Weihnachtsgrüße des Papstes an die römische Kurie

Medizin gegen ein müdes Christentum ist ein opferbereiter und fröhlicher Glaube

| 1305 klicks

VATIKANSTADT, 22. Dezember 2011 (ZENIT.org). – Heute Vormittag empfing Papst Benedikt XVI. in der Sala Clementina des Apostolischen Palastes im Vatikan das Kardinalskollegium sowie die Mitglieder der römischen Kurie und des Governatorats für die traditionellen Weihnachtsglückwünsche.

[Wir dokumentieren die Ansprache des Papstes im Wortlaut in der offiziellen deutschen Übersetzung:]

***

Meine Herren Kardinäle,
verehrte Mitbrüder im bischöflichen und im priesterlichen Dienst,
liebe Brüder und Schwestern!

Dieser heutige Anlass ist immer ein besonders gewichtiger Moment. Weihnachten steht vor der Tür und drängt auch die große Familie der Römischen Kurie, sich zu der schönen Geste des Austauschs der Glückwünsche zusammenzufinden: einander zu wünschen, das Fest Gottes, der Mensch geworden ist und unter uns gewohnt hat (vgl. 1 Joh 1,14), freudig und geistlich fruchtbringend zu feiern. Für mich ist dies die Gelegenheit, Ihnen nicht nur meinen persönlichen Glückwunsch zu überbringen, sondern jedem von Ihnen für Ihren großherzigen Dienst meinen und der Kirche Dank auszudrücken; bitte geben Sie ihn auch an alle Mitarbeiter unserer großen Familie weiter. Einen besonderen Dank richte ich an den Kardinaldekan Angelo Sodano, der im Namen der Anwesenden und all derer gesprochen hat, die in den verschiedenen Einrichtungen der Kurie und des Governatorates arbeiten, einschließlich derer, die ihren Dienst in den Päpstlichen Vertretungen in aller Welt vollziehen. Wir alle setzen uns dafür ein, dass die Verkündigung der Engel in der Nacht von Bethlehem: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade" (Lk 2,14), in der ganzen Welt erklinge, um Freude und Hoffnung zu bringen.

Am Ende dieses Jahres steht Europa in einer wirtschaftlichen und finanziellen Krise, die letzten Endes auf der ethischen Krise beruht, die den Alten Kontinent bedroht. Selbst wenn Werte wie Solidarität, Einstehen für die anderen, Verantwortlichkeit für die Armen und Leidenden weitgehend unbestritten sind, so fehlt häufig die motivierende Kraft, die konkret den einzelnen und die großen gesellschaftlichen Gruppen zu Verzichten und Opfern bewegen kann. Erkenntnis und Wille gehen nicht notwendig miteinander. Der Wille, der das eigene Interesse verteidigt, verdunkelt die Erkenntnis, und die geschwächte Erkenntnis kann den Willen nicht aufrichten. Insofern steigen aus dieser Krise sehr grundlegende Fragen auf: Wo ist das Licht, durch das unserer Erkenntnis nicht nur allgemeine Ideen, sondern konkrete Imperative aufleuchten können? Wo ist die Kraft, die den Willen nach oben zieht? Es sind Fragen, auf die unsere Verkündigung des Evangeliums, die neue Evangelisierung antworten muss, damit aus Botschaft Ereignis, aus Verkündigung Leben wird.

