Was ist Rio+20?

Interview mit Erzbischof Chullikatt über die Konferenz der Vereinten Nationen über Nachhaltige Entwicklung

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ROM, 10. Juli 2012 (ZENIT.org). - Francis Assisi Chullikatt, indischer Erzbischof und vatikanischer Diplomat, wurde am 17. Juli 2010 von Papst Benedikt XVI. zum Apostolischen Nuntius (Ständiger Beobachter) bei den Vereinten Nationen in New York ernannt. Er trat die Nachfolge von Erzbischof Celestino Migliore an. ZENIT erklärt er, worum es sich bei „Rio+20“ handelt.

[Teil I finden Sie hier]

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ZENIT: Wie relevant ist die Familie für ein nachhaltiges Entwicklungsmodell?

Chullikatt: Im Schoß der Familie beginnen das Leben und die Entwicklung jedes Menschen und hier werden die Kinder zum ersten Mal dazu erzogen, ihren Berufungen zu folgen und ein moralisch korrektes Leben zu führen, was auch die Übernahme von Verantwortung und Solidarität mit der ganzen Schöpfung voraussetzt. Die Einzigartigkeit der Institution Familie, die gesetzliche Verpflichtung, sie zu schützen, und ihre Bedeutung für nachhaltige Entwicklung, Armutsbekämpfung und Green Economy kann man wie folgt zusammenfassen:

„Die Familie ist eine Solidaritätsgemeinschaft“

Die Familie ist eine Gemeinschaft der Liebe, Harmonie und Solidarität, die auf dem anhaltenden Band zwischen Mann und Frau begründet ist; ein Band, das von Natur aus dafür geschaffen ist, Kinder in die Welt zu setzen und ihnen die gegenseitige Achtung, die Verschiedenheit und Komplementarität der Geschlechter beizubringen und kulturelle, ethische, soziale, geistige und religiöse Werte zu vermitteln, die für die Entwicklung und das Wohlbefinden der Kinder und den Aufbau weiterer gesellschaftlicher Beziehungen lebenswichtig sind.

„Die Familie ist eine einzigartige gesellschaftliche Institution“

Die Familie ist eine unwiederholbare gesellschaftliche Institution, die ihren Mitgliedern ein Gefühl für ihre angeborene Menschenwürde vermittelt, aus der alle Rechte und Pflichten folgen. Sie prägt das Selbstbild ihrer Angehörigen, das wiederum in einer harmonisch entfalteten Persönlichkeit Ausdruck findet, die sich schrittweise herausbildet und zu einem freien und verantwortungsbewussten Leben in der Gesellschaft führt.

„Die Beziehungen zwischen den Generationen bereichern die Familie“

Die Familie erhält eine Bereicherung und Erweiterung durch die Solidarität zwischen den Generationen und die Vermittlung von Werten von einer Generation zur anderen und innerhalb derselben Generation. Dadurch wachsen ihre Mitglieder in menschlicher Weisheit und erlernen Werte wie nachhaltiges Umweltmanagement und weltweite Bestimmung der Güter, wobei klar bleiben muss, dass die angeborene Würde eines jeden Menschen nicht zugunsten des Umweltschutzes verletzt werden darf.

„Die Familie ist ein wichtiger Baustein des Friedens“

Die Familie hilft mit, den Weltfrieden zu errichten, weil dieselbe Liebe, welche ihre Mitglieder verbindet und die Einheit und Harmonie in der Familie sichert, notwendig ist, um den Frieden in der Gesellschaft zu festigen.

„Die Familie ist eine wirtschaftliche Einheit“

Die Familie ist eine Grundzelle der Wirtschaft, weil sie menschliches Kapital schafft und formt und Arbeiter, Verbraucher und Dienstleister liefert, mit besonderer Rücksicht für seine schwächeren Mitglieder.

Es ist sehr traurig, dass die hier geschilderte Rolle der Familie von der Abschlusserklärung der Konferenz nicht genügend zur Kenntnis genommen wurde, trotz der wiederholten Aufforderungen der Delegation des Heiligen Stuhls.

ZENIT: Was ist, im Kern, Ihre Meinung über die Abschlusserklärung?

