Weniger Politik, mehr Wahrheit: Nachlese zum Rimini-Meeting 2007

Von Manfred Ferrari und Guido Horst

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RIMINI, 27. August 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Ein Schaulaufen der führenden Politiker Italiens war das diesjährige Meeting der Gemeinschaft Comunione e Liberazione nicht. Das alljährliche Massentreffen in den Messehallen der Adriastadt Rimini hatte sich den Ruf erworben, nach dem Ende der Sommerferien den Startschuss für die neue politische Saison zu geben. Doch in diesem Jahr gab sich das „Treffen für die Freundschaft unter den Völkern“, so der vollständige Titel, weitgehend unpolitisch. Nur Senator Giulio Andreotti wurde auf einem Rollwagen zu einer der vielen Buchpräsentationen geschoben. Ein alter Freund der Organisatoren des Meetings, das an diesem Samstag zu Ende geht und – ob mehr oder weniger politisch – doch jährlich über hunderttausend Besucher zu meist kulturellen und gesellschaftspolitischen Einzelveranstaltungen anzieht. Doch andere Größen der italienischen Innenpolitik haben die Veranstaltung in diesem Jahr gemieden.



Das Leben nicht auf Summe von Hypothesen reduzieren

Dafür nahm sich Kardinalsstaatssekretär Tarcisio Bertone am vergangenen Samstag Zeit, das Meeting mit einer Messfeier und einer Pressekonferenz zu eröffnen und eine Grußbotschaft des Papstes zu überbringen. „Die Wahrheit ist die Bestimmung, für die wir gemacht sind“, lautete das Thema des diesjährigen Meetings und Kardinal Bertone bekräftigte vor zehntausend Zuhörern die Bedeutung des Themas: „Wenn man die Wahrheitsfrage fallen lässt sowie die konkrete Möglichkeit, zur Wahrheit zu gelangen, wird das Leben auf eine Ansammlung von Hypothesen reduziert.“ Die Wahrheit zu kennen und sie für sich zu wählen bedeute, so Bertone, „mit Christus zu stehen“. Und damit führte der Kardinalstaatssekretär in das Gesamtthema des Meetings ein.

Durch das anschließende Journalistengespräch wehte zumindest ein Hauch von Innenpolitik, als jemand Kardinal Bertone mit der Forderung von Ministerpräsident Romano Prodi konfrontierte, die Priester sollten den Gläubigen einschärfen, doch endlich ihre Steuern zu bezahlen. Bertone erinnerte an den Satz des Evangeliums, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Jeder sei verpflichtet, Steuern zu zahlen, „entsprechend den gerechten Gesetzen“, wie Bertone anfügte. Dafür sei die Politik gefordert, besonders gegenüber den Schwachen und Armen besonders aufmerksam zu sein.

Gäste aus allen Feldern des kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens fanden sich im Laufe der vergangenen Woche auf den Podien des Meetings ein. Vor allem Wirtschaftsunternehmen fielen mit ihren Ständen und Präsentationen in den neuen Messehallen Riminis auf und zeigten so, dass die Organisatoren des Meetings und die sozial-karitative Vereinigung von Comunione e Liberazione, die sogenannte Compagnia delle Opere (Vereinigung der Werke), gut im italienischen Unternehmertum verwurzelt ist.

Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europaparlaments, bedauerte, dass der Hinweis auf die jüdisch-christlichen Wurzeln Europas keinen Eingang in den Verfassungsentwurf der Union gefunden hätten, „und zwar wegen des Widerstands der französischen und belgischen Regierung“. Der Jurist Carlo Casini, Mitglied des Europäischen Parlaments und Vorsitzender der italienischen „Bewegung für das Leben“, kritisierte die Entscheidung von amnesty international, für die Straffreiheit von Abtreibungen einzutreten. Stattdessen, so Casini, hätte man von einer Organisation wie amnesty international einen Akt erwartet, „der die Erziehung zur Achtung des schon gezeugten Lebens begünstigt und für Mütter mit schwierigen Schwangerschaften ein Netz der Solidarität schafft, um gemeinsam mit ihnen die Geburt des Kindes zu gewährleisten“.

