"Weihnacht"

von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 445 klicks

„Weihnacht“ (1892)

Weihnachtsgeläute
Im nächtigen Wind ...
Wer weiß, wo heute
Die Glocken sind,
Die Töne von damals sind?

Die lebenden Töne
Verflogener Jahr'
Mit kindischer Schöne
Und duftendem Haar,
Mit tannenduftigem Haar,

Mit Lippen und Locken
Von Träumen schwer? ...
Und wo kommen die Glocken
Von heute her,
Die wandernden heute her?

Die kommenden Tage,
Die wehn da vorbei.
Wer hörts, ob Klage,
Ob lachender Mai,
Ob blühender, glühender Mai? ...

***

Hugo von Hofmannsthal, eigentlich Hugo Laurenz August Hofmann Edler von Hofmannsthal, wurde am 1. Februar 1874 in Wien geboren. Er stammte aus einer betuchten Familie mit jüdischen, italienischen, schwäbischen und österreichischen Wurzeln. Schon zu Schulzeiten trat Hofmannsthal mit ersten Gedichten und Dramen auf, für die er größtes Lob erhielt. Nach dem Abitur studierte er zunächst Jura, wechselte aber 1895 zum Studium der Romanistik, das er mit einer Promotion abschloss. 1902 veröffentlichte Hofmannsthal „Ein Brief“, der als Gründungsmanifest der Moderne verstanden wird. Hofmannsthal schrieb mehrere Opernlibretti, u.a. für Richard Strauss (1864-1949) und Max Reinhardt (1873-1943). Gemeinsam mit Reinhardt rief Hofmannsthal die Salzburger Festspiele ins Leben. Hugo von Hofmannsthal starb am 15. Juli 1929 in Rodaun.