Welcher Kardinal ist papabile? 2/5

Timothy Michael Kardinal Dolan

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Jan Bentz | 3402 klicks

„Wer mich für papabile hält, muss Marihuana geraucht haben.“ So zitiert Paul Badde Timothy Michael Kardinal Dolan, den Erzbischof von New York und seit 2010 Präsident der Bischofskonferenz der USA, der sich seit längerem in Rom zum bevorstehenden Konklave aufhält, stets belagert von Fernsehleuten und Journalisten. Er ist der bekannteste der amerikanischen Kardinäle; im Jahr 2012 verzeichnete das „Time Magazine“ ihn als einen der „100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt“.

Als Hausherr der Saint Patrick's Cathedral in Manhattan in der Metropole der westlichen Welt ist er in der multikulturellen Welt beheimatet, wo er sich mit klaren und bisweilen auch sehr humorvollen Statements einen Namen gemacht und Respekt verschafft hat, ein amerikanischer Shooting-Star sozusagen. Furchtlos äußert er sich in den aktuellen ethischen Debatten, zu brisanten Fragen der Homosexualität oder der übernationalen Ideologie des „Gender-Mainstreaming" ebenso wie zu der Gesundheitsreform des amerikanischen Präsidenten Obama, durch die katholische Einrichtungen gezwungen werden sollen, gegen ihre ethischen Überzeugungen zu handeln. Dies bedeute praktisch eine Aufhebung der Religionsfreiheit in Amerika, so seine öffentliche Stellungnahme:

„Niemals zuvor hat eine Regierung Individuen und Organisationen dazu gezwungen, auf den Markt zu gehen, und ein Produkt zu kaufen, das gegen ihr Gewissen geht. Dies sollte nicht in einem Land passieren, in dem Religionsfreiheit im Grundgesetz garantiert wird.“

Der Erzbischof unterstützt in jeder Form den jährlichen Marsch der Lebensschützer in Washington und äußerte sich so zur Frage der Abtreibung: „Es wird eine Atmosphäre geschaffen, in der Frauen und Mädchen das Gefühl gegeben wird, dass Abtreibung die einzige Lösung ist. Abtreibung geht gegen jeden menschlichen Instinkt, Schuldgefühle, Schmerz und Bedauern verbreiten sich bei Müttern und Vätern.“

Und er kündigte an:„Das einzige, was wir mit Sicherheit nicht machen werden, ist aufgeben. Wir werden nicht gegen unser Gewissen handeln.“

Mit diesem Kampfgeist bestätigt er die Meinung von Papst em. Benedikt XVI., der in den USA mehr vitale Kräfte als im alten Europa ausmachte, um aus dem Kampf gegen die sich im Westen ausbreitende Diktatur des Relativismus, die von den USA ausgehend Auswirkungen auf den gesamten Westen habe, siegreich hervorzugehen.

Kardinal Dolan wurde in St. Louis, Missouri, in den amerikanischen Südstaaten als ältestes von fünf Kindern einer Mittelklassefamilie irischer Abstammung geboren. Hier wirkte auch sein Landsmann Raymond Leo Kardinal Burke als Erzbischof, bevor er nach Rom zum obersten Richter des Rota-Gerichts berufen wurde. Dolan studierte seit 1972 als Seminarist des Päpstlichen Nordamerika-Kollegs Theologie und Philosophie in Rom, wo er an der Päpstlichen Universität des Heiligen Thomas von Aquin, dem „Angelicum“, das Lizentiat in Theologie erwarb. 1976 wurde er zum Priester geweiht und in seiner Heimatdiözese inkardiniert. Er war Kaplan in Richmond Heights und ein gefragter Beichtvater in einem Konvent der unbeschuhten Karmelitinnen.

Von 1979 bis 1983 studierte er Kirchengeschichte, promovierte und arbeitete dann wieder als Kaplan und Seelsorger in Missouri. Ab 1987 war er Mitarbeiter in der Apostolischen Nuntiatur in Washington D. C. und 1992 Subregens, Spiritual und Dozent für Kirchengeschichte, bis er 1994 zum Regens am Päpstlichen Nordamerika-Kolleg nach Rom gerufen wurde. Daher stammen auch seine guten italienischen Sprachkenntnisse, eher ungewöhnlich für einen amerikanischen Würdenträger. Als er einmal gefragt wurde, ob jemand, der Seminarist werden wolle, zuerst mit Mädchen ausgehen solle, antwortete er: „Das könnte helfen, den richtigen Weg zu finden. Und nebenbei, ich kann Ihnen die Telefonnummern meiner Nichten geben.“

2001 ernannte ihn der selige Johannes Paul II. zum Titularbischof von Natchesium und zum Weihbischof in St. Louis und am 25. Juni 2002 zum Erzbischof von Milwauke im Bundesstaat Wisconsin.

