Was unheilbar Kranke brauchen: Palliativpflege in der Praxis

Interview mit der Linzer Gesundheits- und Krankenschwester Carmen Maria Asanger

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LINZ, 9. Februar 2007 (ZENIT.org).- „Der unheilbar Kranke braucht zuallererst ein Du, von dem er sich angenommen fühlt und vor dem er sich ohne Masken zeigen kann“, unterstreicht die Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester Carmen Maria Asanger im Hinblick auf den XV. Welttag der Kranken am kommenden Sonntag, der dem Thema der geistlichen und pastoralen Betreuung von unheilbar Kranken gewidmet ist.



Asanger arbeitet seit fünf Jahren auf der Palliativstation des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern in der oberösterreichischen Bundeshauptstadt Linz. Für ihr Projekt „Klang-Arche“, einem innovativen Beitrag zur ganzheitlichen Betreuung auf der Palliativstation im Sinn einer christlich orientierten Musiktherapie, wurde die 26-jährige Krankenschwester und Klangtherapeutin gestern, Donnerstag, mit dem Gesundheitspreis der Stadt Linz ausgezeichnet.

Im folgenden Gespräch mit ZENIT gewährt sie Einblick in ihren Berufsalltag und geht dabei näher auf die Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum diesjährigen Weltkrankentag ein.

ZENIT: In seiner Botschaft zum Weltkrankentag 2007 betont der Papst, dass es Bedarf an mehr Palliativpflege gibt. Was versteht man darunter?

-- Asanger: Der Begriff „Palliativpflege“ stammt von dem lateinischen Wort „pallium, palliare“ ab und bedeutet soviel wie: „mit einem Mantel umhüllen“. Gemeint ist damit ein Mantel der Fürsorge für Patienten in einem unheilbaren Krankheitsstadium. Palliative Medizin und Pflege setzen sich die Linderung von Übelkeit, Schmerz und anderen quälenden Symptomen zum Ziel.

Palliativstationen knüpfen an die Tradition der Hospize aus dem Mittelalter an. Damals boten christliche Ordensgemeinschaften Reisenden und Pilgernden Unterkunft, Pflege und Schutz. Auch auf einer Palliativstation soll der Patient Stärkung und Unterstützung in seinen Anliegen erfahren und so durch seine letzte Lebens- und Krankheitsphase begleitet werden. Palliativstationen sind an die Infrastruktur eines Krankenhauses angebunden, was operative Eingriffe, Untersuchungen, medikamentöse Behandlung und eine intensive Pflege ermöglicht. Ein wichtiges Ziel ist es aber, die Situation des Patienten so zu verbessern, dass auch eine Betreuung zu Hause wieder möglich wird.

ZENIT: Wird den Kranken in der Praxis eine „ganzheitliche Hilfe“ angeboten, die ihnen den menschlichen Beistand und die geistliche Begleitung zuteil werden lässt, die sie tatsächlich brauchen? Welche Maßnahmen sind notwendig, damit das geschehen kann?

-- Asanger: Die verschiedenen Beiträge beim Palliativkongress im vergangenen Dezember in Salzburg haben für mich persönlich aufgezeigt, dass vieles von dem Ideal der gelebten Nächstenliebe innerhalb der österreichischen Hospizbewegung schon verwirklicht ist. Auch das wachsende Interesse vieler Freiwilliger, die ehrenamtlich einen Dienst am Krankenbett übernehmen und die es auch nicht scheut, den dafür notwendigen Lehrgang für Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung zu absolvieren, ermutigt mich.

Für unsere Abteilung kann ich hervorheben, dass es hier ein besonderes Streben nach einer ganzheitlichen Betreuung seitens aller Berufsgruppen gibt. Das Personal setzt sich aus einem multidisziplinären Team zusammen: Es besteht aus Pflegekräften, Ärzten, Seelsorgern, Psychotherapeuten, ehrenamtlichen Mitarbeitern und einer Klangtherapeutin (das bin ich).

