Weihnachten 2011

Impuls zum Hochfest der Geburt des Herrn

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 23. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Seit urdenklichen Zeiten feiern die Christen Weihnachten. Dennoch ist das Weihnachtsfest in der uns bekannten Form nicht von Anfang an da gewesen. Erst seit dem Jahr 335 etwa wird es in Rom gefeiert. Der 25. Dezember ist auch kein historisches Datum, es ist nicht der wirkliche Geburtstag Jesu.

Die Christen haben damals in Rom das heidnische Fest des Sol invictus, des „Unbesiegbaren Sonnengottes“ zum Geburtsfest des Herrn „umfunktioniert“. Während die Heiden, besonders die Anhänger des Mithras-Kultes, anläßlich der Wintersonnenwende den scheinbar unterlegenen, aber dann wiederkehrenden Sonnengott feierten, haben die Christen „die wahre Sonne, das wahre Licht“, Christus, verehrt. Damit haben sie etwas getan, was auf den ersten Blick wie ein schwaches Nachgeben aussieht, wie ein Sich-Anpassen an Fremdes, in Wirklichkeit aber die siegreiche Stärke der Wahrheit darstellt (Christus ist die Wahrheit). Hier wurde nämlich nicht ein vorhandener Kult usurpiert und übernommen, sondern das in jeder Religion vorhandene Potential an Wahrheit wurde aufgespürt und mit in die wahre Gottesverehrung Jesu Christi einbezogen. So sind auch gerade in Rom viele der heidnischen Tempel entweder zu christlichen Kirchen umgestaltet worden, zumindest wurden Teile, vor allem die Säulen, wieder verwendet. Wohlgemerkt nicht nur aus praktischen Gründen.

Es geht nun mal bei der Religion um die Wahrheit, denn wenn ich einmal dieses Leben beendet habe, möchte ich wenigstens eine gewisse Sicherheit haben, dass das, was ich von dem anderen Leben bisher geglaubt habe, auch Wirklichkeit ist. Es ist ja ein Unterschied, ob ich dann einem elefantengestaltigen Gott entgegentrete, einem strengen und abweisenden oder einem, der sich nicht für mich interessiert, oder ob da womöglich gar keiner ist. Gegenüber all diesen Optionen ist mit Sicherheit die christliche die erfreulichste: ein Gott, der zu mir sagt: „Besitze das Reich, das dir von Anfang an bereitet war“ oder „Tritt ein in die Wonne deines Herrn!“ Und falls ich noch nicht genügend dazu vorbereitet bin, habe ich die Möglichkeit, im Läuterungsort das, was noch nicht in Ordnung ist, in Ordnung zu bringen.

Sehr wichtig ist die Wahrheit, man könnte sie gleichsetzen mit Realität. Es ist bedrückend sich vorzustellen, dass man nicht in der Realität ist. Wie bedauernswert sind Menschen, die in einem Wolkenkuckucksheim wohnen oder die lange Jahre mit einer „Lebenslüge“ existieren. Vor einigen Jahren schrieb ein namhafter Philosoph, Lakebrink, ein Buch, dessen bloßer Titel alles über die heutige Situation sagt: „Die Wahrheit in Bedrängnis“. Wir sind es als Christen gewohnt – und der westliche Mensch ist auch heute immer noch so sehr Christ, dass ihm das selbstverständlich ist-, dass es eine absolute Wahrheit gibt, die auch dann unverändert bestehen kann, wenn kein Mensch von ihr weiß oder an sie glaubt. Diese Einstellung haben wir unreflektiert, sozusagen unbewußt in uns. Heute merken wir, dass nicht alle Menschen so denken. Von großen Weltanschauungen, mit denen wir in Kontakt treten oder getreten sind, ist es, in leicht veränderter Form, immer noch der Marxismus, der für viele die Rolle einer Ersatzreligion spielt. Der Marxismus-Kommunismus sagt: wahr ist nur, was die Partei oder sonst eine Gruppe von Menschen sagt; es kann sich morgen ändern. Papst Benedikt XVI. wendet sich immer wieder gegen die ‚Diktatur des Relativismus’, die wir ja nicht nur im Marxismus, sondern seit einigen Jahren auch in unserer heutigen Mainstream-Ideologie wieder finden.

Natürlich spüren wir instinktiv, dass, wenn das so wäre, wenn es nur eine relative Wahrheit und Wirklichkeit gäbe, alles, was uns etwas bedeutet, ins Schwanken geriete. Ja, mehr noch, das Leben selbst würde stark an Qualität verlieren, denn einen absoluten Festpunkt haben wir dann nirgendwo mehr. Wohlgemerkt nicht nur im Bereich des Denkens, auch im Leben: Familie, Kinder, Ehepartner, Freunde; es kann so sein wie ich denke, es kann aber auch anders sein. Schließlich sagen wir mit Pilatus: „Was ist Wahrheit“.

Gott, unser Vater, der uns liebt und für uns Frieden und Freude will, er gibt uns auch hier einen tiefen inneren Frieden: ja, ich kann mich darauf verlassen, dass es etwas gibt, das wahr ist und wahr bleibt, und zwar für mich (subjektiv), aber auch für andere (objektiv). Daran kann ich mich festhalten, das gibt meinem Leben Fasson. Was nun aber diese absolute, durch nichts zu relativierende Wahrheit ist, das hat uns Gott nach und nach und zunächst zum Teil durch die Propheten zu verstehen gegeben. Dann aber als der Zeitpunkt da war, den die Schrift die Fülle der Zeiten nennt, durch seinen Sohn, den Logos, das Wort des Ewigen Vaters, der aus diesem Grunde Mensch wurde: damit wir Menschen wieder einen Halt bekämen. Auch und gerade das ist Weihnachten: ich kann mich auf etwas verlassen, das wirklich ist, das sich auch nicht verändert oder gar verschwindet. Und dies ist nicht nur eine Idee, auf die ich bauen kann – es ist die Liebe Gottes selbst, auf die ich mich felsenfest verlassen kann. Dieses Kind in der Krippe, das noch kein Wort sagen kann, es ist derselbe Jesus, der später sagen wird: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Nicht nur dass er die Wahrheit sagt und vermittelt, er istdie Wahrheit. Mit anderen Worten: wenn ich mich an dieses schwache, wehrlose Kind halte, dann habe ich absoluten Halt in meinem Leben. Seine Wahrheit kann ich glauben, sie übersteigt manchmal meinen Horizont, aber sie ist auch nie widersinnig (so ist z.B. die Dreifaltigkeit über unserem Fassungsvermögen, aber sie ist auch keineswegs unsinnig).

Wenn ich nun alle Aussagen zusammenfasse, die sich auf diesen Jesus gründen und die Überlieferung dieser Aussagen ist zuverlässig, dann weiß ich: damit und davon kann ich leben. Es mag manchmal anspruchsvoll sein, was der Herr von uns möchte, aber es hat Sinn; auch das ein Teil der Wahrheitsproblematik: wenn das Leben keinen Sinn hat, verliert der Mensch alle Lebenskraft.

Schauen wir mit Freude und in einem großen inneren Frieden auf dieses kleine Kind, das uns so freundlich anlächelt. Es ist die Wahrheit, aber zugleich; und beides zusammen ergibt herzerwärmende Fülle, auch die Liebe.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.