Wenn der Bruder die Zurechtweisung nicht annimmt?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 250 klicks

Die Person, von der hier die Rede ist, lebt und arbeitet in einer Institution, in der verborgen, aber sehr zerstörerisch durch seine Handlungen ein Priester wirkt. Dieser hält sehr viel von sich selbst und ist sehr ehrgeizig. Nachdem diese Person ihn ermahnt hat, aber ohne Erfolg, ist sie nach ihrem Gewissen verpflichtet, seine Vorgesetzten zu verständigen?

Und wenn seine Vorgesetzten weiterhin nichts unternehmen, und das zerstörerische Wirken sich weiter fortsetzt, ist die betreffende Person verpflichtet, höhere kirchliche Organe, vielleicht den Nuntius selbst, zu verständigen? Oder wird eine solche Meldung der betreffenden Person als Verleumdung qualifiziert?

Das Problem ist keinesfalls aus der Luft gegriffen, sondern wird zum Gewissensproblem nicht nur des hier Unterzeichneten, sondern einer großen Anzahl von Menschen, die sogar öffentlich diffamiert werden, Priester in den Schmutz zu ziehen und vor Gott grosse Schuld auf sich geladen zu haben. Diese Seelen leben in einem großen inneren Zwiespalt: einerseits sehen sie Skandale, die bereits öffentlichen Charakter angenommen haben, und Einzelne in dieser Institution, die großen seelischen Schaden erleiden, andererseits hüllen sich die Vorgesetzten in Schweigen. Diese Seelen befinden sich in großer Bedrängnis.

Wir benötigen ein klares moralisches Urteil, damit den Seelen, die darunter sehr leiden, geholfen werden kann. Die Kirche und das Volk leiden darunter noch mehr. Im Voraus bedanke ich mich für die Antwort und das Bemühen.

Zvonimir

*

Das ist für mich die erste Frage dieser Art. Es ist eine sehr delikate Frage. Aber theologisch ist die Haltung klar. Es handelt sich um die brüderliche Ermahnung. Ich folge den besten Moralisten. Besinnen wir uns zunächst darauf, worüber wir reden, und was es für Ermahnungen gibt. Danach sprechen wir kurz über Pflichten, über Bedingungen, über die Art der Ermahnung, indem wir etwas über die Motive, die von einer Ermahnung entschuldigen, hinzufügen.

Brüderliche Ermahnung (spirituelles Almosen) bedeutet, den Nächsten privat (persönlich) in Liebe zurechtzuweisen bezüglich der Sünde oder der Sünden, mit der Absicht, dass er sich bessert und die mögliche Ärgernis abwendet. Es gibt drei Arten der Ermahnung: brüderliche, die unter den Brüdern, den Bekannten und den Sichgleichen praktiziert wird; väterliche, die ein Vorgesetzter, nicht als Richter, sondern als Vater, unternimmt, indem er manchmal ein „Medikament“ einer leichteren Strafe hinzufügt; richterliche, mit der der Richter den Schuldigen bestraft, indem er das Allgemeinwohl vor den Augen hat. Diese letzte ist ein Akt der Gerechtigkeit, die erste ist ein Akt der Liebe, und die zweite verbindet Liebe und Gerechtigkeit.

Die Pflicht der Ermahnung geht aus dem positiven Gesetz Gottes und dem Naturgesetz des Alten und des Neuen Testamentes hervor.

1)  Das positive Gesetz Gottes sagt: „Stell den Freund zur Rede, ob er etwas getan hat, und wenn er es getan hat – damit er es nicht wieder tut. Stell deinen Nächsten zur Rede, ob er etwas gesagt hat, und wenn er es gesagt hat – damit er es nicht wiederholt“ (Sir 19, 13-14).  Christus verpflichtet nicht nur zur Ermahnung, sondern auch zu ihrer Graduierung: „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zu recht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sage es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner“ (Mt 18, 15-17). Dieses letzte Wort Jesu ist stark, denn die Juden haben Heiden und Zöllner als „unrein“ angesehen, und ihre Frömmigkeit verbot es ihnen, mit ihnen zu verkehren.

2)  Das Naturgesetz verpflichtet zu einer wirksamen Liebe dem Nächsten gegenüber, nicht nur in leiblichen, sondern noch mehr in geistlichen Werken. Das Wort Gottes: „Rüge den Weisen, dann liebt er dich. Unterrichte den Weisen, damit er noch weiser wird… Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht“ (Spr 9, 8-10). Also, den Bruder zu ermahnen, ist an sich eine ernsthafte Pflicht.