Pater Pierbattista Pizzaballa, Leiter der Franziskaner-Kustodie im Heiligen Land, rief zu Pilgerreisen nach Israel auf. Diese seien „eine moralische Pflicht für alle Christen in der Welt“. Gefragt nach der Zahl der Christen im Heiligen Land sagte Pizzaballa: „Wir sind nicht mehr als 170 000 Christen, das heißt ein Prozent der Bevölkerung. Davon leben sechzig Prozent in Israel und vierzig Prozent in den besetzten Gebieten. Vor allem die im palästinensischen Teil wohnenden Christen und die Mittelschicht emigrieren, mit der Gefahr, dass sich die christliche Präsenz etwa in Bethlehem auf eine so gut wie bedeutungslose Zahl reduziert.“

Doch immer wieder die Wahrheitsfrage. Um sie ging es in zahlreichen Veranstaltungen des diesjährigen Meetings. Und wer ihr unter anderen nachspürte, war der deutsche Philosoph Robert Spaemann. Auch einige Bischöfe waren gekommen, um seine Ausführungen zum Thema „Die Wahrheit wird euch frei machen“ zu hören. Ausgehend von der Aussage des angelsächsischen Philosophen David Hume „We never advance one step beyond ourselves“ (Wir gehen nie einen Schritt über uns hinaus), stellte Spaemann in brillanter Weise die Gegenthese auf, dass der Mensch sehr wohl über sich hinausragen könne, als liebendes Wesen, das sich mit den Fröhlichen freuen kann und leiden kann mit den Leidenden. Die These Humes sei die Formel des modernen Relativismus, der auch mit dem Slogan auftrete, jeder Mensch sei in seiner eigenen Welt gefangen. Dem hielt Spaemann entgegen: „Der Mensch weiß aber von seinen Grenzen und gerade dieses Wissen ist nicht relativ.“

Mit weiteren Beispielen machte Spaemann deutlich, dass die Hartnäckigkeit, mit der sich der Relativismus behauptet, einen praktischen Grund hat. Er erscheine nämlich vielen Menschen als die Bedingung für die Freiheit. Sich nicht nach etwas richten zu müssen, was vom einzelnen Individuum unabhängig sei, gelte vielen als Definition der Freiheit. Heute werde die Toleranz oft verstanden als das Verbot, überhaupt eigene Überzeugungen zu haben. Die Überzeugung selbst gelte schon als intolerant.

Dann legte der deutsche Philosoph den warnenden Finger auf die Wertediskussion in unserer Zeit. Im Begriff Wertevermittlung gehe es in der Regel nicht um die Wahrheit eines Werts, sondern darum, in einer bestimmten Zivilisation eine minimale Gemeinsamkeit herauszustellen. Wenn aber diese Gemeinsamkeit nicht auf der Wahrheit gründet, könne jede solche Orientierung nur eine Form von Autoritarismus sein. Spaemann verwendete dabei das Beispiel der in den Verfassungen verbrieften Menschenrechte. Wenn diese nur auf unseren Vorstellungen, nicht aber auf Wahrheiten beruhten, dann bedeute jede verfassungsmäßige Bindung an solche Rechte eine „Tyrannei der Toten über die Lebenden“, denn jene, die diese Verfassung schufen, seien längst tot.

Kritische Worte äußerte Spaemann auch zum relativistischen Sprachgebrauch. Niemals gebe es so etwas wie eine „Wahrheit für mich“. „Wenn ich etwas für wahr halte, dann ist das nicht eine Wahrheit für mich, sondern es ist meine Meinung über die Wahrheit“. Den Zuhörern schienen die Worte des deutschen Philosophen zu gefallen. Der Bischof von San Marino, Luigi Negri, empfahl Spaemann am Ende der Veranstaltung den Anwesenden in fast euphorischen Worten als Informationsquelle für einen „kämpferischen Glauben“. Spaemanns Referat habe in ihm die Freude des Erforschens der Begriffe Wahrheit und Freiheit neu geweckt, den Willen, neue Wege zu erforschen, denn Forschung sei Leben.

[Deutsche Tagespost vom 25.08.2007]