Was ist über biotechnologischen Fortschritt zu denken?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 430 klicks

Die Fragen wurden während einer Abhandlung mit den Studenten des bioethischen Kursus in der Spezialisation der Moraltheologie, an der Päpstlichen Universität, Gregoriana, in Rom, im November 2000, formiert.

Wir lesen, und wir müssen uns anhören, dass wir Christen für die ökologische Katastrophe unseres Planeten verantwortlich gemacht werden, weil wir Gottes Gebot falsch verstanden und angewendet haben: „Seid fruchtbar, und vermehret euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch!“ (Gen 1, 28).

Die letzten Jahrzehnte schaffen und manipulieren die Christen mit Hilfe der Biotechnologie neue Sorten von Pflanzen und Tieren, was, nach der Meinung der Umweltschützer, eine Entstellung des Jahrtausendes bedeutet.  Arbeiten wir da nicht mit dem genetischen Engineering mit, d. h. mit Forschung des menschlichen Erbfaktors? Ist das nicht alles ein Spiel mit der geschaffenen Natur, die in gewisser Weise eine „genetische Säuberung“ der Menschheit bedeutet, wodurch  morgen eine neue „gesäuberte“ Menschheit entstehen kann?

Wir fragen uns: sind diese neuen Techniken nicht alle zum Nutzen der Mächtigen dieser Welt (der Politiker, der Großhändler, der Bankiers), um immer größere Einnahmen und immer mehr Kapital zu erzielen, auf die Kosten und zum Schaden der kleinen und unterentwickelten Völker? Diese Völker (im Kontekst wurde auch die „vierte Welt“ der Armen erwähnt) erhalten nur Krümchen vom überreichen Tisch derer, die über sie herrschen. Wir werden gezwungen, die  Erzeugnisse zu kaufen und zu essen, ohne zu wissen, was wir essen. Es wird uns nicht gesagt, was sie für eigentlichen Nutzen oder Schaden für unser Leben mit sich bringen.

Über diese Fragen, sagten die Studenten, diskutieren wir oft. Es gibt welche, die kein Gehör für diese schicksalhafte Fragen haben. Ich habe inzwischen beschlossen, dass wir die Antworten, die sich anbieten, in einer einfachen Form geben. Sicher, nur einige davon  teile ich unserem Publikum mit. Es handelt sich, nämlich, um Fragen, die für die ganze Welt von Bedeutung sind, worüber auch wir in Kroatien nicht uninformiert bleiben dürfen, ich meine, von der katholischen Seite her.

N. N.

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Wir bewegen uns innerhalb von schweren neuen bioethischen Fragen. Wir berühren damit verschiedene Disziplinen: Biologie, Recht, Philosophie, Ethik, Theologie. Wir befinden uns, also, in einem interdisziplinären Bereich. Gleich am Anfang möchte ich sagen: alles, was die Biotechnologie produziert, ist weder vom Teufel noch führt es zum Untergang der Welt. Es gibt viele Elemente - wie in der Biotechnologie, so auch im genetischen Engineering, was zum Wohle der Menschheit dient; es gibt Dinge, die unkontrolliert und sündhaft betrieben werden, es gibt aber auch solche, die verantwortungsvoll und positiv durchgeführt werden. Man muss gut unterscheiden, objektiv und ehrlich sich dazu stellen. Man muss die Erzeugnisse beobachten und sie nach guten oder schlechten Folgeerscheinungen beurteilen. Hier befinden wir uns schon auf dem ethisch-moralischen Gebiet, und man muss unterscheiden, von welchen Kriterien sich die Wissenschaftler in ihrer Forschung, Versuchen und Prozessen leiten lassen. Auf alle Fälle, ist dieser Bereich voll von Risiken, von noch nicht untersuchten Folgeerscheinungen, weil nicht in jeder Hinsicht klare Informationen existieren. Wenn die Rede von einem neuen durch Biotechnologie hervorgebrachten Nahrungsmittelerzeugnis (pflanzlich und tierisch) ist, muss kontrolliert werden, wie es sich auf uns Menschen-Verbraucher, auf unsere Gesundheit allgemein, und dann noch auf einzelne Organe, auswirkt. In vieler Hinsicht befinden wir uns noch immer in einem dunkeln Bereich, während die Forscher mit einer unglaublichen Geschwindigkeit vorwärts gehen. Es ist nicht sonderlich, wenn behauptet wird, dass bis zum Jahre 1800 „der ganze Fortschritt der Wissenschaft in gewisser Weise statisch war, und in den letzten 150 Jahren mehr erreicht worden ist als in der ganzen vergangenen menschlichen Geschichte“ (Fasciolo). Konkret möchte ich doch drei Dinge betonen:

