Weltweites Moratorium zur Abtreibung, neuer Weg im Einsatz für die Achtung des ungeborenen Lebens

Von Armin Schwibach

| 2130 klicks

ROM, 8. Januar 2008 (ZENIT.org).- Der italienische Journalist und Direktor der Zeitung „Il Foglio“ hat letzte Woche den Stein ins Rollen gebracht: Nachdem die Vollversammlung der Vereinten Nationen vor allem auch durch den Einsatz Italiens für ein internationales Moratorium zur Todesstrafe gestimmt hatte, griff Ferrara nach der Feder und forderte ein auf den Schutz des entstehendes Lebens ausgerichtetes Moratorium zur Abtreibung.



Das Interessante und die gesamte Zivilgesellschaft Provozierende dabei ist: Ferrara stammt nicht aus dem „katholischen Lager“. Er gehört keiner Lebensschutzbewegung an, und es liegt ihm fern, mit grausamen Bildern von abgetriebenen Kindern auf die Gefühle der Gutmenschen Einfluss zu nehmen, die sich gerade wieder einmal wohl gesättigt vom reich gedeckten Weihnachtstisch erhoben haben. Ferrara, der eine lange Geschichte der politischen Militanz in der Kommunistischen Partei Italiens vorweisen kann und sich durch die Zerstörung der politischen Ordnung im Italien Anfang der 90er-Jahre, verbunden auch mit dem Eintritt des Medienmoguls Silvio Berlusconi in die Politik, von seiner roten Vergangenheit verabschiedet hatte, wird von seinen alten Parteigenossen und den Linkskatholiken gerne als „frommer“ Atheist bezeichnet, um nicht zu sagen verhöhnt.

In der Tat: Die intellektuelle Redlichkeit führte den Journalisten, der der Vernunft verpflichtet ist und der rationalen Analyse der ethischen, anthropologischen und religiösen Probleme der westlichen und globalisierten Kultur, zu einem verstärkten Interesse für das katholische Denken, die katholische Vernunft, den die Wirklichkeit durchdringenden Logos. Dieselbe Redlichkeit verunmöglichte es ihm (bisher), sich explizit zum Christentum und zur Kirche zu bekennen.

Mit der Wahl Benedikts XVI. als Nachfolger Petri und universalen Hirten verwirklichte sich für Ferrara definitiv eine „Wende“ in der katholischen Kirche und in seinem persönlichen Verhältnis zu ihr. Die Lehre und Glaubenskatechese des Papstes wurde für ihn zu einem unüberhörbaren Ansporn zu einer neuen Reflexion der Postmoderne. Aufmerksam verfolgt der Journalist seither die Arbeit und das Wirkens des Bischofs von Rom. Die Theologie und Philosophie des Heiligen Vaters und Joseph Ratzingers gehören zum festen Bestandteil seines Nachdenkens über die Welt und die Weise, wie er das gesellschaftliche, politische und weltpolitische Szenarium erzählt und kommentiert. Es ist kein Zufall, dass seine Zeitung „Il Foglio“ als einziges nichtkatholisches Blatt in Italien die erste Enzyklika Benedikts XVI. zur Gänze veröffentlichte und zu einem privilegierten Diskussionsforum des „intelligenten“ Katholizismus mit der „intelligenten“ säkularen Welt wurde – ohne sich dabei etwas zu ersparen. Ebensowenig ist es ein Zufall, dass der jetzige Direktor der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“, Giovanni Maria Vian, zu den Autoren der Zeitung Ferraras gehörte; viele der angesehenen Autoren aus dem katholischen und nichtkatholischen Bereich wurden dann auch Autoren der Zeitung des Papstes.

Intelligenz, Logik, Kohärenz und eine innere Abneigung gegen pseudodemokratische Heuchlerei im Stile des intellektuellen Nach-Achtundsechzigerproletariats gehören zu den interessantesten Charakteristiken Giuliano Ferraras, der nicht davor zurückschreckt, an vier Abenden der Woche zur „prime time“ um 20.30 Uhr auch im Fernsehen schwierige Themen anzugehen und dabei auf fast eine Million an Publikum kommt.

Ferrara sagt von sich, dass er seit vielen Jahren als „frommer Laie“ dem „Heer des Papstes“ beigetreten ist. Von jeher bestehe das die Christen von den Heiden unterscheidende Merkmal darin, das Leben von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Tod zu achten.

