Er trat die Nachfolge von Erzbischof Celestino Migliore an. ZENIT erklärt er, worum es sich bei „Rio+20“ handelt.

ZENIT: Was ist Rio+20?

Chullikatt: Es ist der abgekürzte Name für die Konferenz der Vereinten Nationen über Nachhaltige Entwicklung, die in Rio de Janeiro (Brasilien) vom 20. zum 22. Juni 2012 stattgefunden hat. Das ist genau zwanzig Jahre nach der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED, United Nations Conference on Environment and Development) von 1992, die ebenfalls in Rio de Janeiro stattfand (der sogenannte „Erdgipfel”). Ziel von Rio+20 ist es gewesen, eine wirklich nachhaltige soziale, wirtschaftliche und umweltverträgliche Entwicklung zu fördern, zugunsten unseres Planeten und der lebenden und zukünftigen Generationen.

ZENIT: Wie war die Konferenz organisiert?

Chullikatt: Im Rahmen des Systems der Vereinten Nationen und gemäß den Resolutionen 64/236 und 66/197 der UN-Generalversammlung, war sie als eine UN-Konferenz gedacht, die politische Führungskräfte aus aller Welt zusammenführen sollte, gemeinsam mit Tausenden von Regierungsmitgliedern, mit dem Ziel, Armut zu reduzieren, soziale Gerechtigkeit zu fördern und Umweltschutz zu sichern. An der Konferenz haben viele Staats- und Regierungschefs teilgenommen, außerdem verschiedene zwischenstaatliche Organisationen, so z.B. die Europäische Union, die Afrikanische Union, der Bund Lateinamerikanischer Staaten, der Privatsektor und zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, darunter auch verschiedene katholische NGOs, die in der Zivilgesellschaft tätig sind, sowohl in Brasilien als auch weltweit, mit dem Heiligen Stuhl in Verbindung stehen und auf der Basisebene mit notleidenden Gemeinden zusammenarbeiten.

Vor der Eröffnung der Konferenz hatte es drei organisatorische Vortreffen gegeben, außerdem eine Reihe informeller Begegnungen, in deren Rahmen die Abschlusserklärung besprochen und ausgearbeitet wurde (A/CONF.216/L.1, datiert 19. Juni 2012).

ZENIT: Wie ist die Abschlusserklärung geartet und strukturiert und welche Themen behandelt sie?

Chullikatt: Die Abschlusserklärung wurde offiziell am Freitagabend, den 22. Juni 2012, angenommen. Es handelt sich um ein nichtbindendes Dokument mit dem Titel „The Future We Want“ (Die Zukunft, die wir wollen). Es ist 49 Seiten lang, enthält 283 Absätze und gliedert sich in sechs Abschnitte. Abschnitt I: Unsere gemeinsame Vision; Abschnitt II: Die Erneuerung des politischen Engagements; Abschnitt III: Green Economy, nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung; Abschnitt IV: Der institutionelle Rahmen für nachhaltige Entwicklung; Abschnitt V: Rahmenbedingungen für Aktion und Überwachung; VI: Mittel zur Umsetzung. Rio+20 hat sich mit all diesen Themen beschäftigt und verschiedene Schwerpunkte gesetzt, darunter menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Energie, nachhaltige Stadtentwicklung, Sicherung und nachhaltige Landwirtschaft, Wasser, Ozeane und Einsatzbereitschaft im Fall von Naturkatastrophen.

ZENIT: Wie steht der Heilige Stuhl zu diesen Themen?

Chullikatt: Der Heilige Stuhl hat seine Prioritäten für die Rio+20-Konferenz in zwei „Stellungnahmen“ bekanntgegeben, die dem ersten und dritten Vorbereitungskomitee der Konferenz zur Begutachtung vorgelegt wurden: Gutachten 1; Gutachten 2.

Zusätzlich hat der Heilige Stuhl seine Vision von nachhaltiger Entwicklung auf einer Parallelveranstaltung dargelegt, die während der Konferenz stattgefunden hat, und auch in seiner offiziellen Ansprache vor der Vollversammlung der Konferenz: Statement 1; Statement 2;

ZENIT: Welches sind die wichtigsten Themen, die der Heilige Stuhl angesprochen hat?

Chullikatt: „Die Zentralität des Menschen in der nachhaltigen Entwicklung“

Der Heilige Stuhl hat die zahlreichen Bedrohungen erwähnt, die auf der menschlichen Familie und ihrem irdischen Zuhause lasten, und betont, dass der Mensch im Mittelpunkt der Schöpfung steht, daher auch im Zentrum jeder nachhaltigen Entwicklung. Auf diese Weise hat der Heilige Stuhl den ersten Grundsatz der Erklärung von Rio 1992 über Umwelt und Entwicklung wiederaufgegriffen.

