Weihbischof Neymeyr von Mainz über das "fruchtbare Miteinander von Gottes- und Nächstendienst"

Katechese beim Kölner Weltjugendtag 2005 (19. August 2005)

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MAINZ, 1. September 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Katechese, die Weihbischof Ulrich Neymeyr von Mainz am 19. August anlässlich des Kölner Weltjugendtages in der Kirche Maria Königin des Friedens in Velbert-Neviges gehalten hat. Um in der Welt als wahrer Anbeter Gottes zu leben – so das Thema dieser Katechese – sei es nötig, sich auf Jesus Christus einzulassen, denn "wer sich auf Jesus Christus einlässt, wird immer auch zum Seelsorger seiner Mitmenschen." Im Leben des Menschen gehe es deshalb immer um "dieses fruchtbare Miteinander von Gottesdienst und Nächstendienst", das im christlichen Verständnis von Familie, aber auch in den verschiedenen Begebenheiten des Alltags deutlich werde.



Weihbischof Neymeyr erklärte, dass sich der durch die Anbetung genährte Glaube in der Tat der Nächstenliebe äußern müsse, "aber auch im Wort". Abschließend wies er noch auf die drei Aufgaben jedes Christen hin: "Durch die Feier der Eucharistie, die Gottesdienste und Gebete sowie durch das tägliche Leben aus dem Glauben haben alle Christen Anteil am Priesteramt Jesu Christi. Durch das Glaubenszeugnis, die Weitergabe des Glaubens und die Mitarbeit in der Evangelisation haben alle Christen Anteil am Prophetenamt Jesu Christi. Durch Ihre Sorge für andere Menschen und für eine menschliche Gesellschaft haben sie Anteil am Königsamt Jesu Christi."

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Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn!

Es ist das eigentümliche unserer christlichen Religion, dass Gottesdienst und Nächstendienst aufs Engste miteinander verwoben sind. Die gestrige Katechese hatte zum Thema das Sakrament der Eucharistie. An allen Katecheseorten wurde darüber nachgedacht, welche Bedeutung das Sakrament der Eucharistie hat und dass es hinführt zur Haltung der Anbetung, in der der Mensch einsieht, dass die Größe Gottes sein Begreifen übersteigt und in der er sich im Glauben seiner Liebe anvertraut. Es ist wichtig, sich dafür immer wieder Zeit zu nehmen, damit die Wirklichkeit Gottes nicht an den Rand des Lebens rückt.

Wer als wahrer Anbeter Gottes in der Welt lebt, nimmt sich aber nicht nur Zeit für die Feier der Heiligen Messe und für die eucharistische Anbetung. Vielmehr wird er sich bewusst, dass die wahre Anbetung Gottes sich nicht nur im Gottesdienst ausdrückt, sondern auch im Nächstendienst. Ja, dass der Nächstendienst zugleich auch Gottesdienst ist. "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25,40), so sagt Jesus am Ende des Matthäus-Evangeliums.

Der Dienst am Nächsten entfaltet sich in vielfältige Formen. Er drückt sich zunächst aus im wachen Blick für jeden Menschen, dem wir begegnen. Es gilt, seine Not wahrzunehmen und ihm zu helfen, wo Hilfe nötig und auch möglich ist. Solcher Nächstendienst ist nicht die Aufforderung zur unmöglichen Aufgabe, alles Leid der Welt abzuschaffen. Es geht vielmehr darum, die Not der Menschen, die uns unmittelbar begegnen, wahrzunehmen und entsprechend den eigenen Möglichkeiten zu helfen. Jesus hat dies in der berühmten Geschichte vom barmherzigen Samariter in einer anschaulichen Erzählung deutlich gemacht (Lk 10,25-37): Der barmherzige Samariter sah den zusammengeschlagenen Reisenden liegen und nahm seine Not wahr. Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigen der Priester und der Levit, die den Hilfsbedürftigen auch sahen, aber seine Not nicht wahrnahmen, sondern weitergingen. Der Samariter leistete Erste Hilfe und brachte den Schwerverletzten in die nächste Herberge. Immerhin gab er dem Wirt noch zwei Denare für die Versorgung des Verletzten, aber dann zog er auch weiter.