Die große Thematik dieses Jahres wie der kommenden Jahre heißt in der Tat: Wie verkündigen wir heute das Evangelium? Wie kann Glaube als lebendige Kraft heute Wirklichkeit werden? Die kirchlichen Ereignisse des vergangenen Jahres sind letztlich alle auf dieses Thema bezogen. Da waren die Reisen nach Kroatien, zum Weltjugendtag nach Spanien, in meine Heimat nach Deutschland und schließlich nach Afrika – Benin – zur Übergabe des postsynodalen Dokuments über Gerechtigkeit, Friede, Versöhnung, aus dem konkrete Wirklichkeit in den verschiedenen Ortskirchen wachsen soll. Unvergesslich sind auch die Reisen nach Venedig, nach San Marino, zum Eucharistischen Kongress in Ancona, nach Kalabrien. Und da ist schließlich der wichtige Tag der Begegnung der Religionen und der überhaupt nach Wahrheit und Friede suchenden Menschen in Assisi als neuer Aufbruch in der Pilgerschaft nach Wahrheit und Frieden. Die Errichtung des Päpstlichen Rates für die Neuevangelisierung ist zugleich Vorverweis auf die Synode des kommenden Jahres zum gleichen Thema. Dazu gehört dann auch das Jahr des Glaubens zum Gedächtnis des Konzilsbeginns vor 50 Jahren. Jedes dieser Ereignisse hatte seine eigenen Akzente. In Deutschland, dem Ursprungsland der Reformation, hatte natürlich die ökumenische Frage mit all ihren Mühsalen und Hoffnungen ein besonderes Gewicht. Untrennbar davon steht immer wieder im Brennpunkt der Dispute die Frage: Was ist Reform der Kirche? Wie geschieht sie? Was sind ihre Wege und ihre Ziele? Mit Besorgnis sehen nicht nur treue Glaubende, sondern auch Außenstehende, wie die regulären Kirchgänger immer älter werden und ihre Zahl beständig abnimmt; wie der Priesternachwuchs stagniert; wie Skepsis und Unglaube wachsen. Was also sollen wir tun? Es gibt nicht endende Dispute darüber, was man machen muss, damit die Trendwende gelingt. Und sicher muss man vielerlei machen. Aber das Machen allein löst die Aufgabe nicht. Der Kern der Krise der Kirche in Europa ist die Krise des Glaubens. Wenn wir auf sie keine Antwort finden, wenn Glaube nicht neu lebendig wird, tiefe Überzeugung und reale Kraft von der Begegnung mit Jesus Christus her, dann bleiben alle anderen Reformen wirkungslos.

In diesem Punkt war die Begegnung mit der freudigen Leidenschaft des Glaubens in Afrika eine große Ermutigung. Nichts von der bei uns so verbreiteten Müdigkeit des Glaubens, nichts von dem immer wieder wahrnehmbaren Überdruss am Christsein war da spürbar. In allen Problemen, Leiden und Mühsalen, die es natürlich gerade in Afrika gibt, war doch immer eine Freudigkeit des Christseins zu erleben, das Getragensein von dem inneren Glück, Christus zu kennen und seiner Kirche zuzugehören. Aus dieser Freude kommen auch die Kräfte, Christus in den bedrängenden Situationen menschlichen Leidens zu dienen, sich ihm zur Verfügung zu stellen, ohne nach dem eigenen Wohlbefinden umzuschauen. Diesem opferbereiten und gerade so fröhlichen Glauben zu begegnen, ist eine große Medizin gegen die Müdigkeit des Christseins, wie wir es in Europa erleben.

Eine Medizin gegen die Müdigkeit des Glaubens war auch die großartige Erfahrung des Weltjugendtages zu Madrid. Dies war gelebte Neuevangelisierung. Immer mehr zeichnet sich in den Weltjugendtagen eine neue, verjüngte Weise des Christseins ab, die ich in fünf Punkten zu charakterisieren versuchen möchte.

1. Da ist als erstes eine neue Erfahrung der Katholizität, der Universalität der Kirche. Das ist es, was junge Menschen und alle Anwesenden ganz unmittelbar berührt hat: Wir kommen von allen Kontinenten, und obwohl wir uns nie gesehen haben, kennen wir uns. Wir haben verschiedene Sprachen und verschiedene Lebensgewohnheiten, verschiedene kulturelle Formen, und doch sind wir sofort eins miteinander als eine große Familie. Die äußere Trennung und Verschiedenheit ist relativiert. Wir alle sind berührt von dem einen Herrn Jesus Christus, in dem uns das wahre Menschsein und zugleich das Gesicht Gottes selbst erschienen ist. Wir beten das Gleiche. Von der gleichen inneren Begegnung mit Jesus Christus her haben wir inwendig die gleiche Formung des Verstandes, des Willens und des Herzens empfangen. Und endlich ist die gemeinsame Liturgie Heimat des Herzens und verbindet uns zu einer großen Familie. Daß alle Menschen Brüder und Schwestern sind, ist hier nicht bloß Idee, sondern wird reale gemeinsame Erfahrung, die Freude schafft. Und so wussten wir auch ganz praktisch: Trotz aller Mühsale und Dunkelheiten ist es schön, der weltweiten Kirche, der Katholischen Kirche zuzugehören, die der Herr uns geschenkt hat.