1.  Die Anklage, „dass wir Christen für die ökologische Katastrophe unseres Planeten verantwortlich sind“, ist willkürlich und hat kein wissenschaftliches Fundament. Neben Gott, stellt das Christentum den Menschen, „nach dem Bild Gottes geschaffen“, in das Zentrum (Gen 1, 26-27), und es wird mit Recht vom christlichen Anthropozentrismus gesprochen. Gott beauftragt den Menschen, die Erde zu hüten und zu vollkommener zu machen. Das Wort „unterwerft sie euch“ ist moralisches Gebot, nicht nur an die ersten Menschen, sondern an uns alle bis zum Ende der menschlichen Geschichte. Die Christen haben die Schöpfung immer mit Vernunft behandelt in Richtung der Bewahrung und der Verbesserung, und nicht im Sinne der Zerstörung und Verstümmelung, so dass die Theologen vom „Sakrament“ gesprochen haben, das dem Menschen gegeben, aber auch vom Menschen abhängig ist.

Der Mensch als einziges, mit Bewusstsein und freiem Willen begabtes, das bedeutet ethisch verantwortliches, Lebewesen auf der Erde, übertrifft alle anderen Lebewesen, und er als „Abbild Gottes und Gott ähnlich“ ist im Besitz der Würde des Kindes Gottes, deshalb in Christus, dem Herrn und Heiland, Miterbe des Himmels. Ihm hat Gott die Leitung der Schöpfung zu seinem - zeitlichen und ewigen Wohl, anvertraut. Dank seinen großen, ihm von Gott gegebenen, Fähigkeiten, sind wir in den letzten Jahrzehnten Zeugen vom gewaltigen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt geworden. Dadurch hat sich unser Horizont der Erkenntnis und des Wohlstandes sehr erweitert.

Aber, hier sind am Werk zwei Auffassungen des Menschen und seiner Würde! Christliche Auffassung des „Menschen als Bild Gottes“ (unser Anthropozentrismus) und laizistische Auffassung - des „Menschen gleich dem Tier“ (agnostisch-atheistischer Biozentrismus). Eines ist, also, der Mensch als die Mitte der Schöpfung im Plan Gottes, und etwas anderes ist der Mensch, auf die Ebene der biologischen Elemente (der Atome und der Moleküle) herabgesetzt.

Für uns Christen ist auch der Leib nicht nur biologisch, ausschließlich den biologischen Gesetzten unterzogen, sondern das ist der Leib der vernünftigen Person, den geistigen Gesetzen unterzogen. Die Manipulanten der Pflanzen, der Tiere und des Menschen werfen ihre Misserfolge auf die Christen ab, vor allem auf die Moral der Katholischen Kirche. Der Christ weiß sehr wohl, dass der Mensch, weil er Person ist, niemals und in keinem Fall, Objekt oder Mittel des genetischen Engineering sein kann oder darf. Sie wissen wohl, dass sie, ihrer Würde entsprechend als „Bild Gottes“, die Tiere (nicht nur Haustiere), gut behandeln müssen, obwohl sie dem Menschen zur Hilfe und zur Nahrung gegeben worden sind, ebenso, dass man mit ihnen nicht willkürlich manipulieren darf, und dass man die Behandlungsarten vermeiden muss, die den Tieren unnötige Schmerzen und Leid bereiten. Die Christen wissen ebenfalls, dass gesunde Pflanzen gut sind für die Nahrung des Menschen und der Tiere, dass sie wichtig sind für die Harmonie in dieser Welt, und deshalb muss man sie bewahren und pflegen. Dieser christlichen Weltanschauung entgegen, verhält sich die laizistische Anschauung der Welt gegenüber in vielen Dingen verantwortungslos, noch mehr, verhält sie sich oft arrogant und unerzogen, woraus größere oder kleinere ökologische Schäden resultieren.

