Weihnachten und Epiphanie in Legende und Brauchtum der Ewigen Stadt

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 17. Dezember 2008 (ZENIT.org).- In den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt waren die Geheimnisse von Nazareth und Bethlehem und die Geschichten aus dem Leben Jesu zwar Gegenstand frommer Betrachtung, nicht aber eines eigentlichen Kultes, denn damals galt die liturgische Feier noch hauptsächlich dem Gedächtnis der Auferstehung des Herrn, seines Sieges über den Tod. So entstanden und entwickelten sich bis zum Ende des 3. Jahrhunderts die beiden kirchlichen Zeiten des Fasten- und des Osterkreises, bis zu Beginn des 4. Jahrhunderts in einigen alexandrinischen Kirchen das Fest der Geburt Christi eingeführt wurde. Es verbreitete sich in kaum fünfzig Jahren über den ganzen Orient und erreichte um die Mitte des 4. Jahrhunderts auch das Abendland.

Nachdem der Weihnachtstag endgültig festgesetzt war, vereinigte die römische Kirche im Fest der Epiphanie die Erscheinungen des Herrn in der Taufe und in der Anbetung der Drei Weisen. So entstand allmählich der Weihnachtsfestkreis, der am 24. Dezember begann und am 13. Januar mit der Oktav der Erscheinung des Herrn endete. Bemerkenswert ist, dass im Orient bei der Epiphanie das Hauptgewicht auf der Taufe Christi liegt, so dass es dort noch heute Brauch ist, mit großer Feierlichkeit das Wasser zu weihen, während im Abendland die Ankunft der Weisen im Vordergrund stand. Als die Epiphanie aus dem Orient gen Westen zog, wurde sie zuerst in Rom gefeiert, und zwar in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest.

Im Laufe der Jahrhunderte gab man der Feier des Weihnachtsfestkreises in der Ewigen Stadt eine immer reichere Ausgestaltung. Am Tag vor Weihnachten hielt der Papst den Gottesdienst in der Sixtinischen Kapelle. Nach den Psalmen von Palestrina und den gregorianischen Zwischengesängen wurde das Magnifikat angestimmt, worauf das Gebet ‚Benedicamus’ folgte. Zum Schluss erteilte der Papst der Stadt und dem Erdkreis – „urbi et orbi“ – den feierlichen Segen. Mit diesem Gottesdienst begann der Weihnachtsfestkreis. Der Beginn der Weihnachtszeit wurde durch dreißig Kanonenschüsse angezeigt, die bei Sonnenuntergang auf der Engelsburg abgefeuert wurden und für die man 120 Pfund Schießpulver benötigte.

In der Sakristei von Santa Maria Maggiore stellte man die hölzerne Krippe aus, in die der Legende nach das Jesuskind bei seiner Geburt im Stall von Bethlehem gelegt wurde. Das Domkapitel von San Giovanni in Laterano zog in feierlicher Prozession zur Kapelle Sancta Sanctorum, wo der Schrein mit dem Bild des Heilandes geöffnet wurde, das dann bis zum ersten Sonntag nach Epiphanie öffentlich ausgestellt blieb. In früheren Zeiten begab sich der Papst am Abend nach Santa Maria Maggiore, um dort mit großer Feierlichkeit die Mitternachtsmesse zu zelebrieren. Am Weihnachtsmorgen wurden vierzehn Kanonenschüsse auf der Engelsburg abgefeuert.

In den Tagen nach Weihnachten suchten die Römer die Kirchen auf, in denen Reliquien aufgestellt waren, die sich auf das Weihnachtsgeheimnis beziehen. Man verehrte diese Reliquien, ohne lange nach ihrer manchmal fragwürdigen Echtheit zu fragen. So waren in der Augustinerkirche auf der Piazza Pasquino, in Santa Maria Maggiore und in San Francesco a Ripa Stücke der Windeln des Jesuskindes ausgestellt; unter dem Altar der Krypta in der Sakramentskapelle von Santa Maria Maggiore Steine aus der Grotte von Bethlehem und Heu aus der Krippe, in San Marco bei der Piazza Venezia Stroh aus dem Stall und in Santa Croce in Gerusalemme Haare des Jesuskindes.