Ich möchte dem berühmten barmherzigen Samariter nicht Unrecht tun, aber allzu viel hat er für den Verletzten nicht getan. Er hat ihn ein Stück des Weges mitgenommen, den er ohnehin zurücklegen wollte. Derjenige, der dem Verletzten wirklich wieder auf die Beine geholfen hat, war der Wirt, der ihn sicher eine Zeitlang pflegen musste, bis er weiterreisen konnte. Trotzdem schneidet der Samariter im Urteil Jesu gut ab und ist bis heute berühmt geblieben. Und tatsächlich genügt ja oft ein kleiner Einsatz, um Not von Menschen wirkungsvoll zu lindern. Voraussetzung dafür ist, dass wir diese Not wahrnehmen und zu spontaner Hilfe bereit sind.

Natürlich umfasst Nächstendienst nicht nur diese spontane Hilfsbereitschaft, sondern auch das dauerhafte, ja manchmal sogar lebenslange Engagement für einen Menschen. Wie viele Opfer bringen Eltern für ihre Kinder, um sie auf einen guten Lebensweg zu bringen. Und wie viele Opfer bringen Kinder für ihre Eltern, um sie im Alter zu pflegen. Auch im persönlichen Umfeld, im Freundes- und Bekanntenkreis oder im Kreis der Arbeitskollegen gibt es vielfältige Herausforderungen zu kontinuierlicher Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe. Darüber hinaus wird immer mehr deutlich, wie sehr unsere Kirche und unsere Gesellschaft auf das Ehrenamt angewiesen sind, darauf, dass Menschen bereit sind, sich in ihrer Freizeit für Einzelne oder für die Gemeinschaft zu engagieren. Es gibt viele großartige Beispiele gelebter Nächstenliebe, die dazu anregen, ihnen nachzueifern.

Die Verbindung von Gottesdienst und Nächstendienst kann sich auch in der Wahl des Berufes ausdrücken. Viele soziale und pflegerische Berufe erwarten eine hohe Einsatzbereitschaft, sowohl was die Dienstzeiten anbelangt, als auch die Beanspruchung während des Dienstes. Die Bezahlung ist dagegen mitunter geringer als in anderen Berufen. Dennoch ist es gerade für diese Berufe unersetzlich, dass sie nicht nur ausgeübt werden, um den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern dass sie auch Ausdruck einer echten Bereitschaft der Zuneigung zum Mitmenschen sind. Unserer Gesellschaft wird sich immer mehr bewusst, welch wichtige Aufgabe die Erzieherinnen und Erzieher sowie die Lehrerinnen und Lehrer haben. Gute Erzieherinnen und Lehrer verstehen ihren Beruf als Ausdruck ihrer Nächstenliebe zu jungen Menschen, denen sie helfen wollen, sich im Leben zu bewähren. Unsere Gesellschaft erlebt zurzeit, sowohl in Deutschland als auch in Europa, wie nötig sie auf Politikerinnen und Politiker angewiesen ist, die nicht nur nach Posten oder Macht streben, sondern deren oberstes Interesse das Gemeinwohl ist.

