Welche Rolle spielt die Religion in der internationalen Politik?

Glaubensgemeinschaften sind "in vielen Bereichen der Entwicklung wichtige Mitspieler", besagt eine Studie der Weltbank

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ROM, 24. Januar 2005 (ZENIT.org).- Die Botschaft von Papst Johannes Paul II. zum diesjährigen Weltfriedenstag (1. Januar 2005) erörtert die gegenwärtige Weltsituation in einem ungemein realistischen und nüchternen Licht und spricht auch jene Dinge klar an, die nicht so sind, wie sie sein sollten: "Wenn man den Blick auf die aktuelle Situation der Welt richtet, muss man eine erschreckende Ausweitung vielfältiger gesellschaftlicher und politischer Phänomene des Bösen feststellen: von der sozialen Unordnung bis zur Anarchie und zum Krieg, von der Ungerechtigkeit bis zur Gewalt gegen den anderen und zu seiner Unterdrückung", schreibt der Papst in Abschnitt 3 seiner Botschaft.



Als Antwort auf diese "Phänomene des Bösen" ruft der Heilige Vater die Menschheit zu einer Neubesinnung auf das "gemeinsame Erbe sittlicher Werte" auf, "das sie von Gott selber als Geschenk empfangen hat". Er erinnert dabei an seine Rede vor der UNO im Jahre 1995. Damals sprach er von einer "Grammatik" des allgemeinen Sittengesetzes, das alle Menschen "selbst bei aller Verschiedenheit ihrer Kulturen miteinander" verbinde und das "unabänderlich ist". In seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2005 fordert Johannes Paul II. wieder einmal nachdrücklich zur Beachtung dieser sittlichen Grundregeln auf, denn: "Selbst wenn man es einschließlich seiner Grundsätze bestreitet, kann man es weder zerstören noch aus dem Herzen des Menschen reißen".

Mit der Bedeutung der sittlichen Werte in der heutigen Welt hat sich auch eine kürzlich veröffentlichte Sammlung von Texten des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden auseinandergesetzt. Sie nennt sich "Die ständigen Herausforderungen Gerechtigkeit und Frieden". Der Sekretär des genannten Rats, Bischof Giampaolo Crepaldi, beschreibt die Rolle der kirchlichen Soziallehre und ruft dabei vor allem zwei konkrete Formen des christlichen Auftretens in der Gesellschaft in Erinnerung: das persönliche Zeugnis des Christen sowie sein Einsatz zur Förderung eines echten Humanismus in der Welt.

Die Kirche, so schreibt der Bischof, hoffe zuversichtlich, dass die Verkündigung und Verbreitung der Soziallehre "helfen wird, authentische Gläubige zu formen und sie zu inspirieren, damit sie glaubwürdige Zeugen sind, die die moderne Gesellschaft und deren Mechanismen durch ihre Denkart und ihre Handelsweise verändern können". Es komme sehr darauf an, jene Strukturen wieder ins rechte Lot zu bringen, durch die eine positive Gesellschaftsentwicklung und die Gerechtigkeit behindert oder pervertiert werde. "Die Logik der Liebe, die uns das Evangelium lehrt, muss in der menschlichen, rationalen Logik konkret Gestalt annehmen – in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft", fordert Crepaldi.

Überwindung der Armut

Ein wichtiger Bestandteil im Bemühen, diese "Logik der Liebe" in der heutigen Gesellschaft zu verankern, besteht darin, eine gerechtere Wirtschaft sicherzustellen und den Armen zu helfen. Die Bedeutung von Moralvorstellungen im Kampf gegen Armut ist Thema einer Veröffentlichung mit dem Titel "Geist, Herz und Seele im Kampf gegen die Armut". Diese von der Weltbank redigierte und vor kurzem herausgegebene Studie ist das Ergebnis der Arbeiten eines internationalen Expertenteams, das sich aus Weltbankmitarbeitern und anderen Personen zusammensetzt.

Glaubensgemeinschaften seien "in vielen Bereichen der Entwicklung wichtige Mitspieler", heißt es dort. Allerdings sei ihre Rolle in der Vergangenheit nicht genug beachtet worden. Zum Teil rühre dies daher, dass sich das Hauptinteresse dieser Glaubensinstitutionen auf das spirituelle Wohl richte und das von Entwicklungshilfsorganisationen eben auf materielle Interessen. Außerdem gingen staatliche Institutionen bei ihrer Arbeit stillschweigend von der Überzeugung aus, Kirche und Staat müsse getrennt sein. Doch habe diese Trennlinie in den letzten Jahren, infolge des gemeinsamen Interesses hinsichtlich der Globalisierung und der Schwierigkeiten in der Armutsbewältigung, an Bedeutung verloren. So seien die beiden Seiten zum Beispiel näher gerückt, als sich die Religionsgemeinschaften vor dem Jubiläumsjahr 2000 für einen internationalen Schuldenerlass eingesetzt und somit eine große Rolle gespielt hätten. Die Weltbank räumt jedoch ein, dass es zwischen Religions- und Entwicklungsinstitutionen hinsichtlich gewisser Themen (noch) "scharfe Differenzen" gebe.

Zur Erläuterung des Titels der Studie heißt es in der Einleitung: Im Kampf gegen Armut seien nicht nur die Ressourcen des Geistes einzusetzen, sondern auch das Herz, das beide, Glaubens- und Entwicklungsinstitutionen, zum Handeln motiviert, als Motor eines leidenschaftlichen Einsatzes. Schließlich könne auch die Seele, eine von weltlichen Institutionen selten berücksichtigte Größe, von großem Nutzen sein; religiöse Lehren und Traditionen könnten neue Perspektiven eröffnen. Die Weltbank weist des Weiteren darauf hin, dass viele Werte, die in der 'Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte' enthalten sind, in religiösen Lehren zu finden seien.

