„Wenn jemand das erträgt, wird er zum Heiligen“: Dr. Leo Maasburg MA über Mutter Teresa

Interview mit dem Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich

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WIEN, 4. September 2007 (ZENIT.org).- Zum zehnten Todestag von Mutter Teresa (27. August 1910 - 5. September 1997) interviewte ZENIT den amtierenden Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich (missio), Dr. Leo Maasburg MA, der die Selige mehrere Jahre hindurch begleitete und ihr als Beichtvater zur Verfügung stand.



Weltweit hielt der gebürtige Grazer im Auftrag der Seligen, teils unter schwierigen Bedingungen, für die Schwestern des Ordens Exerzitien. Als Mutter Teresa 1988 ihre ersten Niederlassungen in der Sowjetunion (Moskau und Armenien) errichtete, betreute „Father Leo“ diese als erster von den Sowjetbehörden anerkannter katholischer Priester.

P. Leo Maasburg sieht in der Veröffentlichung des Buches „Komm, sei du mein Licht! Die geheimen Aufzeichnungen der Heiligen von Kalkutta“ des Postulators Brian Kolodiejchuk, in dem die „dunkle Nacht der Seele“ von Mutter Teresa eindrucksvoll zur Sprache gebracht wird, „ein großes Geschenk Gottes für die Gläubigen unsere Zeit“. Viele Menschen hätten berichtet, „wie getröstet, gestärkt und ermutigt sie sind, dass Mutter Teresa ein so schweres seelisches Leiden erfahren musste und doch die strahlende Heilige werden und bleiben konnte“.

ZENIT: Die selige Mutter Teresa starb vor zehn Jahren. Was für ein Mensch war sie?

P. Leo Maasburg: Ganz normal und gleichzeitig eine große Heilige. Sie hat einen Strahl der Liebe Gottes in dieser Welt sichtbar gemacht. Dieser Strahl leuchtet bis heute weiter, und wir sind die Empfänger dieses Strahls.

ZENIT: Wie werden wir selbst zu solchen Lichtstrahlen?

P. Leo Maasburg: Mutter Teresa würde sagen: indem wir kleine Dinge mit großer Liebe tun. Und: „Lieben, auch wenn es weh tut“.

ZENIT: Woraus schöpfte Mutter Teresa die Kraft für ihr unermüdliches Wirken? Was ist in diesem Sinn auch das „Geheimnis“ der Missionarinnen der Nächstenliebe?

P. Leo Maasburg: Sie schöpfte ihre Kraft aus dem Gebet, der Eucharistie und aus ihrem eisernen Willen, alles nur durch Jesus, mit ihm und für Jesus – „all only for Jesus“ – zu tun. Schon 1942 hatte sie ein Gelübde abgelegt: Jesus nie Nein zu sagen. Oft hat sie in späteren Jahren gesagt: „Dies oder das ist nicht Jesu Wille, und ich habe Jesus bisher nie Nein gesagt – also werde ich auch jetzt nicht damit anfangen“

Genau das war ihre Kraft. Sie hat ganz klar gewusst: „Ich will nur tun, was Jesus von mir will. Solange sie in einer Frage nicht sicher war, was Jesus von ihr wollte, hat sie gebetet, nachgedacht und selbst gehandelt. In dem Moment, in dem ihr klar wurde, was er wollte, da war für sie auch klar, was sie wollte.

ZENIT: Sie lebte also in einem beständigen Gespräch mit Jesus?

P. Leo Maasburg: Ja. Das ununterbrochene Gebet hat sie selbst praktiziert. Sie hat ihren Rosenkranz, den sie immer in der Hand gehabt hat, nahezu „massiert“. Manchmal hat sie den Rosenkranz ganz eng an ihren Mund gedrückt und ihn geküsst. Bei solchen Gelegenheiten dachte ich oft: Schau, da küsst die Liebe das Leiden.

