Weltgebetstag für China: Eine Konstantinische Wende ist möglich

Interview mit Michael Ragg, Pressesprecher von „Kirche in Not“ in Deutschland

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MÜNCHEN, 21. Mai 2008 (ZENIT.org).- Immer mehr Chinesen werden Christen, und das könnte für die Zukunft des Christentums vor allem in Europa, Asien und Afrika von entscheidender Bedeutung sein.



Michael Ragg, Pressesprecher von Kirche in Not in Deutschland, kennt die Situation der Christen im „Reich der Mitte“ aus erster Hand. Im Gespräch mit ZENIT gewährt er Einblick in die Bedrohungen, Herausforderungen und Hoffnungen und macht damit deutlich, worum man am kommenden Samstag, dem ersten Weltgebetstag für die Kirche in diesem Land, vor allem beten sollte (vgl. Gebet Benedikts XVI. und sein Brief an die chinesischen Gläubigen).

Ragg moderiert unter anderem die Sendungen „Weltkirche aktuell“, „Weitblick“ und „Spirit - Leben mit Stil“ auf einer Reihe katholischer Sender und organisiert die Kongresse „Treffpunkt Weltkirche“.

ZENIT: Am 24. Mai wird auf Wunsch des Papstes zum ersten Mal der Weltgebetstag für die Kirche in China begangen. Anlass ist das Fest von Unserer Lieben Frau von Sheshan, der Landespatronin. Die chinesische Regierung hat die geplanten Wallfahrten zum Heiligtum untersagt oder zumindest stark eingeschränkt. Wovor fürchten sich die kommunistischen Politiker eigentlich?

Michael Ragg: Die chinesischen Führer haben gründlich analysiert, wie es zum Sturz der kommunistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa gekommen ist. Sie sind zum Schluss gelangt, dass dabei Papst Johannes Paul II. und die polnischen Katholiken eine entscheidende Rolle gespielt haben. Deshalb fürchtet die KP Chinas die Katholiken weit mehr als die viel zahlreicheren, aber zersplitterten Protestanten.

Zwar darf die Kirche heute im Prinzip Gottesdienste feiern, wie sie möchte, aber bei solchen Massenaufläufen, die weit über den Kreis einer Pfarrei oder Diözese hinausstrahlen, läuten nach wie vor die Alarmglocken.

ZENIT: Wie entwickelt sich derzeit das Christentum in China?


Ragg: Das Christentum ist Chinas am schnellsten wachsende Religion. In China selbst spricht man vom „Christentumsfieber“. Man rechnet heute schon etwa fünf Prozent der Chinesen zu christlichen Kirchen und Gemeinschaften, das sind zwischen sechzig und hundert Millionen Menschen.

Etwa doppelt so hoch ist der Anteil der Christen unter Studenten, also bei den künftigen Eliten. Das Christentum verkörpert vor allem für junge Chinesen den Aufbruch in die Moderne, zu Wohlstand und Freiheit. Auch der Einsatz der Christen, vor allem auch der jungen Ordensfrauen, für die Armen verschafft der Kirche Respekt.

Bei der armen Bevölkerung spielen auch Heilungen eine große Rolle. Die Angehörigen bringen Kranke, deren ärztliche Behandlung unerschwinglich oder erfolglos war, zu katholischen Priestern oder Ordensfrauen und lassen für den Kranken beten. Im ganzen Land wird von medizinisch unerklärlichen Heilungen aufgrund dieser Gebete berichtet – wie in der Anfangszeit des Christentums.

ZENIT: Wie steht es generell um Religionsfreiheit im Reich der Mitte?

Ragg: Grundsätzlich darf heute jeder Chinese glauben, was er will, und diesen Glauben auch praktizieren. Neuerdings wird den Religionsgemeinschaften sogar eine positive Rolle bei der Entwicklung zu einer „harmonischen Gesellschaft“ – die neue Parole der Herrschenden – zugestanden. Von der kommunistischen Lehre ist nur noch der Anspruch auf die Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei geblieben.

Daraus ergeben sich aber auch die Einschränkungen, denen die Religionsfreiheit in China unterworfen ist. Jegliche religiöse Aktivität muss den Behörden gemeldet werden. Der Staat will die totale Kontrolle. Er will verhindern, dass das wachsende religiöse Interesse der Chinesen die Allmacht der Partei gefährdet. Darum übt er großen Druck auf die nicht staatlich registrierten Teile des Christentums aus: die katholische Untergrundkirche und die protestantischen Hausgemeinden. Sekten wie Falun Gong, die den Staat offen herausfordern, werden brutal bekämpft.

