Weiblich – oder doch nur Gender? Kritik eines Modebegriffs

Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

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WÜRZBURG, 9. Februar 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Ist die Zukunft weiblich? So wird mit manchem Recht gefragt, wenn man die gut ausgebildeten, sozial „kompetenten“ jungen Frauen sieht, die in Leitungsberufe aufsteigen wollen. Aber kommt die Frage nicht schon zu spät? Mittlerweile wird ja der Begriff des Geschlechtes als zweitrangig angesehen; gender, die sozial konstruierte „Rolle“ ist das neue Zauberwort.



Im bisherigen feministischen Streit ging es entweder um Gleichheit: Frau soll wie Mann sein und werden, wie es Simone de Beauvoir 1949 forderte, auch und gerade unter Verzicht auf das Kind und einen beständigen Partner. Oder darauf reagierend, ging es um den positiven Unterschied: Frau soll Frau sein und bleiben, bei selbstverständlicher Rechts- und Chancengleichheit. In diese gegenläufigen Thesen hat sich eine neue Theorie eingeschaltet, die postfeministische Aufhebung von Frausein. Diese Theorie ist radikal „dekonstruktivistisch“ und leibfern. Menschsein als eigenständige Aufgabe, beschreibbar als „der Weg von mir zu mir“ (Simone Weil), wird jenseits von Leib und Geschlechtlichkeit angesiedelt.

Mehr als nur Inszenierung

Schon Sigmund Freud hatte die Differenz der Geschlechter bezweifelt: Wer den Schleier des Weiblichen lüfte, treffe auf das Nichts (des Unterschieds). Nach Simone de Beauvoir sind nur noch strukturelle Fragen zugelassen: Wie wird man eine Frau? Aber sie stellte keine Wesensfragen mehr: Was ist eine Frau?

Seit den 90-er Jahren behauptet eine neue These, dass auch Sexualität nicht mehr gegeben, sondern konstruiert sei. Als Wortführerin dieser Theorie kann Judith Butler aus Berkeley gelten mit dem Werk „Gender Trouble“ (1991, dt. Das Unbehagen der Geschlechter 1992). Sie glaubt, einen Widerspruch in der bisherigen feministischen Argumentation zu erkennen: auf der einen Seite sei das Geschlecht ein Ergebnis sozialer Festlegung (und somit durch kritischen Diskurs auflöslich), auf der anderen Seite aber biologisch unhintergehbar (und somit unauflöslich). Der Widerspruch lasse sich jedoch beheben: Es gebe überhaupt keinen „natürlichen“ Körper „vor“ der Sprache und kulturellen Deutung. Körperliche Geschlechtsunterschiede seien allesamt sprachlich bearbeitet. Radikalisiert bedeutet es, dass der Unterschied zwischen sex und gender pure Interpretation sei. Schlichter: Auch „Biologie“ sei Kultur. Um emanzipatorisch weiterzukommen, sei daher ein subjektives und offen pluralistisches Geschlecht zu „inszenieren“.

Ähnlich arbeitet die Romanistin Barbara Vinken die Mode als Feld für „Travestie und Transvestie“ heraus: „Mode spielt mit den Geschlechterrollen, parodiert sie, durchkreuzt sie auch oder eignet sie sich an.“ Im selben Prozess, dessen Hauptwort „Konstruktion“ lautet, gerät natürlich auch das männliche Geschlecht in Konstrukt-Zwänge oder Konstrukt-Freiheiten. So sind die Stereotypen der Männlichkeit bereits durch die Antitypen in Auflösung begriffen oder, um in der Begrifflichkeit zu bleiben, „im Ideal der androgyn-multiplen Körperlichkeit der Techno-, Pop- und Cyber-Kultur bzw. in dekonstruktivistischen Gendertheorien“ erschüttert. Der Schritt zu dem bereits um 1900 aufgetauchten Schlagwort vom „Dritten Geschlecht“ liegt nahe.

