Wenn es zur Wahl steht: Sonntagsevangelien - kurz oder lang?

Die Gründe für die verschiedenen Fassungen

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 240 klicks

P. Edward McNamara, LC, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet eine Leserfrage zur Länge der für die Messe vorgesehenen Evangeliumstexte.

Frage: Warum stellt die Kirche bei einigen Sonntagsevangelien eine „kürzere“ und eine „längere“ Version zur Wahl? Es gibt dafür anscheinend keinen stichhaltigen Grund; der Zeitfaktor fällt wohl kaum ins Gewicht. Es scheint eher, man wolle politisch korrekt vorgehen: Zum Beispiel durfte man im Sonntagsevangelium vom 2. Februar 2014 den Abschnitt über die Prophetin Hanna weglassen, [möglicherweise] um Israel nicht zu beleidigen? Ebenso durfte man vom Sonntagsevangelium des 16. Februar 2014  [6. Sonntag im Jahreskreis] jene Teile weglassen, in denen vom Halten des kleinsten Gebots die Rede ist, von der Betitelung des Mitbruders als „Narr“ (metaphorisch), vom Ausreißen des Auges, wenn es ein Ärgernis darstellt, und von der Scheidung – dies alles steht vielleicht zur Wahl, um die Schuld nicht ins Übermaß wachsen zu lassen; keine Gewalt zu suggerieren; die schwierige Frage der Scheidung zu vermeiden? Bitte erklären Sie uns das, denn bei dieser optionalen Zerstückelung des Evangeliums kann einem unwohl werden. – S.F., Perrysburg, Ohio, USA.

P. Edward McNamara: Ich denke, man darf ausschließen, dass es hierfür sogenannte politisch korrekte Beweggründe gibt, und stattdessen annehmen, dass das, was die Autoren des jetzigen Lektionars in dessen Einleitung schreiben, wirklich so gemeint ist, wie es da steht.

Dort wird die Vorgehensweise in Bezug auf die Länge der Texte folgendermaßen erklärt:

„75. Bezüglich der Länge der Lesungen ist eine mittlere Lösung gewählt. Es ist unterschieden zwischen Erzählungen, die einer gewissen Textlänge bedürfen und in der Regel von den Gläubigen aufmerksam angehört werden, und Texten, die wegen ihres anspruchsvollen Lehrgehaltes nicht zu lang sein dürfen.“

„Für einige recht lange Texte werden zwei Fassungen zur Wahl angeboten: eine längere und eine kürzere. Die Kürzungen sind mit großer Sorgfalt vorgenommen.“

„3) Schwierige Texte“

„76. Aus pastoralen Gründen sind bei den Lesungen für die Sonntage und Hochfeste besonders schwierige Texte vermieden. Dabei handelt es sich meist um objektive Schwierigkeiten aus literarischen, kritischen oder exegetischen Gründen, gelegentlich aber auch um Schwierigkeiten für das Verständnis der Gläubigen. Andererseits durften die geistlichen Reichtümer gewisser Texte den Gläubigen nicht mit dem Hinweis auf Verständnisschwierigkeiten vorenthalten werden, wenn diese Schwierigkeiten auf Mängel in der für jeden Christen erforderlichen Unterweisung zurückzuführen sind oder auf Mängel in der für jeden Seelsorger unerlässlichen biblischen Bildung. Nicht selten vermindert sich die Schwierigkeit eines Textes durch seinen Zusammenhang mit einer anderen Lesung derselben Messfeier.“

