"Was zählt, ist die Treue zu sich selbst und die Liebe, die allein Hass und Gewalt besiegen kann": Nachfolge Christi inmitten der Welt

Interview mit Ute Grosse-Harmann von der Missionarischen Fraternität "Verbum Dei"

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OSNABRÜCK, 27. Juni 2006 (ZENIT.org).- Jede Form christlichen Lebens gelangt durch Krisen und Erneuerungen zur Entfaltung. Führt die Entscheidung, ehelos zu leben, langfristig zu einem erfüllten Leben oder zu Enttäuschung und Frust? Über diese und andere Fragen sprach ZENIT mit der deutschen Missionarin Ute Grosse-Harmann.



Die 48 Jahre alte Gemeindereferentin ist seit über 25 Jahren geweihtes Mitglied der Missionarischen Fraternität Verbum Dei und arbeitet nach langjährigen Einsätzen in Frankreich, Afrika und Russland heute in der Diözese Osnabrück. Im März veröffentlichte sie ihren autobiographischen Roman Jenseits der Angst: eine Hommage an das Leben mit seinen tatsächlichen Unwegsamkeiten, aber auch mit seinen Großartigkeiten.

ZENIT: Wie haben Sie Ihr persönliches Charisma und damit auch Ihren definitiven Lebensweg entdeckt?

-- Ute Grosse-Harmann: Als Jugendliche, vor allem zwischen 15 und 18 Jahren, stand ich der Kirche und dem christlichen Glauben eher fern. Ich befand mich aber auf einer intensiven Suche nach einem Sinn für mein Leben, und ich suchte ihn vor allem in der Literatur. Damals beeindruckten mich besonders das Drama "Dantons Tod" von Georg Büchner und das Buch "Der Herr der Fliegen" – und somit auch die Frage nach dem Guten und dem Bösen.

Zu dieser Zeit hatte ich vor, Geschichte zu studieren, weil sie mir den Zusammenhang der Ereignisse näher brachte, sowie Fremdsprachen, weil ich den Wunsch verspürte, unter den Menschen und Völkern Brücken zu bauen.

Mit 18 Jahren entdeckte ich dann im Kontakt mit einer sehr aktiven, lebendigen kleinen evangelischen Gemeinde in der Schweiz den Reichtum des Glaubens und erfuhr, dass es ein großes Geschenk ist, glauben zu dürfen, und dass ich ein solches Geschenk nicht für mich behalten durfte. So begann ich, nach einem Weg zu suchen, meinen Glauben zu verkünden und nicht nur Brücken unter den Menschen zu bauen, sondern auch Brücken zu Gott.

Ich hatte begonnen, Katholische Theologie zu studieren, und entdeckte einige Jahre später eine geistliche Gemeinschaft, die mich überzeugte. Der schlichte und frohe Lebensstil und das Zentrum ihres Charismas, nämlich das Gebet und die direkte Verkündigung des Wortes Gottes, entsprachen ganz meinem Herzensanliegen.

ZENIT: Wer sich dazu entschließt, ein Leben nach den evangelischen Räten zu wählen und insbesondere ehelos zu leben, wird nur von wenigen verstanden und oft angegriffen. Was verlieh Ihnen damals die nötige Sicherheit zu einer solchen Entscheidung?

-- Ute Grosse-Harmann: Als ich den Ruf verspürte, mein Leben ganz Gott zu weihen und dies im Rahmen einer Gemeinschaft zu tun, war ich die Erste, die enorm zu kämpfen hatte. Ich stand vor der Wahl, mit meinem damaligen Freund eine christliche Familie zu gründen oder Jesus Christus als einzigen Lebenspartner zu wählen.

Was mir Sicherheit gab, war die Erfahrung der Liebe Gottes, die alles andere übersteigt und die in mir die Sehnsucht weckte, diese Liebe in Ausschließlichkeit zu erwidern und mein Leben ganz ihm zu weihen.

Die Sicherheit gibt die Erfahrung, die sich im Laufe der Jahre verstärkt hat: dass seine Liebe genügt; dass die Nachfolge nicht in erster Linie Verzicht ist, sondern ein wertvoller Zugewinn, der Weg zu einem tiefen Glück, das uns keiner nehmen kann.

