Was uns der heilige Bonifatius, „Apostel der Deutschen", lehrt

Liebe zur Kirche, Einheit mit dem Papst

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ROM, 13. März 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Katechese, die Papst Benedikt XVI. am Mittwoch, dem 11. März, während der Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom gehalten hat.

Der Heilige Vater betrachtete Leben und Werk des heiligen Missionars, Bischofs und Märtyrers Bonifatius (* 672/675 - † 5. Juni 754 oder 755). Das Vorbild des „Apostels der Deutschen" rege dazu an, „dass auch wir leidenschaftlich die Kirche lieben und stets die Einheit mit dem Nachfolger Petri für die Verbreitung von Gottes Reich auf Erden suchen".

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute beschäftigen wir uns mit einem großen Missionar des 8. Jahrhunderts, der das Christentum in Mitteleuropa verbreitet hat, gerade auch in meiner Heimat: mit dem heiligen Bonifatius, der als „Apostel der Deutschen" in die Geschichte eingegangen ist. Wir besitzen dank der Sorgfalt seiner Biographen nicht wenige Informationen über sein Leben: Er wurde in einer angelsächsischen Familie in Wessex um das Jahr 675 geboren und auf den Namen Winfried getauft. Sehr jung trat er, angezogen vom monastischen Ideal, ins Kloster ein. Da er mit bemerkenswerten intellektuellen Fähigkeiten ausgestattet war, hatte es den Anschein, dass er auf dem Weg einer ruhigen und brillanten Gelehrtenkarriere war: Er wurde Lehrer in lateinischer Grammatik, verfasste einige Traktate und schrieb auch einige Gedichte in lateinsischer Sprache. Nach seiner Priesterweihe im Alter von 30 Jahren spürte er die Berufung zum Apostolat unter den Heiden auf dem Kontinent. Großbritannien, seine Heimat, die gerade 100 Jahre vorher von den vom heiligen Augustinus angeführten Benediktinern evangelisiert worden war, legte einen so festen Glauben und eine so brennende Liebe an den Tag, dass von dort aus Missionare nach Mitteleuropa entsandt wurden, um dort das Evangelium zu verkünden. Im Jahr 716 begab sich Bonifatius zusammen mit einigen Gefährten nach Friesland (dem heutigen Holland), stieß jedoch auf den Widerstand des Oberhaupts vor Ort und der Versuch der Evangelisierung scheiterte. Nach seiner Rückkehr in die Heimat verlor er nicht den Mut und begab sich zwei Jahre später nach Rom, um mit Papst Gregor II. zu sprechen und dessen Anweisungen zu empfangen. Nach dem Bericht eines Biographen empfing ihn der Papst „lächelnd und mit einem Blick voller Wohlwollen" (Willibald, Vita S. Bonifatii, hg. Levison, S. 13-14). Und nachdem er ihm den neuen Namen Bonifatius gegeben hatte, vertraute er ihm schließlich mit offiziellen Briefen die Mission an, das Evangelium unter den Völkern Deutschlands zu verkünden.

Durch die Unterstützung des Papstes gestärkt und getragen, setzte sich Bonifatius für die Verkündigung des Evangeliums in jenen Regionen ein. Er kämpfte dabei gegen die heidnischen Kulte und stärkte die Grundlagen der menschlichen und christlichen Sittlichkeit. Mit großem Pflichtbewusstsein schrieb er in einem seiner Briefe: „Seien wir standhaft im Kampf am Tag des Herrn, da Tage des Leidens und des Elends gekommen sind... Wir sind weder stumme Hunde noch schweigsame Beobachter noch Söldner, die vor den Wölfen flüchten! Wir sind vielmehr eifrige Hirten, die über die Herde Christi wachen, die den Bedeutenden und Einfachen, den Reichen und Armen den Willen Gottes verkünden..., zu gelegenen und ungelegenen Zeiten..." (Epistulae, 3,352.354: MGH).

Durch sein unermüdliches Wirken, sein Organisationstalent, seinen trotz aller Festigkeit geschmeidigen und liebenswürdigen Charakter erzielte Bonifatius große Ergebnisse. So erklärte der Papst, „dass er ihm die Bischofswürde verleihen wollte, auf dass er so mit größerer Entschlossenheit die Irrenden korrigieren und auf den Weg der Wahrheit zurückführen könnte, sich durch die größere Autorität der apostolischen Würde gestärkt fühlte und von den anderen im Amt der Verkündigung umso mehr angenommen würde, desto deutlicher zum Vorschein komme, dass er vom apostolischen Oberhirten zu diesem Zweck geweiht worden war" (Otloh Vita S. Bonifatii, Hg. Levison, lib. I, S. 127).