2.  Was das „Ungeheuer des Jahrtausends“ betrifft, das durch biotechnologisches und genetisches Engineering hervorgerufen sein soll, muss man gute von schlechten Errungenschaften  unterscheiden. Es gibt die einen und die anderen. Die schlechten schädigen die Schöpfung, was die katholischen Christen ethisch nicht gutheißen können: Vernichtung einzelner Sorten von Pflanzen und Tieren zum Gunsten der anderen - nicht besseren, oder, vorerst nur zum Versuch; Menschenklonen (in Brasil existieren bereits 5 Laboratorien zum Klonen des Menschen); Sterilisation der Frauen (in Brasil eine hohe Prozentzahl mit Hilfe vom Geld aus den USA) usw. Aber, biotechnologische Eingriffe sind nicht immer schlecht, pervers, zerstörerisch und deshalb unsittlich. Es gibt solche, die die Natur verbessern, zum Beispiel, wenn die Meere von Ölverschmutzungen gesäubert werden; wenn Abfallstoffe zu neuen nützlichen Materialien verarbeitet werden; wenn die Vegetation verbessert wird; wenn die Qualität der Tierarten verbessert wird - oft nicht aus Profit der Großhändler, sondern damit armen und weniger entwickelten Völkern geholfen wird.

Gewiss in all dem gibt es auch verschiedene Risiken und Gefahren, die gesetzlich und ethisch geregelt werden müssen. Wenn, zum Beispiel, das Klonen des Menschen total die Menschheit und das Antlitz der Erde verändern würde; wenn neue Arten von transgenetischen Tieren dem Menschen große Sorgen verursachen würden; wenn die Überschwemmung von neuen nicht ausprobierten Medikamenten schwere Folgen verursachen würden - bei allen solchen wissenschaftlichen Errungenschaften muss bei Zeiten an das gedacht werden, was dem sittlichen Naturgesetz, der Würde des Menschen und seinen fundamentalen Rechten widerspricht, und das muss entschieden beseitigt werden. Hier muss der Staat mit seiner festen humanen Gesetzgebung zur Hilfe eilen. Von der anderen Seite, Kulturverbesserung in bestimmten Wüstengebieten, Verbesserung der Garten- und Feldprodukten, des gesunden (nicht infizierten) Fleisches zur Ernährung ganzer Völker, Versorgung mit ausreichenden Mengen vom Trinkwasser, Parasitenvernichtung usw., das alles gehört zum gemeinsamen Bemühen vieler humanitären Organisationen.

Wissenschaftliche Forschung bringt, also, mit sich Risiken und Gefahren, Unsicherheiten und Unklarheiten. Fachleute, Gesellschaften, Organisationen, Gesetzgebungen - sie alle, ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten entsprechend, sind dazu berufen, mögliche Übel, Katastrophen, Risiken... vorauszusehen und sie auf ein Mindestmaß herabsetzen, und die positiven Errungenschaften unterstützen und mehren. Daraus wird klar, dass auch wir als katholische Christen nicht euphorisch und blind, vom ethisch-moralischen Standpunkt her,  jedem beliebigen biotechnologischen Erzeugnis, und noch weniger, dem genetischen Engineering, zustimmen können. Es müssen genaue ethische Grenzen gesetzt und geachtet werden! Und diese Verantwortung tragen diejenigen, die die Macht in den Händen haben. Die Tiere und die Pflanzen haben dem Menschen zu dienen, aber, wie schon gesagt, der Mensch kann nicht willkürlicht über sie verfügen; er muss dafür sorgen, dass ihre Arten bewahrt, verbessert und nicht zerstört werden. Damit haben wir die Begrenzung der wissenschaftlichen Forschungen und Versuche berührt, was auch die Mächtigen dieser Welt wissen müssen, wenn sie die Welt der Rettung und dem Fortschritt entgegen führen wollen und nicht zum Untergang und zur Vernichtung. Bereits Thomas von Aquin hat uns einen ethisch richtigen Grundsatz gegeben: „Alles, was die Würde des Menschen verletzt, verletzt auch die Würde Gottes: es ist Sünde, und es darf nicht gemacht werden.“

