Weiser Lehrer, eifriger Hirte: Benedikt XVI. über den heiligen Chromatius von Aquilea

„Sein erstes und vornehmliches Bemühen bestand darin, auf das Wort Gottes zu hören“

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ROM, 5. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. heute, Mittwoch, bei der Generalaudienz gehalten hat.



Der Papst setzte seine Katechesen-Reihe über die frühchristlichen Heiligen mit der Zusammenfassung von Leben und Lehre des Bischofs von Aquileia (*354, † um 407) fort und betonte, dass sich dieser Heilige vor allem darum bemüht habe, „auf das Wort zu hören – um fähig zu sein, dann zu dessen Verkünder zu werden“.

An die Pilger gewandt, die sich in der Audienzhalle Pauls VI. im Vatikan versammelt hatten, sagte der Heilige Vater: „Lassen wir uns vom heiligen Bischof Chromatius anleiten: Beten wir zum Herrn, dass er uns die Furcht nehme.“ Der heilige Chromatius habe die ihm anvertrauten Gläubigen in einer schwierigen Zeit immer wieder dazu ermutigt, Gott zu vertrauen, der niemandem im Sztich lässt.

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Liebe Brüder und Schwestern!

In den letzten beiden Katechesen haben wir einen Streifzug zu den Kirchen des Ostens semitischer Sprache unternommen und dabei über Aphrahat, den Perser, und den heiligen Ephräm, den Syrer, nachgedacht; heute kehren wir mit dem heiligen Chromatius von Aquileia in die lateinische Welt zurück, in den Norden des Römischen Reichs.

Dieser Bischof verrichtete seinen Dienst in der alten Kirche von Aquileia, einem Zentrum glühenden christlichen Lebens, das in der Zehnten Region des Römischen Reiches lag, der Region Venetia et Histria. Als Chromatius im Jahr 388 den Bischofstuhl der Stadt übernahm, war in der christlichen Ortsgemeinde bereits eine ruhmreiche Geschichte der Treue zum Evangelium gereift. Zwischen der Mitte des dritten und den ersten Jahren des vierten Jahrhunderts hatten die Verfolgungen unter Decius, Valerian und Diokletian eine große Zahl von Märtyrern gefordert. Darüber hinaus war die Kirche von Aquileia – wie viele andere Kirchen der damaligen Zeit – der Bedrohung der arianischen Irrlehre entgegengetreten. Athanasius selbst – der Vorkämpfer der nizänischen Rechtgläubigkeit, den die Arianer ins Exil verbannt hatten – fand für einige Zeit Zuflucht in Aquileia. Unter der Führung ihrer Bischöfe widerstand die christliche Gemeinde der Irrlehre und festigte ihre Anhängerschaft an den katholischen Glauben.

Im September 381 war Aquileia Sitz einer Synode, bei der ungefähr 35 Bischöfe aus den afrikanischen Küstenorten, aus dem Tal der Rhone und aus der ganzen Zehnten Region zusammenkamen. Die Synode hatte das Ziel, die letzten Reste des Arianismus im Westen niederzuschlagen. Am Konzil nahm auch der Priester Chromatius als Experte Valerians, des Bischofs von Aquileia (370/1-387/8), teil. Die Jahre um die Synode des Jahres 381 repräsentieren das „Goldene Zeitalter“ der Gemeinde von Aquileia. Der aus Dalmatien stämmige heilige Hieronymus und Rufinus von Concordia sprechen mit Nostalgie von ihrem Aufenthalt in Aquileia (370-373), in diesem sozusagen theologischen Kreis, den Hieronymus nicht zögert, als „tamquam chorus beatorum – einen Chor der Seligen“ zu bezeichnen (Chronikon: PL XXVII, 69-698). Aus diesem Kreis, der in gewisser Hinsicht die Gemeinschaftserfahrungen in Erinnerung ruft, die Eusebius von Vercelli und Augustinus erlebt hatten, kamen die namhaftesten Persönlichkeiten der Kirchen in den Gebieten nördlich der Adria.