Zwei Voraussetzungen sind notwendig:

1)  Dass es sich um eine schwere geistliche Unvermeidlichkeit des Schuldigen handelt, wobei es nicht anzunehmen ist, dass er sich bessert, außer durch deine Ermahnung. Man muss also sicher sein, dass der Betreffende schwer gesündigt hat oder dass er sich in der unmittelbaren Gefahr befindet, schwer zu sündigen. Wenn er nur lässliche Sünde begangen hat, oder sich in einer entfernten Gefahr befindet, schwer zu sündigen, befindet er sich nicht in schwerer geistlichen Unvermeidlichkeit, und du bist nicht unter schwerer Sünde verpflichtet, ihn zu ermahnen. Doch, auch lässliche Sünden können die notwendige Materie bedeuten, ermahnt zu werden, wenn aus ihnen ein Ärgernis oder Schaden für die Gemeinschaft hervorgeht, oder wenn eine Gefahr für die Sünde des Nächsten (der Kinder, der Jugendlichen…) besteht. Da gilt noch auch diese Regel: Du musst ihn ermahnen, wenn der Betreffende sich nicht anders aus seiner geistlichen Unvermeidlichkeit befreien kann. Du bist nicht verpflichtet, ihn zu ermahnen, wenn ein anderer (Freund, Vorgesetzter) aufrichtig bereit ist, dies zu tun, oder wenn eine baldige Besserung sich ankündigt, oder wenn deine Ermahnung die Sache nur verschlimmern würde. Du bist nicht verpflichtet, einen Unbekannten zu ermahnen, weil seine Besserung zweifelhaft ist. Wenn es sich aber um einen Bekannten handelt, bist du von einer Ermahnung nicht befreit, obwohl du an einer Besserung zweifelst, aber du siehst einen Skandal vor oder eine tötliche Gefahr für den Schuldner. So muss man zum Beispiel einen Katholiken ermahnen, in der Todesgefahr Sakramente zu empfangen, obwohl du annimmst, dass er auf dich nicht hören wird.

2) Zweite Voraussetzung ist es, dass du ohne große Verlegenheit die Ermahnung durchführen kannst. Das geht klar aus dem eben erklärten Prinzip der Liebe hervor. Nämlich, jede Ermahnung bedeutet für denjenigen, der ermahnt, eine gewisse Unannehmlichkeit. Aber jede Unannehmlichkeit entschuldigt nicht, nur diejenige, die größer ist als die Unvermeidlichkeit, in der sich der Schuldner befindet. So wird ein Untergebener selten unter schwerer Sünde verpflichtet sein, den Vorgesetzten zu ermahnen oder ein Skrupulant, der deswegen in eine dauernde Bedrängnis geraten würde. Aber ein Vorgesetzter ist verpflichtet, den Untergebenen zu ermahnen, nicht nur aus Liebe, sondern auch dienstmäßig, weil er sich um sein geistliches Wohl kümmern muss. In diesem Sinne, kommen zunächst in Frage Bischöfe, dann Pfarrer, Eltern, Arbeitgeber… Sie sündigen in der Regel schwerer, wenn sie es versäumen, die Schuldner zu ermahnen. Gott schickt ihnen eine strenge Botschaft durch den Propheten Ezechiel: „Wenn ich zu einem, der sich schuldig gemacht hat, sage: ‚Du musst sterben!’ – und wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst, um ihn von seinem Weg abzubringen, dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben. Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut. Wenn du aber den Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast, damit er umkehrt, und wenn er dennoch auf seinem Weg nicht umkehrt, dann wird er seiner Sünde wegen sterben; du aber hast dein Leben gerettet“ (Ez 33, 8-9).

Man muss sehen, dass diese zwei Voraussetzungen zusammen treffen: Es passiert nämlich selten, dass eine Privatperson, die nicht Vorgesetzter oder Nächster ist, unter schwerer Sünde verpflichtet sein wird, den Schuldner zu ermahnen.

Die brüderliche Ermahnung muss vernünftig, sanftmütig und in Liebe geschehen, nach dem hl. Paulus: „Wenn einer sich zu einer Verfehlung hinreissen lässt, meine Brüder, so sollt ihr, die ihr vom Geist erfüllt seid, ihn im Geist der Sanftmut wieder auf den rechten Weg bringen“ (Gal 6, 1). Da aber bei einer Ermahnung die Gefahr besteht, den guten Ruf des anderen zu verletzen, muss man sich an die Worte unseres Herrn halten, wie wir oben gesagt haben (Mt 18, 15-17).

Die Motive, die von einer Ermahnung entschuldigen, kann man auf drei Fälle zurückführen:

1)  Wenn die Sünde öffentlich ist, d. h. den meisten bekannt, oder bald bekannt sein wird, ist eine geheime Ermahnung nicht erforderlich, denn der gute Ruf des Schuldners kann nicht mehr gerettet werden. Man muss ihn öffentlich ermahnen, nach dem Wort des hl. Paulus: „Wenn sich einer verfehlt, so weise ihn in Gegenwart aller zurecht, damit auch die anderen sich fürchten!“ (1 Tim 5, 20).

2)  Wenn die Sünde zwar im Geheimen bleibt, jedoch zum Schaden und zum Skandal für andere werden kann, und es besteht keine andere Möglichkeit als die Mitteilung an die Vorgesetzten: Zum Beispiel in einem Internat muss man einen, der andere verführt, dem Vorgesetzten melden, damit er die Gefaht abwendet. Wenn aber jemand, der weiss, dass eine solche Gefahr besteht, den Betreffenden nicht melden will, muss man ihm die sakramentale Lossprechung verweigern, sagen erfahrene Theologen.

3)  Wenn jemand auf sein Recht der privaten Ermahnung verzichtet hat, wie das in manchen Ordensgemeinschaften geschieht, in denen alle Verfehlungen unmittelbar an den Vorgesetzten herangetragen werden, muss man auch in solchen Gemeinschaften den Schuldner nicht melden, wenn er sich bereits gebessert hat oder es in Kürze tun wird, und eine Gefahr vor einem erneuten Fall nicht besteht.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 361-363)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.