Was soll man befolgen: Eigenes Gewissensurteil oder die Lehre der Kirche?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 280 klicks

Ich lese die Ansprache des Erzbiscofs Battisti aus Udine. Ich bin von den Ergebnissen der Ankete erschüttert, die das Zentrum der italienischen Familie in Udine, unter der Überschrift „Die Mütter und und Töchter von Furlania“, durchgeführt hat. Unter anderem zeigt die Ankete, dass nur 4 % der Mütter und 19 % der Töchter aussagen, nicht zu glauben, aber dafür 85 % der Mütter und 80 % der Töchter meinen, dass es für christliches Leben wichtig ist, eigenem Gewissen zu folgen, abgesehen von der Lehre des Papstes und der Bischöfe.

In Fragen der „Geburtenkontrolle“ oder der Kontrazeption, drücken nur 7 % der Mütter und 2 % der Töchter aus, dass man die Richtlinien der Kirche befolgen soll. Die übrigen meinen, dass dies eine persönliche Angelegenheit sei. Fast die gleiche Meinung vetreten sie in Fragen der Abtreibung.

Der Erzbischof aus Udine schließt: „Ich möchte den Brüdern Bischöfen mitteilen, dass es mir lieber wäre, wenn ich ihnen statistische Ergebnisse präsentieren könnten, die sie mehr erfreuen würden. Daraus ist ersichtlich, dass vor uns eine schwere pastorale Aufgabe der Evangelisierung steht.“

Diesen Artikel in „Famiglia christiana“ lesend, frage ich mich: Wie ist der Glaube dieser Menschen? Was für einen Begriff vom individuellen Gewissen haben sie? Was denken sie über Sünde, und vor allem, über Empfängnisverhütung und über die Abtreibung? Wie stehen sie zu den Richtlinien der Kirche und ihres Lehramtes? Was bedeutet für sie „persönliche“ Entscheidung, an diesen Richtlinien vorbei? Schließlich, ist ihr Glaube nicht ganz subjektiv und relativ? Was bleibt da noch übrig vom rechten Christentum?

Danko

Ich versuche dir, diese Fragen zu beantworten, inwieweit es mir hier der Raum erlaubt. Zur Einführung würde ich das sagen: nicht nur das Jahr 1968, mit der Veröffentlichung der Enzyklika des Papstes Humanae vitae (über Geburtenregelung!), hat viele bereits übliche Praktiken erschüttert.  Das Erdbeben hat vier Jahre vorher, während des Zweiten Vatikanischen Konzils, begonnen. Doch war das Jahr 1968 in vieler Hinsicht der Wendepunkt.

Die strittige Bewegung der Jugend, als auch einiges Lehren in der Dogmatik, die in diesem Jahr beginnen, haben wahrscheinlich mit der Humanae vitae nichts zu tun, wie auch sehr wahrscheinlich ein allgemeines Überdenken der Fundamente der Moraltheologie, das damals begann, damit nichts zu tun hat. Einerseits wollte man den Glauben, Frömmigkeit und das gute christliche Leben retten, das nämlich, was die Säkularisation erschüttert hat, andererseits hatte sich die Kontrazeption bereits eingenistet und hat tiefe Wurzeln gefasst, sodass sie die Mentalität des Menschen verändert hat. Die Kirche hat den Glauben gegen die Säkularisation unterstützt und die künstliche Kontrazeption verurteilt, und dadurch ist der Bruch oder jedenfalls Verwirrung unter den Gläubigen, Priestern und sogar unter den Theologen entstanden. Die Bischöfe haben sich durch ihre Äußerungen an die Seite der Lehre der Enzyklika gestellt und haben sie unterstützt. Man wollte der ganzen Welt zeigen, die nach dem Konzil eine Verschiedenheit in der Lehre erwartet hat, dass die Kirche eine und einheitliche ist, besonders wenn  es um so fundamentale Fragen geht, wie „Übertragung vom Leben“.

In diesem Rahmen ist auch der Glaube unserer Nachbarn aus Udine zu beurteilen. Nach dieser Ankete ist die Prozentzahl der „Nichtglaubenden“ gering, aber es ist auch der eklesiale Glaube sehr schwach. Man weiß eigentlich nicht mehr, welche Rolle die Kirche spielt. Ihr Lehramt wird als rein menschliche Institution kritisiert. Es wird vergessen, dass die Kirche das Werk Christi ist, dass sie die Retterin des Menschen ist, obwohl sie an sich auch menschliche Schwächen trägt. Gleichermaßen merkt man immer größere Abgestumpfheit für Christus. Christus ist nicht  ein gewisser Glaubensgründer wie Buddha, Konfuzius oder Mohammed. Er hat als einziger von sich behauptet, Gott zu sein, und das hat er auch bewiesen. In Christus hat zu uns Gottes Gerechtigkeit, Liebe und Heiligkeit gesprochen. Gott ist dem Menschen in Christus so nahe gekommen wie nie zuvor, um ihn zu retten und um ihm sein väterliches Antlitz, voll der Liebe, zu zeigen. Da wir Gott nicht als Liebe erlebt haben, als unseren Nächsten und Liebsten, sondern er ist für uns fremd, fern und entfernt geblieben, leben wir nicht als „neuer Mensch“,  das bedeutet in Christus, sondern als „alter, sündiger Mensch“, das bedeutet ohne Christus, und wir verstehen weder die Bibel, noch das Evangelium, noch das Gebet, noch die Kirche. Deshalb zerbrechen die Menschen heute  auch am Begriff von Gott selbst. Gott wird für das Böse in der Welt zur Rechenschaft gezogen. Der Mensch lebt heute wahrlich schlecht und in Angst, aber er vergisst, dass er diese Atmosphäre der Angst und Bedrängnis selber geschaffen hat, besonders durch die nukleare Bewaffnung, als fühlbarste Folge des ursprünglichen Falles des Menschen und seiner persönlichen Sünden.

