„Wenn Muslime hier ihren Glauben gut leben, ist das kein Grund zur Angst“

Tagung im Islamischen Zentrum

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Von Stefan Beig

WÜRZBURG, Donnerstag, 23. Juni 2011 (ZENIT.org/ Die Tagespost). - Öffentlich gelebte Religiosität stößt in Europa auf Widerstand. Manche Katholiken müssen sich für ihren Glauben rechtfertigen, katholische Positionen in Fragen der Bioethik etwa liegen sichtlich nicht im Trend der Zeit. Doch vom Widerstand gegen Religion sind nicht allein Christen betroffen. Auch Muslime haben in Abstimmungen gegen Moscheen mit Minarett und Debatten über das Tragen des Kopftuchs erleben dürfen, welch emotionale Reaktionen ihre Religiosität mitunter auslösen kann. Dessen waren sich auch die Veranstalter der Tagung „Das Unbehagen mit der Religion“ bewusst, die am Wochenende in Wien stattfand. (ZENIT berichtete) Als Veranstaltungsort wählten sie das Islamische Zentrum in Wien, das 1979 errichtet wurde und Österreichs erste Moschee mit Minarett ist.

Die vortragenden Wissenschaftler und katholischen Persönlichkeiten unterstrichen in der prominenten Wiener Moschee, dass sie aus wissenschaftlicher wie christlicher Sicht die zunehmende Präsenz des Islam in Europa keineswegs für bedrohlich hielten. „Wenn Muslime hier ihren Glauben gut leben, ist das kein Grund zur Angst“, betonte etwa der Alt-Abt von Stift Heiligenkreuz, Gregor Henckel Donnersmarck. Er plädierte in seinem Vortrag für die Erkennbarkeit von Religion in der Gesellschaft und unterstrich dabei, dass das Recht auf freie Religionsausübung den Angehörigen aller Religionen zustehe. „Ich freue mich über das Minarett hier in Wien, das zum Himmel ragt“, erklärte der Zisterzienser-Ordensmann. Die entsprechenden Freiheiten müssten allen gewährt werden und dürften nicht nur für die Mehrheitsreligion gelten.

Ebenso trage auch er bewusst seinen Mönchshabit, denn in einigen Ländern seien auch Christen von Kleiderverboten betroffen. In Europa sei ein Comeback des Interesses an Religion feststellbar, konstatierte er. Dazu habe der Islam viel beigetragen. Das neue Interesse an Religion sei „inspirierend“. Als Christ freue er sich über die neue Situation, weil sie auch Chancen für das Christentum bedeute, meinte Henckel Donnersmarck.

Sichtlich bewegt von der Präsenz und den Worten des Alt-Abts war der ebenfalls vortragende Islamwissenschaftler Elsayed Elshahed. „Betrachten Sie dieses Haus als Ihr Haus!“, sagte er am Ende der Tagung zu Henckel Donnersmarck. Elshahed ist Leiter des Instituts für Interkulturelle Islamforschung (Intis), das seinen Sitz im Wiener Islamischen Zentrum hat. Das Intis war auch gemeinsam mit dem „Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (RPP) und der Sigmund-Freud-Universität Mitorganisator der Tagung. In seinem eigenen Vortrag stellte Elshahed die provokante Frage, wieviel Gott die säkulare Gesellschaft vertrage. Dabei ging er auf die Geschichte des islamischen wie abendländischen Denkens ein, und beleuchtete anhand des sich wandelnden Verhältnisses von Philosophie und Religion, dass Säkularität kein völlig neues Thema sei. Im Gegenteil: Das philosophische Denken, das sich nicht auf Offenbarungen stütze, sei von der Religion auch begrüßt und gefördert wordern. So würden etwa die Eigenschaften, die Platon Gott gegeben hat, auch mit den Eigenschaften Gottes im Islam übereinstimmen. Ebenso hatte der mittelalterliche Theologe und Denker Anselm von Canterbury betont: „Credo ut intelligam“ (Ich glaube, um zu verstehen). Ganz anders habe hingegen Martin Luther betont: „Ich glaube, gerade weil es widersinnig ist.“

Elshahed unterstrich, dass die Säkularität „eine berechtigte Antithese“ zur Theokratie darstelle. Doch er hoffe nun auf eine Synthese zwischen Religion und Politik, die das Verhältnis zwischen beiden neu definieren könne. Im Zeitalter der Postmoderne lebe die bereits totgesagte Religion weiter. Die Politik sollte anerkennen, dass auch religiöse Menschen dank ihrer religiösen Werte zu Demokratie und Rechtsstaat beitrügen.

Dieses Anliegen teilte auch Henckel Donnersmarck, der den Hauptfeind in einem „diktatorischen Säkularismus“ sieht, durch den „die Gesellschaft zur Wertlosigkeit verkommt“. Kritik übte der Alt-Abt auch an Naturwissenschaftlern, die ihre Wissenschaft missbrauchten, indem sie glaubten, Gottes Existenz widerlegen zu können. „Es gibt keinen Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Religion“, betonte er. Dabei brauchte die Naturwissenschaft – ebenso wie der moderne Rechtsstaat – die Religion, denn: „Die Wissenschaft lebt von Werten, die die Religion vermittelt.“ Religiöse Menschen müssten es daher als ihre Aufgabe ansehen, ihre Werte einzubringen. Gläubige Menschen müssten klare religiöse Positionen bekennen, gleichzeitig aber die Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit achten. Faktisch sei es allerdings so, „dass jemand, der sich zu klaren religiösen Positionen bekennt, ein Outcast ist“.

