Welcher Kardinal ist papabile? (4/5)

Odilo Pedro Kardinal Scherer

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Jan Bentz | 1358 klicks

Als „zugeknöpft“ und „vorsichtig“ sehen ihn viele, als zweiten „deutschen“ Papst nach Benedikt XVI., als zu moderat in der Frage der Befreiungstheologie: Odilo Pedro Kardinal Scherer ist für viele zu wenig eindeutig und einschätzbar in der Reihe der Kardinäle, die ab morgen für die Wahl des zukünftigen Pontifex zur Verfügung stehen. Scherer ist für viele durchaus unbequem. Offen äußerte er Bedenken gegenüber dem Vorgehen von Marcelo Rossi, Brasiliens berühmtestem katholischen Priester, dessen charismatische Liturgien Zehntausende von Brasilianern in eine ehemalige Glashalle am südlichen Rand von São Paulo lockt (Rossi hat bereits einmal eine Messe für zwei Millionen Menschen auf einer Formel-Eins-Rennstrecke gefeiert). Scherers gereizte Reaktion darauf war: „Priester sind keine Schausteller und keine Showmaster.“ Aber viele Brasilianer bestehen darauf, Rossi sei eigentlich die „Neu-Evangelisierung“ in Aktion.

Der Deutsch-Brasilianer wurde 1949 in Cerro Largo im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul als Kind einer deutschen Einwandererfamilie geboren. Seine Vorfahren stammen aus dem kleinen saarländischen Kurort Theley. Sein Großvater war 1879 nach Brasilien ausgewandert und hatte die ebenfalls aus Deutschland stammende Anna Oppermann geheiratet. Scherer ist eines von elf Kindern von Edwino Scherer und dessen Ehefrau Francisca. Ein Onkel von ihm, der 1996 verstorbene Alfredo Scherer, war 1969 von Papst Paul VI. in den Kardinalsrang erhoben worden.

Scherer studierte von 1963 bis 1969 Katholische Theologie und Philosophie am Priesterseminar „Seminário São José“ in Curitiba. Am „Seminário Maior Rainha dos Apóstolos in Curitiba vertiefte er seine philosophischen Studien. 1970 bis 1975 studierte er Bildungswissenschaften an der Universidade de Passo Fundo in Passo Fundo.

Am 7. Dezember 1976 empfing er durch Erzbischof Armando Círio in Quatro Pontes das Sakrament der Priesterweihe und wurde in die Diözese Toledo im Bundesstaat Paraná inkardiniert. Der Priester ist für ihn „ein Diener Christi. Ein Mann Gottes, ein Zeuge Christi und ein Diener der Menschheit, immer im Namen Jesu Christi und der Kirche.“

Es folgten verschiedene Lehrtätigkeiten, unter anderem an der Päpstlichen Katholischen Universität von Paraná in Curitiba (1994); 1991 promovierte er an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom im Fach Theologie.

Von 1985 bis 1988 arbeitete er als Seelsorger in Toledo. Von 1994 bis 2001 war er unter Kardinal Re Offizial in der Bischofskongregation.

Über seine Kindheit erzählte er: „Ich habe das Studium der Sprachen geliebt, war aber nie gut in Chemie.“ Er studierte dann auch später die deutsche Sprache am Goethe-Institut Staufen im Breisgau, Französisch an der Universität Lyon und Englisch in London.

Zwischen 1983 bis 1985 kam er als Urlaubsvertretung in die Pfarrgemeinde Verklärung Christi in Bad Vilbel nach Deutschland. Von 2002 bis 2007 wirkte er als Weihbischof von São Paulo. Die Bischofsweihe am 2. Februar 2002 spendete ihm der damalige Erzbischof von São Paulo, Cláudio Kardinal Hummes. Der Franziskaner Hummes war der Nachfolger des Befreiungstheologen Paulo Kardinal Arns.

Nach der Berufung von Kardinal Hummes nach Rom als Präfekt der Kleruskongregation ernannte Papst em. Benedikt XVI. ihn am 21. März 2007 zu dessen Nachfolger als Erzbischof von São Paulo, der mit 5,2 Millionen Katholiken drittgrößten Diözese der Welt.

Seinen bischöflichen Wahlspruch „In meam commemorationem“erklärte er so: „In meam commemorationem war bereits mein Motto als Bischof. Dieses Motto bedeutet für mich ein Verstehen des Priestertums als Geschenk und erinnert mich an meine Mission als Diener der Kirche.“

Von 2003 bis 2007 war er Generalsekretär der Brasilianischen Bischofskonferenz und 2007 stellvertretender Generalsekretär der 5. Generalkonferenz des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik.

