Was ist "sittliches Gewissen" ?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 2185 klicks

Du wirst deine Taten verantworten müssen, die du nach deinem Gewissen oder gegen dein Gewissen getan hast. Jeder hat sein eigenes Gewissen. Hast du vielleicht ein unsauberes Gewissen? Mein Gewissen ist rein. Derjenige hat kein Gewissen!

Das sind Ausdrücke, die wir täglich hören, aber es sind, glaube ich, wenige, die ihren tiefen Sinn verstehen. Ich bin auch nicht unter ihnen. Was ist Gewissen?

Können Sie mir helfen, dass ich etwas mehr von dieser Wirklichkeit verstehe, auf die ich ständig höre, aber ich sehe sie und ich taste sie nicht? Viele Male erschrecke ich davor. Das Gewissen befindet sich in mir, und ich kann es nicht fassen, es läuft vor mir weg, und zur gleichen Zeit überwacht es mich streng?

Mislav

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Du fragst mich über ein großes Geheimnis des Menschen. In uns gibt es eine geheimnisvolle Stimme. Sie spricht zu uns, leitet uns, ermahnt uns, lobt und tadelt uns. Wir sagen, dass es die Stimme des Gewissens sei. Das Gewissen stimmt mir zu. Das Gewissen plagt mich. Ich habe ein ruhiges, ein unruhiges, klares, konfuses, elendes, zertretenes, zärtliches, hartnäckiges, wahres, lügenhaftes Gewissen usw.

Das Wort „Gewissen“ hat in manchen Sprachen mehrere Bedeutungen. Es ist nicht die Rede vom vertraulichen Wissen, das der Mensch über sich selber hat. Das wäre „Bewusstsein“; manche nennen es „psychologisches Gewissen“; noch nicht auch sittliches. Es ist auch nicht die Rede vom Gefühl, das wir von gewissen Werten haben, wenn wir sagen, dass es uns „bewusst ist...“. Hier ist die Rede von der intuitiven Fähigkeit, mit der wir unmittelbar uns selbst erkennen und beurteilen, unsere Standpunkte, beabsichtigte und vollendete Taten. Mehr als theoretisches Wissen über das sittliche Gute und Böse, ist das praktisches Urteil, das uns bestätigt, dass etwas für uns gut oder schlecht ist, oder, dass etwas für mich gut oder schlecht war.

Alle Menschen, ob sie an Gott glauben oder nicht, kennen das Gewissen, das die innere zentrale menschliche Wirklichkeit zum Ausdruck bringt. Primitive Kulturen kennen zwar diesen Begriff „Gewissen“ nicht, aber sie kennen gut jene geheimnisvolle Wirklichkeit, die verblüfft, vorschreibt, befiehlt, Angst macht. Höhere Kulturen sprechen vom „Herzen“ als Gewissen. In Ägypten, im 15. Jahrhundert vor Christus, befinden sich Notizen wie: „mein Herz befiehlt mir, so zu handeln“, „das Herz ist mir Zeuge“, „das Herz tadelt mich“... Am Grabdenkmal des Priesters Petosiris in Hermapolis, 400 Jahre vor Christus, wurde diese Denkschrift gefunden: „ich bin in dieser ewigen Stadt (im ewigen Leben) angekommen, weil ich auf der Erde Gutes tat, weil mein Herz Gotteswege gegangen ist von meiner Jugend an bis zum heutigen Tag. Ich tat Gerechtigkeit und hasste die Ungerechtigkeit.“ Bei allen diesen Völkern ist das „Herz“, d.h. Gewissen ein Begriff von tief religiöser Bedeutung.