Ihre Rosenkränze waren aus den Samen von Soja-Bohnen hergestellt. Diese werden in Bombay in einem Haus der Schwestern von Blinden hergestellt. Oft hat Mutter Teresa ihren Rosenkranz mit anderen getauscht und auch sehr oft einfach weitergeschenkt.

ZENIT: Lässt sich sagen, dass der Rosenkranz das bevorzugte Gebet der Missionarinnen der Nächstenliebe ist?

P. Leo Maasburg: Es ist ihr ständiges Gebet. Mutter Teresa hat im Rosenkranz immer ein Zeichen dafür gesehen, dass sie Jesus und Maria an der Hand hält. Wenn die Schwestern unterwegs sind zu den Armen und zu den Einsamen, beten sie auch heute ständig den Rosenkranz.

ZENIT: Wie sieht das Werk der Mutter Teresa heute aus, wie hat es sich entfaltet?

P. Leo Maasburg: Als Mutter Teresa starb, hatte sie Jesus 594 „Tabernakeln“ gegeben, wie sie die Gründung einer Niederlassung nannte – „We have given Jesus a new tabernacle“. Heute sind es über 700 „Tabernakel“. Im Durchschnitt eröffnet die Kongregation der Missionarinnen der Nächstenliebe alle Monate ein bis zwei Niederlassungen. Dadurch wird Jesus auch heute noch in immer mehr Tabernakeln unter den Ärmsten der Armen gegenwärtig.

Ähnlich steht es mit den Berufungen: Seit dem Tod von Mutter Teresa haben die Berufungen zugenommen. Die Zahl der Schwestern hat sich von 3.800 auf rund 5.000 erhöht.

ZENIT: Entwickelte sich das Werk von Mutter Teresa nach ihrem Tod kontinuierlich weiter, oder ist es zu Brüchen gekommen?

P. Leo Maasburg: Was die Spiritualität betrifft, hat es derzeit den Anschein, dass die Entwicklung einheitlich ist und die Nachfolgerin von Mutter Teresa, Sr. Nirmala MC, einen Kurs der Kontinuität steuert. Man kann jedoch sicher nicht ausschließen, dass es in Zukunft zu Entwicklungen der Kongregation kommen könnte – vielleicht in Richtung einer Spezifizierungen oder Vertiefung des Auftrages. Das haben wir in der Geschichte vieler Orden erlebt, und das ist – wenn es in Liebe und Frieden erfolgt – nichts Negatives, sondern wie ein Baum, der neue Zweige treibt.

ZENIT: Was sagen Sie zu den unlängst veröffentlichten Nachrichten über die „dunkle Nacht der Seele“, die Mutter Teresa durchleiden musste?

P. Leo Maasburg: Die Tatsache, dass Mutter Teresa eine „Nacht der Seele“ durchlitt, ist immer bekannt gewesen, jedoch nicht in der breiten Öffentlichkeit. Der Seligsprechungsprozess hat alle diesbezüglichen Fakten schon gekannt, berücksichtigt und gewichtet. Es ist meiner Meinung nach ein mutiger Schritt und ein Zeichen großer Transparenz, dass der Heiligen Stuhl und der Postulator nun die mystischen Briefe von Mutter Teresa der Öffentlichkeit vorstellen. Damit wird nicht nur eine neue Seite von Mutter Teresas Leben sichtbar, sondern auch ein neuer und wichtiger Zugang zur Heiligkeit für eine große Anzahl von Gläubigen aufgezeigt.

Ich glaube, dass diese Veröffentlichung ein großes Geschenk Gottes für die Gläubigen unsere Zeit ist. Ich habe nämlich durch meine Vortragstätigkeit den Eindruck gewonnen, dass heute viel mehr Menschen als man erwarten würde, genau diese Schwierigkeiten im Gebet oder auch im Glauben haben, die Mutter Teresa in ihren Briefen beschreibt. Viele von ihnen betonen, wie getröstet, gestärkt und ermutigt sie sind, dass Mutter Teresa ein so schweres seelisches Leiden erfahren musste und doch die „strahlende Heilige“ werden und bleiben konnte.

