Was Papst Benedikt XVI. den Katholiken in China schreibt

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ROM, 2. Juli 2007 (ZENIT.org).- Am Samstag, den 30. Juni, wurde der lang erwartete Brief von Papst Benedikt XVI. an die Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien Chinas veröffentlicht. Es handelt sich bei diesem Dokument um keinen „Apostolischen Brief“, sondern um ein persönliches Schreiben des Nachfolgers Petri und universellen Hirten der Kirche an eine verstreute katholische Gemeinde, die in ihrem Innern das Leid der Trennung von Rom eines Teils des Episkopats sowie der Unterdrückung der Religionsfreiheit zu bewältigen hat.



Das Dokument umfasst in der italienischen Version 20 Kapitel auf 54 Seiten. Es bietet der Kirche Chinas Leitlinien zum kirchlichen Leben und zum Werk der Evangelisierung. In einer vom Vatikan veröffentlichten einführenden Note wird festgehalten, dass der Papst sich mit religiösen Fragestellungen auseinandersetzt und kein politisches Dokument vorlegen wollte. Gleichzeitig sei es nicht beabsichtigt gewesen, die chinesische Regierung anzuklagen, auch wenn nicht ignoriert werden könne, dass die Kirche in China tagtäglich mit den bekannten Schwierigkeiten konfrontiert ist.

„Katholische Kirche in China“, ruft der Papst den Katholiken Chinas zu; „kleine Herde, die in der Weite eines immensen Volkes, das in der Gesichte geht, da ist und wirkt: Wie ermutigend und provozierend klingen doch für dich die Worte Jesu: ‚Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben‘ (Lk 12,32). ‚Ihr seid das Salz der Erde…Ihr seid das Licht der Welt‘: Deshalb ‚soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen‘ (Mt 5, 13.14.16)“ (Nr. 5).

Zuneigung und Ermutigung will der Papst den Katholiken des Reiches der Mitte zusprechen: „Keine Kirche ist fremd, alle aber sind Bürger eines selbigen Volkes, Mitglieder desselben Mystischen Leibes Christi“, dessen Band der sakramentalen Gemeinschaft die Eucharistie ist, die das Dienstamt der Bischöfe und Priester gewährleistet.

Zu Beginn seines Schreibens versichert der Papst die Katholiken seiner brüderlichen Nähe und Zuneigung. Benedikt XVI. bringt seine große Freude über die Treue der chinesischen Katholiken zu Christus und der Kirche zum Ausdruck, „was manchmal zum Preis schwerer Leiden“ geschieht. Gleichzeitig beabsichtigt der Papst, sich mit einigen problematischen Aspekten des kirchlichen Lebens im Land auseinanderzusetzen.

Der erste grundlegende Teil des päpstlichen Schreibens setzt sich mit der „Situation der Kirche“ und deren „theologischen Aspekten“ auseinander. Er ist in sieben Kapitel unterteilt und behandelt (1) die Problematik der „Globalisierung, der Moderne und des Atheismus“; (2) die „Bereitschaft zu einem respektvollen und konstruktiven Dialog“; (3) die „Gemeinschaft unter den Teilkirchen in der universalen Kirche“; (4) „Spannungen und Spaltungen in der Kirche: Vergebung und Versöhnung“; (5) „Kirchliche Gemeinschaften und staatliche Organismen: Beziehungen, die in der Wahrheit und in der Liebe zu leben sind“; (6) den „chinesischen Episkopat“; das letzte Kapitel ist der entscheidenden Problematik der (7) „Bischofsernennungen“ gewidmet.

Der zweite Teil des Briefes zeigt „Leitlinien pastoralen Lebens“ auf. In ihm werden (1) die „Sakramente, die Regierung der Diözesen und Pfarreien“; (2) die „Kirchenprovinzen“, (3) die „Katholischen Gemeinden“; (4) die „Priester“; (5) die „Berufungen und die religiöse Bildung“; (6) die „Laien und die Familie“; (7) die „Christliche Initiation der Erwachsenen“ sowie (8) die „Berufung zur Mission“ behandelt.

Mit dem Schreiben richtet Benedikt XVI. auch eine klare Botschaft an die zivilen Autoritäten. Der heilige Stuhl wiederholt seine Bereitschaft zum Dialog und hebt hervor, sich nicht in die inneren Angelegenheiten der politischen Gemeinschaften einmischen zu wollen. Die katholische Kirche beabsichtige, so der Papst, ihren demütigen und uneigennützigen Dienst zum Wohl der Katholiken und aller Einwohner des Landes zu leisten.