Chromatius hatte aber bereits in seiner Familie Christus kennen und lieben gelernt. Mit Worten voller Bewunderung spricht davon Hieronymus, der die Mutter des Chromatius mit der Prophetin Ann und seine beiden Schwestern mit den klugen Jungfrauen der entsprechenden Gleichnisse aus dem Evangelium vergleicht. Chromatius selbst und seinen Bruder Eusebius vergleicht er mit dem jungen Samuel (vgl. Ep. VII: PL XXII,341). Über Chromatius und Eusebius schreibt Hieronymus weiter: „Der selige Chromatius und der heilige Eusebius waren Brüder durch die Blutsverwandtschaft und nicht weniger durch die Gleichheit ihrer Ideale“ (Ep. VIII: PL XXII,342).

Chromatius wurde um 345 in Aquileia geboren. Er wurde zum Diakon, dann zum Priester geweiht, und schließlich wurde er zum Hirten dieser Kirche gewählt (388). Nachdem ihn Bischof Ambrosius zum Bischof geweiht hatte, widmete er sich mutig und kraftvoll einer sehr großen Aufgabe, wenn man die Ausdehnung der seiner Hirtensorge anvertrauten Gebiete in Betracht zieht: Die kirchliche Jurisdiktion von Aquileia erstreckte sich von den aktuellen Gebieten der Schweiz bis nach Bayern, Österreich und Slowenien, und sie reichte bis nach Ungarn. Wie sehr Chromatius in der Kirche seiner Zeit bekannt war und geschätzt wurde, kann einer Episode aus dem Lebens des heiligen Johannes Chrysostomus entnommen werden: Als der Bischof von Konstantinopel von seinem Sitz verbannt wurde, schrieb er drei Briefe an diejenigen, die er für die bedeutendsten Bischöfe des Westens hielt, um deren Unterstützung bei den Kaisern zu erhalten. Einen Brief schrieb er an den Bischof von Rom, den zweiten an den Bischof von Mailand und den dritten an den Bischof von Aquileia, eben an Chromatius (Ep. CLV: PG LII, 702). Auch für diesen waren dies aufgrund der unsicheren politischen Lage schwierige Zeiten. Sehr wahrscheinlich starb Chromatius 407 im Exil in Grad, während er versuchte, den Angriffen der Barbaren zu entkommen – im selben Jahr, in dem auch Chrysostomus starb.

Was Prestige und Bedeutung abgeht, war Aquileia die vierte Stadt der italienischen Halbinsel und die neunte des Römischen Reichs. Auch aus diesem Grund zog sie das Interesse der Goten und der Hunnen auf sich. Abgesehen von der Tatsache, dass die Invasionen dieser Völker viele Opfer und Zerstörungen verursachten, beeinträchtigten sie schwerwiegend die Überlieferung der Werke der Väter, die in der an Codices reichen bischöflichen Bibliothek verwahrt worden waren. Auch die Schriften des heiligen Chromatius wurden zerstreut; sie hörten da und dort auf, und oft wurden sie anderen Autoren zugeschrieben: Johannes Chrysostomus (auch wegen desselben Beginns der beiden Namen: Chromatius wie Chrysotomus), oder Ambrosius und Augustinus; und auch Hieronymus, dem Chromatius sehr bei der Revision des Textes und der lateinischen Übersetzung der Bibel geholfen hatte.

Die Wiederentdeckung des größten Teils des Werkes des Chromatius ist glücklichen und zufälligen Umständen zu verdanken, die es erst in jüngsten Jahren gestattet haben, einen ziemlich reichen Corpus von Schriften zu rekonstruieren: mehr als 40 Predigten, von denen rund zehn fragmentarisch erhalten sind, und über 60 kommentierende Abhandlungen zum Matthäusevangelium.

