Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark

Impuls zum Palmsonntag

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 1072 klicks

Jetzt wird es ernst. Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, die uns durch die Liturgie der Kirche die Passion Jesu vor Augen führt. Sie beginnt damit, dass Jesus beim Letzten Abendmahl die Eucharistie einsetzt, nachdem er seinen Jüngern die Füße gewaschen hat.

„Die Eucharistiefeier ist keine Zusammenkunft von Freunden, die gekommen sind um zu beten, Brot zu essen und Wein zu trinken.“ Die Eucharistie sei von Grund auf etwas Priesterliches, sagt der frühere Erzbischof von Buenos Aires, der heutige Papst Franziskus, „denn die erste Eucharistie wurde auf priesterliche Art und Weise von dem einzigen Hohenpriester gefeiert, an dessen Priestertum wir teilhaben: Jesus Christus, der Priester und Opfer dieser Opferhandlung gewesen war.“ Diese Worte fassen das Geheimnis des Gründonnnerstags und des Karfreitags eindringlich zusammen.

Alles, was Jesus in diesen Stunden tut und erleidet, ist ganz und gar priesterliches Tun. Nur wenn uns das wirklich bewusst ist, verstehen wir, was da geschieht. Dass das Leiden Christi und sein qualvoller Tod nicht etwa ein Zeichen seiner Schwäche ist, ein grandioses Scheitern, sondern dass es der vollkommene Gottesdienst ist, der die Menschheit mit Gott versöhnt.

Bedeutet das aber, dass Gott Gefallen hat am Tod des Gerechten? Braucht es ein Menschenopfer, um den Zorn Gottes zu besänftigen?

Natürlich ist das nicht der Hintergrund des Todes Christi. Wie Benedikt XVI. darlegt, findet sich im Verhalten Christi genau das, was eigentlich wir Menschen als Geschöpfe dem Schöpfer gegenüber tun müssten, nämlich uns ganz ihm hingeben. Das aber tun wir nicht, im allgemeinen aufgrund unserer Schwäche. Deshalb ist der Sohn Gottes selbst für uns in die Bresche gesprungen und hat sich ganz und ohne Vorbehalt hingegeben. Darin besteht die Gerechtigkeit, die Christus dem Vater gegenüber wieder herstellen wollte. Uns Menschen gegenüber ist es die Liebe, die ihn zu diesem Ganzopfer bewegt.

So ist er in jeder Hl. Messe zugleich der Hohepriester und die Opfergabe. Worin im Einzelnen sein Opfer besteht, schildern die vier Evangelisten mit vielen Details. Es ist wichtig für uns, dass wir diese Einzelheiten kennen und verinnerlichen. In der sakramentalen Vergegenwärtigung des Opfers sind sie nicht mehr zu erkennen. Der hl. Josefmaria empfiehlt, des öfteren das Leiden Christi zu lesen und zu betrachten.

Diese Einzelheiten, die Gefangennahme, das unwürdige Verhör, die Geißelung und Verhöhnung, die Kreuztragung und schließlich das qualvolle Sterben am Kreuz – das alles lässt uns erkennen, wie beschämend das Versagen der Menschen und wie groß die Liebe Christi ist, die nichts anderes will, als unserer Schwäche aufzuhelfen und die Wunden der Menschheit heilen.

Das Leiden Christi erweist sich geradezu als Katalysator. Alle guten und vor allem alle schlechten Regungen der Menschen kommen zum Vorschein, die sonst gerne verdeckt gehalten werden. Die Bosheit zeigt sich in extremer Form bei Judas. Aber auch Schwächen werden erschreckend deutlich. Die Jünger sind feige und laufen bei der Gefangennahme Jesu davon. Bei Petrus, der immerhin nicht weggelaufen ist, sondern dem geliebten Meister bis in den Hof des Hohenpriesters gefolgt ist, zeigt sich ein katastrophaler Mangel an Bekennermut. Er, der immer leidenschaftlich seine Bereitschaft, dem Meister bis in den Tod zu folgen, beteuert hat, verleugnet Jesus dreimal. Und das vor unbedeutenden Leuten, die für ihn keine Gefahr darstellen, und obendrein nachdem Jesus ihm das detailliert vorausgesagt hat.

Hüten wir uns davor, jemals über das Versagen anderer die Nase zu rümpfen. Wenn uns so etwas nicht passiert, dann hauptsächlich deswegen, weil uns eine solche Katalysator-Situation in der Regel erspart bleibt.

Derjenige, der über das Versagen des hl. Petrus am meisten entsetzt war, war Petrus selber. Aber da zeigt sich gleichzeitig seine Größe. Als er seine Schuld bemerkt, ist seine Reaktion eine tiefe Reue, eine Reue aus Liebe, die immer die Vergebung Gottes herabzieht. „Flevit amare“, er weinte bitterlich.

Auch Judas tat es nachher leid, was er getan hatte, aber er fand nicht zu einer wirklichen Reue. Da war nur der stolze Gedanke: warum musste mir das passieren? Für jeden von uns ein wahrhaft abschreckendes Beispiel.

Reue muss schon sein. Dann verzeiht Gott tatsächlich die schrecklichsten Verbrechen. Eine apokryphe Tradition sagt, dass Maria, die Mutter Jesu, Judas geraten hat, sich in Reue Jesus zu nahen und ihn um Verzeihung zu bitten. Aber er wollte nicht. Bitten wir also den Herrn, dass er uns immer dieses „spatium verae paenitentiae“, die Gelegenheit zur wahren Reue schenke. Dass auch wir schwach sind und fallen können – das zu bestreiten wäre unrealistisch. Aber dass uns dann die echte Reue immer möglich wird, darum sollten wir bitten.

Am Beispiel des hl. Petrus wird die überwältigende Großherzigkeit Gottes erkennbar. Nicht nur dass Christus ihm verzeiht, sondern er überträgt ihm trotz seiner Schwäche das Amt des höchsten Priesters in der Kirche.

Christus, der selber nie gesündigt hat, aber die Schwachheit der Menschen am eigenen Leib kennen gelernt hat – in einem Moment der Schwäche wollte er den Vater bitten, den „Kelch an ihm vorübergehen zu lassen“ – nimmt sich nicht nur unserer Schwachheit an. Man könnte sagen, dass er unsere Schwachheit sogar ganz bewusst in seinen Erlösungsplan mit einbezieht. So ist wohl auch das Wort des hl. Paulus zu verstehen: „Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht,...denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10).

In der Stunde des allgemeinen Versagens der Freunde Jesu ist nur eine stark, die Mutter. Maria stehtunter dem Kreuz (Stabat Mater), sie hat sich nicht in eine wohltuende Ohnmacht geflüchtet. Sie trägt alles mit ihrem Sohn zusammen.

Woher hat sie diese Stärke? Es ist ihre Demut, das Eingeständnis der eigenen Schwäche, das sie unüberwindlich stark macht.

Lernen wir von ihr!