3.  Die Biotechnologie und das genetische Engineering müssen klug geleitet werden. Viele Erzeugnisse: audiovisuelle Mittel, Computer, Internet, auf dem Gebiet der Optik, zum Beispiel, mit Hilfe von Strahlen „X“ kann das Innere des Menschen eingesehen werden (Herz, Gehirn, alle Organe, mit Hilfe von neuesten Geräten der Ekoskopie, Kernspinnthomographie usw.), verstärken den Optimismus, weil man besser und sicherer das menschliche Leben leiten kann. Acht Arten der pränatalen Diagnostik (nicht alle sind gefahrlos!), detaillierte Mitteilung des menschlichen Genom, außerordentliche therapeutische Möglichkeiten, sogar für den Embryo und den Fötus im Mutterleib - das alles muss dem Menschen, seiner Gesundheit und seinem Fortschritt dienen. Aber, wenn der Mensch sich dieser und anderer Errungenschaften verantwortungslos oder unsittlich bedient, und sich selber und seine Nachkommen vernichtet, sichert er ihm nicht die Zukunft, sondern, im Gegenteil, schafft ihm eine sehr fragliche Zukunft auf unserem Planeten.

Wir müssen noch einmal festhalten, dass gerade der christliche Glaube und die Katholische Kirche diejenigen sind, die am meisten auf die Erhaltung der Umwelt, in der wir leben, auf die nicht lebende Schöpfung, auf die Pflanzen und Tiere achten, und, vor allem, auf die Würde der menschlichen Person und ihre Rechte.

Die Welt ist dem Menschen von Gott geschenkt worden, damit der Mensch sie bewahrt, entwickelt und sie leitet zum eigenen Wohl und zur Ehre Gottes. Die Großen unseres Glaubens waren Vorbilder auf diesem Gebiet: denken wir an den hl. Franz von Assisi und sein Verhältnis zur Schöpfung; denken wir an den hl. Benedikt und die Benediktiner, die Gärten, Felder, Wälder gepflegt, Flüsse kanalisiert und Sümpfe trockengelegt haben. Ihre Tradition mit dem Grundsatz „bete und arbeite“ hat überall, wo ihre Klöster waren, die ganzen Gebiete verwandelt.

Wir dürfen die stärkste und die fundamentalste Dimension des christlichen Glaubens nicht vergessen: Jesus Christus - Sohn Gottes, ist Fleisch und damit unser Bruder geworden. Der größte Anteil seiner Predigten trägt in sich einen ökologischen Charakter. 

Einmalig hat er die Umwelt in die tiefsten Anweisungen, Aufforderungen und Lebensregeln integriert, um dem Menschen den Weg des Heils zu beleuchten und zu erleichtern. Er hat sich ganz dem menschlichen Elend gewendet; den Sündern, den Kleinen, den Schwachen, den Armen, allen, die auf irgendeine Weise Opfer der Unrechts, der Gewalt, der Ausnützung der Unterentwicklung waren. Keiner, der in Jesus Christus ist, kann sich zum  Ausbeuter der Natur oder des Menschen machen: das wäre ein unerträglicher Widerspruch zum christlichen Glauben.

Alles, was wir berührt haben, können wir als „zweite Schöpfung“ bezeichnen. Im zwanzigsten Jahrhundert haben wir die Spitze mit dem Computer und mit allem, was dazu gehört, erreicht. Im einundzwanzigsten Jahrhundert entwickelt sich der Kampf, einerseits, der immer neuen Erzeugnisse der Biotechnologie und des genetischen Engineerings, andererseits, der ethischen Prinzipien, nicht nur aufgrund unserer christlichen philosophisch-theologischen Anthropologie, sondern auch aufgrund der rein humanen Ethik: es wird nicht einfach sein, die Grundlagen der Ethik und der Moral zu verteidigen.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 247 - 251)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Penitenziaria.