ZENIT: Echte Nachfolge durchläuft viele verschiedene Phasen und auch Krisen. Was hat Ihnen geholfen, durchzuhalten und immer wieder die Erfahrung von Beschenktsein und Fülle zu machen?

-- Ute Grosse-Harmann: Was mich tröstet, ist: Nicht nur echte Nachfolge durchläuft viele Phasen, sondern alle Menschen durchlaufen sie. Was uns anfänglich recht arg durcheinander bringt, hilft uns – rückwirkend mit Ruhe betrachtet – zu reifen. Ich begreife jetzt, dass Jesus mir all das "zugemutet" hat, um so besser und konkreter Wegbegleiter eines wirklich "durchlittenen" Weges für andere zu sein.

Während meiner Jahre in Afrika und Russland habe ich angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeit und der großen Not der Menschen oft Wut und Ohnmacht empfunden. Dennoch gehören gerade diese Augenblicke zu den wertvollsten Erfahrungen meines Lebens. Ich habe von diesen Menschen viel gelernt, von ihrer Lebensfreude in extrem schwierigen Situationen, ihrem Mut zu kämpfen und davon, wie sie sich einander helfen. Ich habe gelernt, die Dinge nicht mehr als selbstverständlich hinzunehmen…

Gerade in der Erfahrung, dass Gottes Wege nicht immer unsere Wege sind, dass er anders ist, reifen wir in unserer Liebe zu ihm und erfahren eine Fülle, die der Weg zur inneren Freiheit ist.

ZENIT: Die Entscheidung, gehorsam zu leben, wird manchmal als autoritätshörig interpretiert. Wie sehen Sie die Chance, dass das Gehorsamsgelübde heute wirklich zur Hingabe an denjenigen werden kann, der allein Freiheit und Einheit zugleich schafft?

-- Ute Grosse-Harmann: Gehorsam hat viel mit Eigenverantwortung, Kreativität und Treue zu sich selbst und dem Evangelium zu tun. Gemeinsam sucht man in einem geschwisterlichen Dialog neue Wege und Möglichkeiten, was auch mit sich bringt, sich auf die Perspektiven der anderen einzulassen. Die Freiheit liegt ja gerade darin, nicht nur auf seinem eigenen Standpunkt zu beharren, sondern die Wege Gottes durch die äußeren Umstände, die Vorschläge der anderen, zu erkennen und anzunehmen, auch wenn sie die unsrigen durchkreuzen.

ZENIT: In Ihrem jüngsten Roman geht es "um Leben und Tod, Glaube und Zweifel, um Angst und menschliche Größe, um zerbrochene Ideale und die Treue zu sich selbst, um Verrat und um die Liebe, die allein Hass und Gewalt besiegen kann". Ist das so etwas wie ein Fazit eines der Liebe geweihten Lebens?

-- Ute Grosse-Harmann: Ja! Im Grunde umschreibe ich das Fazit eines geweihten Lebens am Beispiel einer Liebesgeschichte. Ich greife darin den Beginn meiner eigenen Suche als Jugendliche wieder auf. Mir gefiel es, die Geschichte inmitten der Wirren der französischen Revolution, inmitten von Gewalt, Verrat und Tragik, anzusiedeln, weil hier der "Realismus", die so genannte "ernüchternde Lebenserfahrung", zu Wort kommt, von der heute so viele reden. Aber es bleibt dabei, das die Liebe das letzte Wort hat.

Ich habe mein Lebenszeugnis in Romanform abgefasst, weil ich all jenen entgegenkommen und zu ihnen eine pastorale Brücke bauen möchte, die von der normalen Glaubensverkündigung nicht mehr erreicht werden oder sich nicht erreichen lassen wollen.

Die eigentliche Hauptperson des Romans ist für mich der Nationalgardist Maurice: ein Mensch, der in seiner bedingungslosen Liebe alles aufs Spiel setzt. Unschwer kann man das Erlösungswerk Jesu da herauslesen und mit dem Herzen verstehen, dass sich hier jemand "wie Jesus" hingibt und sich zu dem "verführen lassen", was Christsein meint: Nur die Hingabe des ganzen Lebens ermöglicht bleibendes, neues Leben.