Weihnachtsbotschaft 2005 von Patriarch Michel Sabbah von Jerusalem

\"Gott hat euch geschaffen, nicht damit ihr euch fürchtet oder einander tötet, sondern damit ihr einander liebt, dass ihr aufbaut und zusammen arbeitet\"

| 477 klicks

ROM, 21. Dezember 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Weihnachtsbotschaft 2005, in der Patriarch Michel Sabbah von Jerusalem Palästinenser und Juden gleichermaßen zu Frieden und Eintracht aufruft und die politischen Verantwortungsträger daran erinnert, dass es Zeit ist, einen anderen, neuen Weg einzuschlagen: \"Lernet nach so langer Zeit, dass Zerstörung, Tod und Kampf keinen Frieden gebracht hat, sondern nur wieder Zerstörung, Tod und nicht endenden Kampf.\"



* * *



Brüder und Schwestern, gesegnete und glückliche Weihnachten!

1. Unsere Botschaft ist die des Engels: \"Fürchtet euch nicht, siehe ich verkündige euch eine große Freude … Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; Er ist der Messias, der Herr\" (Lk 2,10-11). Fürchtet euch nicht, trotz all der Schwierigkeiten, die wir durchleben und die uns Furcht und Unsicherheit einflößen können. Jesus sagt uns auch: \"Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht\" (Joh 14,27). Mit dem Glauben und mit dem Licht der Weisheit, das der Glaube uns vermittelt, können wir Ruhe finden und können so zur allgemeinen Ruhe beitragen, die unsere Gesellschaft so nötig hat.

Die zweite Weihnachtsbotschaft heißt \"Freude\". Der Engel sagt: \"Ich verkündige euch eine große Freude … euch ist der Heiland geboren; Er ist Christus, der Herr.\" Möge die Freude, die aus Gottes Gnade hervorgeht, eure Herzen erfüllen, die ihr so viele Leiden erdulden müsst. Allen unseren Gläubigen, allen, die Angst haben, oder die einen Gefangenen oder ein Folteropfer als Familienmitglied haben, allen, die dem Tod begegnet sind und allen, die es schwer haben, den Hass nicht in ihre Herzen zu lassen, rufen wir zu: Reinigt eure Herzen, und lasst die Weihnachtsfreude euer ganzes Leben erneuern.

Dies ist unsere Botschaft an all unsere Gläubigen, an all unsere Brüder und Schwestern dieses Heiligen Landes, an alle Palästinenser und alle Israelis: Gott hat euch geschaffen, nicht damit ihr euch fürchtet oder einander tötet, sondern damit ihr einander liebt, dass ihr aufbaut und zusammen arbeitet.

2. Den politisch Verantwortlichen, die mit ihrer Politik über Leben und Tod so vieler in diesem Land entscheiden können, sagen wir: Seid Baumeister des Lebens und nicht des Todes! Lernet nach so langer Zeit, dass Zerstörung, Tod und Kampf keinen Frieden gebracht hat, sondern nur wieder Zerstörung, Tod und nicht endenden Kampf. Es ist höchste Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen und Entscheidungen zu treffen, die ein für allemal zu Frieden und Gerechtigkeit führen. Alle Handlungsverzögerungen mit den verschiedenartigsten Ungerechtigkeiten, die Mauer, die Tore, die Gefängnisse, die Morde, all das ist nur Futter für Gewalt. Wenn Ungerechtigkeit, Gewalt und die Gründe, die dazu führen, aufhören, dann wird Sicherheit erreicht.

Wir hoffen, dass wir einen neuen Abschnitt beginnen können, mit dem alle Gewalt, auf beiden Seiten, der israelischen und der palästinensischen, beendet wird.

Und wir wiederholen: Sicherheit für die Israelis verlangt Freiheit und Unabhängigkeit für die Palästinenser – zwei voneinander abhängige und unveräußerliche Wirklichkeiten. Halbe Sachen, halbe Freiheit oder halbe Unabhängigkeit, führen nirgendwo hin, außer wieder in einen endlosen Kreis von Gewalt und Unsicherheit.

Die gegenwärtige palästinensische Position, die gewaltlos und friedlich all die Rechte einfordert, zeigt dadurch, dass Frieden und Gerechtigkeit möglich sind. Auch von israelischer Seite haben wir neue Zeichen gesehen und neues Vokabular vernommen, was auf eine neue Sicht der Dinge und auf neue Entscheidungen hinweist. Wir wissen, dass die Schwierigkeiten zahlreich sind. Ohne ernsten Willen ist natürlich jede Schwierigkeit ein unüberwindliches Hindernis. Ein ernster Wille jedoch wird die Schwierigkeiten mindern und eine entsprechende Lösung finden.

Unser Heiliges Land dürstet nach der Wiederherstellung seines Friedens und seiner Heiligkeit. Gebt beiden Völkern, was sie verlangen: Leben, Sicherheit und Würde. Wer leitende Verantwortung übernimmt, der muss dienen und sich selbst hingeben. Regieren heißt nicht, die Gelegenheit auszunutzen, um einen wichtigen Platz einzunehmen oder Profit zu machen. Man muss dem vielfältigen Leiden, das schon viel zu lange dieses Land knechtet, umgehend ein Ende machen. Wir hoffen, dass unsere Führer diesmal ihre Zeit und Energie so einsetzen, dass das, was seit langer Zeit schon hätte erreicht sein müssen, jetzt endlich erreicht wird: Friede und Gerechtigkeit, die beiden Völkern ermöglicht, in Ruhe und guten Nachbarschaft, Seite an Seite, leben zu können.

3. Brüder und Schwestern, die ihr so nahe am Gnadenort Bethlehem wohnt! Euch und der ganzen Welt, die in diesen Tagen nach Bethlehem, der Stadt des Friedensfürsten, schaut, wünsche ich ein Weihnachten voll Heiligkeit und Mut, damit alle Furcht und Gewalt fern bleibe und ihr das aufrichten könnt, was wir alle so bitter nötig haben: Frieden und Gerechtigkeit.

Ein glückliches, heiliges Weihnachtsfest!

+ Michel Sabbah,
Patriarch

[Vom Lateinischen Patriarchat von Jerusalem zur Verfügung gestellte deutsche Übersetzung]