Chullikatt: Die Abschlusserklärung ist das Ergebnis einer komplexen Reihe von multilateralen Verhandlungen, die sich über fast ein Jahr hingezogen haben. Sie ist kein vollkommenes Dokument. Trotzdem können die Staaten, wenn der erforderliche politische Wille da ist und die angemessenen Maßnahmen strikt umgesetzt werden, sie nutzbringend anwenden.

Die Verhandlungen für die Abschlusserklärung der Konferenz der Vereinten Nationen über Nachhaltige Entwicklung haben dem Heiligen Stuhl und allen Mitgliedern der katholischen Kirche eine einmalige Gelegenheit gegeben, sich in Rio zu treffen, um eine Botschaft für die Weltgemeinde zu verfassen: dass man von einem Solidaritätsbegriff, der seine Wurzeln im Eigennutz oder in der Sentimentalität hat, wegkommen muss, zugunsten eines neuen Begriffes, der auf echter Nächstenliebe für unsere Brüder und Schwestern in der Welt fußt.

Die Verhandlungen sind in manchen Abschnitten der Abschlusserklärung nur schleppend weitergekommen, wenn tiefe Spannungen über internationale wirtschaftliche und finanzielle Gegebenheiten zutage traten. Ungleichheiten zwischen den Weltregionen, besonders in Afrika, haben manche Delegationen, besonders die aus den stärker entwickelten Ländern, unter Druck gesetzt, ihre Solidarität konkret zu beweisen, indem sie sich verpflichten, auf realistische Weise gegen Armut und Lebensmittelknappheit zu kämpfen, welche schwere Hindernisse für die Entwicklung eines Landes darstellen.

Die Abschlusserklärung hätte Maßnahmen vorsehen müssen, um angemessene Technik auf der Lokalebene zu transferieren, um einen gerechteren Globalmarkt zu fördern, um gemachte Zusagen einhalten zu lassen und um neue Wege zu finden, Menschenwürde, Allgemeingut und Erhaltung der Schöpfung zum Mittelpunkt des wirtschaftlichen Lebens zu machen.

Außerdem bleiben Unklarheiten in Hinblick auf die Bedeutung und Anwendung gewisser Begriffe. Während ein Konzept wie „Green Economy“ neue Wege zu einem besseren Umweltschutz eröffnen kann, müssen wir uns auch bewusst sein, dass technische Lösungen ohne gerechte, ethisch verantwortliche Überlegungen und Einbeziehung lokaler Gemeinden den Armen nicht helfen werden.

Wer die Abschlusserklärung von Rio+20 anwendet, muss das Wohlergehen der menschlichen Person in den Mittelpunkt seiner Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung stellen. Ein solcher Denkansatz wird unter anderem verhindern, dass sich vereinfachende und unfruchtbare neo-malthusianische Vorstellungen durchsetzen, die menschliche Wesen als ein Hindernis für die Entwicklung betrachten; eine kranke Einstellung, die manche Delegationen von höher entwickelten Ländern versucht haben, in die Abschlusserklärung einfließen zu lassen.

Es gibt keinen Konflikt zwischen Menschen und Entwicklung. Um Hunger und Armut zu besiegen, müssen wir müssen wir den Menschen mehr Mittel zur Verfügung stellen. Wir müssen Einzelne und ganze Nationen dazu ermutigen, ihre eigene Zukunft zu gestalten, die Zukunft, die sie brauchen, im Einklang mit ihrer Menschenwürde, ihren religiösen Vorstellungen, ihrer Kultur und ihren Traditionen.

Leider haben manche Delegationen die zweifelhafte Notion von „sexuellen und familienplanerischen Rechten“ verfochten. Zum Glück taucht dieser Begriff in der Abschlusserklärung nicht auf. Diese Einstellung zur nachhaltigen Entwicklung hätte den ersten Grundsatz von Rio untergraben, nämlich, dass der Mensch im Mittelpunkt einer nachhaltigen Entwicklung stehen muss. Jeder Mensch hat seine Daseinsberechtigung in sich selbst, und eine nachhaltige Entwicklung ist das Mittel, diese Berechtigung zu unterstützen. Jede lebensfeindliche Politik ist Anti-Entwicklung. Jede Politik, die Abtreibung und Empfängnisverhütung befürwortet, greift das Recht auf Leben in seinem höchsten Heiligtum, im Mutterleib an, und gefährdet die Gesundheit der Frau. Im Endeffekt dient eine solche Politik nicht der Gesundheit, den Kindern, ihren Müttern oder Familien, sondern läuft auf eine Gewalttat gegen Frauen, Kinder und Familien hinaus.