„4) Das Auslassen von Versen“

„77. Die Tradition vieler Liturgien – einschließlich der römischen – kennt den Brauch, in den Schriftlesungen einzelne Verse auszulassen. Zwar dürfen solche Auslassungen nicht leichthin vorgenommen werden, damit der Sinn des Textes oder die Aussage und der Stil der Schrift nicht entstellt werden. Doch hat man sich aus seelsorglichen Gründen für die Beibehaltung dieses Brauches in der vorliegenden Leseordnung entschlossen. Dabei wurde sichergestellt, dass der wesentliche Inhalt unversehrt bleibt. Andernfalls wären nämlich manche Texte zu lang geworden oder hätten trotz ihres nicht geringen - manchmal sogar großen - geistlichen Nutzens ganz ausgelassen werden müssen. Denn manche Texte enthalten den einen oder anderen Vers, der, pastoral gesehen, wenig nützlich ist oder zu schwierige Probleme aufwirft.“

„3. Grundsätze zum Gebrauch der Leseordnung“

„a) Die Auswahlmöglichkeiten“

„2) Längere oder kürzere Fassung“

„80. Pastorale Überlegungen sollen auch bei der Wahl ausschlaggebend sein, wenn gelegentlich eine längere und eine kürzere Fassung ein und desselben Textes angeboten werden: Wie steht es mit der Fähigkeit der Hörer, den längeren oder den kürzeren Text mit Gewinn aufzunehmen? Kann ihnen ein umfangreicherer Text zugemutet werden, weil er in der Homilie erläutert wird?“

„3) Die Auswahltexte“

„81. Hat man die Wahl zwischen zwei festgelegten Texten oder zwischen einem festgelegten und einem ‚ad libitum‘ auszuwählenden Text, soll man die Entscheidung nach dem geistlichen Gewinn der Teilnehmer treffen. Ein solcher Fall kann eintreten, wenn zu befürchten ist, dass einer der beiden zur Wahl stehenden Texte für die Gemeinde Schwierigkeiten bereiten wird. In diesem Fall soll man sich für den weniger schwierigen und der Gemeinde besser angemessenen Text entscheiden.

Es kann auch vorkommen, dass ein und derselbe Text innerhalb weniger Tage zweimal ansteht, etwa an einem Sonntag und einem darauffolgenden Wochentag, wobei er im einen Fall als Eigenlesung vorgesehen ist und im anderen Fall pastorale Gründe seine Wahl wünschenswert machen; hier ist zu überlegen, ob es günstiger ist, diesen Text zu wiederholen oder ihn durch einen anderen zu ersetzen.“

Ich denke also, dass die Beweggründe stichhaltig sind, und dass es vor allem um die Frage geht, von einem Sonntag zum anderen einen ähnlich langen Text zu bekommen sowie darum, die Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Über die Frage, ob eine bestimmte Wahl nun klug vorgenommen wurde, kann man diskutieren und gegebenenfalls die Sache ändern, doch wenn man die Lesungen in ihrer Gesamtheit betrachtet, vermitteln sie eine solide Lehre.

Dass es möglicherweise Ziel gewesen wäre, politisch korrekt zu handeln, können wir meiner Meinung nach ausschließen. Die Texte für das jetzige Lektionar sind in den späten 1960er Jahren ausgewählt worden. Man kann sie daher nicht im Lichte von Ereignissen erklären, die sich erst in späteren Jahren zugetragen haben. Wie in der Einleitung zugegeben wird, sind einige problematische Texte ausgelassen worden, doch ist dies auf Schwierigkeiten zurückzuführen, die in der Predigt bei deren Auslegung entstehen würden und nicht etwa, weil man niemanden brüskieren will.

Wenn das der Fall wäre, müsste man an Tagen, an denen es keine Wahl zwischen einer Normal- und Kurzfassung gibt, noch viele andere Textstellen aus dem Lektionar entfernen.

Und selbst wenn es eine Kurzfassung gibt, müssen Verlagshäuser – dies ist eine allgemeine Regel – in Broschüren immer beide Fassungen drucken. Also ist ein Priester niemals dazu verpflichtet, die Kurzfassung zu benutzen. Vielmehr ist er jederzeit frei, den längeren Text zum Gegenstand seiner Predigt zu machen.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC aus dem englischen Originalartikel http://www.zenit.org/en/articles/shorter-versions-of-gospel-passages