Was machen die denn anders? Werteerziehung an christlich-konfessionellen Schulen

Von Pia Bühler

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ZÜRICH, 7. Juni 2008 (ZENIT.org).- Die Paulus-Akademie Zürich führte letzte Woche in der Helferei Grossmünster eine Abendveranstaltung zum Thema „Werteerziehung an christlich-konfessionellen Schulen“ durch. Referenten waren Prof. Dr. Jürgen Oelkers, Ordinarius für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich; Christian Brosi, Direktor der Evangelischen Schule in Schiers; Urs Fischer, Lehrer am Gymnasium Reussbühl, Luzern, und Peter Lüthi, Co-Rektor der Stiftsschule Einsiedeln. PD Dr. Béatrice Acklin Zimmermann führte durch den Abend.

Christlich-konfessionelle Schulen sind gefragt. Angesichts der gegenwärtigen Verunsicherung im Bildungsbereich sind sie eine Alternative zu den staatlichen Schulen, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil sie einen spezifischen Beitrag zur Leistungskultur und zur Werterziehung beizusteuern versprechen. Doch was beinhaltet diese viel besagte Werteerziehung genau? Worin unterscheidet sich das pädagogische Konzept christlich-konfessioneller Schulen von jenem in staatlichen Schulen? Wie lassen sich die christlichen Werte im Schulalltag umsetzen, und was erwarten Eltern, die ihre Kinder an solche Schulen schicken? Sind christlich konfessionelle Schulen tatsächlich besser? Oder zementieren sie die Chancenungleichheit, indem sie vorwiegend Kinder aus begütertem Elternhaus bevorzugen?

Peter Lüthi besuchte in den Jahren 1961 bis 1968 eine Missions- und Internatsschule im Kanton Schwyz. Die Patres waren für ihn ein Vorbild, setzten sich ein bis zum „Geht nicht mehr“, opferten ihre Freizeit und suchten die Schüler auch dann auf, wenn sie etwas „verbrochen“ hatten. Lüthi faszinierte dies so sehr, dass er – außer während seiner Studienzeit an der Universität Freiburg – seine Karriere in Internaten verwirklichte. Heute möchte er in Einsiedeln etwas Neues bieten. Ziel ist, das christliche Denken in die Welt hinauszutragen. Er spürt in der heutigen Zeit ein Vakuum an Transzendenz, das er im Unterricht bewusst anspricht.

Christian Brosi ist „zufällig“ in Schiers gelandet. Als Germanistik- und Philosophielehrer hatte er damals an öffentlichen Schulen keine Möglichkeit, Philosophie zu unterrichten. An den konfessionellen Schulen hingegen war Philosophie ein wichtiger Bestandteil des Lehrprogramms. Brosi erlebt bei den Jugendlichen eine riesige Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. Drei Viertel der Maturanden schalten nach der Matura ein Zwischenjahr ein. „Wir müssen uns genau überlegen, welche Sicherheit wir den Jugendlichen geben wollen“, sagt er.

„Wie gehen Sie mit Eltern um, die sich vor der Erziehung dispensieren?“ Auf diese Frage von Béatrice Acklin erklärt Peter Lüthi, er sehe darin eine große Chance, auf die Eltern zuzugehen und ihnen neue Horizonte zu öffnen. Zum Beispiel, weshalb in der Schule Kreuze hängen. Lüthi, der auch in Schulen mit verhaltenschwierigen Jugendlichen gearbeitet hat, meint, es sei befruchtend, mit Eltern zu diskutieren, ihnen neue Ideen aufzuzeigen und zu merken, wie sie plötzlich ihre Erziehungsaufgabe wieder wahrnehmen und anrufen, um Rat zu holen.

Thema „Eliteschulen“. In Einsiedeln braucht man die Note 5.75, um prüfungsfrei aufgenommen zu werden. Bedingung zur Aufnahme ist die Bereitschaft, sechs Jahre lang Latein zu lernen. Das ist bereits Selektion. Dafür wirbt Einsiedeln mit einem riesigen Freizeitangebot an 41 Kursen, darunter zum Beispiel einen Smart ab- und aufzubauen, Chor, Orchester, Meditation usw. Für Lüthi bedeutet „elitär“ unter anderem, dass man im Alter von 13 bis 18 Jahren die Möglichkeit haben sollte, viel Positives auszuprobieren, die Freizeit als erfüllte Zeit zu erleben.

