Wenn die Ehre mehr wiegt als ein Menschenleben

Fast 1000 so genannte "honor crimes" an Frauen in Pakistan verübt

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 590 klicks

Im Jahr 2012 wurden nach dem Bericht der Human Rights Commission of Pakistan fast 1000 Frauen und Mädchen Opfer der sogenannten „Ehrenmorde“, wie „Fides“ heute berichtet.

Ehrenmorde ereignen sich nicht nur in Pakistan, sondern auch in den kurdischen Gebieten in der Osttürkei, in Syrien und Jordanien, Indien, Bangladesh, Iran, Irak, Israel/Palästina, im Libanon, in Äthiopien, im Kosovo sowie in Mexiko, Ecuador, Brasilien, Ostafrika, Malaysia, Papua-Neuguinea, Kambodscha und in den westlichen Ländern mit Migrantenkulturen.

Hintergrund eines Ehrenmordes ist immer eine Ehrverletzung. Wie Prof. Christine Schirrmacher in einem Vortrag ausführte, „bedeutet ehrenhaftes Verhalten (für die Frau), den Kontakt zu nichtverwandten Männern außerhalb der Familie so weit wie möglich zu umgehen, und dort, wo er sich nicht vermeiden lässt, Zurückhaltung zu zeigen: d.h., sich angemessen zu kleiden (sich zu bedecken), niemand direkt in die Augen zu schauen, unnötige Worte zu vermeiden und auch durch Körperhaltung und gemessene Bewegungen äußerste Zurückhaltung an den Tag zu legen.“ Bei Ehrverletzungen handelt es sich demnach um Verhaltensformen der Frau, die von der Familie und der Gesellschaft nicht gebilligt werden. „Besonders erschreckend ist, dass schon der Wunsch nach einem selbst bestimmten Leben oder das Durchsetzen der eigenen Meinung für Frauen schwere Konsequenzen haben kann“, wie Prof. Christine Schirrmacher zitiertausführt.

Wird die Ehre der Frau durch ein als nicht angemessen empfundenes Verhalten verletzt und der Öffentlichkeit bekannt, fällt das Fehlverhalten der Frau auf die ganze Familie zurück. Als Täter des Ehrenmordes wird deshalb immer ein Familienangehöriger der Frau vom Familienrat ausgewählt. In der Regel wird der Ehrenmord nicht als Mord, sondern als Wiederherstellung der Ehre, als Pflicht betrachtet. Die patriarchalisch geprägten Strukturen erlauben besonders in den ländlichen Gegenden kein Ausbrechen aus der Tradition, die von Generation zu Generation weitergetragen wird. Frauen sind in dieser Struktur das schwächste Glied und müssen sich dem Willen von Familie und Gesellschaft unterordnen.

„Fest steht, dass der Ehrenmord nicht mit dem Islam begründet werden kann und weder im Koran noch der islamischen Überlieferung Rückhalt oder Begründung findet. Auch von Muhammad ist kein derartiger Ausspruch bekannt. Daher finden Ehrenmorde in der Theologie des Islam keine Grundlage, zumal die Tradition der Ehrenmorde wesentlich älter ist als der Islam. … Allerdings ist unübersehbar, dass Ehrenmorde heute, wenn auch nicht ausschließlich, so doch vorwiegend in islamischen Gesellschaften vorkommen“, wie Prof. Christine Schirrmacher erklärt.

In schweren Fällen von Ehrverletzung wird von der Familie der Tod der Frau beschlossen, in leichteren Fällen hingegen wird sie misshandelt oder in eine andere Stadt zwangsverheiratet.

Entscheidet sich die Familie zur Wiederherstellung der eigenen Ehre durch die Tötung der Frau, wird sie „eines Tages oder Nachts erschossen, erwürgt, erstochen, erschlagen, gesteinigt, verbrannt, vor ein Auto gestoßen oder von einer Brücke herabgestürzt.“ In Bangladesh und Indien sind vor allem Säureattentate sehr verbreitet, die gerne als Brandunfälle getarnt werden.

Erschwerend kommt für die betroffenen Frauen hinzu, kaum auf Strukturen zurückgreifen zu können, die ihnen in ihrer misslichen Lage helfen. Frauenhäuser gibt es kaum oder in nur sehr geringer Zahl. Nach ihrer Rückkehr in die Familie kann sich die Frau zudem nicht mehr ihres Lebens sein.

Wichtig ist deshalb ein verbesserter Schutz der Frauen und das Schaffen von Hilfseinrichtungen, an die sich wenden können. In islamischen Ländern ist das Netzwerk ASUDA aktiv; Frauenrechtsverbände in islamischen Ländern und in Europa machen regelmäßig auf die Ehrenmorde aufmerksam, die auch 2012 wieder Teil einer traurigen Statistik sind.