Welche Art von Malerei braucht die sakrale Kunst?

Die Betrachtung des Schönen führt zum Geheimnis des Heils

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Von Rodolfo Papa

ROM, 22. November 2011 (ZENIT.org). - Die Liturgie ist der Ort, an dem die Kunst in vorzüglicher Weise ihren Hilfsdienst ausübt. Das Zweite Vatikanische Konzil verwendet diesbezüglich in „Sacrosanctum Concilium“ direkt den Begriff „Dienst“ und sogar „edlen Dienst“: „Darum war die lebenspendende Mutter Kirche immer eine Freundin der schönen Künste. Unablässig hat sie deren edlen Dienst gesucht und die Künstler unterwiesen, vor allem damit die Dinge, die zur heiligen Liturgie gehören, wahrhaft würdig seien, geziemend und schön: Zeichen und Symbol überirdischer Wirklichkeiten“ [1].

Das „Kompendium des Katechismus“ betont den Wert dieser Tradition  in Hinblick auf den Sinn von Schönheit: „Die Künstler jeder Epoche haben die herausragenden Ereignisse des Heilsmysteriums den Gläubigen zum Betrachten und Bestaunen dargeboten und sie im Glanz der Farbe und in der Vollkommenheit der Schönheit zur Darstellung gebracht“ [2].

In einem kürzlich erschienenen Artikel unterstreicht Daniel Estivill die Gegenwart eines objektiven Inhalts in den Werken der sakralen Kunst, den sowohl der Künstler als auch der Betrachter achten müssen: „Wenn es sich um Werke im Dienst der Kirche handelt, in diesem Fall kann nicht allein der Betrachter nicht dem Werk seine Bedeutung geben, sondern auch der Künstler kann in seinem schöpferischen Prozess nicht den Inhalt ignorieren, der ihm vom Glauben gegeben wird, ohne den nichts in der Kirche voll verständlich und durchführbar ist“ [3]. Das Christentum hat  wegen der Menschwerdung des Wortes Gottes, das sichtbar geworden ist, immer Bilder hergestellt. Darum ist die Kunst eng mit der christlichen Religion verbunden, so sehr, dass das Christentum „in struktureller Weise die Geschichte der sogenannten abendländischen Zivilisation der Bilder“ [4] bedingt hat. Der Katechismus der katholischen Kirche erklärt autoritativ: „Die Inkarnation des Sohnes Gottes hat eine neue Bilder-„Ökonomie“ eingeführt“ [5].

Eine sakrale, christliche Kunst hat tatsächlich immer existiert. Man muss sie nicht erfinden oder verneinen: Die Menschwerdung des Sohnes Gottes hat die Geschichte des Menschen und auch die Geschichte der Kunst durcheinander gebracht, wie es der heilige Johannes von Damaskus bestätigt, den auch der Katechismus der katholischen Kirche zitiert: „Einst konnte Gott, der weder Körper noch Gestalt hat, keineswegs durch ein Bild dargestellt werden. Aber jetzt, nachdem er im Fleisch sichtbar wurde und mit den Menschen lebte, kann ich von dem, was ich von Gott gesehen habe, ein Bild machen“ [6]. Wenn der vorchristliche und der nichtchristliche Mensch sehr gute Gründe findet, um Gott durch die künstlerische Darstellung der Schönheit des Geschaffenen zu verherrlichen, um wieviel mehr muss der Christ sich freuen angesichts der Möglichkeit, Christus, die Madonna und die Heiligen in Bildern darstellen zu können. Diese Möglichkeit, die von Anfang an als vorzüglich wahrgenommen wurde - man denke an „das Aufblühen zahlreicher Geschichten und Legenden über das wahre Bild des Herrn und seiner heiligsten Mutter in allen Kirchen“ [7], - hat ihre Wurzeln vor allem in den Worten des auferstandenen Christus: „Seht meine Hände und meine Füße: Ich bin es! Fasst mich an und begreift; kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es an mir seht“ (Lk 24,38-40). Vom christlichen Künstler ist daher keine Kunst gefordert, die Geister vortäuscht, sondern eine Kunst, die wirkliche Leiber aus Fleisch und Knochen darstellt. Der Katechismus erklärt wiederum: „Da das Wort Fleisch wurde und eine wahre Menschennatur annahm, war Christus „im Leib begrenzt“. Infolgedessen lässt sich das menschliche Antlitz Jesu „vor Augen stellen“ [8].

Ankommend beim entscheidenden Thema, können wir uns schließlich fragen, welche Gestaltung wir uns  für die Entwicklung der sakralen Kunst im 21. Jahrhundert wünschen sollten. Welche stilistische Formel sollten wir aufgreifen, und wie sollten wir sie uns verschaffen? Diese Fragen drängen sich seit langem auf und zirkulieren schnell im Inneren der katholischen Kultur. Einige suchen die Antworten in „alchemistischen Aktionen“, die im Labor gemacht werden; andere behaupten, dass das, was entschieden werden muss, direkt und ohne Filter aus der „Welt“ kommen muss; wieder andere meinen, dass es  Bande mit der vorchristlichen Kunst geben müsse; wieder andere dagegen folgen den verschiedenen Stilen, die seit Jahrzehnten ununterbrochen aufeinander folgen: neu-populär, neu-romantisch, neu-byzantinisch oder am verbreitetesten der Pop. Aber wie schon Tacitus in den „Historiae“ berichtete - als im tragischen Augenblick des Bürgerkriegs im Jahr 69 planmäßig Gerüchte über den vermeintlichen Tod von Ottone verbreitet wurden mit dem Ziel,  Galba aufzuspüren und ihn endgültig zu besiegen – „nemo scire et omnes adfirmare“, ein Infinitivobjekt, das übersetzt werden kann als: „Niemand wusste und alle redeten“. Dies beschreibt ein Befinden, das typisch ist für Übergangsmomente und Situationen der Verwirrung, in denen alle leicht beeinflussbar sind, weil sie bereit sind, an eine so sehr erwünschte und notwendige Lösung zu glauben. Aber leider irrten sich die Helfer von Galba damals; und es irren jene, die heute für leichte Lösungen empfänglich sind und ohne irgendein Nachdenken und ohne irgendeine Vertiefung der anstehenden Probleme sich schnell zu Schlussfolgerungen hinreißen lassen, anstatt den längeren und schwierigeren Weg des Studiums einzuschlagen.

Damit die Kunst der Malerei ihren „edlen Dienst“ des Helfens ausüben kann, muss sie demütig sein; sie muss sich zur Dienerin und nicht zum Protagonisten machen. Sie muss die heiligen Geschichten und das Credo des Glaubens darstellen „im Glanz der Farbe und in der Vollkommenheit der Schönheit“, ohne auf die erzählerische Fähigkeit und den Weg der Schönheit zu verzichten. Sie muss schließlich verständlich sein, indem sie die Leiblichkeit der Menschwerdung in den Mittelpunkt stellt.

[1] Zweites Vatikanisches Konzil, Sacrosanctum Concilium, Nr. 122

[2] Katechismus der katholischen Kirche. Kompendium, Nr. 5

[3] D. Estivill, L'iconografia: strumento di lettura e di creatività per un'arte a servizio della Chiesa, in „Arte Cristiana“, (65, 2011, S. 289

[4] A. Pinotti, Estetica della pittura, il Mulino, Bologna 2007, S. 187

[5] Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 1159

[6] Ibid.

[7] M. Gallo, Per una lettura cristiana dell'immagine, Guaraldi, Rimini 1992, S.11

[8] Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 476

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen von Dr. Edith Olk]