Was tun, wenn Profit und Habgier Arbeitsplätze zu vernichten drohen?

Von Professor Peter Schallenberg

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WÜRZBURG, 24. Januar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- „The winner takes it all“, sang Abba vor fünfundzwanzig Jahren, und nie schien es so aktuell wie heute: Der Sieger trägt sein Schäfchen erfolgreich ins Trockene, der Rest hat das Nachsehen! Damals bezog sich das Lied auf individuelle Dramen von Liebe und Trennung und gebrochenem Herzen. Heute ist der Horizont geweitet und erbarmungslos globalisiert: Gewinner und Verlierer werden an den internationalen Aktienbörsen ermittelt oder sehen sich urplötzlich von der Gewinnerseite auf die Verliererbank verwiesen durch global agierende Konzerne und deren Entscheide, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Und zusätzlich sorgen Berichte über schwindelerregend hohe Managergehälter für ein allgemeines Gefühl von Ungerechtigkeit. Ethik scheint auf dem Rückzug, Profit und Habgier dagegen hoch im Kurs zu stehen.



1680 erschien in London, zunächst anonym, das Hauptwerk des englischen Philosophen und Staatsdenkers John Locke „Über die Regierung“. Das Werk ist bis heute eine Art säkularer Bibel für ein liberales Staatsdenken, dem sich Europa und die USA, kurz: der sogenannte Westen, verpflichtet weiß. Zu Beginn des Buches heißt es programmatisch: „Die Menschen sind von Natur alle frei, gleich und unabhängig, und niemand kann ohne seine Einwilligung aus diesem Zustand verstoßen und der politischen Gewalt eines anderen unterworfen werden. Die einzige Möglichkeit, diese natürliche Freiheit aufzugeben und die Fesseln bürgerlicher Gesellschaft anzulegen, ist die, dass man mit anderen Menschen übereinkommt, sich zusammenzuschließen und in eine Gemeinschaft zu vereinigen mit dem Ziel, behaglich, sicher und friedlich miteinander zu leben – in dem sicheren Genuss des Eigentums und in größerer Sicherheit gegenüber allen, die ihr nicht angehören.“

Wettbewerb bedeutet Wohlstand – das hat seinen Preis

Kein Wort dieser klarsichtigen Analyse und Begründung des modernen Staates müsste heute zurückgenommen oder korrigiert werden – mit einer Ausnahme: der Halbsatz „gegenüber allen, die ihr nicht angehören“ gehörte aus heutiger sowohl ethischer wie auch ökonomischer Sicht gestrichen! Denn ethisch wie ökonomisch gehen wir heute davon aus, dass die gesamte Menschheitsfamilie eine Art „Urvertrag“ geschlossen hat, mit dem Ziel, dass jeder Mensch auf dieser Erde behaglich, sicher und friedlich leben kann. Das nennt man „Ethik der Globalisierung“, und ein entscheidendes Werkzeug zur Herstellung dieses Zustandes ist die von Regeln geleitete Wettbewerbsordnung, hierzulande „Soziale Marktwirtschaft“ genannt.

Gerade durch den Wettbewerb von Menschen um bessere und beste Leistungen und Produkte und Profite wird ein wachsender Wohlstand für alle erreicht – freilich um den Preis relativ hoher sozialer Ungleichheiten, wie ein scheeler Blick auf die berühmten Managergehälter zeigt. Und um den Preis der, wie Joseph Schumpeter dies einmal nannte, „schöpferischen Zerstörung“: Der Markt ist unaufhörlich in Bewegung, durch Bewertung und Begutachtung (in Form der Börsen und der nachfragenden Verbraucher) und dies zu Lasten der Produzenten und Arbeitnehmer, die viel mehr als früher um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze und ihres Wohlstandes bangen müssen. Dies ist der Preis der Freiheit, aber ethisch gesehen ist es auch der Preis, den wir zu entrichten haben, wenn wir alle Menschen am Wohlstand teilhaben lassen wollen.

Noch einmal anders gesagt: Die Ausweitung der ökonomischen und ethischen Kampfzone über den begrenzten Tellerrand altgewohnter Nationalstaaten hinaus, in denen sich schiedlich-friedlich-behaglich leben ließ, während der Rest der Menschheit schier verhungerte, hin zu einer globalisierten Welt des Wettbewerbs und der Kapitalwirtschaft mag die von Karl Marx skizzierte Fratze eines unmenschlichen Kapitalismus bis zur Unkenntlichkeit verzerrt haben. Aber es gibt in einer gemeinsamen Welt des Handels und der Produktionsgüter kein Zurück und keine andere Wahl.

Das Paradies wird es in dieser Welt nicht geben

Warum sollen die Arbeitnehmer von Klausenburg nicht an den Segnungen des Wohlstandes teilhaben, die bisher Bochum genossen hat? Selbstverständlich muss immer neu um Regeln des Wettbewerbs gerungen werden, müssen sich Unternehmen und Subventionen strikter Überprüfung unterziehen, muss auf Menschen- und Arbeitsrechte geachtet werden, muss die Familie mehr sein als ein hinderlicher Produktionsfaktor, muss über adäquaten Sonn- und Feiertagsschutz gestritten werden. Aus christlicher Sicht mag die globalisierte Kapitalwirtschaft das glatte Gegenteil sein von dem, was Gott für den Menschen ursprünglich gedacht hatte: freier und ungestörter Genuss unverdienter Liebe. Aber dieses Paradies ist in dieser Welt weder zu finden noch zu errichten und wird uns erst in der Ewigkeit Gottes erwarten.

Hierzulande zu finden ist nur stets mühsam neu auszuhandelnde Gerechtigkeit, die von ihrer Verschattung, der Ungerechtigkeit treu auf Schritt und Tritt begleitet wird. Freilich: Wenn die Wirtschaft sich globalisiert, müssen dies auch die Staaten tun. Und daher gibt es keinen anderen Weg zu mehr Gerechtigkeit als die vermehrte Anstrengung, international gültige und überprüfbare Regeln der Ethik und des Wettbewerbs zu schaffen. Appelle an moralisches Empfinden allein reichen nicht und bleiben bestenfalls wirkungslos, schlimmstenfalls ärgerlich.

[Der Autor ist Professor für Moraltheologie und Christliche Sozialethik an der Theologischen Fakultät Fulda; © Die Tagespost vom 24. Januar 2008]