Die Sünde muss man vor allem im Herzen suchen, und nicht irgendwo draußen in der Welt oder Ausreden im Satan zu suchen. Nach der Bibel, ist jede Sünde, auch diejenige, die heimlich begangen wird, gesellschaftliches Übel. Sie tötet die Gemeinschaft. Deshalb wurde der Sünder früher einmal aus der Gemeinschaft „ausgeschlossen“.

Die offizielle Kirche hat niemals „das Gefühl für die Sünde“ verloren. Sie bemüht sich, dieses Gefühl durch christliche Erziehung, durch Überzeugung und durch Erfahrung dieser unserer Krisensituation, zu schärfen. Die Mentalität, die auch die Jüngsten erfasst, besondern über die Massenmedien, entstellt den Begriff der Sünde. Bei uns gilt das vor allem für Alkoholismus, Gotteslästerung, Kontrazeption und Abtreibung. Dieser Atheismus , der sich in die Herzen der Christen hineihschleicht, ist die Hauptquelle der Sünde und der Schwächung des „Gefühles für die Sünde“.

Man muss zugeben, dass auch wir in der Kirche nicht immer glaubwürdig sind, wegen Streitigkeiten, Unterlassungen in der Ökumene usw. Die Sünde kann nicht nur anthropologisch, soziologisch oder psychologisch gewertet werden, sondern immer und in erster Linie theologisch, und in diesem Sinne ist die Sünde Verletzung Gottes. Das ist Schlag ins Gesicht des Wesens, das uns am meisten liebt. Ja, aber wir haben die Auffassung von der Sünde „verloren“.

Das individuelle Gewissen muss immer nach den gesunden Prinzipien und in der Liebe erzogen werden. Vor allem muss man wissen, dass nicht alles Gewissen ist, was man als Gewissen nennt. Manchmal ist das nur ein bloßes Gefühl, etwas rein Subjektives und Relatives. Das Gewissen ist nämlich der tiefste Kern im Menschen, durch den in uns die Stimme Dessen spricht, der über uns ist und mit dessen Stimme nicht manipuliert werden kann. Damit der Mensch diese Stimme richtig hören kann, muss er richtig erzogen werden. Und es gibt keine Erziehung des Gewissens ohne Liebe, ohne Erlebnis der Vergebung, der Barmherzigkeit, Befreiung, vor allem, wenn man Fehler begangen hat. Vor Jesus Christus (vor Seinem Kreuz!) muss man sich fragen: „Bin ich mit den Seligpreisungen aus dem Evangelium einverstanden (mit diesem Manifest des Christentums!)? Bin ich mit den Forderungen des Vaterunsers einverstanden?

Begreife ich evangelische Räte? Die Bibel bezeichnet das Gewissen als „Herz“. Deshalb, wenn das menschliche Herz sich bekehrt, bekehrt sich der ganze Mensch.

Die Atheisierung dringt systematisch in das Herz des Menschen ein, sie erfasst es und tötet in ihm jeden Sinn für das Ewige, für das Übernatürliche, für Gott. Das Gewissen muss also von der Kindheit an bis zum Grabe in Liebe erzogen werden. Das unerzogene, falsche, entstellte Gewissen stellt die größte Gefahr dar.

Es ist nicht notwendig, Worte dazu zu verlieren, zu überzeugen, dass die Kirche lehrt, dass die „künstliche Kontrazeption“ Sünde ist, während die „natürliche Kontrazeption“ oder natürliche Geburtenregelung (Achtung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage!) nur aus berechtigten Gründen erlaubt ist. Es ist nicht möglich, dass Gott, der den Menschen liebt, der Begründer der künstlichen Kontrazeption wäre, das heißt, dass er den Menschen notwendigerweise in die Sünde „treiben“ würde. Der Mensch ist wahrlich schwach und neigt zur Sünde, aber alle christlichen Eheleute haben die sakramentale Gnade, die ihnen hilft, in den Situationen, wenn sie keine Kinder haben können, rein zu leben in gegenseitiger Achtung und in völliger Enthaltsamkeit. „Es ist nicht wahrscheinlich, dass ein gut erzogener und reifer Christ nicht in der Lage wäre, sich einige Tage im Monat zu enthalten. Das kann ich nicht begreifen:“ So sagte mir, und ganz korrekt, ein verheirateter katholischer Ehemann.

Schließlich, es ist nicht wichtig, wie du dich der Lehre Christi und seiner Kirche gegenüber stellen möchtest, sondern wie du dich dazu stellen musst. Und die Wegweisung, klare Richtlinien, klare Lehre, oberhalb von allen Theologen und Lehrern, ist und bleibt das Lehramt der Kirche. In diesem Sinne, dem „eigenen Gewissensurteil“ oder dem eigenen Belieben oder manchen Autoren oder Theologen, seien sie noch so angesehen, vor dem Lehramt der Kirche, Vorrecht zu geben (vor dem Konzil, der Bischofssynode, vor dem Lehren des Papstes und der Bischöfe), das wäre ein Irrtum.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 254-256)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.