Wenn Glaube Architektur wird

Filmrezension: Sagrada - Das Wunder der Schöpfung

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Von Dr. phil. José García*

BERLIN, . 21. Dezember 2012 (ZENIT.org/textezumfilm). - Die „Sagrada Familia“ gehört zu den bekanntesten unvollendeten Bauwerken der Welt. An der Kirche wird in Barcelona seit 1882 gebaut. Weil es sich um eine Sühnekirche handelt, sollte sie ausschließlich mit Spenden errichtet werden. Dies war der Grundgedanke des Trägervereins („Geistlicher Verein der Verehrer des Hl. Josef“), der dank großzügiger Spenden 1881 den Baugrund erwarb und den Diözesanarchitekten Del Villar mit dem Kirchenbau beauftragte. Ein Jahr später trat Antoni Gaudí jedoch nach dem Zerwürfnis zwischen dem Architekten und dem Bauherrn die Nachfolge von Villar an. Seitdem ist der immer wieder aus Geldmangel ins Stocken geratene Bau der „Sagrada Familia“ mit Gaudí untrennbar verbunden. Gaudí selbst starb 1926 an den Folgen eines Straßenbahnunfalls. Nachdem Papst Benedikt XVI. im November 2010 die Kirche weihte, hofft die Trägerstiftung den Bau zum hundertsten Todestag Gaudís im Jahre 2026 fertigstellen zu können. An Geldmitteln fehlt es zurzeit nicht: Mit dem Eintrittsgeld der etwa drei Millionen Besucher pro Jahr werden die Kosten für die Bauarbeiten gedeckt.

Darüber berichtet Stefan Haupts Dokumentarfilm „Sagrada – das Wunder der Schöpfung“, der nach seiner Uraufführung beim Filmfestival Locarno im vergangenen August nun im regulären Kinoprogramm anläuft. Anhand von Dokumenten und Interviews zeichnet der Schweizer Regisseur die wichtigsten Etappen in der inzwischen 130-jährigen Baugeschichte nach. Dazu führt Stefan Haupt selbst aus: „Im Zentrum des vorliegenden Filmvorhabens steht die Biographie der Sagrada Familia – die Biographie eines religiösen Bauwerks, das in der heutigen Zeit fast schon anachronistisch anmutet. Eine Biographie, die noch lange nicht zu Ende geschrieben ist, obwohl sie jetzt schon Bände füllt. Ich möchte diese Biographie von unten und von innen her erzählen, ausgehend von ihren Wurzeln, über den Alltag der Handwerker, Bildhauer, Architekten bis hin zu den aktuellen Fragen und Problemstellungen der Gegenwart. Langsam soll sich so auch die äußere Entstehungsgeschichte zusammensetzen – von den allerersten Skizzen über die historischen Bauetappen und den heutigen Stand der Arbeiten hinaus bis hin zur Vision einer dereinst vollendeten Sagrada Familia.“ „Sagrada – das Wunder der Schöpfung“ bringt dem Zuschauer nicht nur die Persönlichkeit Gaudís näher. Stefan Haupt versucht auch, die Motive der Menschen – Handwerker, Arbeiter, Künstler, Architekten – zu erkunden, die heute an der „Sagrada Familia“ arbeiten. Darunter ragt der japanische Bildhauer Etsuro Sotoo heraus, der seit mehr als dreißig Jahren am Bau mitarbeitet und während dieser Zeit vom Buddhismus zum Katholizismus konvertierte.

Einen Kontrapunkt zu ihm stellt etwa der höchst umstrittene Gestalter der Passionsfassade Josep Maria Subirachs dar, der sich selbst einen Agnostiker nennt. Subirachs Arbeiten sind insofern ein Novum, als sie erstmals Gaudis Stil nicht weiterführen, sondern etwas der heutigen Zeit Entsprechendes zu schaffen versuchen. Damit deutet der Film auch einen Richtungsstreit bei den heutigen Bauarbeiten an, den Regisseur Haupt aber kaum vertieft: Soll die „Sagrada Familia“ in Gaudís Stil – so etwa Etsuro Sotoo – weitergebaut, oder soll ein zeitgemäßes Konzept im Sinne Subirachs verfolgt werden? Haupts Film geht auch auf die Gefahren für den Bau ein. Er nennt nicht nur etwa die Wut der Anarchisten, die während des spanischen Bürgerkriegs Kirchen in Brand setzten und dabei viele Unterlagen und Modelle Gaudís zerstörten. Darüber hinaus zeigt der Film Bilder von einer unmittelbaren Gefahr für den Kirchenbau: Direkt neben der entstehenden Kirche wird ein Tunnel für eine neue Schnellzugverbindung von Barcelona nach Paris gebohrt. Wer denkt dabei nicht etwa an das durch U-Bahn-Arbeiten zerstörte Kölner Stadtarchiv?

Die Kamera Patrick Lindenmaiers fängt die Lichtstrahlen ein, die durch die Glasfenster in die Kirche fallen und sie zum Strahlen bringen. Sie fährt die bereits voll- endeten Geburts- und Passionsfassade hoch, um die wunderbaren Steinarbeiten zu dokumentieren. Hin und wieder taucht eine geheimnisvolle Figur auf, die den Zuschauer durch den Bau begleitet. Gegenüber solchen kinotauglichen Bildern mutet die Dramaturgie von „Sagrada – das Wunder der Schöpfung“ eher als Fernseh-Dokumentation an, was an den statischen Interviews und an der Off-Stimme liegt.

Diese Off-Stimme äußert zu Beginn die Gedanken des Regisseurs: „Als Kind glaubte ich, dass wir Menschen das Ebenbild Gottes sind, seine Geschöpfe.“ Dieser Glaube wird jedoch im Laufe des Filmes in Frage gestellt. Dass es dem Regisseur an dieser religiösen Dimension mangelt, bezeugt nicht nur die Bezeichnung der katalanischen Schutzpatronin, der Muttergottes von Montserrat, als „Schutzgöttin“ Kataloniens. Darüber hinaus erfährt der Zuschauer den eigentlichen Zweck des Papstbesuches im November 2010 nicht – der Papstbesuch wird lediglich illustriert. Dass der Papst die Kirche weihte, den Altar konsekrierte und das Gotteshaus in den Rang einer Basilika erhob, bleibt genauso unerwähnt wie dessen starker Aufruf zur Verteidigung und zur Unterstützung für Ehe und Familie sowie zum Lebensschutz, den Benedikt XVI. mit seinem Besuch verband.

*Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.