Weihnachtszauber auf dem Petersplatz

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Von Tanja Schultz

ROM, 23. Dezember 2009 (ZENIT.org).- Zugegeben, der riesige, mit glitzernden goldenen und silbernen Kugeln behängte Christbaum verleiht der Barockkulisse des Petersplatzes eine kitschige Note. Abends angestrahlt ähnelt das märchenhafte Szenarium einer dieser Traumkugeln, einer Miniwelt unter Acrylglas im Schneegestöber, wie sie in den Souvenirshops rund um den Vatikan zum Verkauf angeboten werden. Nur der Schnee fehlt bisher in Rom.

Vor dem Hintergrund der mediterranen Stadt hat dieser fotogene „Kitsch“ jedoch etwas Rührendes, der unweigerlich nördliche Weihnachtsstimmung heraufbeschwört. Die 30 Meter hohe Fichte ist Benedikt XVI. von Belgien als Geschenk sozusagen vor die Haustür gestellt worden. Denn der heilige Vater kann direkt vom Büro und Schlafzimmerfenster seiner Wohnung aus auf den Petersplatz blicken. Wenn nicht sein Vorgänger bereits vor 27 Jahren mit der Baumtradition im Vatikan begonnen hätte, so wäre diese sicherlich von Benedikt XVI. revolutioniert worden: Papst hin oder her, für einen Deutschen schließlich verwandelt erst der geschmückte Christbaum Weihnachten in ein Fest!

Dass der Christbaum im Vatikan und allgemein in Italien relativ spät Einzug gehalten hat, hat seinen Grund. Der Weihnachtsbaum entstammt einer alten protestantischen Tradition, von der man sich absetzten wollte. Deshalb wurde bewusst an dem seit dem Mittelalter verbreiteten Brauchtum festgehalten, zur Weihnachtszeit Krippen aufzubauen. Mittlerweile ist dieser ursprüngliche Sinngehalt in Vergessenheit geraten, und der Weihnachtsbaum darf sich heute als universales Symbol des christlichen Geburtsfestes erfreuen. Wenn auch in Ermangelung einheimischer Tannenwälder häufig auf kleine Plastikbäume zurückgegriffen wird, ist der geschmückte Baum fester Bestandteil der Weihnachtsdekoration in den römischen Haushalten geworden.

Als Johannes Paul II. erstmals kurz vor Weihnachten 1982 den Wunsch äußerte, den Petersplatz mit Baum und Krippe zu schmücken, hatte man in aller Eile eine 14 Meter hohe Fichte aus den Albaner Bergen organisiert; diese wurde später in den Vatikanischen Gärten eingepflanzt. Mittlerweile hat sich eingebürgert, dass jedes Jahr eine andere Region als „Zeichen der Liebe zum Heiligen Vater“ einen Baum stiftet. Und die Regionen reißen sich europaweit um diese besondere Ehre und fahren wahre Rekorde auf in der Fahndung und Bergung von Riesentannen. Der mit 130 Jahren bisher älteste Baum wurde 1994 von der Slowakei geschenkt; hingegen die mit 33 Meter höchste Rottanne wurde 2008 bei Gutenstein in Niederösterreich geschlagen.

Die diesjährige Fichte aus einem Naturschutzgebiet in Wallonien ist 90 Jahre alt und wiegt eben mal 14 Tonnen: Sie wurde auf einem Tieflader 1500 km weit nach Rom transportiert, wo man sie mithilfe eines großen Krans am 4. Dezember aufrichtete. Elio Cortellessa, erfahrener Chefgärtner des Vatikan, leitet die aufwendige Aktion und hat über die Jahre zur Arretierung des riesigen Gehölz neue Techniken mitentwickelt. „Allein der Ständer des Weihnachtsbaumes wiegt 3000 kg. Er hat einen Durchmesser von vier Metern“, erzählt er. „Der Stamm wird mit Stahlseilen gesichert. Zusätzlich sorgen 200 Sandsäcke dafür, dass der Baum auch möglichen Sturmböen standhält.“

Zwei Wochen lang waren Gärtner und Elektriker auf Hebebühnen unermüdlich im Einsatz, um den Christbaum mit nicht weniger als 3.000 Kerzen, Girlanden und glitzernden Kugeln in allen Größen zu versehen. Bei der Drapierung des Schmucks standen Designer und Künstler beratend zur Seite.