Chromatius war ein weiser Lehrer und eifriger Hirte. Sein erstes und vornehmliches Bemühen bestand darin, auf das Wort zu hören – um fähig zu sein, dann zu dessen Verkünder zu werden. In seiner Lehre geht er stets vom Wort Gottes aus; und zu ihm kehrt er immer wieder zurück. Einige Themen sind ihm besonders teuer, vor allem das Geheimnis der Dreifaltigkeit, das er in seiner Offenbarung betrachtet, die den ganzen Bogen der Heilsgeschichte beinhaltet. Dann das Thema des Heiligen Geistes: Chromatius weist die Gläubigen ständig auf die Gegenwart und das Wirken der dritten Person der allerheiligsten Dreifaltigkeit im Leben der Kirche hin. Mit besonderer Beharrlichkeit aber kehrt der heilige Bischof zum Geheimnis Christi zurück.

Das fleischgewordene Wort ist wahrer Gott und wahrer Mensch: Es hat die Menschheit ganz angenommen, um ihr seine Göttlichkeit zu schenken. Diese Wahrheiten, die auch gegen den Arianismus beständig hervorgehoben wurden, führen ungefähr 50 Jahre später zur Definition des Konzils von Chalzedon. Die starke Hervorhebung der menschlichen Natur Christi führt Chromatius dazu, über die Jungfrau Maria zu sprechen. Seine mariologische Lehre ist klar und genau. Ihm verdanken wir einige eindringliche Beschreibungen der allerseligsten Jungfrau: Maria ist die „Jungfrau des Evangeliums, die fähig ist, Gott aufzunehmen“; sie ist das „unbefleckte und unberührte Schaf“, das das „mit Purpur gekleidete Lamm“ gezeugt hat (vgl. Sermo XXIII,3: „Scrittori dell’area santambrosiana“ 3/1, S. 134). Der Bischof von Aquileia setzt oft die Jungfrau in Beziehung zur Kirche. Beide nämlich sind „Jungfrau“ und „Mutter“.

Die Ekklesiologie des Chromatius wird vor allem im Kommentar zu Matthäus entfaltet. Hier einige wiederkehrende Begriffe: Die Kirche ist eine; sie ist aus dem Blut Christi entstanden. Sie ist wertvolles Gewand, durchwoben vom Heiligen Geist. Die Kirche ist dort, wo verkündet wird, dass Christus von der Jungfrau Maria geboren ist, wo Brüderlichkeit und Eintracht blühen. Ein Bild, das Chromatius besonders am Herzen liegt, ist das Bild des Schiffes auf der stürmischen See – und seine Zeiten waren, wie wir gehört haben, Zeiten des Sturmes: „Es besteht kein Zweifel“, so sagt der heilige Bischof, „dass dieses Schiff die Kirche darstellt“ (vgl. Tract. XLII,5: Scrittori dell’area santambrosiana 3/2, S. 260).

Als eifriger Hirte, der er ist, versteht es Chromatius, zu den Seinen mit einer frischen, farbigen und einprägsamen Sprache zu sprechen. Obwohl er den korrekten cursus der lateinischen Sprache kennt, zieht er es vor, auf die Umgangssprache zurückzugreifen, die an leicht verständlichen Bildern reich ist. Indem er sich so zum Beispiel vom Meer inspirieren lässt, setzt er einerseits den normalen Fang von Fischen, die sterben, wenn sie einmal ans Ufer gezogen worden sind, und andererseits die Verkündigung des Evangeliums, dank derer die Menschen aus den schlammigen Wassern des Todes gerettet und in das wahre Leben überführt werden, mit einander in Beziehung (vgl. Tract. XVI,3: Scrittori dell’area santambrosiana 3/2, S. 106).

Immer mit Blick auf den Guten Hirten versteht er es, sich in einer stürmischen, von den Übergriffen der Barbaren verheerten Zeit wie der seinigen auf die Seite der Gläubigen zu stellen, um sie zu trösten und ihnen die Seele für das Vertrauen in Gott zu öffnen, der seine Kinder nie verlässt.