2. Von da aus kommt dann eine neue Art, das Menschsein, das Christsein zu leben. Eine der wichtigsten Erfahrungen dieser Tage war für mich die Begegnung mit den Volontären des Weltjugendtages: etwa 20.000 junge Menschen, die durchweg Wochen oder Monate ihres Lebens zur Verfügung gestellt hatten, um an den technischen, organisatorischen und inhaltlichen Vorbereitungen für den Weltjugendtag zu arbeiten und die so überhaupt den geregelten Ablauf des Ganzen möglich gemacht hatten. Mit seiner Zeit gibt ein Mensch immer ein Stück seines Lebens. Am Ende waren diese jungen Menschen sichtbar und greifbar von einem großen Gefühl des Glücks erfüllt: Ihre verschenkte Zeit hatte Sinn; im Weggeben ihrer Zeit und ihrer Arbeitskraft hatten sie gerade die Zeit, das Leben gefunden. Und da wurde mir etwas Grundsätzliches deutlich: Diese jungen Menschen hatten im Glauben ein Stück Leben gegeben, nicht weil es geboten und nicht weil man sich damit den Himmel verdient; auch nicht weil man dadurch der Gefahr der Hölle entgeht. Sie taten es nicht, weil sie vollkommen sein wollten. Sie schauten nicht nach sich selber um. Das Bild der Frau des Lot, die durch das Umschauen zu einer Salzsäule erstarrt ist, kam mir in den Sinn. Wie oft ist das Leben von Christen dadurch bestimmt, daß sie vor allem nach sich selbst umsehen, das Gute sozusagen für sich selbst tun. Und wie groß ist die Versuchung aller Menschen, vor allem um sich selbst besorgt zu sein; umzuschauen auf sich selber hin und dabei innerlich leer zu werden, zur „Salzsäule". Aber hier ging es nicht darum, sich selbst zu vervollkommnen oder sein Leben für sich haben zu wollen. Diese jungen Menschen haben Gutes getan, auch wenn es schwer war, auch wenn es Verzichte forderte, weil es schön ist, das Gute zu tun, für die anderen da zu sein. Man muss nur den Sprung wagen. All dem geht voraus die Begegnung mit Jesus Christus, die in uns die Liebe zu Gott und zu den anderen entzündet und uns frei macht von der Suche nach dem eigenen Ich. Ein dem heiligen Franz Xaver zugeschriebenes Gebet sagt: Ich tue das Gute nicht, weil ich dafür in den Himmel komme und nicht weil du mich sonst in die Hölle werfen könntest. Ich tue es, weil du Du bist, mein König und mein Herr. Derselben Haltung bin ich auch in Afrika zum Beispiel bei den Schwestern von Mutter Teresa begegnet, die sich um die verstoßenen, kranken, armen und leidenden Kinder mühen, ohne nach sich selbst zu fragen und gerade so innerlich reich und frei werden. Dies ist die eigentlich christliche Haltung. Unvergesslich bleibt mir auch die Begegnung mit den behinderten Jugendlichen in der Stiftung S. José in Madrid, wo mir wieder die gleiche Bereitschaft begegnet ist, sich selbst für die anderen zur Verfügung zu stellen – eine Bereitschaft zur Hingabe, die letztlich aus der Begegnung mit Christus stammt, der sich für uns hingegeben hat.

3. Ein drittes Element, das immer selbstverständlicher und zentraler zu den Weltjugendtagen und der von ihnen ausgehenden Spiritualität gehört, ist die Anbetung. Unvergesslich ist mir der Augenblick meiner Reise ins Vereinigte Königreich, wo im Hydepark die Zehntausende von überwiegend jungen Menschen in einem gefüllten Schweigen auf die Anwesenheit des Herrn im Sakrament antworteten, anbeteten. Dasselbe hat sich in kleinerem Maßstab wieder in Zagreb ereignet und wiederum in Madrid nach dem Gewitter, das das Ganze der nächtlichen Begegnung durch den Ausfall der Mikrophone zu zerstören drohte. Gott ist allgegenwärtig, ja. Aber die leibliche Gegenwart des auferstandenen Christus ist noch einmal etwas anderes, etwas Neues. Der Auferstandene tritt mitten unter uns herein. Und da können wir gar nicht anders als mit dem Apostel Thomas sagen: Mein Herr und mein Gott! Anbetung ist zuerst ein Akt des Glaubens – der Akt des Glaubens als solcher. Gott ist nicht irgendeine mögliche oder unmögliche Hypothese über den Ursprung des Alls. Er ist da. Und wenn er da ist, dann beuge ich mich vor ihm. Dann öffnen sich Verstand und Wille und Herz auf ihn hin und von ihm her. Im auferstandenen Christus ist der menschgewordene Gott da, der für uns gelitten hat, weil er uns liebt. In diese Gewißheit der leibhaftigen Liebe Gottes zu uns treten wir als Mitliebende hinein. Das ist Anbetung, und das bestimmt dann mein Leben. Nur so kann ich auch Eucharistie richtig feiern und den Leib des Herrn recht empfangen.

