Weihnachtspredigt des Lateinischen Patriachen von Jerusalem

Gott lädt die Menschen dazu ein, mit ihm zusammen Geschichte zu schreiben

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25. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Michel Sabbah, in der Heiligen Nacht gehalten hat.

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Predigt in der Heiligen Nacht 2007

Schwestern und Brüder,
gesegnetes und frohes Weihnachtsfest.

Sehr geehrter Herr Präsident,

1. In dieser Heiligen Nacht beten wir für Sie und für Ihre schwierige Aufgabe, für die Sicherheit und die Einheit des Volkes und für den Frieden. Gebe Gott Ihnen Licht, Weisheit und Mut. Wir beten auch für alle Regierenden dieses Landes und des Nahen Ostens, daß Gott Ihnen allen gewähre, hier und in der ganzen Region, Frieden und Stabilität herbeiführen zu können.

2. Schwestern und Brüder,
Die Gnade Gottes ist erschienen. Das ewige Wort Gottes ist Mensch geworden. Der Heilige Johannes sagt uns dies auf sehr klare Weise, wenn auch manche nicht verstehen können: „ Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ (Joh 1,1) und „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1, 14). Dies, Brüder und Schwestern, ist die Bedeutung von Weihnachten, dies ist der Grund unserer Freude und unseres Festes. Der Prophet Jesaja hat verkündet: „ Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht. (...) Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.“ (Jes 9, 1.5). In seinem Kommentar zu diesem Mysterium sagt der Heilige Leo der Große: „Die Natur Gottes vereint sich mit der Natur des Menschen. Der Schöpfer der Zeit wird in der Zeit geboren. Er, durch den das All geworden ist, erhält inmitten seiner Schöpfung Dasein.“ ( Leo der Große, I, 2. Lesung, 17. Dezember).

„Er, durch den alle Dinge geworden sind, wurde in ihre Mitte gesandt“, hierher nach Bethlehem, um uns mit seiner Gnade zu erfüllen und uns von dem Bösen zu befreien, gegen das wir täglich zu kämpfen haben. Der hl. Johannes sagt: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“ (Joh 1, 16), und fährt fort: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1, 18). Dieses Wort sagt uns, daß zu Weihnachten der einzige Sohn, der allein den Vater kennt und hier in Bethlehem geboren wurde, um den Menschen das Leben zu bringen, auch uns befähigt hat, Gott zu kennen und schon auf Erden in das Ewige Leben einzutreten. Dieses Leben ist für uns Licht in aller Mühe um das Wohl der Menschen und im Kampf um den Frieden. Es steht in unserer Macht, jede Herausforderung, alle unsere Freuden und Leiden in Ewiges Leben zu wandeln, d.h. ein Leben mit Gott, mit seinem Licht, seiner Macht und seiner Güte.

Weihnachten erneuert uns „im Heiligen Geist, den er in reichem Maß über uns ausgegossen hat, durch Jesus Christus, unseren Retter.“ (Tit 3, 6), damit wir „das ewige Leben erben, das wir erhoffen.“ (Tit 3, 7). In der Kraft dieser Gnade bewahren wir Weihnachten jeden Tag in unseren Herzen und engagieren uns in unserer Gesellschaft, um den Frieden der Heiligen Nacht in sie hineinzutragen. Das Leben hier auf Erden, mit all seiner Armut und Schwäche, aber auch mit all der Kraft und Gnade, ist für uns der Beginn des Ewigen Lebens.

3. In diesem Glauben an Gott und in der Gnade von Weihnachten verankert, wollen wir das Geheimnis unseres Landes betrachten, dem es nicht gelingt, Gott zu erkennen, und das daher natürlich auch nicht den Frieden findet. Es ist Weihnachten, die Güte Gottes ist in jedem Menschen grundgelegt – so müssen wir zuerst glauben, daß wir fähig sind, Frieden zu schließen. Dafür müssen wir über uns selbst hinauswachsen. Wir müssen den anderen mit dem Blick Gottes anblicken, um Gerechtigkeit für uns und für die anderen zu empfangen.

Als nächsten Schritt müssen wir die universale Berufung dieses Landes verstehen. Wir müssen den Willen Gottes für dieses Land erkennen, und zwar in den Heiligen Schriften ebenso wie in der Entwicklung der Geschichte, deren Herr Gott selber ist, und die uns hier im Laufe der Jahrhunderte versammelt hat: Juden, Christen, Moslems und Drusen, die heute zwei Völker bilden, Palestinenser und Israelis. Seine universale Berufung verstehen und akzeptieren, bedeutet, den Plan Gottes für dieses Land zu empfangen und fähig zu werden, hier den Frieden zu fördern. Eine exklusive Haltung, die den anderen ausschließt, der Besatzung oder jedweder anderen Unterdrückung unterwirft, kann mit der Berufung dieses Landes nicht übereinstimmen. Es ist das Land Gottes. Es kann daher nicht für die einen das Land des Lebens, und für die anderen das Land des Todes, des Ausschlusses, der Besatzung oder der politischen Gefängnisse sein. All diejenigen, die Gott, der Herr der Geschichte hier versammelt hat, müssen hier in diesem Land Leben, Würde und Sicherheit finden können.

Wir wissen alle, wie man Frieden schließt. Wir wissen alle, was den beiden Völkern, die in diesem Land leben, zusteht. Es geht nicht an, daß der Schwächere sich unterwerfen und weiterhin Einbußen hinnehmen muß, sondern der Stärkere, der alles in der Hand hält, muß nachgeben und dem Schwächeren geben, was ihm zusteht. Wenn wir alle fest entschlossen sind, Frieden zu schließen, können alle schwierigen Fragen eine Lösung finden.

