"Wenn die Kirche lebendig ist, muss sie immer überraschen können"

Die Worte des Papstes beim Regina Caeli

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 351 klicks

Papst Franziskus zeigte sich heute um 12.00 Uhr am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern das Regina Caeli zu sprechen.

Zur Einführung in das Mariengebet sprach er die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren.

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[Vor dem Regina Caeli:]

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Das Pfingstfest erinnert an die Ausgießung des Heiligen Geistes auf die im Abendmahlssaal versammelten Apostel. Ebenso wie Ostern handelt es sich um ein Ereignis, das während eines bereits bestehenden jüdischen Festes geschah und zu einem überraschenden Ende führte. Die Apostelgeschichte enthält eine Beschreibung der Zeichen und der Früchte dieser besonderen Ausgießung: der starke Wind und die Flammen des Feuers; die schwindende Angst, die dem Mut weicht; die sich lösenden Zungen und die allgemeine Verständlichkeit der Ankündigung.

Wo der Geist Gottes hingelangt, erwacht alles zu neuem Leben und wird verwandelt. Das Pfingstereignis kennzeichnet die Geburt der Kirche und ihr öffentliches Auftreten; dabei berühren uns zwei Merkmale der Kirche: sie überrascht und versetzt in Unruhe.

Ein grundlegendes Element des Pfingstereignisses ist die Überraschung. Unser Gott ist bekanntlich ein Gott der Überraschungen. An die Jünger wurden keinerlei Erwartungen mehr gestellt: Nach dem Tod Jesu waren sie eine unbedeutende kleine Gruppe; besiegte Waisen ihres Meisters. Stattdessen kommt es zu einer unerwarteten Begebenheit, die Verwunderung auslöst: Die Menschen sind verstört darüber, dass jeder die Jünger in seiner Sprache reden hörte, während sie von den großen Werken Gottes erzählten (vgl. Apg 2,6-7.11). Die zu Pfingsten entstandene Kirche ist eine Gemeinschaft, die Staunen erweckt, denn mit der von Gott kommenden Kraft  verkündigt sie eine neue Botschaft: Christus lebt, er ist auferstanden – in einer neuen Sprache, der Sprache der Liebe. Gestärkt von der Kraft von oben, können die Jünger nun mutig sprechen. Nachdem sie alle wenige Minuten zuvor noch von Furcht erfüllt waren, sprechen sie nun mit Mut, Aufrichtigkeit und der Freiheit des Heiligen Geistes.

Dazu ist die Kirche immer berufen: Sie soll fähig sein zu überraschen mit der Ankündigung an alle Menschen, dass Jesus Christus den Tod besiegt hat, dass die Arme Gottes stets ausgebreitet sind, dass er stets geduldig darauf wartet, uns zu heilen und uns zu vergeben. Gerade aufgrund dieser Mission hat der auferstandene Jesus der Kirche seinen Geist geschenkt.

Dabei gilt Folgendes zu beachten: Wenn die Kirche lebendig ist, muss sie immer überraschen können. Dies ist eine Eigenschaft der lebendigen Kirche. Eine Kirche, die nicht überraschen kann, ist eine schwache, kranke und sterbende Kirche, die schnellstmöglich auf die Intensivstation gebracht werden muss. 

Einige in Jerusalem hätten es lieber gesehen, wenn die Jünger Jesu aus Angst im Haus geblieben wären, um keine Unruhe zu stiften. Auch heute ist das der Fall. Der Herr drängt sie jedoch in die Welt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Die pfingstliche Kirche ist eine Kirche, die sich nicht damit zufrieden gibt, harmlos zu sein; sie ist keine allzu „destillierte“ Kirche. Nein, sie gibt sich nicht damit zufrieden! Sie will kein dekoratives Element sein. Sie ist eine Kirche, die nicht zögert, hinauszugehen, um den Menschen zu begegnen und die ihr anvertraute Botschaft zu verkündigen, auch wenn sie das Gewissen mancher stört und beunruhigt, vielleicht Probleme nach sich zieht und uns manchmal  zum Martyrium führt. Sie entsteht als universale Kirche mit einer präzisen Identität, die jedoch offen ist, eine Kirche, die die Welt umarmt, aber nicht gefangen nimmt, sie frei lässt, wie die Kolonnaden des Petersplatzes: zwei Arme, die sich öffnen, um zu empfangen, die sich aber nicht schließen, um zurückzuhalten. Wir Christen sind frei, und die Kirche will uns frei!

Wenden wir uns nun der Jungfrau Maria zu, die am Morgen des heutigen Hochfestes Pfingsten im Abendmahlssaal gegenwärtig war, und bei der Mutter waren die Kinder. In ihr war die Kraft des Heiligen Geistes, der wahrhaft „große Dinge“ vollbracht hat (Lk 1,49). Sie selbst hatte dies gesagt. Möge sie, die Mutter des Erlösers und Mutter der Kirche, durch ihre Fürsprache ein erneuertes Ausgießen des Geistes Gottes auf die Kirche und auf die Welt bewirken. 

[Nach dem Regina Coeli:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich heiße alle Römer und Pilger sehr herzlich willkommen: die Familien, Gruppen von Pfarrgemeinden, die Vereinigungen und die einzelnen Gläubigen. Einen besonderen Gruß richte ich an die Studenten der Diözese von Valencia (Spanien), an die von der „Kongregation des Allerheiligsten Gekreuzigten von Vittoria“ veranstaltete Wallfahrt, die Erstkommunionkinder von Borgo a Buggiano (Pistoia), die Gruppe der „Apostel der Barmherzigkeit“ aus Bitonto, die jungen Menschen aus Latina Scalo sowie die Teilnehmer am Ferrari-Treffen.

Wie ihr wisst, begegnen ich und der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, mein Bruder Bartholomäus, heute Abend im Vatikan den Präsidenten von Israel und Palästina, um von Gott das Geschenk des Friedens im Heiligen Land, im Mittleren Osten und in der gesamten Welt zu erbitten. Ich möchte all jenen danken, die persönlich und in der Gemeinschaft für dieses Zusammentreffen gebetet haben und beten und sich im Geiste mit unserer Bitte vereinen. Danke! Vielen Dank!

Ich wünsche euch allen einen schönen Sonntag. Betet für mich. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

[Aus dem Italienischen übersetzt von Sarah Fleissner]