Prof. Dr. Jürgen Oelkers ist der Meinung, dass auch im öffentlichen Schulsystem Selektionen stattfänden: einerseits in Richtung Kleinklassen und sonderpädagogischen Maßnahmen, andererseits im Blick auf weiterführende Schulen und den Lehrstellenmarkt. „Im Vergleich zu Ländern wie Frankreich oder Deutschland ist die Schweiz im Blick auf die Privatschulen sehr restriktiv. Die beiden genannten Länder finanzieren mehr als 90 Prozent der Ausgaben von Privatschulen, sofern diese staatlich anerkannt sind. Das betrifft vor allem religiöse Schulen.“ In den Vereinigten Staaten werden Bildungsgutscheine fast ausschließlich in innerstädtischen Schuldistrikten von verarmten Großstädten wie etwa Milwaukee eingesetzt. Erfolg hatten diese Programme erst dann, als der Supreme Court entschieden hatte, dass auch religiöse Privatschulen wählbar sind, was vorher strikt ausgeschlossen war.

Sind christliche Schulen ein Katalysator für bessere Leistungen? Christian Brosi würde diesen Anspruch nie stellen. „Wir sind jedoch eine Institution, die Jugendliche in ihrer persönlichen Entwicklung begleiten.“ Urs Fischer betont, jede Schule wolle gut sein. Er selber habe eine gute Erinnerung an seine Schulzeit. Er habe viel Fachwissen erhalten und gelernt, Meinungen zu bilden, mit Toleranz umzugehen. Er sehe keinen großen Unterschied zwischen öffentlicher und privater Schule. Auch sein Gymnasium bemühe sich um Sozialkompetenz und gute Leistungen. Im Gymnasium Reussbühl werde ebenfalls Religion unterrichtet; auch freiwillige Kurse würden angeboten, jedoch fehle für manche Angebote die Flexibilität und das Geld. „Für mich ist klar, dass der Staat nicht wieder privatisieren soll, was er mühsam aufgebaut hat.“

Wie steht es mit Kindern minderbegüterter Eltern? Peter Lüthi spricht von Migranten-Eltern, die große Opfer für ihre Kinder bringen, um ihnen die Stiftsschule zu ermöglichen. Gleichzeitig helfe das Kloster mit finanziellen Unterstützungen für benachteiligte Familien.

Welches sind die Werte, die an christlichen Schulen vermittelt werden sollen? Peter Lüthi dazu: Nächstenliebe, „der andere“ und der Glaube an eine höhere Macht und Kraft. Lüthi möchte das Urvertrauen in diesen Höheren vorleben, durch den man etwas mehr erreichen könne als mit menschlichen Kräften. Man sehe in Einsiedeln die Ströme von Menschen, die herbeieilten, um diese Kraft für ihr Leben zu suchen. Lüthi schwebt sogar vor, eine morgendliche Betrachtung einzuführen. An einer Privatschule begleite man die Schüler auch in der Freizeit, könne schneller und unbürokratischer auf mögliche Probleme eingehen.

Christian Brosi spricht von einer Umfrage betreffend Wertevermittlung im Unterricht, die vor rund vier Jahren im Gymnasial-Lehrerverein durchgeführt wurde. Man ist zum Schluss gekommen, dass es keinen wertefreien Unterricht gibt. Die Pädagogik in den öffentlichen Schulen sei immer noch von unserer christlichen Kultur geprägt. Christliche Schulen machten nicht etwas radikal Anderes.

Zentraler Punkt in Brosis Schule ist die Würde und Achtung vor der Schöpfung und dem Geschöpf. Sie wolle eine klare Spritze sein gegen die Ideologie der Machbarkeit. Die Schüler lernten, differenziert zu überlegen und sich nicht mit einfachen Instant-Befreiungslösungen wie zum Beispiel „New Age“ zufrieden zu geben. Beispielsweise hat Brosi im Philosophieunterricht ein Jahr lang mit den Schülern das Menschen- und Gottesbild im Querschnitt durch die abendländische Kultur behandelt.

Peter Lüthi: „Wir sind heute zu ängstlich geworden. Wer sagt heute noch, was tolerierbar ist und was nicht?“ Zum Beispiel in Bezug auf die Sterbehilfe. In christlichen Schulen habe man die Freiheit zu sagen: „So geht das nicht.“ Und gerade das sei der Auftrag, die „Färbung“ solcher Schulen. In öffentlichen Schulen dürfte es für christliche Lehrpersonen schwieriger sein, Werte durchzusetzen. Man riskiere, entlassen zu werden. In Einsiedeln würden die Lehrer vor ihrer Anstellung gefragt, ob sie hinter den Werten der Schule stehen könnten. Bei den Benediktinern sei beispielsweise das Maßhalten ganz wichtig, etwa beim Essen, wo die Essenszeiten bewusst nicht zu lange gehalten werden. Jedem das geben, was ihm zusteht, besage eine benediktinische Regel.