Weihbischof Grave: Lateinamerika braucht unsere Hilfe

Interview mit dem Vorsitzenden des Lateinamerika-Hilfswerks ADVENIAT

| 741 klicks

ESSEN, 22. Juni 2007 (ZENIT.org).- Der Essener Weihbischof Franz Grave hat als Vorsitzender der Bischöflichen Aktion ADVENIAT an der Organisation der Fachtagung „Brückenschlag in die Zukunft“ mitgewirkt, die am 15. und 16. Juni in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ stattfand. Der Primas von Brasilien, Kardinal Geraldo Majella Agnelo, berichtete damals aus erster Hand über die Ergebnisse der V. Generalversammlung des lateinamerikanischen und karibischen Episkopats (13. - 31. Mai 2007).



Gegenüber ZENIT blickt Weihbischof Grave auf die Ergebnisse dieser Tage zurück, bei denen es vor allem um die Frage ging, in wieweit die Beschlüsse der bischöflichen Beratungen im größten brasilianischen Wallfahrtsort Aparecida auch für Deutschland relevant sein können.

ZENIT: Herr Bischof, als Zuständiger für ADVENIAT, das europaweit größte Lateinamerika-Hilfswerk, sind Sie mit den zum Teil erschreckenden Lebensbedingungen vieler Menschen in Mittel- und Südamerika betraut. Wie können wir ihnen konkret helfen, was brauchen sie?

-- Weihbischof Grave: Das Armutsgefälle in Lateinamerika nimmt nicht ab. Im Gegenteil: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Diese Erfahrungen mache ich nicht nur in Gesprächen und Diskussionen hier in Deutschland, sondern auch vor Ort in der Begegnung mit den Menschen in ihren Armutssituationen.

Es ist nicht möglich, die Welt im Ganzen und im Handumdrehen zu verändern. Hier ist nüchterner Realismus geboten. Dennoch hat ADVENIAT in den vergangenen 45 Jahren ernorm viel bewegt. Durch ehrliche und langfristige Arbeit an der Basis ist es gelungen, Tausende von Menschen aus der Armutsfalle zu befreien. Und die Solidarität geht weiter: Unser Ziel ist es, den Menschen langfristig echte Lebensperspektiven zu eröffnen, statt neue Abhängigkeiten zu schaffen.

ZENIT: Besucht man eines dieser Länder, fällt einem auf, dass die Menschen mitunter einen sehr tiefen Glauben zu haben scheinen und sich nicht davor schämen, ihre Frömmigkeit auch offen zu zeigen. Bei uns hat man gelegentlich den Eindruck, dass man mit den persönlichen Glaubensüberzeugungen hinterm Berg hält. Was können wir von den Gläubigen in Lateinamerika lernen?

-- Weihbischof Grave: Ich will hier gerne an die Lernerfahrung erinnern, die wir im Laufe des Weltjugendtages machen konnten. Hier in Essen haben die Vertreterinnen und Vertreter aus Lateinamerika auf der Haupteinkaufsstraße ihre religiösen Lieder gesungen, auch religiöse Tänze vorgeführt. Sie haben sich nicht dafür geschämt, kniend den „Engel des Herrn“ zu beten. Das hat bei den deutschen Passanten für Aufsehen gesorgt. Doch vielen wurde wieder ins Gedächtnis gerufen, dass das Religiöse eine Lebensäußerung des Menschen ist und keine Eigenschaft, die neben dem „normalen“ Leben stattfindet.

Das war eine Lernerfahrung, die unsere Gesellschaft dringend benötigt. Gerade hierzulande machen wir nicht selten die Erfahrung, dass das Religiöse wie ein Tabubereich aus dem öffentlichen Bekenntnis herausgehalten wird.

ZENIT: Der Lateinamerikanische Episkopat hat in Aparecida zum Beginn einer großen missionarischen Bewegung aufgerufen, die den ganzen Kontinent erfassen soll. Können ihre diesbezüglichen Gedanken auch zur Erneuerung des missionarischen Bewusstseins der Gläubigen in Deutschland beitragen?

-- Weihbischof Grave: Grundsätzlich ist eine Neuevangelisierung in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern dringend nötig. Man wird hier zunächst einmal auf die unterschiedlichen Situationen eingehen müssen, um vor diesem Hintergrund die Frage einer religiösen Neubelebung individuell aufgreifen zu können.

Ich bin aber sicher, dass die Erwartungen im Hinblick auf eine religiöse Vertiefung groß sind. Ein Beispiel: Ich habe kürzlich in einem großen Kaufhaus das Buch des Heiligen Vaters „Jesus von Nazareth“ vorgestellt. Ich war ganz überrascht über die große Zahl der Teilnehmer. Das Interesse am Religiösen ist durchaus vorhanden. Wir müssen unsererseits die richtigen Wege finden, um den Menschen in ihren Fragen zu begegnen.

ZENIT: Wie beurteilen Sie die Ergebnisse Ihrer Tagung, an der auch Kardinal Geraldo Majella Agnelo teilnahm?

-- Weihbischof Grave: Ausgesprochen positiv. Die Begegnung fand ja statt unter dem Titel „Brückenschlag in die Zukunft“. ADVENIAT vollzieht diesen Brückenschlag seit 45 Jahren.

Wir haben bei der Tagung noch klarer erkennen können, dass die Brücke von zwei Seiten gebaut wird, eben auch von unseren Schwestern und Brüdern in Lateinamerika. Ich habe den Eindruck, dass die Beiträge der Teilnehmer ganz dem Anspruch gerecht wurden, Brücken zu bauen, Brücken tragfähig zu machen und Brücken zu erweitern.

ZENIT: Welche Elemente sind es, die den Christen, der Zeuge Jesu sein will, ausmachen?

-- Weihbischof Grave: Der Heilige Vater selbst hat diese Elemente in dem Leitthema für Aparecida genannt: „Christen: Schüler und Missionare Jesu“.

Der Schüler hört auf den Meister, lässt sich von seinem Wort berühren, bedenkt die Botschaft Jesu und setzt sie in seinem Leben um. Auf diese Weise wird aus dem Schüler ein Missionar, der im persönlichen Zeugnis für die Botschaft Jesu Christi eintritt.

ZENIT: Zur missionarischen Identität der Kirche und jedes Gläubigen in Deutschland gehört sicher auch die Solidarität mit den Christen in den armen Ländern. Was hat Ihre Tagung in dieser Hinsicht Neues zutage gefördert?

-- Weihbischof Grave: Die Tagung hat eine alte und bewährte Erfahrung noch einmal unterstrichen. Sie hat gezeigt, dass die Liebe, oder modern formuliert, die Solidarität mit den Armen darin besteht, Brücken zu ihnen zu schlagen.

Wir dürfen nicht belehren, sondern über den Weg der praktizierten Nächstenliebe den Weg zu den Armen suchen. Die Liebe ist letztendlich die entscheidende Erfahrung für die Armen. Sie macht ihnen deutlich, dass sie nicht am Rande stehen, sondern dass sie unter dem Dach der Kirche keine Fremden sind.