In den Fragen nach der Einheit von Vernunft und Glaube erblickt Henckel Donnersmarck auch das Zentralthema von Papst Benedikt XVI. Er plädierte dafür, diese Thematik auch im christlich-islamischen Dialog anzusprechen. Dies sei auch der eigentliche Gegenstand der medial völlig missverstandenen Regensburger Rede von 12. September 2006 gewesen. Das Anliegen des Papstes sei es gewesen, zu zeigen, dass sich die Religion der Vernunft nicht entschlagen darf. Bedrohlich sei also aus christlicher Sicht gerade nicht der Islam, sondern vielmehr jener diktatorische, atheistische Relativismus, den auch der Papst kritisiere.

Dass es primär die monotheistischen Religionen sind, die gewalttätig und furchteinflößend seien – im Gegensatz zu den polytheistischen Religionen – bestritt die Dresdner Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. So seien etwa die Götter Griechenlands oder Ägyptens keineswegs verlässlich gewesen, sondern wankelmütig, eifersüchtig und sogar rachsüchtig. Ihr Erscheinungsbild ähnle mitunter Dämonen. Anders der Gott des Alten Testaments, der kein „Willkürgott“ sei, sondern verlässlich und sich an den Bund mit den Menschen halte.

Die Antwort des Christentums auf die Angst des Menschen sei deshalb historisch-religionsgeschichtlich so erfolgreich gewesen – und weiterhin in vielen Weltteilen erfolgreich –, weil in dieser Antwort das Angstthema mit der Liebe verknüpft sei. Die persönliche Freundschaft und Liebe zum Befreier von der Angst stehe im Mittelpunkt.

Vor Formen eines „diktatorisch-totalitären Relativismus“ warnte ebenfalls Tagungsleiter Raphael Bonelli, Psychiater und Direktor des „Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“. Im Gegensatz zu reflektierter Kritik reagierten im Alltag viele auf Religion mit überzogen feindlichen, unkontrollierten Emotionen, deren Ausmaß sich jeder Rationalität entziehe. Die Ursache dafür liegt nach Meinung Bonellis in einer narzisstischen Kränkung. Narzisstisch veranlagte Menschen verspürten Schmerz darüber, etwas, was sie nicht wahrhaben wollten, könnte wahr sein. „Die Angst vor dem Auffliegen des Selbstbetrugs aufgrund der unmanipulierbaren Normengebung der Religion löst Abwehr aus“, erklärte der Psychiater. Die Menschen fürchteten, ihr konstruiertes Selbstbild könnte an der Realität zerbrechen. Weiter könne auch das Fehlen einer Instanz für Geborgenheit gegenüber jenen Eifersucht und Neid auslösen, die sich in einer Religion beheimatet fühlten.

Ressentiments und Gewalt gegenüber Angehörigen anderer Religionen sind nach Meinung Bonellis nicht religiös begründbar. Religionen seien friedlich, würden aber oft missbraucht, wenn Menschen sie nur zur Mobilisierung anderer für eigene Interessen benutzten statt sie zu leben. Als Beispiele nannte Bonelli einerseits radikale islamische Fundamentalisten, andererseits fanatische Islamkritiker. Die Reflexe hinter den ablehnenden Gefühlen über die neue Religiosität des Islam würden sich laut Bonelli nicht so sehr gegen das Phänomen Islam, sondern gegen explizite Religiosität an sich richten. Denn religiöse Äußerungen störten den herrschenden Konsens, dessen Kennzeichen der Relativismus sei.

Trotz des harmonischen Klimas blieben einige kritische Punkte dennoch nicht ausgespart. Der Alt-Abt erwähnte etwa, dass das Recht auf freie Glaubensausübung auch in den Ländern Vorderasiens oder in Saudi-Arabien gelten müsse. Bedauern äußerte Henckel Donnersmarck über die geringer gewordene Dialogbereitschaft der für den Islam wichtigen Kairoer Al-Azhar-Universität. Hier habe einst Kardinal König ein bedeutsames Grundsatzreferat zum Monotheismus halten können, daran erinnerte der Alt-Abt.

In diesem Januar hatte Al-Azhar-Großimam Scheich Ahmed El-Tayyeb jedoch den Dialog mit dem Vatikan abgebrochen und sich empört über den Papst geäußert. Benedikt XVI. hatte nach dem blutigen Anschlag auf christliche Kopten in Alexandria zu Jahresbeginn wiederholt deutlich zu Religionsfreiheit in Ägypten aufgerufen.

Der katholische Publizist und Korrespondent dieser Zeitung, Stephan Baier, erläuterte aus seiner Sicht, dass der Hauptgrund für den muslimischen Widerstand gegen eine „Verwestlichung“ der eigenen Familien und Gesellschaften die Abwesenheit Gottes aus dem öffentlichen Leben in Europa sei: „Für einen gläubigen Muslim ist die Vorstellung eines von Gott ,freien', also ,gottlosen' Raumes reine Blasphemie. In Amerika käme niemand auf die europäische Idee, die öffentliche Präsenz von Religion für ein Zeichen von Rückschrittlichkeit und religiöse Menschen grundsätzlich für vormodern zu halten.“

So sei heute in den USA diesbezüglich die Akzeptanz von praktiziertem Islam größer, denn das US-amerikanische „Dogma“ vom eigenen Fortschritt sei „problemlos kompatibel mit gelebter und bekannter Religiosität“. Am vehementesten widerspreche der Islam hingegen dem „Säkularisierungs-Dogma“ Europas.

Der muslimische Orient habe lange Zeit bewundernd auf das fortschrittlichere Europa geblickt. Spätestens mit der Revolution des Ayatollah Khomeini 1979 gewinne aber die längst vorhandene Gegenthese zu dem aus dem Westen importierten Säkularisierungs-Dogma weltpolitisches Gewicht, analysierte Baier.

© Copyright Tagespost vom 20.6.2011