4. Gemeinsam mit allen religiösen Führern dieses Landes haben wir begonnen, einander zu begegnen und gemeinsam zu überlegen. Jeder von uns will sich selbst die Frage stellen, als Gläubiger vor Gott, was Gerechtigkeit vor Gott für jeden von uns bedeutet. Wir haben einen Weg eingeschlagen, der schwierig und lang sein wird. Es geht darum, sich vom politischen System, seinen einseitigen Sichten und seinen Ängsten zu befreien, um fähig zu werden, etwas Neues und Gutes zu sagen und weiterzugeben.

Die Geschichte der Menschheit ist voller Kriege. Sie ist aber auch erfüllt von Gott. Gott ist die Liebe. Er hat nichts zu tun mit der Tyrannei von gewissen Gläubigen, die sich Gläubige nennen, obwohl sie nicht den Willen Gottes erfüllen, sondern ihren eigenen, seien es Moslems, Juden oder Christen. Einige rechtfertigen Gewalttaten mit dem Namen Gottes oder seiner Versprechungen. Gewalt kann sich auf keine Religion berufen. In jeder Religion ist Extremismus nur Ausdruck des Willens, an sich zu reißen, auszuschließen und die anderen nicht einem Glauben an Gott zu unterwerfen, sondern menschlichem Verhalten, das ihnen feindlich gesinnt ist. Die religiösen Führer haben eine Aufgabe in der Erziehung der Gläubigen. Sie sollten sie bestärken auf den Wegen der Gerechtigkeit, des Rechts, der Vergebung - ohne bei all dem auf seine Rechte zu verzichten - und der Zusammenarbeit mit allen Männern und Frauen guten Willens.

5. Schwestern und Brüder, Ihr fragt Euch vielleicht, welche Rolle wir als Christen haben, im Aufbau von Frieden und Zukunft für dieses Land. Papst Benedikt XVI sagt in seiner jüngsten Enzyklika über die Hoffnung, daß das Kennzeichen der Christen ist, daß „sie eine Hoffnung haben, und Hoffnung haben, bedeutet eine Zukunft haben.“

Dies gilt für uns Christen im Heiligen Land und im gesamten Nahen Osten. Alle sorgen sich um unsere christliche Präsenz hier: Israel ebenso wie die Palästinensische Autorität. König Abdalla II von Jordanien zieht schon seit Jahren die Aufmerksamkeit auf das Drama des Exodus der christlichen Araber. Zahlreiche moslemische Stimmen erheben sich weltweit, um auf das Vakuum hinzuweisen, welches der Exodus der Christen in der arabisch-moslemischen Welt bewirken würde. Auch die christliche Welt ist besorgt: es geht um unser Überleben oder unser Verschwinden.

Euch, Brüder und Schwestern, Euch Christen dieses Landes, die Ihr versucht seid auszuwandern, sage ich zunächst, was Jesus uns gesagt hat: Habt keine Angst. Der Christ hat kein Recht, Angst zu haben, oder Schwierigkeiten zu fliehen. Das bedeutet für uns, bereit zu sein, die Sorgen aller zu teilen, den Frieden miteinander zu bauen und die Opfer, die das mit sich bringt, anzunehmen: Gefängnis, vielleicht die Hingabe des Lebens, oder die Schwierigkeiten des täglichen Lebens, Besatzung, eine trennende Mauer, eingeschränkte Bewegungsfreiheit. All das ist unser aller Los, und durch unsere Opfer und unsere Großmut bauen wir gemeinsam den Frieden für alle.

Denjenigen, die von Schwierigkeiten bedrängt, versucht sind, das Land zu verlassen, sagen wir: Ihr habt einen Platz hier, mehr noch, eine Berufung: die Berufung, Christ zu sein, hier im Lande Jesu, und nirgendwo sonst auf der Welt. Nehmt Eure Berufung an, auch wenn sie schwierig ist. Unsere Gegenwart hier ist bleibendes Zeugnis für die universale Berufung dieses Landes, Land Gottes, Land für die drei Religionen und die zwei Völker, die hier leben. Hört die Stimme Eurer Berufung und hört die Stimme all jener, die Eure Gegenwart hier wünschen.

Wir leben nicht nur in einem Konflikt, sondern in einer Geschichte, deren Herr Gott ist. Gott ist es, der diese Geschichte schreibt, und Er lädt uns ein, dies mit Ihm zu tun. Er ist der Herr der ganzen Menschheitsgeschichte, von ihren ersten Anfängen an, von den Anfängen der Heilsgeschichte bis heute. Er ist es, der war, der ist und der sein wird. Niemand und keine Zeit kann Ihn umgehen. Er ist der Unumgängliche, mit dem und vor dem wir leben, handeln und sind. (vgl Apg 17, 28). Voller Hoffnung, frei von Angst, gehen wir unseren Weg weiter.

6. Schwestern und Brüder,
Ich wünsche Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest. In dieser Heiligen Nacht beten wir hier in Bethlehem für Euch alle, in Palästina, Israel, Jordanien und Zypern. Wir beten für diejenigen, die leiden, für die Kranken und die Gefangenen, daß sie endlich ihre Freiheit und Würde erlangen mögen. Wir beten für all unsere Regierenden, damit sie die Gerechtigkeit erkennen und die Wege des Friedens einschlagen, damit sie den Mut haben, ihren Völkern den Frieden zu bringen. Allen Christen Bethlehems sagen wir: gesegnetes und frohes Weihnachtsfest. Amen.

+ Michel Sabbah, Patriarch


[Vom Lateinischen Patriarchat zur Verfügung gestellte deutsche Fassung]