Die „neue Weiblichkeit“ polarisiert sich nicht mehr gegenüber der „Männlichkeit“, sondern unterläuft den Gegensatz „männlich“ und „weiblich“. Konkret ist gemeint, dass ein Ausschöpfen aller sexuellen Möglichkeiten, insbesondere des Lesbentums, von den bisherigen Konstruktionen freisetzen könne. Die eigentliche Stütze der Geschlechter-Hierarchie sei die „Zwangsheterosexualität“, die als bloßer Machtdiskurs entlarvt werden könne (Monique Wittig). Auch Transvestismus sowie die Geschlechtsumwandlung, psychisch wie physisch, werden denkbar und sogar wünschbar. Tatsächlich werde Geschlechtsleben „inszeniert“, das Ich trägt die jeweilige geschlechtliche Maske – mit der Konsequenz, dass „diese Maske gar kein Ich verbirgt“ (Jane Flax).

Literarisch ist Ähnliches schon seit längerem bearbeitet, freilich durchaus parodistisch-leicht: in Virginia Woolfs „Orlando“ von 1927. Ein narzistischer junger Adeliger gleitet in unaufhörlich wechselnden Amouren durch vier Jahrhunderte und verwandelt sich dazwischen auch in eine Frau. Dieser spielerische Exkurs über die Unbestimmtheit des Geschlechts trägt durchaus neurotische Züge. Der Zwitter hinterlässt aber gerade heute Eindruck, wenn man dem Erfolg des Theaterstücks und der Verfilmung traut.

Zu konstatieren sind also mannigfaltige, auch künstlerische Ansätze zur Auflösung und Neuinstallation des Körpers im Sinne einer fortlaufend zu inszenierenden Identität, die sowohl die bisherige angebliche Starre des Körperbegriffs als auch seine Abgrenzung von der Maschine aufheben – zumindest fiktiv in spielerischer Virtualität, teils bereits real mit Hilfe operativer Veränderung. Der Mensch als seine eigene Software mit der entsprechenden Verpflichtung zur (Dauer-)Transformation – diese Vision kennzeichnet eine Zerstörung, zumindest die Vernachlässigung eines umfassenden Leibbegriffs.

In der Gendertheorie zeigen sich nicht unerhebliche Aussparungen des Gesamtphänomens „Leib“. Zumindest seit Descartes wurde der Körper eben nicht mehr als mein Leib, als Träger meiner Subjektivität verstanden. Das Christentum hatte demgegenüber durch die Aussage der „Fleischwerdung“ Gottes eine ganz andere Sicht auf den Leib eröffnet; diese wurde aber viel zu selten philosophisch angerissen. Die heute gewollte Selbsterstellung des eigenen Körpers zeigt, dass postfeministische Thesen durchaus in einer männlich geprägten Philosophie wurzeln und keineswegs unkritisch zu übernehmen sind. Gerade das begrifflich scharfe Lesen der durchwegs komplizierten Autorinnen ist zugleich Ansatz für eine treffende Kritik. Bei den Wortführerinnen kommt es – vielleicht ungewollt, jedenfalls unausgesprochen – zu einer Abwertung des weiblichen Leibes, sei es in seiner Vermännlichung bei Beauvoir, seiner Entwirklichung (Deontologisierung) bei Butler oder seiner entgrenzenden Technisierung (Denaturalisierung) bei Donna Haraway, die für die Kreuzung des Körpers mit Maschinen (etwa Nanocomputern) spricht.

Säkulare Heilsideologien

Sofern Wirklichkeit nur über Rollenspiel – gleichgültig ob dekonstruiertes oder neu konstruiertes – erklärt wird, verlieren sich gültige Aussagen über Identität. Sofern auch der Körper nur Spielplatz beliebig wechselnder Bedeutungen sein soll, bedürfte es jeweils erst der Verhandlungen, in welchem Sprachspiel „der Körper“ zu behandeln sei. Auch wechselnde Eigenschaften bedürfen eines Trägers. Gegenüber dem variablen „Rollenspiel“ und der Auflösung des Ich in einen fiktiven Selbstentwurf ist der Begriff der Person neu und vertieft ins Auge zu fassen, wie ihn ursprünglich Boethius im sechsten Jahrhundert in Verarbeitung der christlichen Impulse entwickelte. Er umgreift die Geschlechtsdifferenzen, ohne sie aufzuheben: durch die gemeinsame Personalität.