Das gemeinsame Suchen mit dem Patienten und seinen Angehörigen nach den richtigen Entscheidungen, nach dem nächsten Schritt – man könnte sagen: nach dem „schmalen Weg“ – war es, was meiner Tätigkeit von Anbeginn die gewisse Würze gegeben hat. Es ist wie mit dem einen Leib und den vielen Gliedern (vgl. 1 Kor 12,12): Jeder bringt seine Gaben ein, was nicht heißt, dass es nicht auch oft ein Fehlen, Ringen, Fragen gäbe.

Dass wir schon auf ein gutes Stück geleistete Arbeit zurückschauen können heißt aber nicht, dass wir jetzt stehen bleiben dürfen, denn es gibt noch eine Menge an Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung zu leisten. Der Grund, auf dem die Palliativpflege steht, muss noch viel mehr als ein herausragendes Behandlungskonzept zum selbstverständlichen Alltag auf jeder Krankenstation und in jeder Familie werden.

Der Mensch ist ein Leben lang gerufen, sich seiner Vergänglichkeit bewusst zu werden, die Frage nach dem Sinn zu stellen; doch wir sind verleitet, diese wichtigste Schule des Lebens möglichst weit hinauszuschieben. Alle ganzheitliche Betreuung kommt an ihre Grenzen, wenn ich mich nicht darin eingeübt habe, dass ich, aus der Erde geformt, auch wieder Staub werde.

Jesus sagt, wir sollen uns Schätze im Himmel sammeln (vgl. Mt 6,20). Für mich heißt das, meine Seele – das, was einmal bleiben wird – nähren, wachsen und reifen zu lassen. Dafür ist jeder selbst verantwortlich, aber wir müssen uns auch gegenseitig immer wieder wachrütteln, denn gute Medikamente können diesen inneren Reifungsprozess nicht ersetzen.

Wie gut, dass unser Vater im Himmel ein barmherziger Gott ist, der selbst dann unsere Seele mit seinem Heiligen Geist bewohnt, wenn wir sie ein bisschen verwildern lassen. Bemühen wir uns mit jedem Tag ein Stück mehr, den Garten unserer Seele so zu bepflanzen und zu bewässern, dass er, der darin Wohnung nimmt, gern in ihr spazieren geht, und seien wir einer dem anderen Vorbild darin. Dazu muss ich nicht Arzt oder Seelsorger vom Beruf sein!

ZENIT: Was brauchen unheilbar Kranke am meisten? Wie kann man dazu beitragen, dass ihr Leben auch in dieser ausweglosen Situation gelingen kann?

-- Asanger: Ich glaube, wie sehr oft im Leben sind wir auch hier verleitet, etwas „Einfaches“ komplizierter zu machen als es ist. Das Wichtigste für den Menschen außer Gott ist der Mensch. Der unheilbar Kranke braucht zuallererst ein Du, von dem er sich angenommen fühlt und vor dem er sich ohne Masken zeigen kann; jemanden der mit ihm auf sein Leben, seine Wunden, seine Freuden, seine Fehler zurückschaut, ohne zu bewerten – weil das Leben selbst wertvoll ist.

Gerade an der Grenze des Lebens halte ich es auch für wichtig, dort, wo Lebenskraft ist, diese nicht zu unterdrücken. Das passiert in den ganz kleinen Dingen: ein Glas Sekt zum Geburtstag trinken oder dem Kranken nach langer Zeit des Liegens im Bett einen Stehversuch ermöglichen, wenn ihm trotz mangelnder Kräfte danach ist.

Ein Patient hat einmal zu mir gesagt: „Endlich eine Hebamme (!), mit der man beten kann.“ Tatsächlich erlebe ich die Begleitung von Schwerkranken oft als einen von Wehen bewegten Geburtsvorgang, nur dass er anstatt mehrerer Stunden auch Tage, Wochen, Monate dauern kann. Für mich als Betreuende heißt das, zunächst einmal nur vor dem Sterbenden sein und seinem Atem folgen. Das befreit mich von dem Gedanken, dass ich eine Lösung für die Ausweglosigkeit haben muss. Ich lege meine Ohnmacht in die Allmacht Gottes hinein. Ich bin gerufen, nicht allein als Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester, sondern ganz als Carmen da zu sein, um mit dem Patienten ehrlich seine und auch meine Gefühle zu teilen.

