Wenn das Leben auf dem Spiel steht: Irene Sendler, die „Mutter der Holocaust-Kinder“, ist tot

Sie rettete 2.500 Kindern im Warschauer Ghetto das Leben

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WARSCHAU, 13. Mai 2008 (ZENIT.org).- Mit 98 Jahren starb am Montag in Warschau Irena Sendlerowa (auf Deutsch Irene Sendler), die „Mutter der Holocaust-Kinder“, an einer Lungenentzündung. Sie war von zwei Regimes zum Tode verurteilt worden.

Die polnische Katholikin und Sozialarbeiterin hatte im Warschauer Ghetto 2.500 jüdischen Kindern das Leben gerettet. Dafür wurde sie schon im Jahr 1965 von der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Papst Johannes Paul II. hob seinerzeit das Opfer der großartigen Frau und stillen Heldin hervor: „Auch Sie selbst mussten körperliche und seelische Qualen leiden. Aber Sie sind nicht zusammengebrochen, sondern haben sich nicht geschont und weiterhin anderen gedient.“

Die katholische Sozialarbeiterin hätte für ihr Engagement beinahe mit dem Leben bezahlt, denn sie wurde verraten und geriet in deutsche Gefangenschaft, wo man ihr die Beine und Füße brach und sie zum Tod verurteilte. Sie verdankte es einer jüdischen Untergrundorganisation, dass sie durch einen bestochenen Gestapo-Mitarbeiter kurz vor ihrer Erschießung freigelassen wurde.

Die Stiftung Raoul Wallenberg bezeichnete Irena Sendler als „eine der größten Heldinnen unserer Zeit“. Die private gemeinnützige Nichtregierungsorganisation wurde zum Gedenken an Raoul Wallenberg errichtet, einem schwedischen Diplomaten, der im Januar 1945 spurlos verschwand, nachdem er zehntausende Juden vor dem sicheren Tod durch die Nationalsozialisten gerettet hatte.

Die Vereinigung der „Kinder des Holocaust“ bemühte sich anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Warschauer Getthos, Irena Sendler für den Friedensnobelpreis nominieren zu lassen. Irena Sendler, die im Jahre 1910 als Tochter eines couragierten katholischen Arztes in Warschau geboren worden war, hatte vor dem Einmarsch der Nazis als Sozialarbeiterin bei der Stadt Warschau gearbeitet. Sie kümmerte sich um verarmte Familien.

Nach der Besetzung Polens im September 1939 nahmen die deutschen Invasoren den Juden, das heißt knapp einem Drittel der Warschauer Bevölkerung, jeglichen Anspruch auf staatliche Hilfsleistungen. Und mit der Abriegelung des Ghettos im November 1940 wurde ihre Lage noch schlechter. Unterernährung und Krankheiten kosteten monatlich Tausenden das Leben.

Mit ein paar Freunden begann Irena Sendler auf dem Warschauer Sozialamt, Hilfe für die Ärmsten der hungernden Ghetto-Bewohner zu organisieren. Mit gefälschten Dokumenten, auf denen statt der Namen jüdischer Antragssteller jene von polnischen Familien eingetragen waren, verschaffte sie sich aus der städtischen Sozialkasse Mittel zur Unterstützung jüdischer Familien. Der Direktor des Gesundheitsamtes ermöglichte ihr Zugang zum Ghetto: Er stellte ihr und ihren Helfern Passagierscheine aus – als „Sanitäter“.

In Polen wurde die Katholikin deshalb im Jahr 2003 für ihren Mut und Einsatz geehrt. Papst Johannes Paul II. schrieb ihr zu diesem Anlass ein Wort des Dankes und der Würdigung: „Hochverehrte und liebe Frau, ich habe erfahren, das sie den Jan Karski Preis für Hochherzigkeit und Mut erhalten haben. Nehmen Sie dafür meine herzlichen Glückwünsche und Bewunderung für Ihren außergewöhnlich mutigen Einsatz in den Jahren der Besatzung entgegen, wo Sie, ungeachtet Ihrer eigenen Sicherheit, viele Kinder vor der Vernichtung gerettet haben und Menschen, die geistlichen Beistand brauchten und in materieller Not waren, humanitäre Hilfe gespendet haben. Auch Sie selbst mussten körperliche und seelische Qualen leiden, aber Sie sind nicht zusammengebrochen, sondern haben sich nicht geschont und weiterhin anderen gedient; Sie haben dabei mitgeholfen, Wohnungen für Kinder und Erwachsene zu schaffen. Für diese Taten der Güte für andere möge der Gott der Herr Sie in seiner Güte mit besonderen Gnaden und Segen belohnen.“

