Was ist Tradition?

Konflikte sind nach der Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen vorprogrammiert

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Von Regina Einig

WÜRZBURG, 29. Januar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- In der Mehrzahl der kirchlichen Reaktionen auf die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der Priesterbruderschaft St. Pius durch das Dekret der vatikanischen Bischofskongregation vom vergangenen Samstag wird der gute Wille der Katholiken deutlich, sich weiter für die Einheit der Christen einzusetzen. Die Stimmen aus dem Reihen der Ecclesia-Dei-Gemeinschaften verdeutlichen jedoch, dass auch unter traditionsverbundenen Gläubigen viele Fragen offen bleiben. Am Sonntag ermutigte der Pfarrer der mit Rom verbunden Ecclesia-Dei-Gemeinde Saint-Severin in Paris, William-Jean de Vandière die Messbesucher, weiterhin für die Einheit der Kirche zu beten und sich der Herausforderung zu stellen, „denen, die uns nahestehen, zu vergeben". Der Zeitung „La Croix" zufolge werten in Frankreich auch langjährige Besucher der alten Messe, die sich nach dem Bruch mit den Lefebvrianern 1988 auf die Seite Roms gestellt hatten, die Aufhebung der Exkommunikaton als „Triumph des verabscheuten Integrismus".

In der Kirche der Piusbruderschaft Saint-Nicolas-du-Chardonnet in Paris goss der Obere der Piusbruderschaft in Frankreich, Abbé Régis de Cacqueray, in seiner Predigt im Hochamt Öl ins Feuer: „La Croix" zufolge erklärte der Abbé, nun sei die „Zeit gekommen, dem Papst, den Bischöfen und den Priestern zu zeigen, dass die Kirchenkrise nicht auf falsche Auslegungen des Konzils, sondern auf das Konzil selbst zurückzuführen sei. „Das Konzil muss wieder zur Diskussion gestellt werden", so de Cacqueray. Bedenken äußerte der Geistliche gegenüber dem Kollegialitätsbegriff: Die Kirche sei eine Monarchie, an deren Spitze der Papst als König stehe. Nach Angaben der Zeitung hatten die Lefebvrianer in Paris im Februar 1977 die Kirche Saint Nicolas du Chardonnet gewaltsam besetzt und Priester und Gläubige gewaltsam vertrieben.

Eine extreme Belastung für die Eingliederung der Lefebvrianer in die katholische Kirche stellt Bischof Richard Williamson (68) dar. Der gebürtige Londoner konvertierte von der anglikanischen Staatskirche zum katholischen Glauben und trat 1972 ins Priesterseminar von Ecône ein. Seit 2003 leitet er das Seminar der Priesterbruderschaft in La Reja in Argentinien. Schon vor seiner abstrusen Leugnung des Holocausts im schwedischen Fernsehen, von dem sich der deutsche Disktriktobere der Priesterbruderschaft nun ausdrücklich distanziert hat, erwarb sich Williamson den Ruf eines Gottseibeiuns. Die Priesterbruderschaft entfernte seine Rundschreiben von ihrer kanadischen Internetseite. Intern gilt er als Gegenspieler des Generaloberen der Priesterbruderschaft Bischof Bernard Fellay. Dieser hat Williamson am Dienstag „bis auf weiteres jedwede öffentliche Stellungnahme zu politischen oder historischen Fragen untersagt."

Damit allein dürfte das Problem kaum gelöst sein, denn Williamson leugnet historische Fakten auch auf der Kanzel. Aufsehen erregte eine seiner Predigten in Großbritannien über den 11. September. Unter dem Titel „Roman Catholic Bishop Richard Williamson on 9-11 being an inside job" schwadroniert Williamson auf Youtube über seine Sicht des Attentats: Der Einsturz des World Trade Centers sei keine Folge des Flugzeugangriffs gewesen, sondern „mit absoluter Sicherheit" durch eine kontrollierte Sprengung verursacht worden. Das bischöfliche Gestammel beinhaltet unter anderem die These von einem „Polizeistaat", der mit dem 11. September angeblich einen „riesigen Sprung nach vorn" gemacht habe.