Außenpolitik

Trotz vieler gemeinsamer Wertvorstellungen gebe es zwischen den verschiedenen religiösen Gemeinschaften doch auch viele unterschiedliche Standpunkte hinsichtlich der Methoden, wie man die Schwierigkeiten konkret bewältigen soll. Auch seien die praktischen Erfahrungen der Religionsgemeinschaften von Land zu Land sehr verschieden, besonders, was ihr Verhältnis zu den Regierungsbehörden angeht.

Ein Teil der Studie ist den Bemühungen der Glaubensinstitutionen um die Bewältigung des HIV/AIDS-Problems in Afrika gewidmet. Die meisten religiös geprägten Organisationen seien zwar gegen die Verwendung von Kondomen, aber durch ihre Sorge für die Kranken und die Propagierung von Abstinenz und Treue käme ihnen eine unersetzliche Rolle zu, sagt die Weltbank.

Die Studie schließt mit der Feststellung, dass die Erreichung der für die kommenden Jahre gesteckten Entwicklungsziele ein komplexes und mühsames Unterfangen sei: "Enorme Fortschritte sind möglich, aber wir müssen die aus dem Glauben kommende Energie und die moralische Autorität auf der politischen Weltbühne mobilisieren, wenn wir diese Ziele verwirklichen wollen."

Ein in den vergangenen Wochen heftig diskutiertes Thema ist die Beziehung zwischen Glaube und Außenpolitik. Diesem Thema ist ein vor kurzem erschienenes Buch mit dem Titel "Freiheit und Macht: Ein Gespräch über Religion und US-Außenpolitik in einer ungerechten Welt" gewidmet. Es handelt sich um eine Sammlung von Essays. In der Einführung wird erklärt, dass der Widerstand gegen Religion als wichtiger Mitspieler in internationalen Angelegenheiten aus zwei Befürchtungen entstehe: Zum einen habe man Angst, dass das Hineinspielen von Glaube in die Politik zu Irritationen in der Debatte führen werde, zum anderen sei man der Ansicht, Religion sei nicht selten als Deckmantel für Gewalt benutzt worden, und das sei nach wie vor der Fall.

Einer der Autoren, Pater J. Bryan Hehir, früherer Präsident von Catholic Charities USA und Professor an der Harvard Universität, stellt in seinem Beitrag fest, dass sich mittlerweile ein Konsens immer klarer herausbilde, nämlich dass die politische Ausblendung von Religion nur "eine verzerrte Sicht der derzeitigen Weltpolitik hervorbringt". Die Bedeutung von Religion für Staat und Gesellschaft müsse die ihr gebührende Beachtung finden und das ihr zukommende Gewicht erhalten, schreibt Pater Hehir.

Die religiöse Tradition habe zu aktuell diskutierten Fragen, wann zum Beispiel eine militärische Intervention gerechtfertigt ist oder wie man mit humanitären Fragen umgehen soll, viel anzubieten. Seien es nun die in den jüngsten Enzykliken angesprochenen Menschenrechte oder die jahrhundertealten Gedanken der ethischen Lehre vom gerechten Krieg, immer könne die Religion einen wertvollen Aspekt einbringen, so der Autor.

Kampf dem Terrorismus

Michael Walzer, Professor an der Princeton Universität und Verfasser zahlreicher Schriften über den gerechten Krieg und zu anderen Themen der Politikwissenschaft, ist anderer Meinung. In seinem Essay zum Thema "Ethik in der Außenpolitik" erklärt er, es sei keine gute Idee, eine auf religiösen Glauben gegründete Außenpolitik zu führen, weil Glaube häufig zu Dogmatismus und selbstgerechter Gewissheit führe. Dadurch entstehe die Gefahr, dass man sich über ethische Grundsätze hinwegsetzt.

Eine moralisch verantwortbare Außenpolitik sollte vier Grundprinzipien beachten, schreibt Walzer:

-- Das Leben der Bürgern schützen.

-- Den Bürgern anderer Staaten keinen Schaden zufügen.

-- Den Bürgern anderer Staaten, wann immer es möglich ist, dabei helfen, "die Verbrechen und Katastrophen des kollektiven Lebens" zu vermeiden oder ihnen zu entgehen.

-- Den Bürgern anderer Staaten, wenn sie dies wollen, dabei helfen, in ihrem eigenen Land ein annehmbares freiheitliches System aufzubauen.

Louise Richardson von der Harvard University behandelt in ihrem Beitrag, welche Rolle Religion in terroristischen Gruppen spielt. Sie warnt davor, religiöse Terroristen als einen "undifferenzierten Haufen religiöser Fanatiker" anzusehen. Diese Gruppen zu verstehen und ihnen entgegenzutreten, erfordere ein detailliertes Wissen darüber, wer sie sind und welches ihre jeweiligen Motivationen sind.

Das Entscheidende im Kampf gegen den Terrorismus, so Richardson weiter, sei die Befolgung ethischer Prinzipien und die Mobilisierung von Menschen aus allen religiösen Traditionen zur Verfolgung des einen Ziels, den Terroristen in der Bevölkerung jegliches Standbein zu entziehen.

Das Thema der diesjährigen Papstbotschaft zum Weltfriedenstag ist dem Brief des heiligen Paulus an die Römer entnommen und lautet: "Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!" (Röm 12,21). Es will uns alle daran erinnern, dass die moralischen Werte in der internationalen Politik eine unglaublich wichtige Rolle spielen können.