Im Konsistorium 24. November 2007 erhob ihn Benedikt XVI. zum Kardinal mit der Titelkirche Sant’Andrea al Quirinale. Scherer war delegierter Präsident der 12. Bischofssynode  vom Oktober 2008). Seit 2008 ist er Mitglied der Kleruskongregation, seit 2011 Mitglied des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung.

Zu den Kommunalwahlen 2012 in São Paulo gab Scherer als Erzbischof von São Paulo zusammen mit seinen Weihbischöfen eine 10-Punkte-Leitlinie zur Wahl („Nota orientando para voto consciente”, „Leitlinie für eine bewusste Wahl“) heraus.

Scherer gilt als klarer Verfechter des Lebensschutzes. Als im Jahre 2012 das oberste brasilianische Gerichtshof beschloss, die Abtreibung von Föten mit Hydrozephalie zu legalisieren, sorgte er für Schlagzeilen mit seiner öffentlichen Frage an den Gesetzgeber, welches Leben er als nächstes für unwürdig erklären werde.

Ebenso eindeutig äußerte er sich zur weltweiten „Gender“-Problematik: „Sexualität ist keine ‚Wahl‘, sondern eine Naturgegebenheit und ein Geschenk Gottes. Die wachsende Unklarheit und Verwirrung in Bezug zur sexuellen Identität, die sich in unserer Kultur ausbreitet, gibt Anlass zur Sorge.“

Scherer hat auch die großen ökologischen Anliegen der brasilianischen Bischöfe aufgenommen, vor allem im Hinblick auf das Amazonas-Gebiet. Im Jahr 2004 forderte er von der brasilianischen Regierung eine strenge Kontrolle des Ausbaus von Ackerland im Amazonasgebiet. Maßnahmen nützten nichts mehr, wenn sie getroffen würden, nachdem das Problem schon existiere, nachdem der Wald gerodet und verbrannt worden sei, erklärte er.

In der Auseinandersetzung über Leitungspositionen an der Katholischen Universität in São Paulo zeigte er Stärke und Durchsetzungsfähigkeit. Im Jahr 2012 fiel seine Wahl auf eine Kandidatin als Rektorin, die die Studenten, Professoren und Mitarbeiter an der Päpstlichen Katholischen Universität ablehnten. Dem folgte ein Protest, der von Streik bis zur Blockade des Büros der neuen Rektorin, Anna Cintra, ging, im Zuge derer sie gezwungen war, Leibwächter einzustellen. Scherer jedoch weigerte sich erfolgreich, einen Rückzieher zu machen. Die Einsetzung von Anna Cintra bezeichnete er als gelungenen Akt, die Stellung der Frau in der Kirche zu stärken.

Auch Kardinal Scherer nutzt die neuen sozialen Netzwerke zur Verkündigung und zur Neuevangelisierung. Er twitterte.: „Wenn Jesus heute das Evangelium predigen würde, dann würde auch er die Presse, das Fernsehen, das Internet und Twitter gebrauchen. Gebt ihm eine Chance!“

Scherer gilt als ein entschiedener Gegner des Motuproprio Summorum Pontificum von Papst em. Benedikt XVI.

Der Herausforderung einer starken Ausbreitung protestantischer Sekten, die in den vergangenen 40 Jahren mehr als jeden fünften Brasilianer von der katholischen Kirche entfernten, zeigte er sich bisher noch nicht gewachsen.

An der Befreiungstheologie würdigt er die soziale Komponente, kritisiert aber deren marxistische Ausrichtung.

Die Neuevangelisierung sieht er als weltweite Herausforderung für alle Gläubigen und zitiert dazu Papst em. Benedikt so: „Der Papst hat uns zu verstehen gegeben, dass die Neuevangelisierung eine Aufgabe für uns alle ist. Das muss die Haltung der ganzen Kirche weltweit werden, um die Herausforderungen der modernen Zeit des Wandels innerhalb der Geschichte der Menschheit anzugehen.“

Die Heiligen der Kirche nannte er in seiner Ansprache bei der Bischofssynode zur Neuevangelisierung im Oktober vergangenen Jahres die überzeugendsten Neuevangelisierer:

„Seit den Zeiten der Apostel und der ersten Märtyrer konnte die Kirche in den schwierigsten Zeiten ihres Bestehens und ihrer Mission auf die Zeugenschaft der Heiligen zählen: heilige Märtyrer und Bekenner, heilige Priester und Kirchenlehrer, heilige Missionare und Prediger, heilige Mystiker, geweihte Jungfrauen, Heilige der Nächstenliebe, heilige Ordensgründer. Diese waren immer wahre Jünger und Missionare Jesu und seine Zeugen in der Welt.“

Diese seien für die Gläubigen Beispiele des Lebens und darüber hinaus brüderliche Fürsprecher. Deren Heiligtümer seien Orte des Glaubens und der Tröstung für das gläubige Volk.