Auch die tibetischen buddhistischen Mönche fordern ja die Staatsführung offen heraus. Daher bekämpft sie die Führung Chinas, ohne jede Rücksicht auf die öffentliche Meinung im Westen. Die jetzt wieder aufgenommenen Gespräche mit Abgesandten des Dalai Lama sind reine Kosmetik.

Die Bischöfe der registrierten katholischen Gemeinden werden immer wieder zu „Schulungen“, Vorträgen usw. einbestellt oder gleich abgeholt, damit sie nicht vergessen, dass der Staat ein waches Auge auf sie hat. Die Lage der Kirche ist aber von Provinz zu Provinz sehr unterschiedlich. Ich habe selbst erlebt, wie in einer zentralchinesischen Diözese der Provinz-Gouverneur zusammen mit westlichen Investoren vor der Bischofskirche vorfuhr, um den Managern zu zeigen, wie frei die Christen in seinem Bistum wirken können, freier als in der Nachbarprovinz – und der Bischof hat das bestätigt. In anderen Provinzen waren wir vom Frühstück bis zum abendlichen Schließen der Hotelzimmertür unter Beobachtung durch Spitzel des Regimes.

ZENIT: Das Erdbeben und seine dramatischen Folgen und die damit verbundenen Solidaritätsbekundungen haben die harte Vorgehensweise der chinesischen Regierung im Fall vom Tibet in den Hintergrund rücken lassen. Glauben Sie, dass die jetzige Situation und die Tatsache, dass China auch ausländische Helfer ins Land lässt, zu einer Öffnung und Demokratisierung wird beitragen können? Und was für ein Anstoß könnten die Olympischen Sommerspiele im August bedeuten?

Ragg: Die Öffnung Chinas durch die immer enger werdenden wirtschaftlichen Verflechtungen, durch den Tourismus, das Studium Zigtausender Chinesen im Ausland, durch Internet, Handys und vieles mehr ist jetzt schon sehr groß und letztlich unumkehrbar. Auch die ausländischen Helfer werden dazu beitragen.

Die Olympischen Spiele sind aus Sicht der Menschenrechte eher ein Rückschritt. Sie zeigen die Staats- und Parteiführung in Glanz und Gloria und stabilisieren das Regime. Die internationale Verurteilung des chinesischen Vorgehens in Tibet teilen auch die demokratisch gesinnten und regierungsfeindlichen Chinesen keineswegs. Die – gleichwohl richtigen – Proteste zugunsten Tibets führen nur zu einem Schulterschluss zwischen Bevölkerung und Regierung. Die Herrschenden werden auch dafür sorgen, dass die Bevölkerung keine Bilder protestierender Sportler oder
Touristen zu sehen bekommt. Sowieso werden die Behörden alle als kritische Geister bekannten Einwohner Pekings und anderer Olympiastädte durch wirksame Maßnahmen von den westlichen Kameras fernhalten.

Die chinesischen Katholiken bitten alle katholischen Olympiatouristen, die Heilige Messe in den Kirchen Pekings mitzufeiern, zum Beispiel in der Südlichen Kathedrale, die direkt im Stadtzentrum leicht zu finden ist. Da vor allem die jungen Chinesen den Westen und seine christliche Kultur als Vorbild sehen, dem sie nacheifern wollen, stärkt es die Kirche, wenn die Menschen sehen, dass viele westliche Ausländer am Gottesdienst teilnehmen. Übrigens lohnen allein schon der schöne Kirchengesang und der Anblick der sehr andächtigen Gläubigen in den stets vollen Kirchen den Besuch.

ZENIT: Unter welchen Bedingungen leben die Gläubigen in China?

Ragg: Chinas Christen leben grundsätzlich wie alle anderen Chinesen auch. Der Kirchenbesuch oder normale Pfarrei-Aktivitäten bringen keine Nachteile. Lediglich in die Kommunistische Partei können bekennende Christen nicht eintreten – was nicht heißt, dass nicht viele KP-Mitglieder insgeheim Christen geworden sind. Da wichtige Funktionen im Staat und zum Teil auch in der Wirtschaft Parteimitgliedern vorbehalten sind, kann man von einer gewissen beruflichen Diskriminierung sprechen.

Das Gesagte gilt auch für die so genannte Untergrundkirche. Man sollte vielleicht besser von „nichtregistrierter Kirche“ sprechen, sonst denkt man an eine Katakomben-Kirche wie im alten Rom. Der Staat kennt aber die nicht staatlich registrierten Bischöfe und Priester genau. Es wird, von Ausnahmen abgesehen, auch niemand inhaftiert, nur weil er sich zu diesem Teil der Kirche hält. Kurzzeitverhaftungen einzelner Untergrundbischöfe sollen Druck ausüben, sich registrieren zu lassen und sich so stärker unter staatliche Kontrolle zu begeben.