Letzten Freitag, am 18. Dezember, wurde das Prachtstück in Anwesenheit einer belgischen Delegation erstmals in Lichterglanz versetzt. Bischof Aloys Jousten aus Lüttich und der Vizepräsident der Region Wallonien, Jean-Claude Marcourt reisten zu diesem Anlass nach Rom. Der Gouverneur des Vatikanstaats, Kardinal Giovanni Lajolo, hat das Geschenk stellvertretend für Benedikt XVI. entgegengenommen. Während des feierlichen Zeremoniells bezeichnete Bischof Jousten den Baum als „Friedensboten“. Denn dieser stamme aus einem Gebiet, den Ardennen, wo sich vor genau 65 Jahren eine der letzten blutigen Schlachten des Zweiten Weltkriegs zugetragen hat, bei der 150.000 Soldaten ihr Leben ließen.

Um ein Überleben der Fichte in den Vatikanischen Gärten zu garantieren, hätte man sie mit der gesamten Erdscholle bergen müssen. Angesichts des Riesenexemplars war das ausgeschlossen. Dennoch darf sein „Ende“ als sehr tröstlich bezeichnet werden. Aus seinem Holz werden Figuren geschnitzt und der Erlös aus dem Verkauf soll an mittellose Bürger verteilt werden. Diese karitative Recyclingidee nimmt auch kritischen Naturschützern nun den Wind aus den Segeln!

Mit dem Christbaum ist der Festschmuck auf dem Petersplatz jedoch noch nicht komplett, denn es fehlt noch die traditionelle Krippe vor dem ägyptischen Obelisken. Es ist die größte in Rom. Schon seit Mitte November ist eine Equipe von Künstlern und Handwerkern mit dem Aufbau des Stalls beschäftigt, der aus richtigen Steinziegeln und Säulen errichtet wird. Mit welcher Komposition der Geburtszene die Gläubigen dieses Jahr überrascht werden, ist ein vom Vatikan gehütetes Geheimnis hinter der hohen Abzäunung. Mit der Enthüllung muss man sich noch bis zum Heiligen Abend gedulden. Kern der Ausstattung bilden neun überlebensgroße Statuen aus Holz und Pappmaché von Vincenzo Pallotti, die 1842 für die Krippe in der römischen Kirche Sant’Andrea della Valle gefertigt wurden. Das Ensemble wurde inzwischen um 13 Figuren aus einer berühmten Werkstatt im Trentino ergänzt. Außerdem stiftete 2007 Mexiko drei Engel. Franziskanische Schwestern nähen die Kostüme für die Statuen. Mit dem Figurenset ist auch die Krippe stetig gewachsen, mittlerweile nimmt sie eine Fläche von 400 qm ein. Die Komposition variiert von Jahr zu Jahr. Während bis 2004 sich die Geburtsszene an römisch-neapolitanischen Krippen orientierte, wählte der unter Benedikt XVI. neu ernannte leitenden Architekt des vatikanischen Büros für technische Dienste, Giuseppe Facchini, Landschafts- und Architekturszenen aus dem Heiligen Land. So verlagerte er 2006 die Geburt des Heiland in einen beduinenzeltartigen Stall, wie er für die Hügelzone um Bethlehem zur Zeit Jesu charakteristisch war. Hingegen letztes Jahr überraschte der Papst mit seinem ausdrücklichen Wunsch, die Ankunft des Salvators in das Haus Josephs in Nazareth zu transferieren. Er folgt damit der heute in Theologenkreisen allgemein akkreditierten Überlieferung des Markusevangeliums.

Eingeweiht wird die Krippe von Staatssekretär Kardinal Bertone vor der großen Christmesse an Heiligabend. Zum Abschluss der Gebetsversammlung zündet Benedikt XVI. am Fenster seines privaten Arbeitszimmers hoch über den Kolonnaden eine Kerze an. Das ist ein wichtiger Moment für die römischen Gläubigen, die zahlreich auf dem Petersplatz zusammen strömen werden. Und die Bescherung? Die findet hier traditionell erst nach dem Segen Urbi et Orbi am 25. Dezember statt.