Das Recht jedes Menschen auf Wasser und sanitäre Anlagen, Nahrung und elementare Gesundheitspflege, ist eng mit dem Recht auf Leben und persönliche Weiterentwicklung verbunden. Diese Rechte sollen der menschlichen Person und der Familie dienen.

„Die Notwendigkeit einer tiefen und weitsichtigen Revision unseres Entwicklungskonzepts“

In diesem Sinn umfassen die Schlüsselgrundsätze, an denen nachhaltige Entwicklung sich orientieren muss, u.a. Verantwortung, Pflege und Anteilnahme am gemeinsamen Besitz, Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen, eine weltweite Solidarität, welche die Einheit der menschlichen Familie anerkennt, Erhaltung der Schöpfung verbunden mit intergenerationeller Gerechtigkeit und Solidarität, weltweite Verteilung der Erzeugnisse menschlichen Schaffens und, schließlich, Unterstützung der öffentlichen Institutionen, von der Lokalebene bis zu den höchsten Ämtern, damit diese sich auf wirksame Weise für die Entwicklung jedes Menschen und jeder Familie, für Schutz der Ressourcen und Verwertung des Allgemeinbesitzes einsetzen können.

Wenn diese Grundsätze auf einer internationalen Ebene umgesetzt werden, besonders mit Bezug auf den Transfer von Technik zu den Entwicklungsländern, die Förderung eines gerechteren globalen Wirtschaftssystems und zunehmende Entwicklungshilfe, dann sollten die Achtung der Menschenwürde, ganzheitliche menschliche Entfaltung, Familie, Achtung vor dem Allgemeingut, Solidarität und Umweltschutz im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Entscheidungen stehen.

„Die Notwendigkeit eines ganzheitlich-menschlichen Entwicklungsmodells mit ethischenDimensionen“

Die anhaltende Wirtschaftskrise ist auch Ausdruck einer moralischen und kulturellen Krise. Zugegeben, es ist eine schwere Herausforderung, von einem rein auf Technik fixierten Entwicklungsmodell auf ein ganzheitlich-menschliches Modell zu wechseln, das die Würde der menschlichen Person und ihre elementarste soziale Dimension – die Familie – zum Ausgangspunkt nimmt. Im Endeffekt geht es um Menschen, die damit beauftragt sind, die Natur zu verwalten; aber wie alle menschlichen Dinge besitzt auch diese Verwaltungsaufgabe notwendigerweise eine ethische Dimension.

„Green Economy, Menschenrechte, ganzheitlich-menschliche Entwicklung und Familie“

Die Konferenz hat versucht, den Begriff der sogenannten „Green Economy“ als Begegnung von Umwelt und Entwicklung zu deuten. Eine beträchtliche Anzahl von Entwicklungsländern, besonders in Afrika, haben sich gegenüber der sogenannten „umweltfreundlichen grünen Wirtschaftspolitik“ skeptisch gezeigt und auf die Herausforderungen hingewiesen, die eine solche Politik an Länder stellt, die keinen Zugang zu umweltverträglichen Energiequellen und moderner Technik haben. Sie haben gefordert, dass eine solche Politik von einer stärkeren und besser koordinierten Hilfe seitens der entwickelten Länder begleitet werde. Diese Entwicklungsländer haben Bildung von Kompetenzen, Techniktransfer und finanzielle Unterstützung verlangt, um die Kluft zwischen Entwicklungsländern und schon entwickelten Ländern zu schließen.

Und schließlich muss eine „grüne Wirtschaft“, um erfolgreich zu sein, auf breiter Ebene eingesetzt werden, d.h. auf die Förderung des Allgemeinwohls und die Bekämpfung von Armut auf lokaler Ebene ausgerichtet sein. Nur so kann nachhaltige Entwicklung entstehen. Anders ausgedrückt: wir müssen ein Bündnis zwischen Umwelt und Entwicklung gründen, von dem jeder einzelne Mensch profitieren soll. Deshalb hat der Heilige Stuhl, um die „Green Economy“ in die richtige Perspektive zu rücken, betont, dass dieses Wirtschaftsmodell in den Grundsätzen verankert werden muss, welche eine ganzheitliche menschliche Entfaltung gewährleisten: Achtung vor jeder menschlichen Person und vor der Familie, dem elementaren Baustein der Gesellschaft, deren Fundament die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau ist (vgl. UDHR, Art. 16, ICCPR, Art. 23, ICESCR, Art. 10).

[Teil II des Interviews folgt am Dienstag, dem 10. Juli]

[Übersetzung des englischen Originals von Alexander Wagensommer]