Was die These von der Umwandlung des Geschlechtes (psychisch oder physisch) in ein anderes Geschlecht betrifft, so ist dem entgegen zu halten, dass – abgesehen von organischen Missbildungen oder Zwitterbildungen – jede Person auch in ihrer „Hälftigkeit“, die das Geschlecht ausmacht, dennoch ein Ganzes ist. Die Person in ihrer geschlechtlichen und sonstigen Differenzierung stellt nicht nur einen schmalen Ausschnitt aus dem Ganzen an möglicher menschlicher Erfahrung vor, sondern in dieser ihrer Begrenztheit ist sie zur Wahrnehmung des Ganzen befähigt. Das ist der Grund, weswegen auch Jungfräulichkeit nicht als Mangel, sondern als Erfüllung gelebt werden kann.

Deutlich und unabweisbar ist die Notwendigkeit eines weitergehenden Nachdenkens über „Wirklichkeit“ als „gegeben“ und nicht bloß „(selbst)gemacht“. Leib als „datum“ muss nicht erst ein „factum“ werden, um annehmbar zu sein. Solche Fragen betreffen nicht allein die Philosophie, sondern bereits die Alltagskultur (siehe die synthetische Kunstfigur Michael Jackson). Sollte denn der „weibliche Eunuch“ das Modell der Zukunft sein?
Kritisches Weiterdenken ist jedenfalls gefragt, um die beiden „blinden Flecken“ der gender-Theorie aufzudecken: den übergangenen Leib und die übergangene Generativität. Leben und Lebengeben ist Folge biologischer Geschlechtlichkeit und nicht sozialen Geschlechtes.
Zwei katastrophale vernetzte Vorgänge bedrohen die deutsche Gesellschaft zutiefst und bereits nachhaltig: die demographische Entwicklung und die (erneut gestiegenen) Abtreibungszahlen. Frauenpolitik kann daher nicht gender-Politik sein; sie hat Leiblichkeit und Generativität als zwei mehr als sprachliche, mehr als „inszenierte“ Faktoren gezielt zu behandeln, zu stützen, aus dem bloß individuell „zugeschriebenen“ Bereich zu einer vorrangigen Aufgabe staatlicher Förderung zu machen.

Es wäre dem christlichen Nachdenken angemessen, die Aussagen des Evangeliums als mögliches Korrektiv ins Spiel zu bringen. Weder „Natur“ noch „Kultur“ sind von sich aus „heil“ oder können durch soziale Maßnahmen zu einer überzeugenden Identität ausgestaltet werden. Die grundsätzliche „Versehrtheit“ der menschlichen Existenz bedarf selbstverständlich menschlicher Anstrengung zu Ausgleich oder wenigstens Linderung. Dennoch ist es entscheidend, den Horizont der Lösung nicht nur innergesellschaftlich anzusetzen. Unter diesem Vorbehalt erscheint hiesiges Tun und Verändern als notwendig, aber als vorläufig. Säkulare Heilsideologien müssen christlich immer erneut auf ihren totalitären Kern hin kritisiert werden. Christliche Gesellschaftspolitik erlaubt Optionen, verhindert aber Fundamentalismen, auch solche der „Befreiung“.

Die biblische Genesis weiß von der „Verstörung“ der Geschlechter und durch das Geschlecht; sie weiß auch von einem (Er)Löser. Eine solche Sicht belastet nicht, sie entzerrt die übertriebene Allzuständigkeit, das Helfersyndrom, die eingebaute Frustration des Nichtändernkönnens. Vielleicht hilft den Hilfsbedürftigen eine solche Haltung mehr als Vorspiegelungen einer neuerlich ideologisch unterlegten „Geschlechtergerechtigkeit“, die doch spätestens in den vorletzten Existenznöten steckenbleibt.

[Hanna Barbara Gerl-Falkovitz ist seit 1993 Professorin für Religionsphilosophie und Vergleichende Religionswissenschaft an der Technischen Universität Dresden; © Die Tagespost vom 6.2.2007]