ZENIT: Was unterscheidet die Mitglieder der romtreuen Untergrundkirche von denen, die der Patriotischen Vereinigung angehören? Wie ist das Verhältnis zwischen ihnen?


Ragg: Das von Ihnen angeschnittene Thema ist überaus kompliziert, und im Rahmen dieses Interviews nicht erschöpfend darstellbar. Hier nur soviel: Es gibt in China nur eine katholische Kirche. Etwa neunzig Prozent der Bischöfe auch des registrierten Teils der katholischen Kirche sind vom Papst anerkannt. Gläubige, Priester und Bischöfe der registrierten wie der nichtregistrierten Kirche sind gleichermaßen romtreu.

Ich habe auf der ganzen Welt keine Kirche gesehen, deren Amtsträger und Gläubige so eng mit Rom verbunden sind, wie in beiden Teilen der chinesischen Kirche – vermutlich gerade durch die von Mao Tse-tung erzwungene Trennung.

Unter Mao hat sich ein kleinerer Teil der chinesischen Katholiken auf eine Zusammenarbeit mit dem Staat eingelassen, in der Hoffnung, dass es mit der kommunistischen Herrschaft bald ein Ende haben würde. Man darf aber nicht vergessen, dass in der unvorstellbar grausamen Zeit der „Kulturrevolution“ von 1966 bis zum Tod Maos 1976 sämtliche Bischöfe, Priester und aktive Gläubige beider Teile der Kirche umgebracht oder in die Straflager verbracht wurden. Es ist also ganz sicher falsch, Amtsträger der registrierten Kirche als irgendwie staatshörig zu bezeichnen. Dennoch gibt es verständliche Ressentiments zwischen „Obergrund“ und „Untergrund“, deren endgültige Bereinigung wohl noch einige Jahrzehnte dauern wird.

Papst Benedikt XVI. hat in seinem „Brief an die chinesischen Katholiken“ vor einem Jahr die beiden Teile der katholischen Kirche geradezu händeringend und mit größter Dringlichkeit zur Versöhnung aufgerufen, damit die Kirche ihre gegenwärtig so große missionarische Chance nutzen kann. „Kirche in Not“ trägt dazu bei, in es beide Teile der Kirche unterstützt, soweit der jeweilige Bischof vom Papst anerkannt ist.

ZENIT: Wie beurteilen Sie die Bemühungen von Seiten Chinas und des Vatikans um eine Annäherung und eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen?

Ragg: Der Heilige Stuhl legt großen Wert darauf, eine Nuntiatur in Peking zu errichten, gerade weil er auf diese Weise besser auf die Einheit der Katholiken hinwirken und die Angst der Staatsführung vor dem politischen Einfluss Roms mindern kann. Die chinesische Regierung erhofft sich, dass Taiwan damit seinen letzten Botschafter in Europa verliert und dass ein Abzug der diplomatischen Vertretung des Heiligen Stuhls aus Taiwan beispielgebend für die knapp über zwanzig Staaten sein wird, die noch diplomatische Beziehungen mit Taiwan unterhalten.

Nicht an einer Verständigung interessiert sind das staatliche Religionsbüro und die „Patriotische Vereinigung der chinesischen Katholiken“, also jene riesigen Organisationen, die zur Überwachung der Kirche ins Leben gerufen wurden. Von dieser Seite wird deshalb immer wieder Sand ins Getriebe der Einigungsbemühungen gestreut, zum Beispiel durch von Rom nicht erlaubte Bischofsweihen.

Die Frage, wer die Bischöfe ernennt, ist heute das größte Hindernis für eine Normalisierung der Beziehungen. Es scheint auf einen Modus Vivendi hinauszulaufen, nachdem Rom und Peking sich hinter den Kulissen jeweils auf einen Kandidaten verständigen, mit dem beide Seiten leben können.

ZENIT: Woran sollte man vor allem denken, wenn man am kommenden Samstag für die Kirche in China betet?

Ragg: Im Sinne des Papstes: an die Versöhnung der chinesischen Katholiken und darum, dass eines nicht zu fernen Tages China sich ganz oder überwiegend dem Christentum zuwendet. Eine solche Konstantinische Wende ist möglich und könnte für die Zukunft des Christentums vor allem in Europa, Asien und Afrika von entscheidender Bedeutung sein.

[Das Interview führte Dominik Hartig]