In der Basilika Santa Maria in Trastevere besuchte man die Stelle, wo im Augenblick der Geburt des Heilandes auf wunderbare Weise eine Ölquelle entstanden sein soll, die der Basilika die Bezeichnung „ad fontem olei“ gegeben hat. Der Besuch der Reliquien und der Krippe in den Kirchen dauerte ununterbrochen bis zum Vorabend der Epiphanie.

Besonders groß war der Zudrang in der Kirche von Ara Coeli, wo eine der schönsten Krippen aufgebaut war, die die Söhne des heiligen Franziskus geschaffen haben. Noch schöner wurde die Krippe am Fest der Erscheinung, wenn die Heiligen Drei Könige dazu kamen, die in prunkvolle, mit Gold und Silber geschmückte Gewänder aus Seide und Damast gehüllt waren.

Am Tag vor Epiphanie um drei Uhr nachmittags wohnten der Papst und die Kardinäle der ersten Vesper des Festes bei. Um die gleiche Stunde nahmen die Theatiner in Sant’ Andrea della Valle zur Erinnerung an die Taufe Christi die Weihe des Wassers vor. In derselben Kirche wurden am Fuß der Treppe, die zum Hochaltar führt, die prächtig gekleideten lebensgroßen Wachsfiguren der Heiligen Drei Könige, ein Geschenk des Fürsten Torlonia, aufgestellt.

Das Fest der Erscheinung des Herrn wurde mit vierzehn Kanonschüssen von der Engelsburg eingeleitet. In Santa Maria in Ara Coeli geleiteten die Franziskaner nach der ersten Vesper das „Santo Bambino“ durch die Hallen der Kirche und dann hinaus auf den Vorplatz auf der großen Treppe, wo der zelebrierende Bischof der knienden Menge mit der Bambinostatue den Segen erteilte.

Das griechische Wort „Epiphanie“ bedeutet Offenbarwerden, Erscheinung – „Epiphania graecae linguae vocabulo manifestatio dici potest“, sagt der heilige  Augustinus im Sermo 208. Der Name „Epiphania“ wurde im italienischen Volksmund allmählich zu „Befania“ und dann weiter zu „Befana“ entstellt. Die Befana ist ein Volksfest, das einen mehr profanen Charakter hat, der aber zu dem religiösen Gehalt des kirchlichen Festes nicht im Widerspruch steht. Es sind zwei wesensverschiedene Feste, die eine Verbindung eingegangen sind. Die Befana hat bei der Epiphania eine Anleihe gemacht: die Epiphania ist das Fest des Jesuskindes, die italienische Befana das Fest der Kinder.

Am Morgen der Befana ist (oder vielmehr war) in Italien die Bescherung der Kinder. Die größte Freude bereitet man Kindern mit Spielzeug. So entstand der Spielzeugmarkt der Befana. Die Geschenke bringt die gute alte Fee Befana; sie kommt durch den Kamin herab und füllt den Strumpf mit Süßigkeiten und Spielsachen. Kinder sind neugierig, sie wollen die gute alte Fee auch sehen, so wie sie in ihrer Vorstellung lebt. Die Erwachsenen, die die Neugier der Kinder geweckt haben, machten ihnen eine Befana aus Werg und Stoff.

Bis gegen 1875 fand der Jahrmarkt der Befana auf der Piazza San Eustachio statt. Dann erwies sich der Platz als zu klein und der Markt wurde auf die Piazza Navona verlegt, wo er noch heute um die Weihnachtszeit das Märchenreich der römischen Kinder (und auch mancher Erwachsener) ist. Die Zeiten sind jedoch am Fest der Befana nicht spurlos vorübergegangen: Die Bescherung findet auch in Rom immer häufiger am Weihnachtfest statt, und wer im Streit jemanden als „Befana“ bezeichnet, meint nicht mehr die gute Fee, sondern das Gegenteil.