Wenn sie erwachsen sind; sollen sie selbst entscheiden

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 457 klicks

In der letzten Nummer des Boten habe ich Ihre Antwort an die Frau Danijela unter der Überschrift „Ich möchte sie nicht religiös erziehen…“ gelesen. Ich bin mit Danijela einverstanden, dass die Kinder sich  bezüglich des Glaubens selbst entscheiden, wenn sie erwachsen sind. Man soll ihnen die elterliche Haltung nicht aufzwingen. Aus Ihrer Antwort könnte man schließen, dass Danijela als Mutter den Kindern die Freiheit wegnehmen will.  Ich denke, dass sie ihnen Freiheit und die Lebensfreude geben will, und dass sie sie nicht ärbermlich zur Tyrannei des Gesetzes und der Vorschriften und zur Bedrängnis und Besorgnis zwingen will, gleich von Anfang ihres zarten Alters an, wie uns unsere Eltern gezwungen haben. Entschuldigen Sie, dass ich so frei bin!

Marijana

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Im Gegenteil, ich bin Ihnen sehr dankbar für die Bemerkungen. Sie geben mir eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Aspekte der Frage zu betonen, die die Frau Daniejela nicht erwähnt hat, und Sie betonen sie. Ich könnte lakonisch antworten: Die Kinder werden im späteren Alter keine Grundlage besitzen, auf der sie sich entscheiden könnten, wenn auch wir ihnen keine Elemente für eine freie Entscheidung anbieten, die ganz reif und frei schließlich immer im reifen Alter getroffen wird. Im Gegenteil, wir befreien sie in der Bedrängnis der schweren Lebensfragen, wenn wir ihnen religiöse Antworten bieten;wir nehmen ihnen keine Freude weg, sondern wir sichern ihnen die Freude; Glaube ist keine Tyrannei der Gesetze und Vorschriften, sondern Erfahrung der Würde des Menschen im Licht des Wortes Gottes. Aber, gehen wir auf einige Einzelheiten über!

Sie meinen, dass es „besser ist, wenn sich die Kinder in Bezug auf den Glauben selbst im erwachsenen Alterentscheiden“. Ich achte Ihre Meinung, aber ich denke nicht so wie Sie. Die Fachleute in der modernen religiösen Psychologie, aufgrund der wissenschaftlichen Forschung, bringen Ergebnisse, die im Gegensatz zu Ihrer Meinung stehen: „Viele Erwachsene fragen sich“, sagt der Bekannte Religionspsychologe, Antoine Vergote, „wäre es nicht besser dem Kind jede religiöse Erziehung vor der Pubertät zu verweigern, damit es sich selber in diesem Alter für eine religiöse oder eine atheistische Lebensführung entscheiden kann. Sie denken, dass dann die religiöse Entscheidung des Erwachsenen nicht mehr das Resultat des psychologischen Druckes und Erziehungsbedingungen ist, sondern das Ergebnis des eigenen authentischen Einsatzes. Diese Anschauungsart kommt sicher von einer der Absichten her, die man sehr achten muss; bei solchen Erwachsenen kommt die Sehnsucht nach der ursprünglichen religiösen Erfahrung zum Ausdruck, von den Beladungen des gesellschaftlichen Zwanges. Trotzdem muss man sagen, dass eine solche Haltung falsch ist. Da verbirgt sich eine gewisse rationalistische Naivität. Wenn die menschliche Freiheit sich auf die Weise der kulturellen Werte verwirklichen soll, dann ist klar, dass man das de facto nur erreichen kann, wenn die menschlichen Möglichkeiten, die zu übernehmen sind, davor eine entsprechende kulturelle Erziehung entfaltet haben. Gleichermaßen soll das freie menschliche religiöse Engagement von den erworbenen Erfahrungen der religiösen Werte unterstützt werden.“ Sagen wir dazu: die religiöse Erfahrung wird langsam erworben.

Zu einem natürlichen Recht des Kindes als Menschen gehört, dass die Eltern ihre Kinder in dem Glauben erziehen, den sie selbst leben, das heisst in der Form des edelmütigen Fühlens und Wirkens, nach den obersten Grundsätzen, was das Beste und das Höchste in ihrem Leben ist. Selbst dann, wenn die Eltern aus irgendeinem Grund im Glauben versagt haben, bleibt trotzdem ihre Aufgabe, ihre Kinder in das religiöse Verständnis und Erlebnis einzuführen, das in dem gesellschaftlichkulturellen Ambiente, in dem sie leben, überwiegt.