Grundlage aller Berufe der Kirche ist es, dass die für die Kirche Tätigen sich dem Wohl der Menschen widmen, für die sie verantwortlich sind. Dies gilt in besonderer Weise für die geistlichen Berufe unserer Kirche, in denen sich das Ineinander von Gottesdienst und Nächstendienst ganz besonders ausdrückt. Wer als Ordenschrist oder als Priester sein Leben Christus weiht, hat dabei zunächst den Herrn selbst im Blick. Bei der Diakon-, Priester- und Bischofsweihe war ich mir bewusst, dass ich mein Leben mit allen Fähigkeiten Jesus Christus anvertraue und zur Verfügung stelle und dass ich mich immer darum bemühen werde, in lebendiger Gemeinschaft mit Jesus Christus zu stehen. Es ist da nicht so wichtig, welche konkrete Aufgabe mir in der Kirche anvertraut wird. Nach zwei Kaplansstellen war ich sechs Jahre Subregens im Priesterseminar in Mainz und habe dort die jungen Männer begleitet, die sich überlegten, ob sie zum Priester berufen sind. Danach war ich Gemeindepfarrer in Rüsselsheim und in Worms. Jetzt habe ich als Weihbischof wieder ganz andere Aufgaben. Wesentlich ist für mich die ständige Weihe meines Lebens an Jesus Christus. Daraus erwächst die Sorge um die Menschen, die mir anvertraut sind. Gleich in welcher Funktion ich ihnen begegne, kommt es mir zunächst darauf an, ihren Glauben zu wecken oder zu stärken. Aber als Seelsorger bemühe ich mich auch darum, ihre Nöte und Sorgen wahrzunehmen. Oft sind dies stille und innere Nöte, die nicht offen zu Tage liegen. Wer sich auf Jesus Christus einlässt, wird immer auch zum Seelsorger seiner Mitmenschen. Ich wurde vor 23 Jahren zum Priester geweiht. Seitdem lebe ich dieses fruchtbare Miteinander von Gottesdienst und Nächstendienst und erlebe, wie sich als Priester und jetzt auch als Weihbischof beides gegenseitig befruchtet. In die Begegnung mit Jesus Christus nehme ich im Gebet die Sorgen der Menschen mit, und den Menschen kann ich in der Begegnung die Stärke und Tröstung des Glaubens vermitteln.

Das Ineinander von Gottesdienst und Nächstendienst wird auch im christlichen Verständnis von Familie deutlich. Sie ist, wie Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika "Familiaris consortio" schreibt, "ecclesiola", das heißt "Kirche im Kleinen". Das christliche Eheverständnis setzt sich damit ab vom Eheverständnis unserer Gesellschaft. Grundlage ist das Sakrament der Ehe, in dem Mann und Frau dazu Ja sagen, dass Gott sie zu einem Ehepaar verbindet und sie zu lebenslanger Liebe und Treue befähigt und beauftragt. Die Befähigung zur christlichen Ehe im Sakrament ist kein magisches Geschehen, sondern sie bedarf immer wieder der Vergewisserung der Eheleute im gemeinsamen Gebet und der gemeinsamen Feier der Eucharistie. Je weiter sich ein Ehepaar von den geistlichen Wurzeln seiner Ehe entfernt, desto trüber wird das Wasser. Die höchste Form der Nächstenliebe ist das Ja-Wort für ein ganzes Leben. "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Joh 15,13), hat Jesus gesagt. Diese Liebe muss sich aber immer wieder ihrer geistlichen Wurzeln vergewissern.

Das Ineinander von Gottesdienst und Nächstendienst zeigt sich auch in sehr äußeren Konkretisierungen. Es betrifft zum Beispiel auch den Geldbeutel. Viel Not von Menschen lässt sich mit Geld lindern. Natürlich kann ein Familienvater nicht leben wie ein Karthäuser. Er muss Vorsorge treffen für die ganze Familie und dafür nach Möglichkeit Geld zurücklegen, so dass es immer eine kritische Anfrage bleiben wird, ob das, was für die Not anderer gegeben wird, genügend ist. Das Ineinander von Gottesdienst und Nächstendienst macht auch vor der Sexualität nicht halt. Sie ist eine unbändige Kraft, die gezügelt werden muss. Im Glaubensbekenntnis und im Gebet bekennen wir uns zu Gott dem allmächtigen Vater, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Dies schließt den Glauben mit ein, dass Gott jeden Menschen erschafft. Es ist eine wichtige geistliche Grundhaltung, sich selbst immer wieder als Geschöpf Gottes zu erfahren, dem Gott mit jedem Atemzug das Leben schenkt.