Das Wesen einer guten Begleitung ist für mich: Wachsam für die Bedürfnisse des Kranken am „Mysterium“ teilnehmen!

ZENIT: Der Papst ermutigt die Krankenpfleger, ein „wirksames Zeugnis von der liebevollen Fürsorge Gottes zu geben“. Sie sind zwar schon etwas darauf eingegangen, dennoch möchte ich Sie fragen: Wie sehen Sie Ihren Dienst und Ihren Berufsalltag? Was ist die größte Herausforderung, was die größte Freude?

-- Asanger: Ein wirksames Zeugnis der liebevollen Fürsorge Gottes zu geben heißt für mich, dem Vorbild Mariens folgen, die ganz verborgen und doch stets ihr Ja zu allen Wegen Gottes gegeben hat. Das möchte ich leben, indem ich in Zurückhaltung Freiraum für den Patienten schaffe und zugleich stets bereit sein möchte, ihm zu dienen. Die größte Herausforderung meiner Arbeit ist das Kreuz, meine größte Freude die Auferstehung.

Wie hilflos fühlst du dich, wenn du dem Unschuldigen, der sein Kreuz trägt, nur das Schweißtuch reichen kannst... Dann, wenn du den ganzen langen Weg des Leidens mit ihm gegangen bist, den Verstorbenen gewaschen, gesalbt, gekleidet, für ihn ein Licht entzündet hast, wenn du mit deinen eigenen Augen siehst, dass der dir anvertraute Patient seine Lasten abgelegt hat, um in ein neues Land aufzubrechen, dann kannst auch du dich wieder erleichtert neuen Aufgaben zuwenden. Und wenn ich, die ich diesen Menschen sooft durch meine Pflege berührt habe, am Leichnam „begreife“, dass dieser in seinem Körper nicht mehr hier anwesend ist, dann denke ich mit Hoffnung an die Worte des Engels an die Frauen am Grab Jesu, der sagte: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden“ (Lk 23,5-6). Dann wohnt diesem „Auf Wiedersehen!“ ein Zauber, eine Hoffnung inne, die mir sagt, dass wir uns einmal wieder begegnen werden.

ZENIT: Was würden Sie den Menschen raten, die gesund sind, sich aber schon jetzt auf ihre Sterbestunde vorbereiten wollen?

-- Asanger: Was ich sage, predige ich zuallererst mir selbst: in unseren Beziehungen nichts ungesagt lassen, immer den Weg der Versöhnung suchen, den Frieden im Herzen bewahren, immer bereit sein („Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“, Mt 25,13). Und wie ich bereits erwähnt habe und was zugleich die größte Herausforderung ist: mit dem Leib, der vergänglich ist, auch die Seele erwachsen werden lassen.

Im Gegensatz zum Körper, der wieder an Kraft verliert, wenn er einmal am Höhepunkt angelangt ist, gewinnt unsere Seele immerzu an Schönheit, wenn wir aus der wahren Quelle schöpfen.

Das Leben bietet uns viele Möglichkeiten an, das Sterben gewissermaßen „einzuüben“. Das beginnt beim Abschied von Lehrern nach dem ersten Schulabschluss, bei der Heimfahrt aus dem Urlaub, beim Umgang mit Freundschaften, die wachsen, blühen und wieder vergehen, und nicht zuletzt mit jeder Nacht, die uns einen Tod und am Morgen eine neue Auferstehung bringt.

Die Feier der Liturgie im Jahreskreis von Weihnachten mit der Geburt und von Ostern mit Tod und Auferstehung ist auch eine ständige Vorbereitung. Was wir in der Heiligen Messe feiern, muss ganz in mir verinnerlicht werden. Die Heilige Messe soll unser Leben werden: unaufhörlich Gott suchen, Vergebung erbitten, sein Wort in mir aufnehmen, alles was ich bin, vor seinen Altar tragen, und aus seiner Hand Gnade über Gnade empfangen und annehmen.