Wenn Aufnahme in eine Familie unausweichliche Pflicht wird

Woche des Rechts auf Familie

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ROM, Donnerstag, 12. Mai 2011 (ZENIT.org).- Die Pflege ist möglicherweise für viele Kinder in Schwierigkeiten nicht nur eine Gelegenheit zu wachsen, sondern durch den Aufbau eines Netzes der  Solidarität und einer Kultur der Aufnahme auch eine Weise, die Beteiligung an der zivilen Gesellschaft zu fördern.

Es ist dies ein weiterer Gesichtspunkt, der letzten Montag in Salerno im Laufe der Versammlung zur Eröffnung der „Woche des Rechts auf Familie,” unterstrichen wurde, gefördert vom Projekt „Familie Onlus“, dem Verband für „no-profit“ Einrichtungen für Minderjährige und Familien, mit dem Thema „Familien gemeinsam, Förderer der Aufnahme.”

In seinem Redebeitrag hat Pater Silvio Longobardi, Gründer der Einrichtung Projekt Familie, unterstrichen, dass das eheliche Band „der erste und wichtigste Sieg über jeden Individualismus” sei und dass die Familie „einen mächtigen Faktor der sozialen Humanisierung” darstelle, die „sich auf die Werte der Aufnahme und Pflege der Person gründet.”

„Darum“, so fuhr der Priester fort, „gehört die Aufnahme Minderjähriger nicht nur in den Bereich der Nächstenliebe, sondern auch in den der Kultur. Es gibt eine Kultur, die mittels der Kenntnisse, des Studiums und der Vertiefung weitergegeben wird; und es gibt eine Kultur, die durch das Zeugnis jener Werte weitergegeben wird, die eine Gesellschaft am Leben erhalten. Die Aufnahme zur Pflege erhält und stützt die Idee einer Stadt, in der die Rechte einiger für andere eine unausweichliche Pflicht werden.”

Frida Tonizzo, nationale Beraterin der „Nationalen Vereinigung für Adoptions-und Pflegefamilien“ (Anfaa), unterstrich in ihrer Ansprache, dass tausende bisher gesammelter Erfahrungen gezeigt hätten, dass „die Pflegeaufnahme nur möglich und durchführbar ist, wenn sich über dem ganzen eine passende Organisation befindet, die Sozialhilfe und Gesundheitsversorgung sicherstellt; die zusätzlich aber eine integrierende Arbeit leistet, die sich nicht nur der Unterstützung der zu adoptierenden und der Minderjährigen verpflichtet weiß, sondern in erster Linie zur Wiederinstandsetzung der Ursprungsfamilie”.

„Wenn dies nicht geschieht“, so warnte sie, „gerät das Anvertrauen in Gefahr, sich in ein ‚Anschnallen‘ zu verwandeln, mit all den negativen Konsequenzen, die sich davon ableiten, und die zu einem Abbrechen des Pflegeverhältnisses selber führen können”.

Arnaldo De Giuseppe, Koordinator für „Familiäre Gemeinschaften der Nationalen Koordinierung für Pflege“ (Cnca), erklärte, dass seine Vereinigung in den letzen Jahren über jene Art der Gemeinschaften für Minderjährige, die eine Familie als den Erziehungsdienst tragende Struktur haben, eine Reflexion eingeleitet habe, mit der Absicht, ihre Besonderheit zu definieren.

„Die familiäre Gemeinschaft“, erklärte er, „ist eine Realität, in der die persönliche Lebenswahl, ein Paar und eine Familie zu sein, verschmolzen ist mit der Entscheidung, einen (strukturierten) Dienst für Minderjährige in Not zu leisten. Die eigentlich familiären und beruflichen Dimensionen integrieren und unterstützen sich gegenseitig und stellen die familiäre Gemeinschaft in einen Mittelbereich zwischen einer Erziehungsgemeinschaft und familiärer Pflege”.

„Die Bedeutung derartiger Erfahrungen“, fügte Arnaldo De Giuseppe hinzu, „geht über den Dienst an den Minderjährigen hinaus und kann als Gelegenheit betrachtet werden, aktive und verantwortungsbewusste Familienmodelle innerhalb des sozialen Kontexts neu zu überdenken”.

Gianni Fulvi, der Präsident der „Nationalen Koordinierung der Gemeinschaften für Minderjährige“ (CNCM), stellte seinerseits fest, dass „die Besorgnis erregende Tatsache, dass in Aufnahmegemeinschaften für Heranwachsende die Anzahl von ungefähr 20 Prozent der Minderjährigen aus abgebrochenen Pflegestellen und Adoptionen stammen, eine ernsthafte Nachdenken über die Art der Umsetzungvon Familienpflege fordert und eine engere Zusammenarbeit zwischen den Gemeinschaften, den Sozialdiensten und den aufnehmenden Familiennetzen benötigt, um diese Tatsache drastisch zu reduzieren”. „Sicherlich“, stellte er fest, „ muss zuerst die Bewertung der Minderjährigen über deren Fähigkeit, ein stabiles affektives Verhältnis eingehen zu können, strukturiert werden”.

Tommaso di Nomadelfia, Verantwortlicher für die Aufnahme Minderjähriger in die Gemeinschaft „Nomadelfia“, erinnerte dagegen daran, dass im Bereich der Familienpflege von Personen in Schwierigkeiten, besonders im Falle Minderjähriger, Pater Zeno Saltini sich in den frühen 30er Jahren radikal von der Tradition, die für gewöhnlich auch innerhalb der Kirche gepflegt wurde, entfernt habe.

Sein Vorschlag bestand aus der Verwirklichung eines „neuen menschlichen Verhältnisses, gegründet auf einer geteilten Brüderlichkeit, fähig, die Ursachen der Sozialhilfebedürftigkeit zu beseitigen”. Pater Zeno sei „gegen die Institutionalisierung“ gewesen und „ ging direkt zum grundlegenden Wert einer Familie in der Überzeugung über, dass wirkliche Aufnahme nur in ihr stattfinden kann, um in der Liebe regenerieren zu können. Eine erweiterte Familie in Zusammenarbeit mit anderen im Bereich der Erziehung und eines bildenden Umfeldes”.

„Pater Zeno“, so schloss er, „war durch seine Intuitionen über die Wiederinstandsetzung von Abweichungen seiner Zeit voraus, wie es ein halbes Jahrhundert später von den heute gültigen, juristischen Normen und den Rechten für Minderjährige festgesetzt wurde. Sein Werk, Nomadelfia, ist immer noch eine tatkräftige Antwort von freiwillig zusammengeschlossenen Familien durch die Anwendung einer Methodologie und einer Organisation familiärer Art mit festen Bezugspersonen und der Ergänzung durch alle anderen Mitglieder der Gemeinschaft in einer Pädagogik des Teilens.”

[Übersetzung aus dem Italienischen von Josef Stolz]