Gleichzeitig bekräftigt der Papst die Position des Heiligen Stuhls zur Frage der Religionsfreiheit: „Die Lösung der bestehenden Probleme kann nicht durch einen andauernden Konflikt mit den zivilen Autoritäten erfolgen; gleichzeitig jedoch ist eine Nachgiebigkeit ihnen gegenüber inakzeptabel, wenn sie sich in unangemessener Weise in die Angelegenheiten einmischen, die den Glauben und die Disziplin der Kirche betreffen.“ Die Kirche fordere vom Staat, den Katholiken die „volle Ausübung ihres Glaubens zu gewährleisten, in der Achtung einer echten Religionsfreiheit“. Benedikt XVI. wünscht im Namen der ganzen Kirche, dass sich der Raum für einen Dialog und für eine Normalisierung der Beziehungen eröffne, damit mit vereinten Kräften für das Wohl des chinesischen Volkes gearbeitet werden könne.

Zur Lage der Kirche in der Volksrepublik bekräftigt Benedikt XVI., dass es für die Einheit der Kirche in den einzelnen Ländern notwendig ist, dass jeder Bischof in Gemeinschaft mit den anderen Bischöfen stehen muss; alle zusammen haben die sichtbare und konkrete mit dem Bischof von Rom zu verwirklichen. Der Papst ruft die Kirche Chinas dazu auf, diese Einheit in einer „reicheren Spiritualität der Gemeinschaft zu leben“.

Im Kapitel über die „Kirchlichen Gemeinschaften und staatlichen Organismen: Beziehungen, die in der Wahrheit und in der Liebe zu leben sind“ (Nr. 7) betont Benedikt XVI., dass „Wahrheit und Liebe die tragenden Säulen des Lebens der christlichen Gemeinde“ sind.

„Die Kirche der Liebe ist auch die Kirche der Wahrheit, vor allem im Sinne der Treue zum Evangelium, das der Herr Jesus den Seinen anvertraut hat… Um aber in Einheit und Frieden zu leben, braucht die Familie der Kinder Gottes jemanden, der sie in der Wahrheit bewahrt und sie mit weisem und maßgebendem Unterscheidungsvermögen führt: Das zu tun, ist die Aufgabe, zu der das Apostelamt berufen ist. Und hier kommen wir zu einem wichtigen Punkt. Die Kirche ist ganz aus dem Heiligen Geist, sie hat aber eine Struktur, die Apostolische Sukzession, der die Verantwortung obliegt zu gewährleisten, dass die Kirche in der von Christus geschenkten Wahrheit bleibt, aus der auch die Fähigkeit zur Liebe kommt… Die Apostel und ihre Nachfolger sind daher die Bewahrer und maßgeblichen Zeugen des der Kirche übergebenen Gutes der Wahrheit, so wie sie auch die Diener der Liebe sind: zwei Aspekte, die zusammengehören… Die Wahrheit und die Liebe sind zwei Gesichter derselben Gabe, die von Gott kommt und die dank des apostolischen Dienstes in der Kirche bewahrt wird und uns bis in unsere Gegenwart hinein erreicht!“ (vgl. Generalaudienz vom 5. April 2006.

Unter dieser Vorgabe geht der Papst auf das Problem der Patriotischen Kirche Chinas ein, die ein vom Staat gewollter Organismus und der Struktur der Kirche gegenüber fremd sei; als solche beanspruche sie, sich über die Bischöfe zu stellen und die kirchliche Gemeinschaft zu leiten. Ihre erklärten Zielsetzungen der Unabhängigkeit, Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung sind nach Worten Benedikts XVI. unvereinbar mit der katholischen Lehre. Gleichzeitig habe sie „Spaltungen sowohl unter dem Klerus als auch unter den Gläubigen“ hervorgerufen.

Im Kapitel 8 („Der chinesische Episkopat“) hebt der Papst hervor, dass die Gemeinschaft und die Einheit, das Petrusamt und das Bischofsamt „wesentliche und ganzheitliche Elemente der Lehre der katholischen Kirche über die sakramentale Struktur der Kirche sind“. Somit ist das „Projekt einer im religiösen Bereich vom Heiligen Stuhl ‚unabhängigen‘ Kirche unvereinbar mit der katholischen Lehre“.

Hinsichtlich der Problematik der Bischofernennungen und unrechtmäßigen Bischofsweihen gehe es um etwas, „dass das Herz selbst des Lebens der Kirche berührt“. Die Ernennung von Bischöfen ist „ein konstitutives Element der vollen Ausübung des Rechtes auf Religionsfreiheit“. Die Ernennung stehe dem Papst „zur Gewährleistung der Einheit der Kirche“ zu. Eine unrechtmäßige Bischofsweihe repräsentiert daher eine „schmerzhafte Verwundung der kirchlichen Gemeinschaft“. Benedikt XVI. spricht die Hoffnung auf eine Einigung mit der Regierung aus, um die Frage hinsichtlich der Wahl der Weihekandidaten, der Veröffentlichung der Ernennung und der Anerkennung seitens der zivilen Autoritäten zu lösen. Bei der Legitimierung der unrechtmäßig geweihten Bischöfe handle es sich um eine heikle Frage, die in erster Linie die Person des Bischofs betreffe.