Auch die Bibel kennt das Wort „Gewissen“ nicht. Auch nicht die Evangelien. Wiederholt wird vom „Herzen des Menschen“, vom „reinen Herz“ gesprochen. Gutes Herz schenkt Frieden und Sicherheit, böses Herz tadelt den Menschen von innen her. Lob oder Tadel überträgt sich auf den Leib, bis zu den Knochen: „Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zur Last legt und dessen Herz keine Falschheit kennt. Solang`ich es verschwieg, waren meine Glieder matt, den ganzen Tag musste ich stöhnen. Denn deine Hand lag schwer auf mir bei Tag und bei Nacht: meine Lebenskraft war verdorrt wie durch die Glut des Sommers. Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir“ (Ps 32, 2-5). Der Mensch mit schlechtem Gewissen fühlt sich verlassen, und schaut, wie er von Gott fliehen kann: „Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten“? (Ps 139, 7)

Die griechische Philosophie führt den Begriff „Gewissen“ = wissen „mit“ (mit einem anderen) ein, und dieser Begriff wird auch in der griechischen Übersetzung der Bibel dreimal vorkommen. Für Sokrates ist Gewissen innerer „Geist“, der zu ihm spricht. Platon kennt auch das positive Gewissen, das „nicht tadelt“. Xenophon, Demosthenos und Sophokles berichten vom „guten“ Gewissen, während der griechische Gedanke über Gewissen vorwiegend negativ ist: Gewissen, das ermahnt, tadelt, droht. Römische Stoiker, besonders Cicero, sehen Gewissen als „inneres ungeschriebenes Gesetz“, nach dem man weiß, was und wie man tun soll. Seneca ahnt im Kern des menschlichen Inneren den „lebendigen Geist als Zeugen“ all unserer Handlungen. Dieser Geist sitzt drin und begleitet uns. Noch mehr, der gleiche Seneca im berühmten Schreiben an Freund Lucilius spricht von Anwesenheit Gottes in unserem Gewissen: „Gott ist dir nahe, er ist mit dir, er ist in dir“. Seneca berichtet auf welche Weise der Philosoph Sextius täglich Gewissensforschung machte: „Von welchem Übel wurde heute deine Seele gesund? In welcher Hinsicht bist du besser geworden?“

Hl. Paulus, unter Einfluss der griechischen Philosophie, benützt in seinen Briefen ebenfalls den Begriff „Gewissen“. Er ist davon überzeugt, dass auch die Heiden es besitzen und mit ihrem Verstand sittliche Werte, „in ihren Herzen eingeschrieben, entdecken können. Davon zeugt ihr Gewissen“ (Röm 2, 15). Nach dem Paulus, „nach dem Gewissen handeln“ ist das gleiche wie „nach dem Glauben zu handeln“. Damit, wirklich gutes und reines Gewissen im vollen Sinne des Wortes, beginnt erst seit Christus,  mit Christus und in Christus, obwohl Christus der Herr den Begriff „Herz“ benützt und nicht „Gewissen“.

In diesem Sinne ist es wunderbar, Kirchenväter zu lesen, besonders Origenes, Hieronymus und Augustinus. Für sie bedeutet Gewissen die Fähigkeit, mit der wir das Gute vom Bösen unterscheiden, vor der Handlung, während der Handlung und nach der Handlung. Diese Fähigkeit ist angeboren, natürliche Gabe allen Menschen gegeben, ob sie gut oder böse sind. Für Origenes ist Gewissen Geist Gottes, innerer Zeuge, Zentrum und geheimnisvoller Raum unseres ganzen ethischen Lebens. Für Hieronymus ist Gewissen „Licht der Seele“, das höchste Teil des Menschen, Geist, der unseren Verstand und Gefühlsvermögen leitet; es ist einfach die Innerlichkeit des Menschen und Ursprung der Urteile über Gut und Böse. Augustinus findet im Gewissen lebendigen Gott, immer anwesend und wirkend im Inneren des Menschen, „der mir

näher ist als ich es selber bin“ (intimior intimo meo), und zur gleichen Zeit“ höher als alles, was man sich vorstellen kann“ (sumum meum), der mich liebt und mich immer zum Guten auffordert. Bei ihm ist Gewissen bekannt als „Stimme Gottes“ im Inneren des Menschen. Und, wo es Stimme gibt, gibt es auch Denjenigen, der spricht.