Der Heilige Stuhl hat eine Stellungnahme abgegeben, in der auf vage und zweideutige Begriffe hingewiesen wird, die in der Abschlusserklärung enthalten sind. So sollte z.B. der Begriff „sexuelle und reproduktive Gesundheit“, der sich im Dokument findet, auf eine ganzheitliche Auffassung von Gesundheit angewandt werden, die den Menschen in der Gesamtheit seiner Person, Geist und Körper, umfasst und sich das Erreichen seiner persönlichen Reife in Sexualität, gegenseitiger Liebe und dem Treffen gemeinschaftlicher Entscheidungen zum Ziel setzt. Dies alles kennzeichnet die eheliche Beziehung, die im Einklang mit den Gesetzen der natürlichen Moralordnung steht.

Auch ist es schade, dass die Abschlusserklärung dieser Konferenz die grundlegende Rolle außer Acht gelassen hat, die religiöse Organisationen in der Förderung nachhaltiger Entwicklung spielen. Religiöse Institutionen, so wie jene der katholischen Kirche, spielen eine wichtige Rolle in der Erziehung der Menschen zur Nächstenliebe und zur Solidarität mit den Armen. Außerdem vermitteln diese Institutionen Millionen von Kindern weltweit eine Schulausbildung, damit sie zu produktiven und verantwortungsbewussten Mitgliedern der Gesellschaft werden und ihre Länder führen können. Religiöse Organisationen leben oft die Solidarität mit den Schwächeren vor und verleihen ihnen eine Stimme. Wenn man es versäumt, religiöse Institutionen in der Planung einer menschbezogenen nachhaltigen Entwicklung einzubeziehen, übersieht man die wahre Natur der Menschen und die zutiefst geistliche Dimension des Einzelnen und der Gesellschaft.

Es ist auch wichtig, zu verstehen, dass die ärmeren Entwicklungsländer mit viel Erwartungen zu dieser Konferenz gekommen sind. Sie haben von ihren Brüdern und Schwestern der höher entwickelten Länder Unterstützung, Solidarität und Erfahrungsvermittlung erwartet, besonders im sozialen, finanziellen und wirtschaftlichen Bereich. Viele sind enttäuscht, dass die Abschlusserklärung der Konferenz sie nicht genügend anspricht. Die Regierungen müssen ihre Versprechen einhalten, sonst wird eine bessere und reichere Zukunft für die Schwächeren dieser Welt immer ein ferner Traum bleiben.

Zusammenfassend: Neue Entwicklungsmodelle, die aus dieser Konferenz entspringen, müssen Achtung vor der menschlichen Person zeigen und eine gerechtere und solidarischere internationale Gesellschaft schaffen. Außerdem sollten solche Modelle sich von den Prinzipien leiten lassen, die ich im Zusammenhang mit der Stellungnahme des Heiligen Stuhls erläutert habe. Natürlich ist eine politische Debatte nötig, aber der Wille, in Solidarität mit unseren Brüdern und Schwestern auf der Welt zu leben und zusammenzuarbeiten ist das Wichtigste, damit eine nachhaltige Entwicklung nicht für immer ein ferner und unwirklicher Traum bleibt. Die Welt hat sich seit der ersten Rio-Konferenz sehr verändert, aber trotz all Fortschritts gehen viel zu viele Kinder ohne Essen aus, viel zu viele Familien sehen hilflos zu, wie ihre Häuser und Gemeinden von menschen gemachten Katastrophen zerstört werden und viel zu viele Menschen sind deprimiert, enttäuscht und desillusioniert. Es ist an der Zeit, dass die Regierungen erkennen, dass nachhaltige Entwicklung beim Menschen und seiner Familie beginnt. Dies ist der Weg, um die Zukunft zu errichten, die wir brauchen. Dies ist der Weg zu echtem Fortschritt. Dies ist der Weg zu einer gerechteren und besseren Welt für alle.

[Übersetzung des englischen Originals von Alexander Wagensommer]