Weihbischof William Shomali: "Ja, ich habe Angst"

Interview mit dem Patriarchalvikar von Jerusalem anlässlich des Treffens der katholischen Patriarchen des Ostens im Vatikan

Jerusalem, (Lateinisches Patriarchat) | 318 klicks

Das Treffen der katholischen Patriarchen des Ostens im Vatikan fällt mit einer Eskalation der Gewalt im Libanon und Ägypten zusammen. Weihbischof Shomali, Patriarchalvikar in Jerusalem, äußert sich über seine Ängste und fordert dringend eine Lösung in Syrien, um einen regionalen Flächenbrand zu vermeiden.

Werden der Irak, Syrien, der Libanon und Ägypten den Nahen Osten explodieren lassen?

Die Situation ist  äußerst komplex und zunehmend dramatisch: Die konfessionelle Teilung zwischen religiösen und weltlichen Menschen, zwischen Sunniten und Schiiten.

Im Irak ist die Situation noch immer gefährlich, und in Syrien sehe ich keine Vorläufer von Zeichen des Friedens. Ganz im Gegenteil, die Auseinandersetzungen gehen unermüdlich weiter. In Ägypten bringen die jüngsten Anschläge in Kairo und im Sinai das Land in eine Spirale der Gewalt. Im Hinblick auf den Libanon hat sich dieser in den letzten Jahren als instabil erwiesen. Sein Gleichgewicht ist prekär, weil er sich auf Konfessionalismus stützt. Syrien war ein stabilisierender Faktor, da bis zum arabischen Frühling seine Meinung im Libanon angesehen war. Heute gibt es in der libanesischen Bevölkerung keine Kräfte, die sich durchsetzen. Sicherlich würde sich eine Befriedung Syriens, die wir mehr ersehen als alles andere, positiv auf den Libanon auswirken, der außer, dass er geografisch so nah liegt, dieselben sozialen, religiösen und demografische Komponenten wie Syrien besitzt.

Daher schließe ich mich dem Appell der Patriarchen, die in Rom um den Heiligen Vater versammelt sind, an, dass der Krieg in Syrien so bald wie möglich beendet werden muss. Die Massaker und die absurden Auseinandersetzungen, aus denen bis heute kein Gewinner, sondern nur Verlierer hervorgegangen sind, müssen aufhören.

Haben Sie Angst?

Ja. Ich habe Angst. Die Situation Syriens und des Irak kann sich auch an anderer Stelle wiederholen, und es wird schlimmer sein. Nach meinem Dafürhalten ist des Nahe Osten wie ein Flammen stehender Wald. Wer kann dieses Feuer aufhalten?

Alle Teile des Nahen Ostens sind furchtbar davon betroffen, vor allem die meisten gefährdetsten, einschließlich uns Christen.

Was können wir als Christen tun?

Unsere Gebete sind ständig mit den Menschen guten Willens – es gibt viele –, die für den Frieden arbeiten.

In dieser Zeit, die dem Advent vorangestellt ist, beschreiben die Lesungen und Evangelien apokalyptische Ereignisse, die der Wiederkunft Christi vorausgehen werden. Die Texte sind die Vorläufer der Endzeit: Kriege, Aufstände, Hungersnot, Verfolgung… Viele dieser Zeichen sind heute in unserem Nahen Osten zu finden. Als er diese ankündigte, fügte Christus hinzu: „Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“ (Lukas 21,28). Wir können nicht alles verstehen, aber wir wissen, dass das aktuelle Schweigen des Herrn nicht mehr lange andauern wird. Wir müssen daran glauben, auch wenn wir heute ignorieren, wie und wann dieser Tag kommen wird.

Interview mit Christophe Lafontaine

(Quelle: Lateinisches Patriarchat von Jerusalem, 25/11/2013)