Bei seiner Idee eines weltweiten Moratoriums zur Abtreibungen geht Ferrara von der Feststellung aus, dass die Massenabtreibung in den letzten Jahrzehnten Ausmaße eines Völkermordes angenommen hat – ein „perverses Phänomen“ aufgrund seines sexistischen und eugenischen Hintergrunds, wie Ferrara erklärte. „Allein in Asien fehlen 200 Millionen Mädchen, denen das Leben verwehrt wurde, da sie als unnütz angesehen werden. Gleichzeitig stehen wir vor einer fortschreitenden Eliminierung von Millionen von Menschen, die sich durch eine potentielle Behinderung charakterisieren, die zudem nur nach Wahrscheinlichkeitsrechnungen festgestellt wird.“ Das weibliche Geschlecht ist, so Ferrara, auch nach diesen Statistiken Hauptopfer der Massenabtreibungen.

Optionen für die Abtreibung auch im Namen der Wissenschaft und des besseren Lebens sind für Ferrara „vorwissenschaftlich“. Er vergleicht sie gern mit dem Konzept des „Tarpejischen Felsens“, von dem im antiken Rom an der südlichen Spitze des Kapitolhügels Todesurteile durch Felsensturz vollstreckt wurden. Die Sensibilität des Italieners gestattet es ihm, das zu tun, was im deutschsprachigen Raum gerne zu einem lauten und moralisierenden Aufschrei führt: nämlich die Praxis und die zugrunde liegende Theorie der eugenischen und Leben verbessernden Abtreibung mit dem „transhumanen Exprimentieren“ eines Doktor Joseph Mengele und dem „sozialdemokratischen Utopismus“ der „Neuen Welt“ zu vergleichen.

„Das christliche Mittelalter erfand in den Konventen die Kinderklappe“, so Ferrara, „um unerwünschte Kinder aufnehmen zu können. Die modernen Zeiten verschreiben sich dem Gebrauch der chirurgischen Guillotine oder der Vergiftung im Bauch durch RU486.“ Der Journalist fragt: „Ist dies ein Fortschritt?“ Nein. Es handle sich um eine moderne Form der Versklavung des Menschen unter der Maske der Ausübung eines Rechts, das auf blasphemische und sophistische Weise „verantwortliche Fortpflanzung“ genannt wird.

Mit dem Moratorium tritt Ferrara für eine klare Entscheidung ein: philosophisch und juridisch sowie auch ethisch das Nein zur Abtreibung zu sanktionieren.

Dazu müsse der Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ergänzt werden. Bis jetzt lautet dieser: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Der neue Text soll lauten: „Jeder hat das Recht auf Leben, von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende, auf Freiheit und Sicherheit der Person.“ Dieser neue Text wäre dann „ipso facto“ ein Moratorium jeglicher Form von Sklaverei fördernder Politik.

Die Rechfertigung für den Zusatz des „Rechtes auf Geborenwerden“ ist für Ferrara nicht konfessioneller Natur, sondern Ausdruck von Vernünftigkeit, Ausdruck des „Geistes der Menschlichkeit, der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, das heißt der laikalen Religiosität, die die Antriebsfeder der Gründerväter der modernen liberalen Demokratien war und welche gerade von den Frauen mit ihrem spezifischen Denken und mit ihren Kämpfen für die Freiheit legitimiert und genährt wurde, um zunächst die nichtverhandelbaren Prinzipien der verschiedenen Menschenrechts- und Unabhängigkeitserklärungen zu verfassen und dann im praktischen Leben umzusetzen“.

Ein solcher Zusatz zur Menschrechtserklärung würde der „gründende Kern einer neuen Aufklärung und eines neuen Rationalismus erkennbar machen, der laikale und jüdisch-christliche Wurzeln hat und gleichzeitig auf dem kategorischen Imperativ der kantischen Moral und den Imperativen der jüdisch-christlichen Anthropologie und Pastoral aller Zeiten gründet, die auf der Heiligung des alltäglichen Lebens und auf den Begriff der Person basiert“.

Das Moratorium ist für Ferrara eine konkrete und praktikable Idee, die vernünftig, laikal, logisch und zutiefst religiös zugleich ist und ohne konfessionelle Bindungen.

„Make love, not abortion“ – dies ist für Ferrara der Slogan, mit dem er ins Jahr 2008 eintreten will. 40 Jahre nach 1968 soll dieser Slogan zum Wahlspruch einer neuen aufgeklärten Menschheit werden.