4. Ein weiteres wichtiges Element der Weltjugendtage ist die immer selbstverständlicher zum Ganzen gehörende Anwesenheit des Bußsakraments. Damit anerkennen wir, daß wir immer wieder Vergebung brauchen und dass Vergebung Verantwortung ist. Im Menschen ist vom Schöpfer her die Bereitschaft zu lieben da und die Fähigkeit, im Glauben Gott zu antworten. Aber es gibt von der sündigen Geschichte des Menschen her (die kirchliche Lehre spricht von der Erbsünde) auch die umgekehrte Tendenz zur Liebe – die Tendenz zum Egoismus, zur Selbstverschließung, ja, zum Bösen. Immer wieder wird meine Seele verschmutzt durch diese nach unten ziehende Schwerkraft, die in mir da ist. Deshalb brauchen wir die Demut, die immer neu Gott um Vergebung bittet; die sich reinigen lässt und die die Gegenkraft, die positive Kraft des Schöpfers in uns aufweckt, die uns nach oben zieht.

5. Schließlich möchte ich als letztes, nicht zu übersehendes Kennzeichen der Spiritualität der Weltjugendtage die Freude nennen. Woher kommt sie? Wie erklärt sie sich? Sicher wirken viele Faktoren zusammen. Aber der entscheidende ist nach meinem Dafürhalten die aus dem Glauben kommende Gewissheit: Ich bin gewollt. Ich habe einen Auftrag in der Geschichte. Ich bin angenommen, bin geliebt. Josef Pieper hat in seinem Buch über die Liebe gezeigt, daß der Mensch sich selbst nur annehmen kann, wenn er von einem anderen angenommen ist. Er braucht das Dasein des anderen, der ihm nicht nur mit Worten sagt: Es ist gut, dass du bist. Nur vom Du her kann das Ich zu sich selbst kommen. Nur wenn es angenommen ist, kann es sich annehmen. Wer nicht geliebt wird, kann sich auch nicht selber lieben. Dieses Angenommenwerden kommt zunächst vom anderen Menschen her. Aber alles menschliche Annehmen ist zerbrechlich. Letztlich brauchen wir ein unbedingtes Angenommensein. Nur wenn Gott mich annimmt und ich dessen gewiss werde, weiß ich endgültig: Es ist gut, daß ich bin. Es ist gut, ein Mensch zu sein. Wo die Wahrnehmung für das Angenommensein des Menschen von Gott, für unser Geliebtsein durch ihn verschwindet, da findet die Frage, ob es überhaupt gut ist, ein Mensch zu sein, keine Antwort mehr. Der Zweifel am Menschsein wird immer unüberschreitbarer. Wo der Zweifel an Gott dominierend wird, da folgt der Zweifel am Menschsein selbst unausweichlich. Wir sehen heute, wie sich dieser Zweifel ausbreitet. Wir sehen es an der Freudlosigkeit, an der inneren Traurigkeit, die man in so vielen menschlichen Gesichtern lesen kann. Nur der Glaube macht mich gewiss: Es ist gut, dass ich bin. Es ist gut, ein Mensch zu sein, auch in schwieriger Zeit. Der Glaube macht von innen her froh. Das ist eine der wunderbaren Erfahrungen der Weltjugendtage.

Es würde zu weit führen, jetzt noch ausführlich über die Begegnung in Assisi zu sprechen, wie es der Bedeutung des Ereignisses entspräche. Danken wir einfach Gott, dass wir – die Vertreter der Weltreligionen und auch die Vertreter des nach der Wahrheit suchenden Denkens – uns an diesem Tag in einem Klima der Freundschaft und des gegenseitigen Respekts in der Liebe zur Wahrheit und in der gemeinsamen Verantwortung für den Frieden begegnen durften. So dürfen wir hoffen, dass aus dieser Begegnung eine neue Bereitschaft gewachsen ist, dem Frieden, der Versöhnung und der Gerechtigkeit zu dienen.

Am Ende möchte ich Ihnen allen von Herzen danken für das Mittragen der Sendung, die uns der Herr als Zeugen seiner Wahrheit übergeben hat, und Ihnen allen die Freude wünschen, die Gott uns in der Menschwerdung seines Sohnes schenken wollte. Ihnen allen gesegnete Weihnachten! Danke.

[© Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]