Als der Warschauer Korrespondent des Tagesspiegels im Jahr 2003 mit Irena Sendle sprach, interessierte diese sich wenig für die Würdigung ihrer Rettungstaten. „Ich tat, was ich tun musste“, sagte sie damals. „Die Helden waren nicht wir, sondern die Kinder und Eltern, die sich voneinander trennen mussten.“

Nach und nach wurde die deutsche Öffentlichkeit auf „Schindlers unbekannte Schwester“, so der Spiegel in einer Würdigung, aufmerksam. Ihre Biographie wurde ins Deutsche übersetzt und im Jahr 2005 veröffentlicht. Anna Mieszkowska hatte die unglaubliche Geschichte der mutigen Irena Sendler aufgeschrieben, die ein ganzen Volk retten wollte. Das Deutsche Erste Fernsehen betitelte seine erste Sendung über sie mit Irena Sendler: Eine leise Heldin der Geschichte.

Am 24. März 2006 wurde dann der von Frau Metuka Benjamin aus den USA gestiftete Irena-Sendler-Preis „Für die Verbesserung der Welt" im Wert von insgesamt 20.000 US-Dollar zum ersten Mal in Warschau an zwei Preisträger verliehen: Norman Conard, einen Lehrer aus Uniontown/Kansas (USA), der seine Schülerinnen dazu anregte, über Irena Sendler nachzuforschen, und den Warschauer Historiker Robert Szuchta, Autor des Buchs „Holocaust. Verstehen warum".

Als Krankenschwester ließ sich Sendler für die Bekämpfung anstreckender Krankheiten im völlig überfüllten Ghetto einteilen und schmuggelte Medikamente und Nahrungsmittel hinein. Mit Hilfe von Dienstausweisen für ihre Sanitätskolonne ermöglichte sie es Juden zu entkommen.

Als die Deportationen in die Vernichtungslager begannen, entschloss sich Irena Sendler, wenigstens die Kinder der Todgeweihten zu retten. Für die Untergrundorganisation „Rat für die Unterstützung der Juden" („Zagota") organisierte sie einen großangelegten Kinderschmuggel: Unter Mänteln, in Säcken oder Holzkisten wurden Kinder auf abenteuerlichen Wegen durch Keller und Abwasserkanäle aus dem Ghetto geschleust, nicht selten mit Schlafmitteln betäubt.

Mit falschen Papieren ausgestattet, wurden die Kleinen anschließend in die Obhut von polnischen Familien gegeben und oft auch in Klöstern oder Waisenhäusern versteckt.

Im Oktober 1943 flog Irena Sendler auf und wurde von den Deutschen verhaftet. Auf Hilfe für Juden stand die Todesstrafe. Die 33-Jährige wurde von der Gestapo auf unmenschliche Weise gefoltert, doch sie gestand nichts, nannte keine Namen. Nach drei Monaten in den Folterkellern der SS zum Tode verurteilt, gelang ihr in letzter Sekunde die Flucht. Ermöglicht wurde diese durch einen SS-Beamten, den die „Zagota" bestochen hatte. Wieder in Freiheit, nahm Irena Sendler ihre Arbeit für die Armen sofort wieder auf.

Die Liste mit den Namen „ihrer" Kinder hatte Sendler in einer Flasche unter einem Baum vergraben. Auf dem Dokument waren der Geburtsname und der Deckname jedes ihrer Schützlinge notiert. Erst dadurch wurde es nach Kriegsende möglich, den geretteten Ghetto-Kindern ihre wirkliche Identität wiederzugeben. Ohne Sendlers Liste wären sie vielleicht gerettet worden, viele aber hätten wohl nie etwas von ihrer jüdischen Geburt erfahren.

In einem Gespräch mit dem deutschen Vertreter der Internationalen Vereinigung der Sozialarbeiter, Joachim Wieler, erklärte Irene Sendler: „Manchmal wundere ich mich, wieso soviel ‚Wirbel‘ gemacht wird über ‚heldenhafte Taten‘. Es ist etwas, das eher natürlich kommt, und zwar als Resultat aus der Familienerfahrungen und aus der frühen Ausbildung. Wenn du weißt, dass etwas sehr Wesentliches auf dem Spiel steht, nämlich wirkliches Leben, dann tust du alles, um es zu retten. Du redest nicht darüber und diskutierst nicht lange. Du tust es!"

Von Angela Reddemann