Der Glaube, dass Gott jeden Menschen erschafft, betrifft auch den Umgang mit der Sexualität, denn wir wissen ja, dass Mann und Frau in der geschlechtlichen Begegnung einen neuen Menschen zeugen. Eltern, die ihr Kind zur Taufe anmelden, sagen immer wieder, dass sie kein Verständnis dafür haben, wie man davon sprechen kann, ein Kind zu "machen". Sie sind sich bewusst, dass sie das Kind nicht gemacht haben, sondern dass sie mitgewirkt haben an Gottes Schöpfungshandeln. Und tatsächlich ist es ja auch so. Durch die geschlechtliche Begegnung wirken Mann und Frau mit am Schöpfungshandeln Gottes. Das gibt diesem Akt eine hohe Würde und verträgt sich nicht damit, dass der Geschlechtsakt von der Fortpflanzungsmöglichkeit getrennt wird. Wenn so die geschlechtliche Begegnung offen ist für das Schöpfungshandeln Gottes und für die Zeugung eines Menschen, dann benötigt sie auch den Rahmen, in dem ein Mensch aufwachsen kann. Sie benötigt den Rahmen verbindlicher Liebe und Treue von Mann und Frau, die in unserem katholischen Verständnis gestärkt und gefestigt wird durch das Sakrament der Ehe.

Das Miteinander von Gottesdienst und Nächstendienst als Ausdruck der wahren Anbetung Gottes entfaltet eine ganze Fülle an Aspekten. Bisher war nur davon die Rede, dass der Glaube, der durch die Anbetung genährt wird, sich auch in der Tat der Nächstenliebe äußern muss. Er muss sich aber auch im Wort äußern.

In den Wochen des Todes von Papst Johannes Paul II. und der Wahl von Papst Benedikt XVI. war die katholische Kirche in unserem Land ein Thema und viele katholische Christen fassten den Mut, auch im Kreis ihrer Bekannten und Arbeitskollegen dazu zu stehen, dass sie katholisch sind. Jemand erzählte mir, dass er gar nicht wusste, wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen auch katholisch oder evangelisch sind. Es bedurfte erst des großen öffentlichen Themas, um auch im kleinen Kreis über den Glauben und die Kirche zu sprechen. Dabei ist das Zeugnis des Wortes so wichtig. Sonst glaubt am Ende jeder, es gäbe überhaupt keinen Christen mehr, die ihren Glauben ernst nehmen, weil diese davon nichts erzählen. In einem weiten Kreis von Bekannten und Kollegen wird es selten möglich sein, über die inneren Beweggründe des Glaubens zu sprechen. Aber es gibt ja auch Äußeres, von dem zu erzählen sich lohnt. Etwa vom Sonntagsgottesdienst, vom Engagement in einer Pfarrgemeinde oder in einem katholischen Verband, von der Teilnahme an einem "Prayerfestival", vom ehrenamtlichen Engagement. Da kann deutlich werden, dass wir aus der Kraft des Glaubens leben. Und irgendwann kann sich dann auch die Gelegenheit bieten, über die inneren Beweggründe zu sprechen, weshalb uns der Glaube wichtig ist und welche Bedeutung die Kirche in unserem Leben hat.

So wird deutlich, dass sowohl das Leben der Kirche als auch das Leben jedes einzelnen Christen auf drei Beinen ruht. Ein Tisch kann auch nur stehen, wenn er mindestens drei Beine hat. Die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, "Lumen gentium", beschreibt die Aufgabe aller Christen als Teilhabe am Priesteramt, am Prophetenamt und am Königsamt Jesu Christi (vgl. 34-36). Durch die Feier der Eucharistie, die Gottesdienste und Gebete sowie durch das tägliche Leben aus dem Glauben haben alle Christen Anteil am Priesteramt Jesu Christi. Durch das Glaubenszeugnis, die Weitergabe des Glaubens und die Mitarbeit in der Evangelisation haben alle Christen Anteil am Prophetenamt Jesu Christi. Durch ihre Sorge für andere Menschen und für eine menschliche Gesellschaft haben sie Anteil am Königsamt Jesu Christi. Der Teilhabe an den drei Ämtern Jesu Christi entspricht die Verwirklichung der drei kirchlichen Grundvollzüge von "Liturgia", "Martyria" und "Diakonia", das heißt, von Gottesdienst, Zeugnis geben und Nächstendienst. In diesen drei Aufgaben und Vollzügen verwirklicht sich kirchliches und christliches Leben. Sie sind Ausdruck der wahren Anbetung Gottes.

[Vom Bistum Mainz veröffentlichtes deutsches Original]