Im Mittelalter haben die Theologen zum Teil diese reiche innere Sicht des Gewissens verlassen und haben mehr über „Gewissensurteil“ diskutiert, das, gewiss, aus dem gleichen menschlichen Inneren hervorgeht. Hl. Thomas von Aquin, dem Aristoteles folgend, sieht Gewissen als rein intellektuelles Urteil, d.h. Urteil des Verstandes über unsere sittlichen Handlungen. Für Thomas ist Gewissen nicht gewisse Fähigkeit in uns, sondern „sittliches Urteil“, das zeugt, verbietet, spornt an, klagt an, peinigt, erhebt. Das alles geschieht in der Anwendung unserer Erkenntnis und des Wissens auf konkrete sittliche und unsittliche Taten. Deshalb sieht Thomas das Gewissen in erster Linie im Verstand, und nicht im Willen. Dem Thomas von Aquin folgen viele Philosophen und Theologen durch die Jahrhunderte hindurch, bis zu den heutigen, wie Sertillanges, Maritain und andere.

Hl. Bonaventura sieht das anderes. Gewissen ist eine gewisse intuitive Zuneigung des Menschen zum Guten und Abneigung vom Bösen; Fähigkeit oder Kraft der Seele, eine allgemein affektiv-emotionale Fähigkeit des Menschen, die ihn leitet in Hinsicht auf das Gute und Böse, und öffnet die Türe für Verständnis für andere. Es ist also mehr die Rede von der Zuneigung des Willens und der gefühlsmäßigen Dimension im Menschen als vom rein verstandesmäßigen Wirken, obwohl verstandesmäßiges Wirken auch im Bonaventuras Gedanken vom Gewissen nicht ausgeschlossen ist. Diese Linie befolgen viele und franziskanische Schulen und eine große Zahl der modernen katholischen Psychologen, wie A. Koch, I. Klug, Th. Müncker.

Das Zweite Vatikanische Konzil folgt dem Gedanken des hl. Augustinus und drückt sich so aus: „Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist... Das ist ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muss und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird“. (GS 16) Da ist das Gewissen in jenem tiefsten geheimnisvollen, heiligen, fast sakramentalen Sinn, dargestellt, was der Mensch in sich immer hat und wonach er sich  richten kann. Jeder Mensch wird nach seinem sittlichen Gewissen gerichtet, nach dieser Fähigkeit und dem Handeln des ganzen Menschen, immer in absoluter Verbindung mit Gott. Das Urteil des Gewissens offenbart sich immer als persönliche Forderung Gottes an den Menschen.

Führen wir noch die Aussage des Katechismus der Katholischen Kirche aus dem Jahre 1992 an. In der Nr. 1777 steht es: „Im Innersten des Menschen wirkt das Gewissen. Es gebietet zum gegebenen Zeitpunkt, das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen. Es urteilt auch über die konkreten Entscheidungen, indem es den guten zustimmt, die schlechten missbilligt. Es bezeugt die Wahrheit im Hinblick auf das höchste Gut, auf Gott, von dem der Mensch angezogen wird und dessen Gebote er empfängt. Wenn er auf das Gewissen hört, kann der kluge Mensch die Stimme Gottes vernehmen, die darin spricht“.

Nun, wir haben nur ein wenig das Fenster über das Gewissen geöffnet: was es ist und was es sein müsste. Wir haben das tiefe Mysterium des Menschen berührt, das auch weiterhin Geheimnis bleibt, wie auch Gott in uns Geheimnis bleibt und die Gottes Sprache in unserem Inneren, auf die wir immer hören müssen, weil sie unser erster und letzter Richter ist.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 288-290)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.