Es war der Papst selbst, der Bonifatius zum „Regionalbischof" - das heißt für ganz Deutschland - weihte. Dieser nahm sodann seine apostolischen Bemühungen in den ihm anvertrauten Territorien wieder auf und dehnte sein Wirken auch auf die Kirche Galliens aus: Mit großer Umsicht stellte er die Kirchliche Disziplin wieder her, berief verschiedene Synoden ein, um die Autorität der heiligen Canones zu gewährleisten und stärkte die notwendige Gemeinschaft mit dem römischen Papst - ein Punkt, der ihm besonders am Herzen lag. Auch die Nachfolger Papst Gregors II. schätzten ihn sehr: Gregor III. ernannte ihn zum Erzbischof aller germanischen Stämme, übersandte ihm das Pallium und gewährte ihm, die kirchliche Hierarchie in jenen Regionen zu organisieren (vgl. Epist. 28: S. Bonifatii Epistulae, Hg. Tangl, Berolini 1916). Papst Zacharias bestätigte ihn im Amt und lobte seinen Einsatz (vgl. Epist. 51, 57, 58, 60, 68, 77, 80, 86, 87, 89: op. cit.). Und Papst Stephan III. empfing unmittelbar nach seiner Wahl einen Brief von Bonifatius, in dem dieser ihm seinen kindlichen Gehorsam bekundete (vgl. Epist. 108: op. cit.).

Über die Arbeit der Evangelisierung und der Organisation der Kirche durch die Gründung von Diözesen und die Abhaltung von Synoden hinaus unterließ es der große Bischof nicht, die Gründung verschiedener Männer- und Frauenklöster zu fördern, damit sie auf seinem Territorium wie Leuchttütrme für die Ausstrahlung des Glaubens und der menschlichen und christlichen Kultur sorgten. Aus den Benediktinerklöstern seiner Heimat hatte er Mönche und Ordensfrauen gerufen, die ihm bei der Aufgabe der Verkündigung des Evangeliums und der Verbreitung der Humanwissenschaften und Künste unter den Völkern eine sehr große und wertvolle Unterstützung bedeuteten. Er war nämlich zu Recht der Ansicht, dass die Arbeit für das Evangelium auch Arbeit für eine wahre menschliche Kultur sein müsse. Vor allem das um 743 gegründete Kloster Fulda war das Herz und der Ausstrahlungsmittelpunkt der Spiritualität und der religiösen Kultur: Dort strengten sich die Ordensleute im Gebet, in der Arbeit und in der Buße an, nach Heiligkeit zu streben; sie bildeten sich im Studium der heiligen und profanen Disziplinen fort und bereiteten sich auf die Verkündigung des Evangeliums vor, um Missionare zu sein. Durch den Verdienst des Bonifatius, seiner Mönche und Ordensfrauen - auch die Frauen hatten einen großen Anteil an diesem Werk der Evangelisierung! - blühte auch jene menschliche Kultur auf, die nicht vom Glauben zu trennen ist und dessen Schönheit enthüllt. Bonifatius selbst hat uns wichtige philosophische Werke hinterlassen. Vor allem sein umfangreiches Briefwerk, in dem sich Pastoralbriefe mit offiziellen und anderen Briefen privaten Charakters abwechseln, die soziale Begebenheiten und vor allem sein reiches menschliches Temperament und seinen tiefen Glauben offen legen. Er verfasste auch einen Traktat über die Ars grammatica, in dem er Deklinationen, Verben und die Syntaxe der lateinischen Sprache erklärt, die für ihn aber auch zu einem Werkzeug der Verbreitung des Glaubens und der Kultur wurden. Ihm werden auch eine Ars metrica, das heißt eine Einführung in die Verfertigung von Dichtung, verschiedene Gedichte und schließlich eine Sammlung von 15 Predigten zugeschrieben.

Auch wenn er in den Jahren fortgeschritten war - er war fast 80 -, bereitete er sich auf eine neue Mission der Evangelisierung vor: Zusammen mit rund 50 Mönchen kehrte er nach Friesland zurück, wo er sein Werk begonnen hatte. Gleichsam seinen bevorstehenden Tod vorausahnend, schrieb er in Anspielung auf die irdische Lebensreise an seinen Jünger und Nachfolger auf dem Bischofsstuhl von Mainz, Bischof Lullus: „Ich möchte den Sinn dieser Reise zu Ende bringen. Ich kann auf keinen Fall auf das Verlangen verzichten aufzubrechen. Der Tag meines Endes ist nahe, und die Zeit meines Todes nähert sich. Ist erst der sterbliche Leichnam bestattet, so werde ich zum ewigen Lohn emporsteigen. Du aber, geliebter Sohn, hole ohne Unterlass das Volk aus dem Dickicht des Irrtums heraus, vollende den Bau der bereits begonnenen Basilika von Fulda, und dort wirst du meinen Leib, den lange Lebensjahre alt gemacht haben, bestatten" (Willibald, Vita S. Bonifatii, ed. cit., S. 46).