Die Frage, was katholische Tradition ist, steht seit langem im Mittelpunkt der Gespräche mit der Priesterbruderschaft. Der überwältigenden Mehrheit der Katholiken stößt der anmaßende Tonfall eines Bischofs wie Williamson gegenüber romtreuen Katholiken übel auf. Williamson maßt sich quasi eine Art Deutungshoheit über die Tradition der katholischen Kirche an. Dass der Bischof den Gläubigen Schriften empfiehlt, in denen das Zweite Vatikanische Konzil „als eine erneute Kreuzigung des Herrn" dargestellt wird, ist typisch für ihn. Doch auch Aussagen wie „die falsche neue Messe ist das deutlichste Zeichen einer ganz und gar falschen neuen Religion. Früher oder später müssen beide weg", kennzeichnen das krude Kirchenbild des Bischofs, demzufolge in der Christenheit „totaler Krieg" herrscht zwischen der „wahren Religion" und der „universalen Gegenreligion, die in Rom alles unter Kontrolle hat". Williamson teilt die Auffassung seines Mitbruders Bischof Alfonso de Galarreta, Gespräche der Bruderschaft mit dem Vatikan dienten vor allem dem Ziel, „doktrinelle Einwände gegen die Zerstörung des Glaubens" in Rom präsent zu halten. Wörtlich erklärte Williamson im April 2001, die Bruderschaft „kann dankbar sein für den unfreiwilligen Schutz, mit dem Rom durch die Exkommunikation die Wahrheit versiegelt und uns zwölf Jahre lang vor der Ansteckungsgefahr durch die neue Kirche (sic) bewahrt hat".

Charakteristisch für Williamson ist die Einschätzung, der Präsident der Kommission Ecclesia Dei, Kardinal Darío Castrillon Hoyos, sei bei den Gesprächen mit der Bruderschaft vorgeschoben worden und ein „nützlicher Idiot" römischer Prälaten, die zu den Freimaurern gehörten. Letztere benutzten den Kardinal, solange er für „ihre Revolution" zweckdienlich sei.

Auch über die Tradition der Kirche vertritt der Bischof aufschlussreiche Thesen. Sie gebietet es seiner Auffassung nach, Frauen von Hochschulen fernzuhalten. Weibliche Studierende „stellen einen massiven Angriff" auf die gottgegebene Natur des Mädchens, wetterte der Bischof in einem Rundbrief vom September 2001. Jedem Katholiken, „der noch einen Hauch von Respekt vor der Tradition habe", sei dies klar. Denn wer, so der besorgte Mitraträger, könne beschwören, dass Frauen an der Uni nicht auf den Gedanken verfielen, Priester werden zu wollen? „Dass Mädchen nichts an Universitäten zu suchen haben, ergibt sich aus dem Wesen der Universität und aus der Natur der Mädchen: Richtige Universitäten sind für Gedanken da, Gedanken sind aber nichts für richtige Mädchen. Daher passen richtige Mädchen nicht an richtige Universitäten", so Williamson wörtlich. Überflüssig, zu erwähnen, dass Williamson sich in einem Internetblog gegen die Ernennung von Frauen zu Kirchenlehrerinnen ausspricht. Nicht nur weibliche Akademikerinnen, auch katholische Männervereinigungen wie die in den Vereinigten Staaten verbreiteten Kolumbusritter sind Williamson nicht geheuer. Letztere verdächtigt er der Verbindungen mit Freimaurern.

Spaltungen und Konflikte innerhalb der Priesterbruderschaft erscheinen derzeit vorprogrammiert. Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass sich Williamson an die Spitze eines radikalen, unversöhnlichen Flügels innerhalb der Priesterbruderschaft stellen wird.

Nach wie vor offen ist der künftige Rechtsstatus der Gemeinschaft. Nach Auffassung des Münchner Kirchenrechtlers Stephan Haering OSB müssen vor dieser Festlegung noch Lehrfragen geklärt werden, nicht zuletzt die Haltung der Bruderschaft zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur erklärte der Benediktiner, es sei „nicht vorstellbar", dass Benedikt XVI. die Lefebvre-Anhänger von der Zustimmung zu einzelnen Punkten entbinde. Diese müssten die ganze Lehrtradition der Kirche annehmen. Dazu gehörten auch die grundlegenden Feststellungen des jüngsten Konzils zur Gewissensfreiheit und zum Ökumenismus. Sollte die Bruderschaft bei ihrer Ablehnung bleiben, könnte es erneut zu einer Exkommunikation kommen, sagte Haering. Ein Entgegenkommen der Kirchenleitung hält der Wissenschaftler bei der Frage für möglich, ob die traditionalistischen Priester künftig auch neue Messbücher von 1970 in der Liturgie verwenden müssten. Dies sei „eine disziplinäre Frage". Der Kirchenrechtler äußerte die Vermutung, dass bei den Maßnahmen des Vatikan auch „Taktik im Spiel" sei. Durch die Aufhebung der Exkommunikation hätten die vier Bischöfe keine moralische Legitimation mehr, „weitere Bischöfe zu weihen und sich somit quasi selbst fortzupflanzen". Wenn sie nun in Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl stünden, müssten sie auch anerkennen, dass das Ernennungsrecht für die Bischöfe beim Papst liege. Dadurch könnte dieser die künftige Richtung der Bruderschaft bestimmen.

[© Die Tagespost vom 29. Januar 2009]