ZENIT: Worum geht es bei dieser „Nacht der Seele“?


P. Leo Maasburg: Es handelt sich um ein Phänomen, das in der Mystik bekannt ist und sehr ausführlich bei Johannes vom Kreuz beschrieben wird. Es dient der passiven Läuterung, das heißt der spirituellen Reinigung und dem Wachstum des Gläubigen. Der Mensch wird in den Bereichen seines Lebens geläutert und immer enger mit Gott verbunden, wo er sich nicht selbst durch eigene Anstrengung weiter bringen könnte. Dort übernimmt es Gott selbst. Und er gibt dem Menschen nur die Möglichkeit, zu dieser passiven Reinigung, zu diesem manchmal sehr schmerzhaften Weg zuzustimmen.

Es ist eine sehr schmerzhafte Erfahrung, wenn sich Gott von einem sich nach Liebe und Gottesnähe sehnenden Menschen zurückzieht. „Gott hat sich von mir entfernt, der Himmel scheint leer, wie auch meine Gebete.“ Bei geduldiger Zustimmung geht er seinen Weg und wird durch die Gnade Gottes gereinigt – eben gerade dadurch, dass Gott so abwesend zu sein scheint. Dabei ist die Sehnsucht nach Gottes Liebe ein besonderer Leidensaspekt dieser „Nacht der Seele“.

ZENIT: Was ist der positive Wert einer solchen Reinigung?

P. Leo Maasburg: Der Mensch erwirbt eine, man könnte es „Gottfähigkeit“ nennen, die ihn immer enger mit Gott vereint. So kann Mutter Teresa sicherlich heute eine gute Fürsprecherin für jene sein, die durch eigene Schuld und Sünde eine Gottferne erfahren. Denn auch die Sünde kann uns eine Erfahrung der Gottferne bescheren. Aber dem Sünder geht Gott immer wieder nach und gibt ihm immer wieder neue Lichter und Gnaden, damit er zurückfindet in die Einheit mit ihm. Das Geheimnis der Stellvertretung war immer schon Teil der Liebes Ökonomie Gottes. Manche Seelen nehmen Leiden auf sich, um für Sünder einstehen zu können, die vielleicht selber unfähig geworden sind umzukehren.

Wichtig ist zu verstehen, dass die Vermutungen, Mutter Teresa hätte vielleicht ihren Glauben verloren oder so etwas ähnliches, meist auf einer Unkenntnis der mystischen Phänomene unseres Glaubens beruht. Es ist verständlich, dass auch ein Ungläubiger diese Glaubensphänomene nur psychologisch oder als Schwindel deuten kann, da ihm ja die Basis für ein Verständnis – der Glaube – fehlt. Auch Jesus hat durch seine Erfahrung der Gottferne am Kreuz („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“) nicht gleich seinen Glauben verloren oder verleugnet. Wenn jemand das erträgt, dann wird er zum Heiligen nicht zum Atheisten.

ZENIT: Sie begleiteten Mutter Teresa mehrere Jahre lang. Lässt sich etwas über ihre innere Entwicklung sagen, die Entwicklung ihres Innenlebens?


P. Leo Maasburg: Ich glaube, diese Entwicklung wird in dem eben erschienenen Buch des Postulators „Komm, sei mein Licht“ sehr schön beschrieben, das deshalb auch sehr lesenswert ist.

ZENIT: Wie schaut es mit einer möglichen Heiligsprechung Mutter Teresas aus?

P. Leo Maasburg: Die Veröffentlichung der mystischen Briefe von Mutter Teresa sieht sehr nach einer Vorbereitung für eine baldige Heiligsprechung aus.

ZENIT: Was sagt Mutter Teresa den Österreichern, die in wenigen Tagen Papst Benedikt XVI. empfangen werden?

P. Leo Maasburg: Sie würde – so denke ich – wahrscheinlich die Mutter Gottes nachahmen und sagen: „Tut, was er euch sagt.“