Nehmen wir zum Abschluss dieser Überlegungen eine Ermahnung des Chromatius auf, die noch heute volle Gültigkeit hat: „Bitten wir den Herrn aus ganzem Herzen und mit ganzem Glauben“, das empfiehlt der Bischof von Aquileia in einer seiner Predigten –, „bitten wir ihn, uns vor allen Übergriffen der Feinde, vor aller Furcht vor den Gegnern zu befreien. Er schaue nicht auf unsere Verdienste, sondern auf seine Barmherzigkeit – er, der auch in der Vergangenheit geruhte, die Kinder Israels nicht um ihrer Verdienste willen, sondern wegen seiner Barmherzigkeit zu befreien. Er behüte uns mit seiner ihm eigenen barmherzigen Liebe, und er wirke für uns, was der heilige Moses den Kindern Israels sagte: ‚Der Herr wird zu eurer Verteidigung kämpfen, und ihr werdet still sein.‘ Er ist es, der kämpft, er ist es, der den Sieg davonträgt… Und auf dass er geruhe, es zu tun, müssen wir so viel wie möglich beten. Er selbst nämlich sagt durch den Mund des Propheten: ‚Rufe mich am Tag des Leidens an; ich werde dich befreien, und du wirst mir Herrlichkeit geben“ (Sermo XVI,4: Scrittori dell’area santambrosiana 3/1, S. 100-102).

So erinnert uns der heilige Chromatius gerade zu Beginn des Advents daran, dass der Advent eine Zeit des Gebetes ist, in der man mit Gott in Berührung treten muss. Gott kennt uns; er kennt mich. Er kennt einen jeden von uns. Er hat mich lieb, er verlässt mich nicht. Schreiten wir mit diesem Vertrauen in der liturgischen Zeit voran, die soeben begonnen hat.

[Der Papst bediente sich zur Zusammenfassung seiner Katechese in seiner Muttersprache des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

In der Reihe der großen Gestalten der christlichen Antike wenden wir uns heute dem heiligen Chromatius von Aquileia zu, der in dieser einst bedeutenden Stadt Venetiens um 345 geboren wurde. Chromatius wuchs in einer christlichen Familie auf. Hieronymus, der einige Jugendjahre in Aquileia verbrachte, berichtet mit Bewunderung vom starken Glauben und tugendhaften Leben der Mutter und der Geschwister. Chromatius selbst wurde später zum Diakon und zum Priester geweiht.

Er nahm auch an der bedeutenden Synode des Jahres 381 in Aquileia teil, die der Abwehr der Irrlehre des Arius galt, dessen Anhänger die Gottheit Christi leugneten. Schließlich wurde Chromatius im Jahre 388 zum Bischof von Aquileia gewählt, eine wegen der Weitläufigkeit dieses Bistums ungeheure Aufgabe, der er sich mit Mut und großem Eifer zuwandte. Gestorben ist Chromatius im Jahre 407 wahrscheinlich im Exil in Grad an der Adria, wo er sich vor den Streifzügen der Goten und der Hunnen zurückziehen musste.

Von seinen Werken blieben ungefähr 40 Predigten und etwa 60 Traktate eines Kommentars zum Matthäusevangelium erhalten. Sein Grundanliegen ist es, das Vertrauen der Gläubigen auf Gottes Güte zu wecken, die sich im Schoß der Kirche offenbart. Kirche ist dort, wo verkündet wird, dass Christus von der Jungfrau Maria geboren wird. Die Predigt des Evangeliums ist für Chromatius wie ein Fischzug, der aber nicht tötet, sondern die Menschen aus den Fluten des Todes errettet.

[Die Pilger aus dem deutschsprachigen Raum begrüßte der Heilige Vater mit den Worten:]

Ein herzliches „Grüß Gott“ sage ich allen deutschsprachigen Pilgern und Besuchern. Besonders heiße ich heute die Wallfahrer aus der Schönstattbewegung willkommen.

Lassen wir uns vom heiligen Bischof Chromatius anleiten: Beten wir zum Herrn, dass er uns die Furcht nehme. Denn Gott ist uns stets mit seinem Erbarmen nahe; er streitet für uns und führt zum Sieg des Guten. Euch allen wünsche ich eine frohe Adventszeit!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]