Giuliano Ferrara hatte seinen Vorschlag vor der Ansprache Benedikts XVI. an das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps (7. Januar 2008) gemacht. Der Papst hatte bei dieser Gelegenheit erneut auf die Tragödie der Abtreibung hingewiesen. Er zeigte sich erfreut über das Moratorium zur Todesstrafe und brachte den Wunsch zum Ausdruck, „dass eine derartige Initiative die öffentliche Debatte über den sakralen Charakter des menschlichen Lebens anrege.“

Kardinal Camillo Ruini, Vikar des Heiligen Vaters für die Diözese Rom, griff den Vorschlag eines weltweiten Moratoriums zur Abtreibung positiv auf und regte gleichzeitig eine Revision des italienischen Abtreibungsgesetzes entsprechend des neuen wissenschaftlichen Erkenntnisstandes an. Gleichzeitig forderte er eine wirkliche Anwendung des Gesetzes in allen Punkten, in denen der Schutz des ungeborenen Lebens sowie die Bemühungen um die Verhinderung der Abtreibung im Vordergrund stehen.

Kardinal Raffaele Martino, Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, denunzierte „eine Art von Schizophrenie“ in den Gesetzestexten der Staaten, wenn diese dem Ungeborenen bestimmte Rechte wie das Erbrecht zugestehen, ihm dann aber das Hauptrecht vorenthalten: das Recht auf Leben.

Bischof Giampaolo Crepaldi, Sekretär desselben Rates, ist eindeutig: Für ihn besteht zwischen dem Moratorium zur Todesstrafe und dem geforderten Moratorium zur Abtreibung nicht nur ein logischer Zusammenhang. „Was für die Todesstrafe gilt, gilt umso mehr für die Abtreibung.“ Die Klarheit des Unrechtes der Abtreibung als Tötung eines unschuldigen menschlichen Lebens sei höher als die Klarheit des Unrechts der Todesstrafe, so der Bischof. „Konnte die Todesstrafe in der Vergangenheit als Notwehr seitens der Gesellschaft gerechtfertigt werden und wird eine derartige Haltung heute für der menschlichen Würde unangemessen gehalten, so konnte die Abtreibung nie eine ethische Rechtfertigung finden.“

Für den Erzbischof von Mimbai (Indien), Kardinal Oswald Gracias, kann ein internationales Moratorium zur Abtreibung nur unterstützt werden. Es diene dazu, die Welt für eine wahre „Kultur des Lebens“ zu sensibilisieren. Für Kardinal Gracias ist die Abtreibungspraxis ein „schreckliches Übel“, das die Hauptbedrohung der menschlichen Würde darstellt: ein Verbrechen gegen die Schwächsten, die sich nicht verteidigen können. Für den Kardinal ist Abtreibung gleichbedeutend mit dem „Tod der wahren Freiheit“ und kein Recht, da sie nur „meine“ absolute Macht über und gegen den anderen darstellt.

Gerade in Indien ist – wie übrigens auch in anderen asiatischen Ländern – das Problem der selektiven Abtreibung, von dem vor allem die Mädchen betroffen sind, besonders schwerwiegend. Mädchen stellen für die Familien einen unerwünschten Ballast dar, der den Wohlstand und das soziale Prestige der Familie schmälert. Aus diesem Grund stehe die Kirche Indiens, so Gracias, von jeher an vorderster Front des Kampfes gegen die selektive Abtreibung gerade von ungeborenen Mädchen. Der Kardinal brachte den Wunsch zum Ausdruck, dass sich die Kampagne für eine Kultur des Lebens in Indien und in der ganzen Welt ausbreite.

Es bleibt zu hoffen, dass auch in anderen Ländern, vor allem auch in den europäischen Ländern, der von vielen Seiten kommende Aufruf zu einer „neuen Aufklärung“ Gehör findet, in deren Mittelpunkt das Nachdenken über den sakralen Charakter des menschlichen Lebens steht. Wie gerade Papst Benedikt XVI. immer wieder hervorhebt, handelt es sich dabei nicht um ein „konfessionelles“ Problem, sondern um ein Problem der Vernunft, die sich dem Anspruch eines transzendenten Horizonts nicht widersetzt. Der „kleinste gemeinsame Nenner“ muss somit in einer philosophischen Forschung angesetzt werden, an deren Basis die Anerkennung des Naturrechtes steht, das auf den Schöpfer hinweist, insofern es von ihm gegeben ist.

Gerade in einer Zeit, in der die Debatte um die Stammzellenforschung in vielen Ländern in eine neue Phase eintritt, sind dieser Nachdenkprozess und das daraus folgende notwendige Handeln zum Wohl der gesamten Menschheitsfamilie unverzichtbar. „Konfessionelle“ Streitigkeiten erweisen sich in diesem Zusammenhang nur als lächerlich, unredlich und unverantwortlich.