Was jedes einzelne Glied ist und tut, ist es und tut es für alle! - Augustinus über das Wesen der Kirche

Zweite Fastenpredigt von Pater Raniero Cantalamessa OFMCap

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 395 klicks

Pater Raniero Cantalamessa OFMCap leitet mit der zweiten Fastenpredigt, die den Titel „Ich glaube an die eine heilige Kirche“ trägt, die Predigtreihe zu den vier großen lateinischen Kirchenvätern, Augustinus, Ambrosius, Leo dem Großen und Gregor dem Großen ein. Den Auftakt hatte die Reihe der Fastenpredigten mit einer Meditation über den Sinn der Fastenzeit genommen. Die Predigtreihe über die vier großen lateinischen Kirchenväter versteht Pater Cantalamessa als Fortsetzung der während der Fastenzeit 2012 gehaltenen Predigten zu den griechischen Kirchenvätern.

Im ersten Punkt seiner Predigt, „Vom Orient ins Abendland“, erklärte Pater Cantalamessa das Ziel der Predigtenreihe zu den vier lateinischen Kirchenvätern: „Dabei werden wir sehen, was jeder von ihnen uns heute noch zu sagen hat, vor allem bezüglich der Glaubenswahrheit, die er auf besondere Weise vertreten hat, das heißt: über das Wesen der Kirche, die Realpräsenz Christi in der Eucharistie, das christologische Dogma von Chalzedon und das geistige Verständnis der Heiligen Schrift.“ Es gelte, von einem „geglaubten Glauben zu einem gelebten Glauben zu gelangen“.

Während die griechischen Kirchenväter ihr Interesse vor allem auf ontologische Aspekte des Dogmas richteten, nämlich „die Göttlichkeit Christi, seine zwei Naturen und die Art ihrer Verbindung, die Einheit und Dreifaltigkeit Gottes“, setzten sich die lateinischen Kirchenväter eher mit konkreten, juristischen und praktischen Fragestellungen auseinander. Häresien wie Donatismus und Pelagianismus seien der Wiederbesinnung auf „die paulinischen Themen der Gnade, der Kirche, der Sakramente und der Heiligen Schrift“ förderlich gewesen.

Der zweite Punkt der Predigt von Pater Cantalamessa befasst sich mit der Definition des Begriffs „Kirche“. Pater Cantalamessa zieht Augustinus zur besseren Begriffsbestimmung heran, der mit seinen Schriften sowohl gegen den Pelagianismus als auch gegen den Donatismus ankämpfe und sich deshalb mit dem Begriff der „Gnade“ und der „Kirche“ auseinandersetze.

„Das Interesse für seine Sichtweise der Kirche ist hingegen typisch für die Moderne, auch weil das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche zu ihrem Hauptthema gemacht hat und die ökumenische Bewegung der Definition des Begriffs ‚Kirche‘ eine große Bedeutung beimisst.“

Bereits die griechischen Kirchenväter hätten sich mit dem Begriff „Kirche“ befasst, sich aber im wesentlichen darauf beschränkt, „Begriffe und Sinnbilder der Heiligen Schrift zu wiederholen und zu kommentieren“.

Augustinus, der sich gegen die Position der Donatisten richtet, gehe auf zwei verschiedene Arten vor. Es sei unbedingt zu unterscheiden zwischen den Schriften, „die er unmittelbar gegen die Donatisten richtet, und seinen Kommentaren zur Heiligen Schrift und Ansprachen ans Volk.“

Pater Cantalmessa legte im folgenden die Schriften des Augustinus dar, die der Heilige unmittelbar gegen die Donatisten richtet. Im Gegensatz zu den Donatisten gehe Augustinus von der „Unterscheidung zwischen ‚Potestas‘ und ‚Ministerium‘, das heißt, zwischen der Gnade und ihrem Verwalter“ aus. „Die Gnade, die durch die Sakramente erteilt wird, ist ausschließlich das Werk Gottes und Christi; der Priester ist nur ihr Werkzeug… Die Gültigkeit und Wirksamkeit eines Sakraments wird von der Unwürdigkeit eines Priesters nicht verhindert. Das ist eine Wahrheit, die auch für die Christen von heute sehr aktuell ist…“

Augustinus unterscheide „zwischen der gegenwärtigen, irdischen Kirche und der zukünftigen, himmlischen Kirche.“ Innerhalb der irdischen Kirche unterscheidet Augustinus zusätzlich zwischen der ‚Gemeinschaft in den Sakramenten‘ (communio sacramentorum) und der ‚Gesellschaft von Heiligen‘ (societas sanctorum). Die erste wird durch die Teilhabe an den äußeren Zeichen – Sakramente, Heilige Schrift, kirchliche Autorität – sichtbar zusammengehalten; die zweite umschließt nur jene Menschen, die zusätzlich zu diesen äußeren Zeichen auch an der unsichtbaren Wirklichkeit teilhaben, die hinter diesen Zeichen steht: die ‚res sacramentorum‘, das heißt, der Heilige Geist, die Gnade, die Nächstenliebe.“

