Wenn Ärzte behinderte Neugeborene töten wollen

Interview mit dem Neonatologen Carlo Bellieni

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SIENA, 16. November 2006 (ZENIT.org).- Britischen Medienberichten zufolge hat die Königliche Akademie der Fachärzte für Gynäkologie und Geburtshilfe („Royal College of Obstetricians and Gynecology“) vor kurzem die Erlaubnis beantragt, dass Ärzte schwer behinderte Neugeborene sterben lassen dürfen.



Die Königliche Akademie richtete sich mit diesem Wunsch an den Nuffielder Rat für Bioethik („Nuffield Bioethics Council“), der neue Entwicklungen im biologischen und medizinischen Bereich hinsichtlich ethischer Probleme untersucht.

Gestern, Mittwoch, legte das Expertengremium einen Bericht über kritische Entscheidungen in der Fetal- und Neonatalmedizin vor, in dem unterstrichen wird, dass die „aktive Beendigung des Leben neugeborener Babys nicht zugelassen werden soll, ganz gleich, wie ernst der Zustand, in dem sie sich befinden, auch immer sein möge“.

Der Britische Rat Behinderter Menschen („British Council of Disabled People“) hatte zuvor gegen das Ansuchen der Königlichen Akademie protestiert.

Zum besseren Verständnis des Problems und seiner bioethischen Implikationen sprach ZENIT mit dem Neonatologen Carlo Bellieni, Leiter der Neonatalen Intensivstation des Le-Scotte-Universitätsklinikums in Siena.

ZENIT: Was halten Sie vom Ansuchen der britischen Königlichen Akademie der Fachärzte für Gynäkologie und Geburtshilfe?

--Bellieni: Das Ansuchen, sich der Neugeborenen, die schwer behindert zur Welt kommen, entledigen zu können, lässt keinen Kinderarzt ungerührt, besonders nicht diejenigen, die morgen dazu aufgefordert werden, diese „Beseitigungen“ durchzuführen.

Allerdings ist das Thema nicht neu: Schon 2002 schrieb Michael Gross in „Bioethics“, dass es „eine allgemeine Zustimmung zur Neugeborenentötung nach Beurteilung der Interessen des Neugeborenen durch die Eltern gibt, die sehr großzügig definiert wurden, so dass sie sowohl den körperlichen Schaden, als auch den sozialen, psychologischen und finanziellen Schaden Dritter umfassen“.

Und es sind stets die Interessen „Dritter“, die uns Aufschluss darüber geben, was hinter der falschen mitleidigen Absicht steckt, „dem Leiden des Kindes ein Ende zu setzen“.

ZENIT: Welches sind die beunruhigendsten Aspekte des britischen Vorschlags?

--Bellieni: Drei Dinge beunruhigen den Kinderarzt.

Erstens, dass er Vollstrecker eines Todesurteils werden soll. Dafür sind wir nicht Ärzte geworden – besonders in einer Zeit, in der das Todesurteil von einer wachsenden Zahl von Staaten gebrandmarkt wird.

Zweitens, dass die Patienten als Nicht-Personen erachtet werden sollen. Manche Autoren behaupten, dass Neugeborene keine Personen wären, weil sie keine Selbstwahrnehmung hätten. Deshalb meinen sie, dass das Neugeborene noch nicht einmal Schmerzen fühle, da die Selbstwahrnehmung eben eine Voraussetzung dafür ist – Erklärungen, die von der Wissenschaft und der Erfahrung vollständig widerlegt worden sind.

Drittens, dass das behinderte Kind nicht wie ein Leben gesehen wird, dem geholfen und das geachtet werden muss, sondern mit einer phobischen Einstellung als ein Leben zweiter Klasse.

ZENIT: Einige britische Ärzte meinten, niemand müsse daran Anstoß nehmen, weil Spätabtreibung mit aktiver Sterbehilfe gleichgesetzt werden könne. Was halten Sie davon?

--Bellieni: Ich war von dieser Nachricht nicht überrascht. Ich kann die Abscheu nachvollziehen, jedoch nicht das Erstaunen.

Wer Anatomie und Biologie studiert hat, wer sich im Bereich der menschlichen Physiologie auskennt, weiß genau, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem Fötus und dem Neugeborenen gibt, außer einigen kleineren Modifikationen im Blutkreislauf. Deshalb ist es unverständlich, warum es schrecklich sein sollte, ein Neugeborenes zu töten, aber nicht einen Fötus – es sei denn, man glaubt, dass das Auffüllen der Lunge mit Luft eine „magische“ Wirkung hätte, die die DNA oder das Bewusstsein des Individuums verändern würde!

Das Photo eines kleinen Fötus in seiner ermordeten Mutter, das vor ein paar Monaten von einer italienischen Zeitung veröffentlicht wurde, hat einen großen Eindruck gemacht, und zwar nicht deshalb, weil es einen Leichnam darstellte – traurigerweise haben wir jüngstens im Fernsehen und in den Zeitungen auch tote Kinder gesehen, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind, und niemand hat protestiert –, sondern weil man sehen konnte: ein Fötus ist nichts anderes als ein Kind, das noch keine Außenluft genossen hat.

Und jede Mutter weiß, dass das stimmt; sowie jeder, dessen Aufgabe es ist, sich um die sehr kleinen Föten zu kümmern, die aus dem mütterlichen Schoß kommen und „Frühchen“ genannt werden. Chirurgen, die Föten operieren, die sich noch im Mutterschoß befinden, wissen das ebenfalls.

Ich wiederhole: Das Tragische ist, dass wir lediglich erstaunt sind, während wir doch kulturelle Bestrebungen beginnen sollten, die aus Forschung und wissenschaftlichen Abhandlungen bestehen und nicht nur aus „Reaktionen“ auf den jüngsten Verstoß, auf den jüngsten Schrecken.

Ernsthafte bioethische Bemühungen bestehen heutzutage nicht darin, ein vages Gefühl der Barmherzigkeit für seinen Nächsten zu beteuern – auch Fernsehprogramme sind voller Tränen –, sondern in der Suche nach Nachweisen, nach der Wirklichkeit, die bekundet, dass ein Embryo ein Embryo ist und nicht lediglich eine Zelle; dass ein Fötus von wenigen hundert Gramm Schmerz empfindet fühlt; dass die DNA zeigt, dass jedes Leben mit der Empfängnis beginnt.

Das ist, wie wenn man zeigt, dass eine Blume eine Blume ist und keine Vase.