Die Erfahrung bestätigt uns folgendes: ich kenne Eltern, sogar intellektuelle, denen ihre Kinder im erwachsenen Alter schwere Vorwürfe gemacht haben, weil sie vor ihnen in der Kindheit  religiöse Tatsachen versteckt haben, die sonst eine große Rolle im Leben ihrer gleichaltrigen Kollegen gespielt haben. Es existieren, nämlich, geschichtliche Tatsachen, die man nicht ausradieren und entfernen kann: Kirchen, Denkmäler, Friedhöfe, religiöse Handlungen, religiöse Literatur, religiöse Gemeinschaften mit alldem, was ihr Glaubensleben ausmacht…Die Kinder ahnen in ihrem unschuldigen und  tiefen Fühlen, welche Quellen der Erleuchtung und welche Aspekte die Religion in der Welt bietet, in der die Ideale arm werden, und wo die Gefahr besteht, dass die Maschine dem Geist den Platz wegnimmt.  Wir sagten, dass jedes Kind das natürliche Recht besitzt, das ihm auch auf der internationalen ebene garantiert wird, religiöse Suggestionen und positive Anregungen für seine Entwicklung in der religiösen Erfahrung zu erhalten. Da das Kind in sich das Religiöse als eine existenzielle Eigenschaft seines Wesens trägt, sündigen wir gegen die Würde des Kindes, wenn wir dieses  Religiöse des Kindes in den Gewahrsam stecken. Übrigens, viele religiöse Psychologen, wie Allport, Vergote und andere, meinen, dass die echte Reife der menschlichen Persönlichkeit überhaupt nicht dort erreicht werden kann, wo der religiöse Bestandteil des Lebens zurückgedrängt wird.

Sie haben Angst, dass es nicht gut sei, den Kindern „die Haltung der Eltern“ aufzudrängen. Ich frage Sie, welche „Haltung“ drängen Sie dem Kind auf, wenn es Sie in seiner Bangigkeit vielleicht schon sehr früh - mit drei oder fünf Jahren fragt, und Sie antworten ihm nicht korrekt oder Sie schweigen sogar? Das Kind fragt deswegen, weil es ernsthaften Lebensproblemen begegnet. Nehmen wir: dem Kind ist ein lieber Vogel im Käfig gestorben, die Blume unter dem Fenster, an der es große Freude hatte, ist verwelkt, der treue Haushund, zu dem es Freundschaft pflegte, ist gestorben, der schöne bunte Schmetterling ist tot abgestürzt… Das sind existenzielle Begegnungen des Kindes mit dem Problem des Lebens und des Todes. Es ahnt noch nicht die Tragweite der Frage, aber es erlebt sie voll Bedrängnis. Es handelt sich nicht um eine bloße intellektuelle Frage, sondern um etwas, was das Kind nicht schlafen lässt. Wenn das Kind beginnt zu begreifen, dass das Leben ein Zyklus ist, der zum Altwerden und zum Tod führt, wenn es unausweichlich früher oder später eine Beerdigung oder einen Friedhof sieht, wenn jemand von den Nächsten und von den Lieben stirbt oder im Straßenverkehr ums Leben kommt, richtet das Kind an den Erwachsenen bedrängnisvolle Fragen, auf die es Recht hat, genaue, richtige Antworten zu bekommen. Nur solche Antworten werden ihm helfen, aus der Bedrängnis herauszukommen. Nur solche Antworten werden es befreien.

Wir können dem Kind naturalistisch antworten: „Alles muss zur Erde zurückkehren, um weiter Leben produzieren zu können.“ Aber, ehrlich gesprochen, die Bedrängnis wird im Kind weiter bleiben: mit ähnlichen Antworten wird sie nicht beseitigt. Das Kind denkt nämlich weiter auf die Blume, auf den lieben Haushund, der nicht mehr da ist, an den Vogel, an jenen Schmetterling, an die unvergessliche Person aus der Familie, die er nie mehr sehen wird… Das Kind interessiert nicht das Leben in Allgemeinheit, das ist für ihn eine kalte Abstraktion, die ihn von der Angst und Bangigkeit nicht befreit. Der einzige Weg, zu dem uns auch die erwähnten Fachleute in der religiösen Psychologie raten, ist: das Kind völlig von der Bedrängnis zu befreien und nicht zuzulassen, dass die Trauma und Komplexe anfangen sich in ihm anzusammeln, und sie werden sich ansammeln, wenn wir ihm nicht helfen, sich selbst und das Leben so anzunehmen, wie es ist, wenn wir ihm nicht den Weg zur echten Freude und zum Glück öffnen: das wird dann sein, wenn wir ihm die Antworten anbieten, die der Glaubegibt. Dem Kind, das weinend zur Mutter sagt: „Mutter, ich will nicht, dass du stirbst, ich will nicht!“ antwortet die Mutter: „Hab keine Angst, ich werde dich nicht verlassen!“ Mit wenigen Worten kann man dem Kind helfen, eine Ahnung von der ewigen Existenz, von der Ewigkeit zu erhalten. Das ist der Weg, auf dem die Kinder befreit werden, auf dem sie zur echten Freude gelangen.

Zum Schluss: ich bestreite nicht, dass es, leider, eine gewisse Art der religiösen Erziehung gibt, die mehr auf der Angst als auf der Liebe begründet ist, die mehr unterdrückt als befreit, die mehr Sorgen als Freude schafft, und das sind falsche Erziehungsarten: viele Eltern können trotz des besten Willens in diese Lage geraten, ohne dass sie es wünschen. Deshalb sollen auch sie ständig für das, was besser ist, offen sein, und sie sollen sich belehren lassen.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 318-320)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.