Die Neuerung bestehe darin, dass die Einheit der Kirche in etwas Innerlichem, dem Heiligen Geist, bestehe. „Die volle Zugehörigkeit zur Kirche erfordert beides zugleich: die sichtbare Gemeinschaft in den sakramentalen Zeichen und die unsichtbare Einheit in der Gnade.“ Viele Abstufungen seien jedoch möglich. „Es gibt eine äußerliche Zugehörigkeit in den sakramentalen Zeichen, an der auch die schismatischen Donatisten und alle schlechten Katholiken teilhaben, und eine volle und uneingeschränkte Zugehörigkeit. Erstere besteht im Besitz des äußerlichen Zeichens der Gnade (‚sacramentum‘), ohne jedoch die innere Gnade zu empfangen, die von diesen Zeichen ausgeht (‚res sacramenti‘), wie es im Fall der von den Schismatikern erteilten Taufe oder der von unwürdigen Katholiken empfangenen Eucharistie geschieht.“

Anschließend legte Pater Cantalamessa die Schriften des Augustinus dar, die an das Volk gerichtet sind und die Bibel auslegen. Zur Eucharistie erklärt er: „Die Analogie zwischen den beiden Leibern Christi besteht für Augustinus in der symbolischen Übereinstimmung in der Art ihres Entstehens. Das Brot der Eucharistie ist das Ergebnis einer Verschmelzung zahlreicher Weizenkörner, und den Wein erhält man aus der Pressung zahlreicher Weinbeeren; so wird auch die Kirche von zahlreichen Menschen gebildet, die durch das Band der Liebe, das heißt durch dem Heiligen Geist, zusammengehalten und verschmolzen werden. … Auch über die Kirche kann man sagen, dass das Sakrament ‚significando causat‘ (dadurch, dass es Zeichen ist, zur Ursache wird): Weil die Eucharistie die Vereinigung von zahlreichen Personen in einer einzigen darstellt, verwirklicht sie diese Vereinigung auch, wird zu ihrer Ursache.“

Im folgenden Punkt befasste sich Pater Cantalmessa mit der Aktualität der Ideen des heiligen Augustinus. Insbesondere für die Ökumene seien die Gedanken des Augustinus, in Hinblick auf den anstehenden 500. Jahrestag der Reformation, von großer Bedeutung: „Es ist für die ganze Kirche von größter Wichtigkeit, dass diese Gelegenheit nicht verloren geht, dass wir nicht Gefangene unserer Vergangenheit bleiben und versuchen, wenn auch mit mehr Objektivität und Friedfertigkeit als früher, festzustellen, wer worin Recht hatte und wer welche Schuld auf sich geladen hat. Stattdessen müssen wir einen entschiedenen Schritt voran gehen…“

In den letzten Jahrhunderten hätten Kirche und Theologie eine große Veränderung durchlaufen. „Wir müssen uns an der Zeit der Apostel orientieren. Sie hatten eine vorchristliche Welt vor sich; wir haben eine größtenteils nachchristliche Welt vor uns.“ Das bedeute, die Errungenschaften aus der Reformation „der gesamten Christenheit zur Verfügung zu stellen“. Im Gegensatz zu Augustinus müsse man heute den genau entgegengesetzten Weg einschlagen. „Augustinus musste den Weg von der Gemeinschaft in den Sakramenten zur Gemeinschaft in der Gnade des Heiligen Geistes und in der Liebe gehen; wir heute müssen uns von der geistigen Gemeinschaft in der Liebe zur vollen Gemeinschaft in den Sakramenten bewegen, vor allem in der Eucharistie.“

Pater Cantalamessa wandte sich dann folgender Frage zu: „Kann ich als Katholik mich mehr mit der großen Menge derer in Gemeinschaft fühlen, die zwar in meiner selben Kirche getauft wurden, sich aber kein bisschen für Christus und die Kirche interessieren, oder wenn dann nur, um Kritik zu üben, als ich mich mit denen in Gemeinschaft fühle, die zwar anderen christlichen Konfessionen angehören, jedoch an dieselben grundsätzlichen Wahrheiten glauben wie ich auch, Jesus Christus lieben bis zur Bereitschaft, ihr Leben für ihn hinzugeben, sein Evangelium verbreiten, sich bemühen, den Armen der Welt zu helfen, und über dieselben Gaben des Heiligen Geistes verfügen, wie wir auch?“

Die modernste und wichtigste Erkenntnis des heiligen Augustinus sei, dass das einigende Prinzip der Kirche allein der Heilige Geist sei. „Deshalb sind die wichtigsten Schritte zur Einheit nicht die, die man am Verhandlungstisch oder in den gemeinsamen Erklärungen vollbringt (so wichtig diese Dinge auch sind), sondern die, die gemacht werden, wenn Gläubige unterschiedlicher Konfessionen sich zusammenfinden, um gemeinsam in brüderlicher Eintracht Jesus als den Herrn zu verkündigen, indem sich jeder seines spezifischen Charismas bewusst ist und die anderen als Brüder in Christus anerkennt.“

Neuerung im Denken des Augustinus seien die „praktischen Schlüsse“, die er ziehe. Es gebe keinerlei Grund zu Neid und Eifersucht. „Das, was ich nicht besitze und die anderen hingegen schon, gehört in Wirklichkeit auch mir.“ Jedes einzelne Glied sei von Bedeutung, so wie es im Leib Christi geschehe; „Was jedes einzelne Glied ist und tut, ist es und tut es für alle!“

Liebe vervielfältige die Charismen; sie mache aus dem Charisma eines Menschen das Charisma aller. „Wenn wir eines Tages fähig sein werden, diese Wahrheit nicht nur auf die Beziehungen innerhalb unserer Gemeinde und unserer Kirche anzuwenden, sondern auch auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen, dann wird die Einheit der Christen an jenem Tag praktisch eine vollendete Tatsache sein.“