Welcher Kardinal ist papabile? 1/5

Angelo Kardinal Scola

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Jan Bentz | 1081 klicks

Angelo Kardinal Scola, Verfechter eines „demütigen" und niemals „halbherzigen" Christentums, verbindet mit Papst em. Benedikt XVI. eine 40-jährige tiefe Freundschaft. Die Zusammenarbeit der beiden hervorragenden Theologen verbindet man mit der Herausgabe der internationalen theologischen Zeitschrift „Communio", aber auch mit Scolas Beratertätigkeit der Glaubenskongregation, als Kardinal Ratzinger noch deren Präfekt war. Kardinal Scola, verhältnismäßig spät berufen, ist nie ein bequemer Glaubenszeuge gewesen.

Er wird am 7. November 1941 in Malgrate in der Lombardei als Sohn einer einfachen katholischen Familie geboren. Sein Vater ist Lastwagenfahrer, seine Mutter Hausfrau. Er ist der jüngere von zwei Brüdern. In seiner Jugend wird er von der „Katholischen Aktion“ geformt. Nach dem Wechsel von den ingenieurwissenschaftlichen Studien am Polytechnikum zur Philosophie an der Katholischen Universität lernt er 1958 Don Luigi Giussani, den Gründer der katholischen „Gioventù Studentesca" (Studentische Jugend) kennen, und wird deren Mitglied.

Später sagt er: „Der größte Einfluss, unter dem ich zwischen meinem 14. und meinem 18. Lebensjahr stand, war der als Sohn eines überzeugten, sozialistischen Arbeiters. Deshalb wechselte ich von der katholischen mehr zu einer sozialpolitischen Überzeugung, beeinflusst von der kommunistischen Partei. Durch Pater Luigi Giussani lernte ich, die Schönheit der Lehren Christi wiederzuentdecken."

1965 ernennt ihn Kardinal-Erzbischof von Mailand, Giovanni Colombo, zum Präsidenten des Ambrosius FUCI, eine Position, die er bis 1967 innehat. Es ist das Jahr, in dem er ins Seminar eintritt. Seine Jahre als Seminarist erweisen sich als steiniger Weg: Seine Nähe zu Don Giussani und der in diesen Jahren im Entstehen begriffenen und von der katholischen Welt in der damaligen Zeit teilweise noch unverstandenen Bewegung „Comunione e Liberazione“ (Gemeinschaft und Befreiung) bringt ihn in Schwierigkeiten. Auf Anraten von Don Giussani schließt Scola seine Ausbildung im Seminar in Teramo ab, wo er am 18. Juli 1970 das Sakrament der Priesterweihe empfängt und in der Diözese Teramo-Atri inkardiniert wird.

Scola promoviert in Philosophie und in Theologie, letzteres an der Theologischen Hochschule Fribourg über den spanischen Thomisten und Begründer der Fundamentaltheologie, Melchior Cano, wo er auch eine Lehrtätigkeit aufnimmt. Zugleich vertieft er seine Studien und seine Kenntnisse der orthodoxen Kirchen und des Christentums im damals kommunistischen Europa. Mit Hans Urs von Balthasar verwirklicht Scola zwei Gesprächsbücher.

1972 wirkt er am Aufbau der, als Gegenpol zur Zeitschrift „Concilium“ (von Yves Congar, Hans Küng, Karl Rahner und Edward Schillebeeckx) von Henri de Lubac, Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger gegründeten, internationalen theologischen Zeitschrift „Communio“ mit.

Im Jahr 1982 wird er Professor an der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom und übernimmt 1995 deren Rektorat. Im selben Jahr wird er zum Vorsitzenden des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Ehe- und Familienstudien ernannt. Zwischen 1986 und 1991 ist er als Berater der damals von Joseph Kardinal Ratzinger geleiteten Kongregation für die Glaubenslehre tätig.

1991 empfängt Angelo Scola die Bischofsweihe. Das von ihm gewählte Bischofsmotto lautet: „Sufficit gratia tua“ (Deine Gnade genügt). Von 1991 bis 1995 wirkt er als Bischof von Grosseto. 2002 wird er zum Patriarchen von Venedig ernannt. Da die Diözese Venedig ein Kardinalssitz ist, erhebt ihn der selige Johannes Paul II. während seines letzten Konsistoriums am 21. Oktober 2003 in den Kardinalsstand. Am 28. Mai 2011 wird er von Papst Benedikt XVI. zum Erzbischof von Mailand ernannt; er tritt sein Amt am 25. September desselben Jahres an.