Zu Beginn der Eucharistiefeier in Dokkum (im heutigen Nordholland), wurde er am 5. Juni 754 von mehreren Heiden angegriffen. Mit ruhigem Blick trat er ihnen entgegen, „verbat den Seinen zu kämpfen und sagte: ‚Meine Kinder, hört mit den Kämpfen auf! Gebt den Krieg auf, denn das Zeugnis der Schrift ermahnt uns, Schlechtes nicht mit Schlechten, sondern Schlechtes mit Gutem zu vergelten. Siehe da, der lang ersehnte Tag, siehe, die Zeit unseres Endes ist gekommen! Mut im Herrn!'" (Ebd. S. 49-50). Es waren dies seine letzten Worte, ehe er den Schlägen der Angreifer erlag. Die sterblichen Überreste des Märtyrerbischofs wurden in das Kloster von Fulda gebracht, wo ihnen eine würdige Bestattung zuteil wurde. Schon einer seiner ersten Biographen äußert sich mit diesem Urteil über ihn: „Der heilige Bischof Bonifatius kann Vater aller Einwohner Deutschlands genannt werden, da er sie als erster mit dem Wort seiner heiligen Verkündigung für Christus gezeugt hat. Er hat sie durch sein Vorbild gestärkt, um schließlich sein Leben für sie hinzugeben. Das ist eine Liebe, deren es keine größere geben kann" (Otloh, Vita S. Bonifatii, ed. cit., lib. I, p. 158).

Welche Botschaft können wir heute, im Abstand von Jahrhunderten, der Lehre und dem außergewöhnlichen Wirken dieses großen Missionars und Märtyrers entnehmen?

Wer sich Bonifatius nähert, bemerkt zunächst eines: die Vorrangestellung des Wortes Gottes, das im Glauben der Kirche gelebt und ausgelegt wird - ein Wort, das er lebte, verkündete und bezeugte, bis zur äußersten Selbsthingabe im Martyrium. Er war von einer derartigen Leidenschaft zum Wort Gottes erfüllt, dass er die Dringlichkeit und die Pflicht verspürte, es den anderen zu überbringen, auch unter Gefahren für seine Person. Auf ihm ruhte jener Glaube, zu dessen Verbreitung er sich im Augenblick seiner Bischofsweihe feierlich verpflichtet hatte: „Ich bekenne unversehrt die Reinheit des heiligen katholischen Glaubens, und mit der Hilfe Gottes will ich in der Einheit dieses Glaubens bleiben, in dem ohne irgend einen Zweifel das ganze Heil der Christen liegt" ((Epist. 12, in S. Bonifatii Epistolae, ed. cit., S. 29).

Was als Zweites deutlich aus dem Leben des Bonifatius hervorgeht und sehr wichtig ist, ist seine treue Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl, der ein fester und zentraler Bezugspunkt für seine Arbeit als Missionar war. Er bewahrte immer diese Gemeinschaft als Regel seiner Mission und hinterließ sie gleichsam als sein Testament. In einem Brief an Papst Zacharias schrieb er: „Ich höre nie damit auf, all jene aufzufordern, dem Apostolischen Stuhl zu gehorchen, die im katholischen Glauben und in der Einheit der römischen Kirche bleiben wollen, sowie all jene, die mir Gott in dieser meiner Sendung als Zuhörer und Schüler gibt" (Epist. 50: in ibid. p. 81). Frucht dieses Einsatzes war der Geist festen Zusammenhalts um den Nachfolger des Petrus, den Bonifatius den Kirchen seines Missionsterritoriums übermittelte und so Rom mit England, Deutschland und Frankreich verband und auf diese Weise in entscheidendem Maß dazu beitrug, jene christlichen Wurzeln Europas zu gründen, die in den darauf folgenden Jahrhunderten reiche Frucht tragen sollten.