Benedikt XVI. erhob ihn vor einem Jahr im Konsistorium vom 18. Februar 2012 zum Kardinal (und verlieh ihm als Titelkirche „Nostra Signora di Guadalupe" auf dem Monte Mario).

Über seine Erhebung zum Kardinal äußerte er sich so: „Es hat mir eine gewisse  Demut gegeben. Es darf mir nicht in den Kopf steigen. Ich kann nicht zulassen, dass es meinen Kopf aufbläht wie meinen Bauch. Ich bin ein Sünder, der ständig darum ringt, sein Leben zu verbessern. Für ihn sei die Kardinalswürde weniger eine Beförderung als vielmehr eine höhere Berufung zum Dienen.

„Herr, zu wem sollen wir gehen?" heißt das lateinische Motto in seinem Wappen

Als Dolan vom Rücktritt des Papstes hörte, war er gerade 63 Jahre alt geworden. Nach der Verabschiedung der Kardinäle am vergangenen Mittwoch – er soll einer der wenigen gewesen sein, bei dessen Gruß Benedikt XVI. gelächelt haben soll -, äußerte er in einem Interview mit der NBC-Today-Show auf den Dächern des Vatikan:

„Ihn zum letzten Mal zu sehen, ihn zu begrüßen und meine Liebe und Wertschätzung kund zu tun, ihn meines Gebetes zu versichern, das war eine außerordentlich berührende Erfahrung. Er hat mich angesehen und sich an meinen Namen erinnert – es ist gut, wenn der Chef deinen Namen kennt – er hat sich an den Besuch der Erzdiözese im Jahre 2008 erinnert. Wir sind traurig, dass er zurückgetreten ist, aber dankbar für seine acht Jahre selbstlosen Dienstes für die Kirche. Er hat mit Klarheit und Liebe die Lehre der Evangelien der Welt verkündet. Er hat uns den apostolischen Glauben geschenkt. Er hat mit seinem ganzen Herzen die Herde der Kirche geliebt.“

Auch im Cyberspace gehört der Erzbischof von New York zu den populärsten katholischen Führungspersönlichkeiten.  Der große Sportfan hatte im vergangenen Jahr 61.500 Followers und twittert mit Photos und Berichten über Ereignisse, in denen er immer seinen großen Sinn für Humor zeigt.

Am 9. Oktober 2012 überraschte er in seinem kurzen Redebeitrag, allen anderen fiel es schwer, sich auf die fünf Minuten Redezeit zu beschränken, im Rahmen der dritten Generalkongregation der Bischofssynode damit, dass er das Bußsakrament zum besten Mittel für die Neuevangelisierung erklärte. Hier seine Ansprache:

Der große amerikanische Prediger des Evangeliums, der ehrwürdige Erzbischof Fulton J. Sheen [ebenfalls ein Medienstar, Anm. des Autors], sagte einmal: „Das erste Wort Jesu im Evangelium war ‚komm‘, das letzte Wort Jesu war ‚geh‘.“ Die Neuevangelisierung erinnert uns daran, dass die Akteure der Evangelisierung zunächst einmal selbst evangelisiert werden müssen.

Der heilige Bernhard hat gesagt, „Wenn du ein Kanal werden willst, musst du zunächst ein Reservoir sein.“ Daher glaube ich, dass das wichtigste Sakrament der Neuevangelisierung das Bußsakrament ist, und wir danken Benedikt XVI., dass er daran erinnert hat.

Ja, die Akteure der Evangelisierung werden durch die Initiations-Sakramente in das christliche Leben – Taufe, Firmung und Eucharistie – beauftragt, herausgefordert und ausgestattet.

Das Sakrament der Versöhnung evangelisiert die Evangelisierer, da es auf sakramentale Weise in Kontakt mit Jesus bringt, der zur Umkehr des Herzens ruft und inspiriert, auf seine Einladung zur Buße zu antworten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat zu einer Erneuerung des Bußsakraments aufgerufen, doch leider wurden wir vielerorts zu Zeugen des Verschwindens dieses Sakraments. Wir sind mit dem Ruf nach der Reform von Strukturen, Systemen, Institutionen beschäftigt, was sicher gut ist. Aber die Antwort auf die Frage „Was ist eigentlich falsch in unserer Welt?” liegt nicht in der Politik, der Wirtschaft, der Säkularisierung, der Umweltverschmutzung oder der Erderwärmung. Nein.

Vielmehr ist es so, wie Chesterton geschrieben hat: „Auf ihre Frage, was in unserer Welt schief laufe, heißt die Antwort: ‚Ich‘.“ Ich bin‘s! Dies einzugestehen führt zur Umkehr des Herzens und zur Buße, dem Grund der Einladung des Evangeliums.

Dies geschieht im Bußsakrament. Und genau dieses ist das Sakrament der Neuevangelisierung.