Während seiner ersten beiden Jahren an der Spitze der ambrosianischen Diözese finden dort zwei historische Ereignisse statt: das Weltfamilientreffen in Mailand vom 30. Mai bis zum 3. Juni 2012 und die Eröffnung des konstantinischen Jahres am 6. Dezember 2012 anlässlich des 1700-jährigen-Jubiläums des „Mailänder Edikts“ durch Kaiser Konstantin I, mit dem er im Jahr 313 den Bürgern des römischen Reiches vollkommene Religionsfreiheit gewährt hatte.

Hier kritisiert Scola eine falsche Laizität nach dem Vorbild Frankreichs und eine weltweit verbreitete liberale Forderung nach der totalen Trennung von Staat und Religion. Eine solche weltanschauliche Neutralität des Staates sei praktisch unmöglich. Es könne sie schon deshalb nicht geben, weil damit jene Visionen neutralisiert würden, die das Funktionieren der Gesellschaft sicherstellten.

Zum Abschluss des Weltfamilientreffens wendet sich der Kardinal mit folgenden Worten an jene Journalisten, die aufgrund der vermeintlichen Unbeliebtheit des Papstes ein Fiasko der Veranstaltung vorausgesagt hatten: „Sie müssen folgendes Faktum zur Kenntnis nehmen: Das Volk Gottes liebt den Papst. Die öffentliche Meinung Italiens ist nicht die von den Medien veröffentlichte Meinung Italiens.“

Kardinal Scola wird nicht müde, die Menschen zu einer radikalen Veränderung ihres Lebens aufzurufen, das auch in seiner Diözese, die auf eine lange christliche Tradition zurückblicken könne, von Säkularisierung geprägt sei. Er geißelt Individualismus, Hedonismus und verarmte menschliche Beziehungen. Seinen Vorgänger, den hl. Ambrosius, sieht er als „Propheten“ in Bezug auf die Verurteilung der Abtreibung und die Rolle der Frau in der Kirche. Nach seiner Auffassung dürfe Arbeit niemals zum Selbstzweck verkommen, die Freude an ihr müsse ihren Marktwert überschreiten, und sie dürfe nicht von den zwischenmenschlichen Beziehungen losgelöst werden.

Im Konklave 2005 gehörte Scola zu den Papstwählern. Wie Benedikt XVI. setzt auch er auf die neuen Techniken zur Evangelisierung, so nutzte er hashtag #Advent, um Tipps zur Sonntagsgestaltung zu geben. Über Twitter versendet er Bibelzitate, zum Beispiel aus dem Lukasevangelium oder des Dichters Rainer Maria Rilke und hat eine eigene Website: www.angeloscola.it.

Am 15. Oktober 2012, im Rahmen der elften Generalkongregation der Bischofssynode über die Neuevangelisierung, definierte er Neuevangelisierung folgendermaßen:

Welches sind die grundlegenden Dimensionen, die in der Evangelisierung nie fehlen dürfen? Der Zusammenfassung der Apostelgeschichte (Apg 2, 42.46f.) folgend, können wir derer vier ausmachen:

1. „Sie hielten fest … am Brechen des Brotes und an den Gebeten”; die Eucharistie ist die unerschöpfliche Quelle des Lebens der Gemeinschaft.

2. „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest”; Verkünder von Gottes Wort in allen Bereichen des menschlichen Daseins. Der hl. Paulus spricht von einer Erziehung zum „Geist Christi” (vgl. 1. Kor 2,16). Der hl. Maximus der Bekenner beschreibt sie wie folgt: „In der Tat sage auch ich, dass ich den Geist Christi habe, d. h. das Denken, das sich an ihm ausrichtet und ihn durch alle Dinge denkt.”

3. „Sie hielten daran fest … alles gemeinsam zu haben”: Da sie Jesus Christus gemeinsam haben, streben die Christen frei danach, ihr Leben mit allen ihren Brüdern und Schwestern zu teilen. Die Gemeinschaft geht für den Christen allem übrigen voraus, sie ist a priori notwendig.

4. „Der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten”: die Sendung der Kirche ist das dankbare Zeugnis, durch das die Freude über die Begegnung mit Jesus durchscheint, die unstillbare Sehnsucht danach wird, dass alle Mitmenschen, Brüder und Schwestern, gerettet werden sollen. Die Methode, nicht eine Methode der Neuevangelisierung besteht darin, ein Leben der Gemeinschaft anzubieten, in dem die Gläubigen, die dieses Bewusstsein erlangt haben, diese vier grundlegenden Dimensionen, die die Textstelle aus der Apostelgeschichte angibt, beständig in die Tat umsetzen.