Eine dritte Charakteristik legt Bonifatius unserer Aufmerksamkeit nahe: Er förderte die Begegnung zwischen der römisch-christlichen Kultur und der germanischen Kultur. Er wusste nämlich, dass die Humanisierung und Evangelisierung der Kultur integraler Bestandteil seiner Sendung als Bischof war. Indem er das alte Erbe an christlichen Werten weitervermittelte, pflanzte er den germanischen Völkern einen neuen, menschlicheren Lebensstil ein, dank dessen die unveräußerlichen Rechte der Person besser geachtet wurden. Als echter Sohn des heiligen Benedikts verstand er es, Gebet und Arbeit (sowohl die manuelle als auch die intelektuelle Arbeit), Feder und Pflug miteinander zu verbinden.

Das mutige Zeugnis des Bonifatius ist eine Einladung an uns alle, das Wort Gottes als wesentlichen Bezugspunkt in unserem Leben zu verankern und leidenschaftlich die Kirche zu lieben, uns mitverantwortlich für ihre Zukunft zu fühlen, ihre Einheit um den Nachfolger des Petrus zu suchen. Gleichzeitig ruft er uns ins Gedächtnis, dass das Christentum die Verbreitung der Kultur fördert und auf diese Weise den Fortschritt des Menschen fördert. Es liegt an uns, heute auf der Höhe eines so angesehenen Erbes zu sein und es zum Vorteil der kommenden Generationen Frucht tragen zu lassen.

Mich beeindruckt dieser sein glühender Eifer für das Evangelium: Mit 40 verlässt er ein schönes und fruchtbares monastisches Leben, ein Leben als Mönch und Professor, um den Einfachen, ja den Barbaren, das Evangelium zu verkünden. Im Alter von 80 Jahren geht er erneut in eine Gegend, in der er sein Martyrium vorhersieht. Wenn wir diesen seinen glühenden Glauben, diesen Eifer für das Evangelium mit unserem oft so lauen und bürokratischen Glauben vergleicht, erkennen wir, was wir tun müssen und wie unser Glaube zu erneuern ist, um unserer Zeit die kostbare Perle des Evangeliums als Geschenk zu überbringen.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]


Liebe Brüder und Schwestern!

Die heutige Katechese möchte ich einer großen Glaubensgestalt widmen, einem Missionar, Bischof und Martyrer, der für das christliche Fundament Europas Bedeutendes geleistet hat: dem heiligen Bonifatius. Winfrid - so hieß er mit seinem Taufnamen - wurde um 675 in Wessex im heutigen England geboren und trat schon im Knabenalter in ein Kloster ein. Ein Jahr nach seiner Priesterweihe mit etwa 30 Jahren verspürte er die Berufung, den Heiden auf dem Kontinent das Evangelium zu bringen. Von den britischen Inseln, die gerade hundert Jahre zuvor eine rege Missionstätigkeit der Benediktiner erlebt hatten, machte sich eine große Zahl von Mönchen nach Mitteleuropa auf, um Christus im Dienste der Mission nachzufolgen. Im Jahr 716 zog auch Winfrid mit einigen Gefährten nach Friesland. Er traf aber auf den Widerstand der lokalen Stammesfürsten und musste unverrichteter Dinge wieder abziehen. Daraufhin begab er sich nach Rom, um von Papst Gregor II. Rat und Segen für seinen weiteren Einsatz zu erbitten. Der Papst gab ihm den geistlichen Namen Bonifatius und betraute ihn mit einem unmittelbaren Missionsauftrag. Gestärkt durch die Worte und den Segen des Nachfolgers Petri wurde Bonifatius ein unermüdlicher und sehr erfolgreicher Missionar unter den Völkern Germaniens. Bei einem zweiten Besuch in Rom verlieh ihm der Papst die Bischofswürde. In diesem Amt konnte er die Kirche in seinem Missionsgebiet auch organisatorisch ordnen und festigen. Bonifatius gründete eine Reihe von Klöstern, die zu Zentren des Glaubens und der Kultur wurden. Im Alter von 80 Jahren machte Bonifatius sich erneut auf, um die Friesen zu missionieren. Hier erlitt er am 5. Juni 754, während er die Messe zelebrierte, den Martyrertod. In seiner Lieblingsgründung Fulda hat der Apostel Germaniens seine letzte Ruhestätte gefunden.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]


Ganz herzlich grüße ich die Pilger und Besucher deutscher Sprache. Das Vorbild des heiligen Bonifatius will uns anregen, dass auch wir leidenschaftlich die Kirche lieben und stets die Einheit mit dem Nachfolger Petri für die Verbreitung von Gottes Reich auf Erden suchen. Der Herr schenke euch und euren Familien seinen Frieden.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana]